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Montag, 3. September 2018

Neues Buch: Gute Impfung - Schlechte Impfung

Während der letzten Monate habe ich an einem Buch zum Thema Impfen gearbeitet.
Das Manuskript ist nun fertig - und in der Druckerei. Journalisten, die sich für Rezensionsexemplare interessieren, können diese beim Verlag Ennsthaler bestellen.
Und so sieht das Buch aus:

Bert Ehgartners neues Buch kommt Anfang Oktober in den Buchhandel

Die Impfthematik interessiert mich seit langem und es ist sowas wie mein berufliches Spezialgebiet geworden. Ich hatte immer mal wieder Teilaspekte in meinen Filmen und Büchern und habe über die Jahre (u.a. hier im Blog) auch zahlreiche Artikel dazu geschrieben.
Doch ein monothematisches Buch zum Impfen gab es von mir noch nie. Nun ist es soweit: Ende September erscheint auf rund 400 Seiten „Gute Impfung - Schlechte Impfung“ im Verlag Ennsthaler.

Weil Impfungen immer auch "Kinder ihrer Zeit" sind, war es für die traditionsreichen älteren Impfungen notwendig, tief in die historischen Archive zu steigen. Ich habe dazu viele Wochen recherchiert und es war extrem spannend, die Hintergründe und die ersten Erfahrungen mit solchen legendären Impfstoffen wie jener gegen Kinderlähmung oder Tetanus aus der zeitgenössischen Sicht der damaligen wissenschaftlichen Debatte neu zu beleuchten.

Ich habe versucht, alle gebräuchlichen Impfungen - sowie auch das behördliche und wissenschaftliche Rundum - einer ebenso sorgfältigen wie kritischen Analyse zu unterziehen - so als wäre „das Impfen“ ein ganz normaler Teil der Wissenschaft – was es meiner Meinung nach auch sein sollte.
Das Impfwesen ist keine „Heilige Kuh“. Ich finde es gefährlich, wenn in der öffentlichen Diskussion immer so ein großer Respektabstand gehalten wird, um nur ja die „Impffreudigkeit der Bevölkerung“ nicht zu gefährden. Das fördert Trägheit bei den Behörden und Arroganz bei den Herstellern. Wohin das Gefühl, man werde nicht mehr kontrolliert, führen kann, haben wir zuletzt am Beispiel der deutschen Autoindustrie und dem Abgas-Skandal gesehen.

Persönlich stehe ich dem Impfen neutral gegenüber. Ich bin weder Impfgegner noch unkritischer Befürworter. Doch ich finde, dass bei Impfungen besonders hohe Ansprüche an deren Sicherheit zu stellen sind: Eben weil sie einen präventiven Eingriff an zumeist gesunden Menschen darstellen. Und deshalb sollten sie mit größtmöglicher Sorgfalt geprüft werden: damit die Geimpften nach dem Arzttermin genauso gesund sind wie davor.

Sie werden im Buch sehen, dass dies bei manchen Impfungen nicht der Fall ist und weder Wirksamkeit noch Sicherheit den Ansprüchen eines modernen Verbraucherschutzes genügen.
Bei anderen Impfungen - wie beispielsweise der Masernimpfung – gibt es hingegen zusätzliche positive Aspekte, die in der Öffentlichkeit kaum bekannt sind. Anstatt die Eltern mit Angstmache zum Arzt zu treiben, wäre es wohl für viele Eltern interessant, mehr von diesen positiven Eigenschaften zu erfahren.

Freut Euch also auf ein kritisches Buch, das zahlreiche Überraschungen birgt.

Rezensionswünsche bitte an Frau Mag. Ingrid Führer (e-mail). Bei Interesse an Veranstaltungen / Vorträgen / Diskussionsrunden zum Thema ist die Ansprechpartnerin Frau Geraldine Schirl-Ennsthaler (e-mail).

Montag, 9. Januar 2017

Absurde Werbung für Rotavirus-Impfung

In der Januar Ausgabe des Barmer-Magazins (PDF) wirbt die große deutsche Krankenkasse für die Rotavirus-Impfung und bezieht sich dabei auf das Robert Koch Institut: „Laut RKI muss die Hälfte der erkrankten Säuglinge und Kleinkinder stationär behandelt werden." 
Die Hälfte! 

Foto: GlaxoSmithKline (GSK)

Bei den Masern-Ausbrüchen der letzten Jahre lag die Zahl der Patienten, die in die Kliniken eingeliefert werden mussten, selten über 10 Prozent.
Ein Virusinfekt, bei dem die Hälfte der Erkrankten im Spital landet, ist also zweifellos ein Indiz für eine extrem gefährliche, komplikationsreiche Infektion.  
Wieso ist in der Öffentlichkeit - wenn es um Kinderkrankheiten geht – dennoch meist von Masern die Rede oder gar von Windpocken, wo im Normalfall gar niemand in die Klinik muss? 

Die einzige Möglichkeit, dieses Phänomen zu erklären, ist wohl, dass es sich bei Rotaviren um eine extrem seltene Infektion handeln muss.
Doch glatte Fehlanzeige! Im selben Artikel heißt es nämlich, dass Rotaviren die bei weitem häufigste Ursache für Darm-Infektionen sind. "Bis zum Alter von zwei bis drei Jahren haben fast alle Kinder mindestens eine Rotavirus Infektion durchlitten." 
Das bedeutet also eine Durchseuchung der Bevölkerung von nahezu 100 Prozent! Die Krankenhäuser Deutschlands müssten demnach überquellen vor Säuglingen und Kleinkindern, die von Durchfällen gequält werden. 

Ich habe auf der Webseite des Robert Koch Institutes die Quelle gesucht, auf die sich die Barmer-Redakteure in ihrem Artikel beziehen. Und tatsächlich: im "RKI-Ratgeber für Ärzte" findet sich die zitierte Angabe, mit konkreten Zahlen aus dem Jahr 2009: In der Altersgruppe der bis zu fünfjährigen Kinder gab es laut RKI 37.822 Rotavirus-Meldungen, davon benötigten 18.621 (49%) eine Krankenhausbehandlung. Also die Hälfte.


Hospitalisierung bei 0,5 statt bei 50 Prozent der Rotavirus-Infekte

Doch Moment. – Bei jährlich rund 730.000 Geburten in Deutschland ergibt sich in dieser Altersgruppe eine Grundgesamtheit von 3.650.000 Kindern. Bei den vom RKI genannten Rotavirus-Meldungen handelte es sich also um knapp ein Prozent der Altersgruppe, welche den Behörden gemeldet wurden. Das bedeutet, dass nur ein Prozent der Rotavirus-Infektionen so ernsthaft verlaufen, dass Ärzte, die der Meldepflicht unterliegen, überhaupt davon erfahren. Und von diesem einen Prozent musste die Hälfte – also 0,5 Prozent – in der Klinik behandelt werden.

Richtig hätte es im Zeitungsartikel und auch im Ärzteratgeber des RKI also heißen müssen, dass die Hälfte der den Behörden gemeldeten Rotavirus-Infektionen stationär behandelt werden musste. Also gerade mal jedes 200. Kind der Altersgruppe.
Und das klingt dann nicht mehr so richtig spannend, so dass man daraus eine Angst-erzeugende Impfwerbung machen kann. 

Wenn man sich nun auch noch ansehen würde, bei welchem Personenkreis konkret die stationäre Behandlung erfolgt, so würde sich zeigen, dass überdurchschnittlich häufig sozial schwache Familien - oft mit Migrationshintergrund - betroffen sind.
Mir hat das mal ein Ärztekammer-Funktionär so erklärt, dass es eines gewissen Erklärungs- und Betreuungsaufwandes bedarf, an Brechdurchfall erkrankte Kinder zuhause zu belassen, weil darauf geachtet werden muss, dass die Kinder ausreichend zu trinken bekommen. Und dass die Ärzte speziell dann auf „Nummer sicher“ - sprich Einweisung in die Klinik - gehen, wenn sie sich nicht sicher sind, ob sie auch wirklich gut verstanden wurden, bzw. den Eltern vertrauen können. 

Rotavirus Todesfälle wurden in Deutschland im vergangenen Jahr sechs gemeldet. Die Betroffenen waren zwischen 79 und 101 Jahre alt.


Frankreich zieht Impfempfehlung zurück

Kritische Informationen zur Impfung fehlen im Artikel der Barmer ebenso wie im Ärzteratgeber des RKI. Und so bleibt auch unerwähnt, dass die Gesundheitsbehörden in Frankreich die Rotaviren-Impfung nicht mehr empfehlen. Zwei Jahre - von 2013 bis 2015 - war die Impfung im allgemeinen Impfplan enthalten. Nach einer parallel dazu laufenden intensiven Prüfung ihrer Sicherheit wurde die Impfung im Mai 2015 wieder aus dem Vorsorge-Programm heraus genommen.

Grund dafür waren schwere Nebenwirkungen, die bei geimpften häufiger und früher auftraten als in der ungeimpften Vergleichsgruppe: so genannte Invaginationen. Dabei handelt es sich um gefährliche Darmeinstülpungen, die meist operativ behandelt werden müssen. Nach den Impfungen waren bei 47 Säuglingen binnen 30 Tagen nach der Impfung solche Invaginationen aufgetreten. Zwei Babys starben daran.
Auf Grund dieser Informationen kam die oberste französische Gesundheitsbehörde bei der Abwägung von Nutzen und Schaden der Impfung zu einem negativen Resultat.
Auch die WHO empfiehlt die Rotavirus Impfung speziell für Ressourcen-arme Länder der 3. Welt, "wo Erkrankungen durch Rotaviren ein bedeutsamen Beitrag zur Kindersterblichkeit leisten."

Für die deutschen oder österreichischen Gesundheitsbehörden ergaben sich aus dem Widerruf der französischen Impfempfehlung keine Konsequenzen. Eine eigenständige Erfassung der Invaginationen erachtete das deutsche Paul Ehrlich Institut nicht für notwendig. Zur französischen Untersuchung veröffentlichte das PEI bloß die Bemerkung "es sei unklar, ob die Impfung das Invaginationsrisiko langfristig überhaupt erhöhe". Auf eine nähere Begründung dieses seltsamen Einwandes wurde verzichtet.


Impfung half in Ostdeutschland wenig

Ebenso fehlt eine Erklärung für ein eigenartiges Phänomen, das aus den Fallzahlen der seit 2001 in Deutschland meldepflichtigen Krankheit hervorgeht. Bundesweit wurde die Impfung nämlich erst im Jahr 2013 von der STIKO empfohlen. Davor war die Impfung für die meisten Bürger im Westen Deutschlands keine Gratisleistung der Versicherung, sondern musste selbst bezahlt werden.

Im Osten hingegen war die Lage anders, schreibt das RKI in seinem Jahrbuch der Infektionskrankheiten (RKI 2016): "Die Rotavirus-Impfung war bereits seit 2006 in Deutschland verfügbar und die Bundesländer Sachsen, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Thüringen und Schleswig Holstein hatten die Impfung bereits vor 2013 in ihre öffentlichen Impfempfehlungen aufgenommen." 
Wenn man sich nun die Statistik der Bundesländer ansieht, wo die meisten Rotavirus-Brechdurchfälle auftreten, so wird diese Liste von genau diesen genannten Ländern im Osten angeführt.
Obwohl die Impfung viele Jahre früher eingesetzt wurde, hatte dies offenbar kaum einen Effekt.
Rotavirus-Brechdurchfälle: Am häufigsten in Ostdeutschland
Von Seiten der Behörden gibt es keine Erklärung für dieses Phänomen. Das RKI betont lediglich, dass "bisher keine repräsentativen Daten zu den Impfquoten verfügbar sind".

Meldepflichten für Infekte einzuführen, das Gesundheitsbudget mit einer teuren Massenimpfung zu belasten und sich dann kein bisschen darum zu scheren, welche positiven oder negativen Effekte diese Impfung hat, das klingt absurd, ist aber gängige Praxis in Deutschland.




Wenn Ihnen dieser Artikel interessant und wichtig erscheint, würde

ich mich über einen kleinen Beitrag zu meiner Arbeit sehr freuen. 






Dienstag, 5. April 2011

Muttermilch neutralisiert Rotavirus-Impfung

Die Rotavirus-Impfung wurde speziell für Dritte Welt Länder entwickelt, um tödliche Durchfälle bei Babys zu reduzieren. Nun zeigt sich, dass gerade dort - wo sie gebraucht würden - die Impfungen sehr schlecht wirken, weil Muttermilch den Effekt der Impfung großteils neutralisiert. 

Als vor mehr als zehn Jahren der erste Rotavirus-Impfstoff auf den Markt kam, wunderten sich viele, wozu der wohl gut sein soll. Haben doch mehr als 99 Prozent aller Babys bis zum Schulalter teils mehrfach Kontakt mit diesen Erregern. Rotaviren verursachen meist nur leichte Infektionen, die sich als Durchfall bemerkbar machen. Zwar kann es auch zu starkem Brech-Durchfall kommen, doch milde Verläufe sind – zumindest in den Industrieländern – die Regel, Fieber selten. Die meisten Eltern bekommen von Rotavirus-Infekten ihrer Kinder kaum etwas mit. Und falls doch: An Durchfällen stirbt bei uns niemand, solange darauf geachtet wird, dass der Flüssigkeits-Verlust der kranken Kinder ausgeglichen wird, indem sie ausreichend zu trinken bekommen. Sogar bei schweren Fällen ist eine Einweisung in Krankenhäusern meist zu vermeiden, wenn die Eltern gute Beratung und Beistand von ihren Hausärzten erhalten.
Wozu also die teure Impfung? (Die Basis-Immunisierung kostet immerhin mehr als 200 Euro.)

Die Hersteller des Impfstoffes und die damit befassten Experten antworteten auf diese Kritik, dass die Impfung in erster Linie für Dritte-Welt-Länder gedacht sei, wo Rotavirus-bedingte Durchfälle sehr wohl ein relevantes Krankheits- und Sterberisiko darstellen. Millionen Kinder könne man jährlich retten, wenn es gelänge, hier eine breite Durchimpfung sicher zu stellen.

Die Einführung der relativ teuren Impfung in den Industrieländern sei insofern von Bedeutung, als es den Impfstoff-Herstellern nur über diese Einnahmen möglich wäre, die Rotavirus-Impfung für die Entwicklungsländer zu deutlich günstigeren Konditionen abzugeben. Derzeit gibt es zwei Rotavirus Impfstoffe am Markt (Rotarix und RotaTeq). Beides sind Schluckimpfungen, die abgeschwächte aber lebende Rotavirus-Typen enthalten. Bereits im Vorjahr waren die Impfungen heftig ins Gerede gekommen, weil bei einer genauen Analyse der Inhaltsstoffe die Erbsubstanz von Schweineviren festgestellt wurde. Zeitweilig war Rotarix von den US-Behörden sogar die Zulassung entzogen worden.

Nun kommen mit fast jeder neuen Studie weitere schlechte Nachrichten dazu. Die hervorragenden Resultate aus den Zulassungsstudien lassen sich in den ärmeren Ländern nämlich nicht wiederholen. In Lateinamerika hatte die Wirksamkeit der Impfung bei der Vermeidung ernsthafter Gastroenteritis (Magen-Darm Entzündungen) im Vergleich zur Placebo-Gruppe noch 80,5 Prozent betragen, in Europa sogar 87,1 Prozent. Auch in der Praxis zeigte sich in den Industrieländern eine gute Wirkung und eine deutliche Reduktion von Krankenhaus-Einweisungen auf Grund heftiger Durchfälle.
Dem gegenüber bringen die Impfaktionen in Entwicklungsländern bislang nicht die erhofften Resultate, die Wirksamkeit der Rotavirus Impfung sinkt hier - zum Teil deutlich - unter 50 Prozent. In Ghana erreichte die Impfung beispielsweise nur 39,3 Prozent Wirksamkeit, in Bangladesh 48,3 Prozent und in Malawi 49,4 Prozent.

Auf der Suche nach einer Erklärung dieses Effekts kamen US-Wissenschaftler nun auf die Idee, die Beschaffenheit der Brustmilch der stillenden Frauen zu vergleichen. Ein Team der Centers for Disease Control and Prevention (CDC) in Atlanta analysierte die Milch stillender Mütter in Indien, Vietnam, Südkorea und den USA und fand erstaunliche Unterschiede, welche eine mögliche Erklärung für den deutlich geringeren Schutzeffekt der Impfung – gerade dort wo er am dringendsten gebraucht würde – liefern.
Während nämlich die stillenden amerikanischen Frauen in ihrer Milch nur relativ geringe Antikörper-Titer gegen Rotaviren hatten, fanden sich bei den Frauen aus Vietnam, Südkorea und speziell bei den Inderinnen Spitzenwerte dieser neutralisierenden Antikörper in der Brustmilch. Alle drei im Impfstoff enthaltenen Lebendviren-Typen würden über diese Inhaltsstoffe angegriffen und zu einem beträchtlichen Teil neutralisiert, berichten die Wissenschaftler.

In Ländern, wo Rotaviren ein besonderes Gesundheitsproblem darstellen, sind scheinbar auch die natürlichen Schutzmaßnahmen - vermittelt über die Muttermilch – am stärksten.

Dass die Babys stillender Mütter im Vergleich zu ungestillten Babys ein deutlich reduziertes Risiko schwerer Rotavirus-Infekte haben, ist seit längerem bekannt. Ein internationales Wissenschaftler Team untersuchte bei einer großen Studie in Indien 700 Kinder mit Rotavirus-Infekten auf ihre Lebensumstände. Die Hälfte der Kinder machte die Infektion zu Hause durch, die andere im Spital.
Die wesentlichsten Unterschiede waren folgende:
  • Der Schweregrad der Infektion war bei den hospitalisierten Kindern deutlich höher
  • Die hospitalisierten Kinder wurden zu 35 Prozent gestillt, die Kinder welche zu Hause blieben, hingegen zu 74 Prozent
Eine türkische Studie zeigte ein doppelt so hohes Risiko für Rotavirus-Brechdurchfall bei Kindern, die nicht gestillt wurden. Als Schutzfaktor wurde hier ein Bestandteil der Muttermilch ermittelt (Lactadherin), der die Vervielfältigung der Viren behindert.

Was aber sind die Schlüsse der CDC-Wissenschaftler aus Atlanta? Der Ratschlag amerikanischer Forscherweisheit an die unterprivilegierte Welt?
Was Studienautor S.S. Moon und Kollegen hier weiter geben, muss man sich wirklich auf der Zunge zergehen lassen. Sie schreiben:
Die geringere Immunogenität und Wirksamkeit der Rotavirus Impfung in armen Entwicklungsländern kann zumindest zum Teil durch die höheren IgA Titer in Brustmilch und deren neutralisierende Aktivität in gestillten Babys erklärt werden. Zum Zeitpunkt der Impfung kann Muttermilch effektiv die Potenz der Impfung reduzieren. Strategien, diesen negativen Effekt zu vermeiden, indem etwa das Stillen zur Zeit der Impfung ausgesetzt wird, sollten wissenschaftlich geprüft werden.

Zu solchen Schlüssen kann man nur gratulieren: Wo stillende Mütter den Erfolg amerikanischer Impfkonzepte sabotieren, muss eben damit aufgehört werden, die Babys mit Muttermilch zu ernähren.

Derart weise Konzepte kennen wir bereits aus der Aids-Foschung, wo vor mehr als zehn Jahren ein ähnlicher Effekt festgestellt wurde: Mütter die ihre Kinder stillten, verhalfen ihnen scheinbar auch zu einer besseren Entgiftung. Dies hatte jedoch zur Folge, dass die gestillten Babys die teils sehr toxischen Aids-Medikamente rascher abbauten, bzw. ausgeschieden haben. Den Müttern wurde deshalb nach den gültigen WHO- und UNAIDS-Richtlinien verboten zu stillen, während sie die teuren antiretroviralen Präparate bekamen.
Doch was war die Folge? Im Jahr 2007 erschienen im Journal "Lancet" gleich drei Studien, welche den katastrophalen Effekt dieser scheinbar so logischen Strategie zeigten: Die Sterblichkeit unter den nunmehr ungestillten Kindern stieg im Vergleich zu den gestillten auf das nahezu Dreifache an. In der Folge mussten die Empfehlungen für die Entwicklungsländer wieder zurück genommen werden.

Wie es aussieht, hat man aus derartigen Erfahrungen nichts gelernt. Noch immer wird der Wert pharmazeutischer Interventionen wesentlich höher angesetzt als jener der primitiven eigenen Ressourcen - so wie eben der natürliche Schutz der Babys durch Muttermilch.

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Dienstag, 11. Mai 2010

Böse Rotavirus-Überraschungen

Rotaviren lösen Durchfall aus und führen speziell in Entwicklungsländern zu gefährlichen Krankheits-Verläufen. Seit vier Jahren werden mit Rotarix und RotaTeq zwei Schluckimpfungen für Babys angeboten.

Ende März sorgte eine Entscheidung der  US-Amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA für Aufregung. Sie setzte die Zulassung des Rotavirus-Impfstoffs Rotarix aus, weil bei einer genauen Analyse des Impfstoffes fest gestellt wurde, dass darin Erbsubstanz von Schweineviren (Circovirus PCV-1) enthalten ist.
Rotarix wird vom europäischen Konzern GlaxoSmithKline (GSK) hergestellt. Wie die Kontamination passierte, ist nicht bekannt. Es wird vermutet, dass die Schweineviren bereits in den Zellkulturen enthalten waren, die für die Impfstoff-Entwicklung verwendet worden sind. Unbekannt ist außerdem, ob die virale Erbsubstanz im Impfstoff vermehrungsfähig ist, oder ob es sich dabei bloß um Bruchstücke handelt.
Im Gegensatz zu den US-Behörden sah die europäische Arzneimittelagentur EMEA keine Ursache, den Impfstoff vom Markt zu nehmen. Dies wurde in einer Aussendung vom 26. März unter anderem damit begründet, dass die PCV-1 Viren – soweit bislang bekannt – weder bei den Schweinen noch beim Menschen irgendwelche Erkrankungen auslösen.

Ganz anders verhält es sich hingegen mit den nahe verwandten Viren des Typs PCV-2, die bei Schweinen in die Entstehung von gleich drei Krankheiten verwickelt sind. Dabei handelt es sich um:

  • "Post Weaning Multisystemic Wasting Syndrome" (PMWS). Bei dieser Krankheit sind die Jungschweine nach dem Absetzen immungeschwächt, sie leiden an Durchfall, kümmern und haben geschwollene Lymphknoten. Bei akuten Ausbrüchen sterben bis zu zehn Prozent der Tiere. 
  • "Porcine Dermatitits and Nephropathy Syndrome" (PDNS) tritt bei etwas älteren Mastschweinen auf. Die Tiere leiden dabei an auffälligen Blutungen der Haut, sie sind teilnahmslos, fressen lustlos und haben Fieber. Bis zu 80 Prozent der akut erkrankten Tiere sterben.
  • "Porcine Proliferative and Necrotizing Pneumonia" (PNP) wurde erstmals 1990 bei Jungschweinen in Kanada mit den PCV-2 Viren assoziiert. In einer Untersuchung an mehr als 3000 Schweinen wurden die Viren in 22 Prozent der Fälle als Auslöser der Lungenentzündung identifziert. Die Sterblichkeit wird mit fünf bis 20 Prozent angegeben.

PCV-2 Viren sind weltweit stark verbreitet. Sie werden über Mist, Sekrete, Urin und Sperma ausgeschieden und können damit direkt übertragen werden. Infizierte Tiere müssen jedoch nicht erkranken. Als Risikofaktoren für den Ausbruch gelten Co-Infektionen sowie Stress.

Doch Moment. – Warum erzähle ich dies eigentlich so detailliert, wo doch in Rotarix keine Viren vom Typ PCV-2, sondern deren als ungefährlich eingeschätzte Virenschwestern PCV-1 gefunden wurden?

Die Antwort ist höchst originell.

Nachdem die FDA mit Rotarix einen der beiden verfügbaren Rotavirus-Impfstoffe aus den USA verbannt hatte, lag es nahe, auch beim nunmehrigen Monopol-Impfstoff RotaTeq – einem Produkt des US-Konzerns Merck – nach etwaigen blinden Passagieren im Impfstoff-Gemisch zu fahnden. In einer Aussendung vom 6. Mai teilt die US-Behörde nun mit, dass auch das Merck-Produkt PCV-1 Viren-DNA enthält. Aber nicht nur das, hier fand sich außerdem noch Erbsubstanz der - zumindest bei Schweinen - bekannt problematischen PCV-2 Viren.

Dies stellt die FDA nun vor ein Dilemma. Denn wenn sie dieselben strengen Maßstäbe anlegen würde, wie im März bei Rotarix, gäbe es in den USA gar keinen Impfstoff mehr gegen Rotaviren.
Dies ging den behördlichen Virenjägern wohl zu weit. Zumindest ist bisher noch nichts von einem Bannspruch gegen RotaTeq zu vernehmen.
Und das, obwohl die Belege gegen diesen Impfstoff wohl wesentlich schwerer wiegen, als jene gegen das europäische Konkurrenzprodukt.

Will sich die FDA nicht vorhalten lassen, dass sie einheimische Produzenten bevorzugt, schreibt das deutsche Ärzteblatt, so "steht zu erwarten, dass die Suspendierung von Rotarix aufgehoben wird."

Womit dann ja wieder alles in Ordnung wäre.

Foto: Sanofi Pasteur MSD