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Dienstag, 10. September 2019

Die ungelösten Probleme des Impfwesens

In der Öffentlichkeit wird von Gesundheitspolitik und Medien die Ansicht verbreitet, dass es beim Impfen nur ein einziges Problem gibt: die Impfgegner. In Wahrheit sind die Verhältnisse deutlich komplexer. Fehlplanungen und systemimmanente Missstände werden seit Jahren verschleiert. Das Impfwesen entwickelt sich immer mehr zu einer abgeschotteten Community, die sich selbst mit alternativen Fakten versorgt. 


Gutes Image und fehlende Kontrolle - eine fatale Kombination

Die eigenen Entscheidungen einer strengen Prüfung zu unterziehen, die begangenen Fehler anschließend in einem öffentlichen Verfahren zu diskutieren und notfalls um 180 Grad zu korrigieren, so etwas klingt zwar edel - gehört aber im Normalfall nicht zu den vorherrschenden menschlichen Eigenschaften. Solche Prozesse mögen einzelne Individuen im Zuge von Lebenskrisen durchmachen - bei mächtigen Institutionen ist kritische Selbstreflexion hingegen unwahrscheinlich, speziell wenn die Angelegenheit kompliziert und schwierig ist.
Deshalb gibt es Kontrollinstanzen wie Rechnungshöfe. Niemand käme z.B. auf die Idee, dem Amt für Straßenbau die Aufgabe zu übertragen, den Bau einer Autobahn – von der Ausschreibung der Arbeiten bis zur Abrechnung – vollständig unabhängig durchzuführen und sich dann selbst zu prüfen. Zum einen würde das Korruption fördern, zum anderen den Lerneffekt verhindern, den die unabhängige Sicht fremder Fachleute immer bringt. Das Fehlen derartiger Kontroll-Instanzen führt zu institutionellem Selbstbetrug. Geduldet wird schließlich nur noch, was die zuvor getroffenen Entscheidungen rechtfertigt.


Ein System, das sich selbst kontrolliert

Auf das Impfwesen treffen viele dieser Beschreibungen zu. Dieselben Behörden, welche die Impfpläne erstellen und für eine möglichst hohe Impfquote werben, kontrollieren anschließend den Erfolg ihrer Empfehlungen. Das ist bereits insofern absurd, als es derzeit kaum Möglichkeiten gibt, die Resultate einer Impfempfehlung überhaupt seriös zu messen und zu bewerten. Die Behörden haben es nämlich bisher verabsäumt, ein elektronisches Impfregister einzuführen, bei dem die durchgeführten Impfungen mit den individuellen Gesundheitsdaten verknüpft werden können. Mit so einem Impfregister wäre es möglich, auf Knopfdruck den Erfolg vieler Impfungen zu messen und der Bevölkerung eine Schaden-Nutzen Abwägung zu präsentieren, welche für eine informierte Entscheidungsfindung notwendig wäre.

Am Beispiel der Influenza-Impfung könnte man damit etwa folgende Fragen beantworten:

  • Erspart man sich mit der Influenza-Impfung Krankenstände bzw. Pflegeurlaub - und falls ja, wie viele Tage? 
  • Welche Altersgruppen profitieren am meisten von der Impfung, welche am wenigsten?
  • Gibt es auffällige Nebenwirkungen der Impfung?
  • Welche Produkte sind nach diesen Kriterien die besten Impfungen, welche sollten vom Markt genommen werden?


In einem intelligent organisierten Gesundheitssystem sollten die Behörden für jede Impfung ein Anforderungsprofil schaffen mit bestimmten Zielen. Außerdem müssten Sicherheits-Standards festgelegt werden: Was ist an Nebenwirkungen tolerierbar, was wäre eine rote Linie, die nicht überschritten werden darf.
Weil die Daten von Millionen Menschen einfließen, wäre es möglich auch seltene Risiken statistisch zu klären. Und dann könnte mit Hilfe des Impfregisters jedes Jahr geprüft werden, ob die jeweilige Impfung die an sie gestellten Anforderungen erfüllt.
Ohne ein derartiges Impfregister ist hingegen jede Impfung aus wissenschaftlicher Sicht ein "Schuss ins Dunkle".  Wirkung und Sicherheit der Impfungen können derzeit nur über statistische Umwege abgeschätzt werden. Und damit ergibt sich ein Graubereich der Interpretation, der fehleranfällig ist und zu Beschönigungen einlädt.


Impfpflicht als Eigentor

Im Mittelpunkt der Diskussion steht derzeit meist die Masern. In Deutschland plant die schwarz-rote Koalition eine Impfpflicht. Seit Monaten überziehen die Medien - speziell auch die so genannten Qualitätsmedien – die Bevölkerung mit Fake News, in denen es beispielsweise heißt, dass die Masern in Deutschland laufend häufiger werden.
zum Impfpflicht Fakten-Check

Als Folge der medialen Fehlinformation stieg der Anteil der Befürworter einer gesetzlichen Impfpflicht laut Umfragen auf mehr als 70 Prozent an. Offenbar versucht die große Koalition, sich hier anzubiedern.

Die meisten Impfexperten warnen hingegen vor derartigen populistischen Aktionen. Schon jetzt sei die Impfquote bei Masern - speziell bei den Kindern - sehr hoch. (97 Prozent der Schulanfänger haben die erste MMR Impfung, 93 Prozent die zweite.) Mit Hilfe einer gesetzlichen Impfpflicht kann diese Quote kaum weiter erhöht werden. Im Gegenzug wächst hingegen die Gefahr, dass diese Aktion nach hinten los geht. Immerhin geschieht damit – erstmals seit der alten Pocken-Impfung – wieder ein tiefer Eingriff in zentrale Grundrechte unserer Verfassung wie z.B. das Recht auf körperliche Unversehrtheit und das Recht der Eltern, die Erziehung und Pflege ihrer Kinder selbst zu bestimmen. Wenn der Amtsarzt mit Polizeibegleitung zur Zwangsimpfung schreiten muss, ergibt sich eine dramatische Polarisierung, welche einer informierten Entscheidungsfindung nicht zuträglich ist.
In Frankreich stieg - nach der Ausweitung der Impfpflicht durch die Regierung Macron - die Zahl der Impfkritiker auf Rekordwerte. Laut aktueller Daten des britischen "Wellcome Trust" stufen 33 Prozent der befragten Franzosen Impfungen als "unsicher" ein. Ein absoluter Spitzenwert in Westeuropa.
Ob es gelingen kann, die Masern auszurotten, ist derzeit – mit oder ohne Impfpflicht – höchst zweifelhaft. Und mit jedem Jahr, das verstreicht, werden die Chancen geringer, weil bei einem Teil der geimpften Erwachsenen der Schutz schwindet.


Windpocken: Das programmierte Desaster

Anstatt nun von diesen Problemen zu lernen und neue Fehler möglichst zu vermeiden, sind die Behörden derzeit dabei, bei Windpocken dieselben Fehler zu machen. Bei dieser meist vollständig unkompliziert verlaufenden Kinderkrankheit wird seit 2004 die Impfung empfohlen. Im Vergleich zu Masern ist hier der Impfschutz mit rund 80 Prozent deutlich geringer. Außerdem besteht überhaupt keine Chance, die Windpocken-Viren jemals auszurotten. Diese Varizellen bleiben nämlich sowohl nach durchgemachter Krankheit als auch nach einer Impfung im Körper zurück und "schlafen" dort am Ende von Nervensträngen. Wenn wir Glück haben ein Leben lang.
Wenn wir kein Glück haben, brechen die Varizellen wieder aus - diesmal jedoch nicht in Form der Windpocken, sondern als Gürtelrose (Herpes zoster). Die Viren verbreiten sich entlang der Nervenstränge und lösen auf der Haut unangenehme, teils extrem schmerzhafte Ausschläge aus, die schwer zu behandeln sind.
In den USA wurde die Windpocken-Impfung zehn Jahre vor Deutschland eingeführt. Und seit langem wird dort von einer starken Zunahme der Fälle von Herpes zoster berichtet. Epidemiologische Studien zeigten einen überraschenden Zusammenhang: Das Risiko, an einer Gürtelrose zu erkranken war umso höher, je weniger Kontakt die betroffene Person mit windpocken-kranken Kindern hatte. Offenbar braucht das Immunsystem der Erwachsenen ab und zu diese Erinnerung, um auf die schlafenden Windpocken Viren besser acht zu geben. Heute gibt es in den USA bereits mehr Fälle von Gürtelrose als von Windpocken.
In Deutschland sind nach Angaben des Robert Koch Instituts (RKI) die Fälle von Windpocken seit 2005 um 71 bis 88 Prozent zurückgegangen. Eine erste Erhebung der Behörde zur Häufigkeit der Gürtelrose zeigt nun, dass die US-amerikanischen Verhältnisse auch hierzulande einkehren. Mit jedem Jahr nehmen die Krankenhaus-Einweisungen mit der Diagnose Herpes zoster zu. Lag die Zahl im Jahr 2005 noch bei 14.446 Fällen, mussten 2015 bereits 23.463 Personen deshalb in einer Klinik behandelt werden.
Dass die eigene Impfempfehlung dafür verantwortlich ist, will die Behörde aber nicht zugeben: "Ob die beobachtete ständige Zunahme der Inzidenz von Herpes zoster bei Erwachsenen mit der Windpocken-Impfung der Kinder zusammen hängt, bleibt unklar", heißt es im Bericht des RKI.

Die Zunahme der Gürtelrose ist allerdings nur eines der Probleme, welche durch das Impfprogramm ausgelöst wurde. Wie bei Masern entstehen auch bei Windpocken neue Risikogruppen. In den USA hat sich das durchschnittliche Alter in dem die Kinder erkranken von rund 4 bis 5 Jahren auf 11 bis 12 Jahre mehr als verdoppelt. Ähnlich wie bei Röteln bilden die Windpocken aber ein starkes Risiko für Schwangere, weil die Viren das ungeborene Kind angreifen und schwer schädigen kann. "In spätestens zehn Jahren wird dann die Windpocken-Impfpflicht gefordert werden, weil es mehr und mehr Schwangere geben wird, die - ob geimpft oder nicht - keine verlässliche Immunität haben", erklärt der Münchner Kinderarzt Martin Hirte. "Dann müssen entweder die Schwangeren oder die Ungeimpften in Dauer-Quarantäne. Was für ein selbsteingebrocktes Szenario!"


Befangene Impfexperten

Die Empfehlung zur Windpocken-Impfung abzuschaffen wäre wohl die sinnvollste Variante. Noch besteht dazu die Möglichkeit. Doch einmal getroffene Beschlüsse wieder zurück zu nehmen, das steht für die Behörde nicht zur Diskussion.
Die Impfempfehlungen erstellt die "Ständige Impfkommission (STIKO)" am Robert Koch Institut in Berlin. Ihr kommt eine gewaltige Verantwortung zu, indem hier entschieden wird, welche Impfstoffe die Mehrzahl der deutschen Kinder bekommt. In der STIKO wird aber auch entschieden, wie viel Steuergeld für das Impfen ausgegeben wird. Und das ist eine ganze Menge: Im Jahr 2017 belief sich der Aufwand der gesetzlichen Krankenversicherungen in Deutschland für Impfungen auf immerhin 1,23 Milliarden Euro.
Insofern wäre es eine Selbstverständlichkeit für ein zivilisiertes Land, dass die Auswahl der Mitglieder dieses Gremiums nach strengsten Kriterien der Transparenz und der wissenschaftlichen Objektivität stattfindet. Dass finanzielle Verbindungen mit Impfstoff-Herstellern nicht geduldet werden und auch von der intellektuellen Einstellung des jeweiligen Experten eine gewisse geistige Unabhängigkeit erwartet wird.
Seit langem gleicht die STIKO hingegen einem Club von Pharma-Lobbyisten, die neue Impfungen anstandslos durchwinkt. Speziell in der Ära ihres Langzeit-Vorsitzenden Heinz-Josef Schmitt wurden mit der Empfehlung der Immunisierung gegen Windpocken, Meningokokken oder Pneumokokken laufend neue Impfungen in den Impfkalender gehievt. Den Höhepunkt bildete im Jahr 2007 die Empfehlung der brandneuen, 450 Euro teuren Impfung gegen humane Papillomaviren (HPV), die als erstes Land Europas - kurz nach der Eilzulassung in den USA übernommen wurde.
Kurz davor hatte sich Schmitt noch mit einem Geldpreis für die "Förderung des Impfgedankens" auszeichnen lassen, der ausgerechnet vom Herstellerkonzern der HPV Impfung finanziert worden war. "Das sind öffentliche Bestechungen", schimpfte Wolfgang Becker-Brüser, der Herausgeber des unabhängigen "arznei-telegramm". Zahlreiche Medien schlossen sich der Kritik an. Heinz-Josef Schmitt war beleidigt und wechselte endgültig zur Industrie, wo er zuletzt als Direktor im Impfbereich des weltgrößten Pharmakonzerns Pfizer tätig war.

In der Folge wurde die Pflicht zur Offenlegung der finanziellen Interessenskonflikte der STIKO-Mitglieder eingeführt. Insofern hat sich eine gewisse Besserung der Zustände ergeben. Die Mehrzahl der 18 Mitglieder hat jedoch nach wie vor enge Beziehungen zur Industrie.
Im Bereich der Prävention sollte es eine strenge Trennung geben zwischen den Behörden, die Impfpläne erstellen - und einer unabhängigen Kontrollinstanz, welche mögliche unerwünschte Folgen sammeln und wissenschaftlich objektiv beurteilt.
Derzeit gibt es diese Trennung nicht: Die Behörden sind alles in einer Instanz. Im Wirtschaftsbereich ist es klar, dass Interessenskonflikte ein „No Go!“ darstellen und sich der zu Kontrollierende nicht selbst kontrollieren soll. Hier jedoch erwartet man plötzlich Wunder an Zivilcourage. Wunder, die nicht passieren.


Von Bert Ehgartner ist kürzlich der Ratgeber "Gute Impfung - Schlechte Impfung" erschienen (Verlag Ennsthaler). Darin wird für jede der gebräuchlichen Impfungen ein eigenes Nutzen-Risiko Profil erstellt. (siehe Bestell-Hinweise in der Spalte rechts)

Montag, 27. Februar 2012

Feige "Kinderärzte im Netz"

Die Redakteure von Stiftung-Warentest haben sich über das Thema Impfen getraut und nun wird landauf landab in den Medien berichtet, dass die Windpocken-Impfung dabei gar nicht gut abgeschnitten hat. "Stiftung Warentest rät von Windpocken-impfung ab", stand beispielsweise in der Bild-Zeitung zu lesen.

Die Stiftung Warentest kritisiert an der Windpocken-Impfung unter anderem deren angeblich schlechte Wirksamkeit und die unsichere Dauer des Impfschutzes. Die Diskussion darüber reicht zurück bis zur Mitte der 90er Jahre, als in den USA die Massenimpfung gegen Windpocken eingeführt wurde. Damals herrschte die Meinung, dass eine Einzelimpfung für lebenslange Immunität sorgen würde. Die Strategen der US-Impfkampagne mussten ihren Irrtum spätestens dann eingestehen, als Windpocken an High-Schools ausbrachen, wo 100 Prozent der Schüler geimpft waren.
Die Wirksamkeit der Einmalimpfung wurde schließlich mit bestenfalls 70 Prozent bewertet. (Als Hauptargument für die Einführung der Impfung wurde übrigens damals kein gesundheitlicher Grund genannt sondern ein wirtschaftlicher: die Impfung könne mithelfen ein paar Pflegetage einzusparen.)

Seit einigen Jahren wird nun generell die zweimalige Impfung gegen Windpocken empfohlen. Und das gilt auch für Deutschland, das unter dem damaligen - bekannt Pharma-freudigen - STIKO Vorsitzenden HJ Schmitt als erstes Land der EU im Jahr 2004 den USA mit der Impfempfehlung hinterher gewieselt ist. Ob es, so wie bei der Einmalimpfung nun auch wieder einige Jahre braucht, bis die Wirkung nachlässt, oder ob die Zweimal-Impfung tatsächlich die lebenslange Immunität bringt, kann man derzeit noch nicht abschließend beurteilen. Die Impfexperten haben jedenfalls schon ein Argument auf Lager, falls die Wirksamkeit der Impfung wieder schwinden sollte: "Auch kein Problem, dann impfen wir halt dreimal!"

Höheres Gürtelrose-Risiko

Neben deren fraglicher Wirksamkeit gibt es aber noch andere bedeutsame Gründe, kritisch gegenüber der Windpocken-Impfung zu sein. Zum einen ist das die ungeklärte Frage, wie es nun mit den Gürtelrose-Erkrankungen weiter geht. Die Stiftung hatte gewarnt, dass die Impfkampagne zu einem Gürtelrose-Welle führen könnte.
Das ruft nun als Verteidiger der Impfpläne die Vereinigung der Kinder- und Jugendärzte im Netz auf den Plan. Sie sieht das nicht so - und wendet sich folgendermaßen gegen die Einschätzung der Konsumentenschützer:
Das Gürtelrosen-Risiko, das die Stiftung Warentest anspricht, ist hypothetisch, das heißt bisher noch nicht bewiesen. In den USA, wo bereits seit 1995 flächendeckend gegen Windpocken geimpft wird, hat sich die Zahl der Gürtelrosenerkrankungen bisher nicht erhöht.

In der Klarheit, wie das hier behauptet wird, beruht diese Darstellung entweder auf mangelnder Recherche oder es handelt sich um eine bewusste Fehlinformation. Es gibt - im Gegensatz zu dieser Meldung der "Kinderärzte im Netz" - sehr wohl eine Reihe seriöser Daten, die einen negativen Einfluss der Windpocken-Massenimpfung nahe legen. Anstatt ihre Beruhigungsfloskel abzulassen, hätten die Kinderärzte etwa in der internationalen Medizin-Datenbank "pubmed" nachschlagen können und wären dort auf folgende Studie von Wissenschaftlern der Harvard Medical School in Boston gestoßen. In dieser, Ende 2011 publizierten Arbeit kommt - anhand einer Analyse von 560.000 elektronischen Krankenakten - folgendes Ergebnis raus:
Between 1996 and 2008, the age- and sex-adjusted annual incidence of postherpetic neuralgia (PHN) rose from 0.18 to 0.47 cases per 1000 patients, and the proportion of herpes zoster patients progressing to PHN rose from 5.4% to 17.6%

Seit der breitflächigen Einführung der Windpocken-Impfung haben sich die gefürchteten chronischen Schmerzen nach Gürtelrose (postherpetische Neuralgie) also mehr als verdoppelt, der Anteil der Gürtelrose-Patienten, welche diese Spätfolgen erleiden mussten, verdreifachte sich.
Biologisch plausibel ist der Zusammenhang jedenfalls. Dass Wildviren, die von Windpocken-kranken Kindern ausgestreut werden, bei Erwachsenen einen Immunboost auslösen, der die eigenen "schlafenden" Viren in Schach hält, ist sein langem bekannt. Auf diesem Prinzip basiert auch die Gürtelrose-Impfung, die es seit einigen Jahren zu kaufen gibt. Sie enthält hochdosierte lebende Windpocken-Viren und imitiert den Kontakt mit einem Windpocken kranken Kind.
Dieser Immunboost ist in den USA auf Grund der Massenimpfung mittlerweile schon selten geworden. In Deutschland ist die Situation regional unterschiedlich. Während im Osten mehr als 50 Prozent der Kinder entsprechend der STIKO-Empfehlung geimpft sind, haben sich in Bayern bislang nur 15 Prozent der Eltern für die Windpocken-Impfung entschieden. Mit jedem Jahr steigt der Anteil jedoch ein wenig an. Und während die Haus- und Kinderärzte bei Einführung der Impfempfehlung im Jahr 2004 noch zu zwei Drittel skeptisch waren, hat heute nur noch jeder dritte Arzt Vorbehalte gegen die Windpocken-Impfung. - Und so werden wohl auch in Deutschland die Windpocken-Wellen bald seltener werden.

Wenn wir uns für eine großteils harmlose Kinderkrankheit das massenhafte Auftreten einer extrem unangenehmen, schwer und teuer zu behandelnden Erwachsenen-Krankheit eingehandelt haben, die ihre Opfer nicht selten in den Suizid treibt, so wäre das kein cleverer Deal gewesen, den uns die Impfexperten hier eingebrockt haben. 
Für die Impfstoff-Hersteller hingegen würde sich der Irrtum auszahlen. Denn wenn Gürtelrose zur Massenkrankheit des Erwachsenen-Alters werden sollte, steht über den Verkauf der hochpreisigen Gürtelrose Impfung ein weiterer ordentlicher Geldregen ins Haus.


"Deutlich erhöhtes Risiko schwererer Erkrankung" - durch Stiftung Warentest??

Was die Seriosität des "Kinderärzte im Netz" Artikels betrifft, ist allerdings noch nicht die Talsohle erreicht. Der endgültige Tiefpunkt folgt beim Versuch, der Stiftung Warentest die Verantwortung dafür unterzujubeln, dass die Windpocken weiter zirkulieren:
Zum jetzigen Zeitpunkt, wo die natürliche Infektion in Deutschland zurückgedrängt ist, Individuen zu empfehlen, nicht zu impfen, ist kein guter Rat. Das Risiko ist, dass bei zurückgedrängter Zirkulation der Windpocken-Viren die Erstinfektion in höhere Jahrgänge, die Pubertät und darüber hinaus verschoben wird mit deutlich erhöhtem Risiko schwererer Erkrankung.

Dieses Argument muss man sich auf der Zunge zergehen lassen, um dessen Hinterfotzigkeit in allen Nuancen auszukosten. Als wären die Krankheitswellen mit einem Schlag abgeebbt, seit die Impfung in Deutschland empfohlen ist - und die Radaubrüder von der Stiftung sorgen nun für ein Comeback.  Selbstverständlich zirkulieren bei Impfraten zwischen 15 und 70 Prozent die Viren aber nach wie vor. Erst wenn hier Durchimpfungsraten von über 90 Prozent - so wie bei Masern, Mumps und Röteln -  erreicht sind, könnten die Windpocken über längere Zeit zurückgedrängt werden.
Aber es stimmt schon, das Alter, in dem die Kinder in Deutschland mittlerweile erkranken, hat sich bereits erhöht und - wie die Kinderärzte auch richtig schreiben - geht es tendenziell in Richtung eines deutlich höhere Risikos von Komplikationen.
Wohin hier der Weg führt, haben ebenfalls die USA vorgeführt. Während in der Vorimpfära die Kinder im Schnitt mit fünf Jahren an Windpocken erkrankten, lag das Alter bei der letzten Untersuchung zu diesem Thema bereits bei rund elf Jahren. Es handelt sich um einen klaren Effekt der Massenimpfung.
Die Verantwortung dafür, liebe Kinderärzte im Netz, müsst also schon Ihr und die anderen Befürworter der Massenimpfung übernehmen.
Das auf die Stiftung Warentest abzuschieben ist schäbig und feig.

Montag, 6. Dezember 2010

Soll ich mein Kind gegen Windpocken impfen? Teil 2

Im ersten Teil meines Artikels habe ich mich mit der Bedeutung der Windpocken für die Entwicklung des kindlichen Immunsystems, dem schwächeren Nestschutz der Babys geimpfter Mütter, die zunehmende Gefahr von Windpocken-Infektionen in der Schwangerschaft, sowie dem unsicheren Langzeit-Schutz der Windpocken-Impfung befasst. Hier widme ich mich nun einem Phänomen, an das bei Einführung der Impfung überhaupt niemand gedacht hat: Dass Erwachsene nämlich vom Kontakt mit Viren-schleudernden Kindern profitieren - und ohne diesen Kontakt leichter an der gefährlichen Gürtelrose erkranken.

Windpocken-kranke Kinder wirken auf Erwachsene wie eine Auffrischungs-Impfung. (Foto: Ehgartner)

Argument 4: Die Windpocken-Impfung erhöht das Risiko für ernsthafte Gürtelrose-Erkrankungen

Windpocken werden vom Varizella-Zoster-Virus aus der Familie der Herpesviren verursacht. Wenn die Windpocken überstanden sind, verbleiben die Viren ein ganzes Leben lang in unserem Organismus. Sie verkriechen sich über die Nervenbahnen und „schlafen“ in den Nervenknoten des Rückenmarks sowie der Hirnnerven. (Das haben sie übrigens mit den Herpes-Simplex-Viren, einem anderen Vertreter dieser Familie gemein. Wenn diese Herpesviren aus ihrem Dämmerzustand in den Nervenknoten aufwachen und aktiv werden, merken wir das beispielsweise an Fieberbläschen auf den Lippen.)
Windpockenviren haben normalerweise einen recht ausdauernden Schlaf und werden bei den meisten Menschen zeitlebens nie wieder aktiv. Falls aber doch, ist das Ergebnis wesentlich ernster als bei den lästigen, aber ansonsten nicht weiter gefährlichen Fieberbläschen: die Betroffenen erkranken dann nämlich an Gürtelrose (Herpes Zoster). Symptome sind Brennen und teils starke Schmerzen in jenem Hautareal, das durch den betroffenen Nervenstrang versorgt wird. Schließlich bilden sich Bläschen, die mit einer infektiösen Flüssigkeit gefüllt sind. Nun sind Gürtelrosepatienten ansteckend und der kranke Opa könnte beispielsweise das Enkelkind infizieren. Allerdings nicht mit Gürtelrose selbst, sondern mit Windpocken. Gürtelrose selbst ist nicht übertragbar.

In dieser Eigenheit der Windpocken-Viren liegt übrigens auch die Ursache, warum es hier - im Gegensatz etwa zu den Masern-Viren - vollständig unmöglich ist, diese Viren jemals auszurotten. Denn auch bei Geimpften setzen sich die dabei verwendeten Lebendviren in den Nerven fest.
Ob die abgeschwächten Viren aus der Impfung später auch eine schwächere Form der Gürtelrose auslösen, ist eine Frage, die derzeit noch schwer zu beantworten ist. Dazu gibt es bislang noch keine Studien, weil diese Effekte sehr langfristig wirken, die Kinder sehr früh geimpft werden und die Gürtelrose vorwiegend im höheren Lebensalter auftritt.

Dass jedenfalls auch Geimpfte an Gürtelrose erkranken können, weiß man jedoch bereits. Ein Team der Columbia University beobachtete Personen, die zu den ersten Windpocken-Impflingen in den USA zählten, über einen Zeitraum von zehn bis 26 Jahren auf das Auftreten von Gürtelrose. Tatsächlich erwies sich das Krankheitsrisiko bisher als gleich groß als in der Normal-Bevölkerung, die noch die normalen Windpocken durchgemacht haben.

Gürtelrose (Foto: Wikipedia Commons/Fisle) tritt oft im Bereich der Körpermitte, eben entlang des Gürtels, auf, kann aber auch viele andere Regionen befallen. Wenn Gesichtsnerven betroffen sind, kann es bei dieser schwer zu behandelnden Krankheit zu Lähmungen der Muskulatur oder Schädigungen der Sehkraft kommen. Lebensbedrohlich wird Gürtelrose, wenn das gesamte Nervensystem vom Wiederausbruch der Viren erfasst wird. Diese Sonderform tritt jedoch nur bei stark immungeschwächten Menschen auf. Relativ häufig sind demgegenüber Nervenschäden – sogenannte Post-Zoster-Neuralgien – die nach überstandener und ausgeheilter Gürtelrose bestehen bleiben. Die damit verbundenen Schmerzen können lebenslang andauern und so schwer sein, dass sie die Lebensqualität der Betroffenen ruinieren und manche von ihnen sogar in den Selbstmord treiben.

Bei Windpocken tritt nun das interessante Phänomen auf, dass der Kontakt mit kranken Kindern die „schlafenden“ Viren der Erwachsenen in Schach hält und diese damit vor Gürtelrose schützt. Eine englische Untersuchung konnte diesen Zusammenhang konkret messen. Die Wissenschaftler sammelten aus ärztlichen Praxen in London 244 Fälle von Gürtelrose und suchten dann für jeden gefundenen Patienten zwei Kontrollpersonen ohne Gürtelrose, dafür aber gleich alt und mit selbem Geschlecht. In der Folge wurden nun alle Studienteilnehmer genau darüber befragt, wie viel Umgang sie während der letzten zehn Jahre mit Kindern und speziell mit windpockenkranken Kindern hatten. In der Auswertung zeigte sich, dass gelegentlicher Kontakt mit frischen Viren das Gürtelroserisiko der Erwachsenen auf ein Fünftel reduzierte. Die Autoren warnen deshalb im Schlussabsatz ihrer Arbeit auch vor den Folgen, die eine Vermeidung der Windpocken für die Erwachsenen haben könnte: „Wenn die Krankheit bei Kindern durch die Einführung einer Windpockenimpfung reduziert wird, so könnte das zu einem Ansteigen der Gürtelrosefälle bei den Erwachsenen führen.“

Wie stark dieser Anstieg ausfallen könnte, zeigt die Studie eines Teams des "Überwachungszentrums für übertragbare Krankheiten" in London. Zunächst untersuchten sie, ob es beim Gürtelrose-Risiko einen Unterschied macht, wenn Erwachsene gleichen Alters im Haushalt zusammen mit Kindern leben. Dabei zeigte sich, dass der über die Kinder vermittelte Kontakt mit Windpocken-Viren die Häufigkeit von Gürtelrose um signifikante 25 Prozent reduziert. Diesen Wert nahmen die Briten nun als Basis für eine mathematische Modellrechnung. Und das Resultat sollte eigentlich alle Alarmglocken schallen lassen. Die Londoner Wissenschaftler schreiben nämlich:
Die Massen-Impfung gegen Windpocken wird eine größere Epidemie von Herpes zoster (Gürtelrose) verursachen. Mehr als 50 Prozent jener Menschen, die zum Zeitpunkt der Einführung der Impfung zehn bis 44 Jahre alt waren, werden von der Krankheit betroffen sein. 

Die Hälfte der Bevölkerung Gürtelrose-krank? Das wäre ein wirkliches Alptraum-Szenario. Doch die Beobachtungen in den USA zeigen bereits, dass die britische Berechnung durchaus zutreffen könnte.
In den USA werden die Kinder bereits seit Mitte der 90er Jahre gegen Windpocken geimpft. Und weil dort die Regel „no vaccination – no school“ („ohne Impfung kein Schulbesuch“) gilt, liegt die Impfrate der Kinder bei über 80 Prozent.
Wissenschaftler der Universität Harvard in Boston untersuchten nun den Verlauf der beiden Krankheiten in der jüngsten Vergangenheit. Dabei zeigte sich eine beunruhigende Entwicklung, die sich in den kommenden Jahren noch verschärfen könnte. Während die Windpocken im Zeitraum von 1998 bis 2003 nämlich von 16,5 jährlichen Fällen pro 1.000 Personen auf 3,5 Fälle zurückgingen, verdoppelte sich die Häufigkeit der Gürtelrose nahezu und stieg innerhalb dieser fünf Jahre von 2,8 Fällen auf 5,3 Fälle an. Damit gibt es jetzt in den USA schon deutlich mehr Fälle von Gürtelrose als von Windpocken. Am stärksten betroffen sind Menschen über 65 Jahren. Die höchste Steigerungsrate zeigte sich jedoch überraschenderweise bei jüngeren Erwachsenen in der Altersgruppe von 25 bis 44 Jahren. Hier stieg das Risiko, an Gürtelrose zu erkranken, um satte 161 Prozent an.

Wir dramatisch sich diese Zunahme auswirkt, belegt eine aktuelle Studie eines Teams der University of Michigan in Ann Arbor. Sie zeigte, dass es ab der allgemeinen Einführung der Windpocken-Impfung fünf Jahre dauerte, bis sich der erste Aufwärtstrend bei Gürtelrose bemerkbar machte. Seither aber geht es rasant aufwärts. Parallel dazu stiegen die Kosten für die Therapie der Gürtelrose. Im Jahr 2004 lagen sie bereits um 700 Mio. US Dollar über dem bisherigen Aufwand.
Dies ist umso bemerkenswerter, als die Einführung der Windpocken-Impfung ursprünglich gar nicht so sehr mit den mit Windpocken verbundenen Gesundheits-Gefahren begründet wurde, sondern vor allem mit der Ersparnis für die Volkswirtschaft. Wenn die Kinder nicht mehr erkranken, müssen die Eltern weniger Pflegetage nehmen und allein dieser Effekt mache die Impfung schon rentabel, hieß es in den ökonomischen Berechnungen.
Leider wurde dabei auf die Kosten vergessen, welche nun der Anstieg bei Gürtelrose verursacht. Und so klingt das Resumee der Studienautoren aus Michigan denn auch diesbezüglich recht ernüchternd:
"Die Windpocken-Impfung hat dazu geführt, dass die Kosten für die Behandlung der Windpocken von 1993 bis 2004 signifikant gesunken sind. Diese Ersparnis war jedoch geringer als der gleichzeitige Anstieg der Behandlungskosten für Gürtelrose."

Die Impfstoff-Hersteller reagierten rasch und brachten kürzlich auch eine Gürtelrose-Impfung auf den Mark. Sie imitiert den Kontakt mit Windpocken-kranken Kindern und enthält – wegen des schwächeren Immunsystems älterer Menschen – die Windpockenviren in 14-fach höherer Dosis als in der Kinderimpfung. Dieser pharmazeutische Schutz vor Gürtelrose kostet rund 200 Euro und ist seit 2006 in Europa zugelassen. Wegen der enormen Kosten, welche die Gürtelrose für die Gesundheitssysteme verursacht, gibt es nun bereits Studien, welche den ökonomischen Nutzen einer staatlich bezahlten Herpes Zoster Impfung für alle Personen ab einem Alter von 65 Jahren bestätigen. Speziell natürlich in jenen Ländern, wo zuvor mit der allgemeinen Varizellen-Impfung die Windpocken bei den Kindern bekämpft worden ist.
Insgesamt ist das Phänomen Windpocken somit ein gutes Beispiel, wie aus einer einst harmlosen Kinderkrankheit – wenn sie von der Pharmaindustrie und ihren Helfershelfern ordentlich unter die Fittiche genommen wird – ein höchst profitables Gesundheitsproblem für die gesamte Gesellschaft erzeugt werden kann.

Fazit: Die Einführung der Windpocken-Impfung hat in den USA zu einem vermehrten Auftreten von Gürtelrose geführt, einer Krankheit die schwer behandelbar ist und starke Schmerzen verursachen kann. Die Kosten für die Behandlung der Gürtelrose haben derart zugenommen, dass damit alle Einsparungen bei der Behandlung der Windpocken wieder zunichte gemacht sind.

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