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Dienstag, 28. August 2018

Die Entlarvung des Fett-Mythos


Im Bereich der Ernährung wimmelt es von falschen Ratschlägen. Einige davon können durchaus lebensgefährlich sein. 

Der Kult ums Essen zieht eigenartige wissenschaftliche Propheten an (cc_Foto: Joshua Rappeneker)



Der mit Abstand am meisten gelesene Artikel des Jahres 2017 im britischen Medizinjournal „The Lancet“ war die Veröffentlichung der Resultate der PURE-Studie. Diese bislang ehrgeizigste Ernährungsstudie untersuchte den bereits zehn Jahre andauernden Streit, was nun problematischer für die Gesundheit ist: Fett oder Kohlenhydrate?

Als Teilnehmer fungierten insgesamt 135.335 gesunde Menschen im Alter zwischen 35 und 70 Jahren, die in 18 verschiedenen Ländern angeworben wurden. Ihre Ernährungsgewohnheiten wurden über einen Zeitraum von durchschnittlich sieben Jahren penibel aufgezeichnet. Die Sponsoren der Studie hatten weder Einfluss auf das Design noch auf die Auswertung.

Die Resultate der Studie waren eindeutig: Die Gruppe mit dem höchsten Anteil an Kohlenhydraten hatte im Vergleich zu einem niedrigen Konsum von Kohlenhydraten ein um 28 Prozent höheres Gesamt-Sterberisiko. Genau umgekehrt verlief der Trend beim Fettkonsum: Ein hoher Fett-Konsum wirkte lebensverlängernd. Dies bezog sich sowohl auf die einfach- wie die mehrfach ungesättigten Fettsäuren. Ebenso jedoch auch auf die viel geschmähten gesättigten Fettsäuren, die meist aus tierischen Produkten stammen. Ein hoher Anteil erwies sich sogar als speziell protektiv gegen Schlaganfälle.

Die Resultate der PURE-Studie bedeuten eine neuerliche schwere Niederlage für die internationalen Ernährungs-Gesellschaften, die nach wie vor in ihren Richtlinien den Fettanteil auf weniger als 30 Prozent – den Anteil der gesättigten Fette auf weniger als 10 Prozent beschränken.

Bereits davor hatten zahlreiche kleinere Studien angedeutet, dass die Politik der „Light-Welle“ mit der Verteufelung von Fett und der Aufwertung des Zucker-Anteils in Lebensmitteln, die seit den 1980er Jahren das Angebot der Supermärkte bestimmt, fatale Konsequenzen hat. Ausgehend von den USA eroberten denaturierte, hoch verarbeitete Lebensmittel den weltweiten Markt. Sie konnten extrem billig produziert werden und boten der Industrie eine hohe Gewinnspanne. Und mit Hilfe der Ernährungswissenschaften konnten sie nun sogar einen gesundheitlichen Bonus vorgaukeln.


Der Industrie verpflichtet

Kaum ein Bereich der Wissenschaft hat sich derart schamlos ihren Geldgebern angedient wie die Ernährungsexperten. Seit Jahrzehnten versteht sich ihre Elite als Handlanger der Nahrungsmittelindustrie. Manche ihrer Richtlinien zur "gesunden Ernährung" sind schlicht gemeingefährlich. Die katastrophalen Folgen ihrer Ratschläge sieht man am besten in den USA, wo die Kumpanei zwischen Wissenschaft, Industrie und gekaufter Politik am besten organisiert ist: im Land der Fetten.

Innerhalb von 30 Jahren ist ein ganzes Land - von international halbwegs normalen Werten zur Mitte der 80er Jahre - gewaltig in die Breite gegangen. Jedes fünfte High-School-Kid passt nur noch in XXL-Klamotten und watschelt wie eine Ente vom Schulbus zur Haustür. Und wer sich gewichtsmäßig einmal auf der Überholspur befindet, kommt kaum noch herunter. Die Zahl der Amerikaner mit extremer Fettsucht – einem BMI (Body Maß Index) über 40 – hat sich vervierfacht. Immer mehr US-Krankenhäuser erwägen den Erwerb veterinärmedizinischer Untersuchungsgeräte oder fahren mit ihren Problempatienten gleich in den Zoo. Und dort wird der Zwei-Zentner-Mann dann per Kran in die Röhre des CT gehievt - sobald das kranke Rhinozeros mit der Untersuchung fertig ist.

Kohlehydrate-Mast nach wissenschaftlichem Ratschlag (Foto: pixabay.com)

In Gang gesetzt wurde dieser Trend mit einer weltweiten Kampagne gegen Fett. Besonders des Teufels war tierisches Fett und die in Butter oder Schweineschmalz vorherrschenden "gesättigten Fettsäuren". In den Ernährungsratgebern wurde empfohlen, großflächig auf Kohlenhydrat-reiche Nahrungsmittel auszuweichen und "herzgesunde" Margarine zu verwenden. Hätten die "Experten" etwas genauer recherchiert, wären sie auf die alten Rezepte der Landwirte gestoßen, die seit langem wussten, dass ihre Schweine und Ochsen am raschesten mit einer Kohlenhydrate-Mast zunehmen. Und so geschah es dann auch bei den Menschen.

Millionen Todesfälle durch künstliches Fett

Das "böse" tierische Fett wurde durch billige Pflanzenöle von Mais, Raps und Sonnenblume ersetzt. Dumm nur, dass dies flüssig und deshalb schwer zu verarbeiten war. Doch auch hier kam Hilfe von der Wissenschaft: Wird das Öl auf über 200 Grad erhitzt und dann unter hohem Druck mit Wasserstoff "beschossen", so werden die Fettsäuren gesättigt und damit gehärtet. Das bequeme daran ist, dass man diesen Prozess jederzeit stoppen und den Kunden die geeignete Konsistenz liefern kann. Leider entstehen dabei - als eine Art Betriebsunfall der Härtung - künstliche Fette, so genannte Transfette. Sie können vom Organismus nur schlecht abgebaut werden und verursachen Entzündungen in den Blutgefäßen mit allen dramatischen Folgen. Noch bis in die 90er Jahre bestand Margarine bis zu einem Drittel aus Transfetten. Erst in den letzten Jahren wurde der Anteil an Transfetten in der EU streng begrenzt. Doch der angerichtete Schaden ist nicht mehr gut zu machen: "Wahrscheinlich", so Walter Willett von der Harvard University in Boston, "sind weltweit Millionen von Menschen vorzeitig gestorben, weil unsere Nahrung zu viele Transfette enthält."

Doch viele andere - ähnlich problematische - Ratschläge der Ernährungswissenschaft sind nach wie vor in Kraft. Etwa die lukrative Hetze gegen "gefährliches Cholesterin", mit der über den Verkauf entsprechender "Cholesterinsenker" Milliardenumsätze erzielt werden. Oder die Behauptung, dass Bauchfett besonders gefährlich wäre. Oder der Ratschlag, dass helles Fleisch (z.B. Geflügel) gesünder sei als rotes Fleisch (z.B. Rind).

Immer häufiger zeigt es sich, dass die Studien, auf denen diese Aussagen basieren, gespickt mit Fehlern waren. Werden sie über gut gemachte Arbeiten wiederholt, kommen ganz andere Resultate raus. Wie beispielsweise die groß angelegte europäische Studie zum Zusammenhang von Ernährung und Krebs, die von der Epidemiologin Sabine Rohrmann und ihrem Team der Universität Zürich koordiniert wurde. In den Resultaten zeigte sich kein Unterschied, ob jemand mehr Geflügel- oder Rindfleisch konsumierte. Sehr wohl einen Nachteil hatten hingegen Personen mit einem dauerhaft hohen Konsum von verarbeiteten Fleischprodukten. Bei ihnen war sowohl das Risiko von Krebs als auch von Herzkrankheiten signifikant höher. Die Wissenschaftler raten deshalb dazu, im täglichen Schnitt nicht mehr als 20 Gramm verarbeitete Fleischprodukte (z.B. Hot Dogs, fertige Fleisch-Saucen, Hühner-Nuggets, Streichwurst, etc.) zu essen.

Wie soll man nun aber essen, was ist wirklich gesund? Aus Studien mit Hundertjährigen weiß man, dass sie vor allem eines gemeinsam haben: Ihr Blutzuckerspiegel ist gering und sie haben verblüffend niedrige Insulinwerte. Es macht also Sinn, die Ernährung in diese Richtung auszuwählen und zu optimieren. 
Näheres dazu im ausführlichen Ernährungs-Kapitel meines Buches "Der Methusalem-Code".



Dienstag, 19. Dezember 2017

Ein begnadeter Extremist

Hat es überhaupt eine messbare Auswirkung, was wir essen? Macht es einen Unterschied, ob wir uns aus der „schnellen Küche“ bedienen oder ausgefeilten Diätplänen folgen? Gibt es Vitamine und Spurenelemente, die uns geistig und körperlich länger fit halten, eine Anti-Alzheimer-, eine Anti-Herztod-Diät? Was bringt der Griff zur Diät-Margarine wirklich? Senkt fettarme Ernährung den Cholesterinspiegel, und wenn ja – ist es überhaupt sinnvoll, den Cholesterinspiegel zu senken? 

Die Lehre von der richtigen Ernährung kann auch ins Absurde ausarten

Die Antworten auf diese Fragen sind nicht leicht zu finden im Dschungel der diversen Ernährungslehren. In kaum einem anderen Fach gibt es derartig wenig Zurückhaltung, sich selbst als Experte aufzuspielen, wie hier. Jede Buchhandlung hat eigene Abteilungen, deren Regale bis zur Decke mit Ernährungsratgebern angefüllt sind. Vom Fünf-Elemente-Kochbuch bis zum Ratgeber für die Darmsanierung, von der klassischen Weight-Watcher-Fibel bis zum aktuellen Fit-mit-Fett-Knaller. Ein regelrechter Overkill an kunterbunten Argumenten mit oft recht drastischen Auswirkungen für empfängliche Gemüter.

Die Verwirrung und der Extremismus der diversen Ernährungslehren erreichte in der Person meines Nachbarn Markus einen einsamen Höhepunkt. Vor zehn Jahren, als er hierher in die Gegend zog, um vom großstädtischen Hotelgewerbe ins Fach des Biobauern zu wechseln, war er gerade Vegetarier geworden. Mit dem Feuereifer des frisch Konvertierten begann er, spätestens nach jedem dritten Satz, mit seinen Brandreden gegen Fleisch und Wurst. Der Mensch sei entwicklungsgeschichtlich ganz eindeutig ein Vegetarier, der Hang zum Fleisch die nicht überwundene Erbschuld aus Kannibalismus- und Raubtiergenen. Mit jedem Bissen belasten wir uns mit dem Leid der Tiere, und energetisch sei Fleisch sowieso minderwertig. Er selbst schaffte sich auf seinem Hof einige Kühe und eine Schar Ziegen an und begann mit der Herstellung von Käse.


"Wer zum Teufel braucht die Böcke?"

Die erste depressive Phase kam, als er seinen Hof bis oben hin voll mit Tieren hatte. „Was soll ich tun?“, fragte er verzweifelt. „Sie brauchen Nachwuchs, sonst geben sie keine Milch. Was aber soll ich mit dem ganzen Nachwuchs anfangen? Und wer, zum Teufel, braucht diese ganzen Stiere und Böcke?“ Schwersten Herzens machte er einen Deal mit dem Nachbarbauern, der ihm den Abtransport und die Schlachtung der überzähligen Tiere abnahm. „Für mein Karma“, meinte Markus, „ist das natürlich eine Katastrophe.“

Dass er mit diesem Dilemma nicht wirklich zu einer befriedigenden Lösung kam, zeigten immer mehr Indizien, die sich in seinem Wohnzimmer ansammelten. Ein Aura-Photo zeigte Markus‘ Kopf in einer rotgelben Wolke, „mit klaren Verunreinigungen, hier an der Peripherie“, wie er mit sorgenvoller Miene erläuterte. Kristalle sollten die bösen Energien blockieren. Und bei allen kniffligen Entscheidungen ernährungs-technischer Art wurde immer häufiger ein Pendel zu Rate gezogen, das entschied, ob bestimmte Speisen des Teufels waren oder nicht. Daneben las er eine Menge Ernährungsbücher und entdeckte bei sich selbst von der Eiweiß-Allergie bis zur Candida-Durchseuchung seines Darmes jede nur denkbare unerwünschte Nahrungsmittel-Nebenwirkung.

Schließlich hatte auch den Milchprodukten die Stunde geschlagen. Sein Ernährungslehrer – eine Kapazität allerersten Ranges – habe davon abgeraten, und er könne das voll nachempfinden. Blöderweise hatte er gerade seine Käserei mit einem EU-Kredit modern ausgebaut, und das Geschäft begann immer besser zu laufen.

Man muss Job und Privatleben trennen können, lautete sein pragmatischer Beschluss. Wenn er gezwungen war, die Käsemischung zu kosten, spuckte er fortan die Reste in die Katzenschüssel.

Kurz darauf bezeichnete sich Markus selbst als „Geprüften Ernährungs-berater“ und hängte zur Beglaubigung eine Urkunde an die Wand. Zu einem Vortrag im Extrazimmer des Kirchenwirtes kamen immerhin dreißig Leute, allesamt Freunde und Kunden, die er wochenlang bei jedem Einkauf auf diesen Termin eingeschworen hatte. Und Markus, der noch nie zu den zurückhaltenden Rednern gehört hatte, legte sich mit Feuereifer rhetorisch ins Zeug und wetterte gegen Fleisch und tierische Fette. Milch und Käse kamen dabei in etwa so gut weg, als wenn ein Mullah über die Segnungen des Alkohols referierte. Der Erfolg war durchschlagend – und die nächste Depression direkte Folge.

„Ich gehe pleite“, klagte er bei meinem Besuch etwa eine Woche nach dem Vortrag. „Du bist bald der einzige, der noch bei mir einkauft.“ Dann folgte eine lange Klage über die Charakterschwäche und Verlogenheit der Menschen, denn er hatte einige seiner Kunden beim Konkurrenz-Käseladen parken sehen. „Wenn es mir wenigstens gelungen wäre, sie zu überzeugen, dass Milchprodukte krank machen. Aber nein, ich habe sie nur verschreckt, sie trauen sich nicht mehr zu mir!“


Das Heidelbeer-Abenteuer

Markus zog daraus zwei Konsequenzen. Auch wenn es ihn wirklich schmerze, müsse er seine Tätigkeit als Ernährungsexperte wohl zurückstellen. Und auch wenn es mich schmerze, müsse er mich leider dringend um ein Darlehen anpumpen. Der einzige Ausweg aus dem Dilemma liege nämlich – wie er nun klar erkannt hatte –, in einer Umstrukturierung seiner Produktpalette. Weg von Käse und Milch, hin zu den Heidelbeeren. Und zwar im großen Stil.

Daraufhin hörte ich einen Privatvortrag über den ungeheuren ernährungsphysiologischen Wert von Heidelbeeren. Keine andere Frucht habe derart hochwertige Inhaltsstoffe, mache gleichzeitig schlank und schütze vor Krebs und Herztod. Falls ich ihm das Darlehen verweigerte, sei er außerdem gezwungen, den Hof zu schließen und als Büßer nach Indien zu ziehen. – Das konnte ich nun wirklich nicht riskieren.

Die Heidelbeer-Plantage steht nun bereits das vierte Jahr und bringt nur Verdruss, wie mir Markus regelmäßig mit unverhohlen vorwurfsvollem Unterton – schließlich habe ich ihn ja erst in dieses Abenteuer hineingeritten – berichtet. Die Beeren gedeihen nämlich nicht. Zwar war er gewarnt worden, dass sie als Heiden- und Waldbewohner ein saures Milieu bräuchten. Dafür habe er aber schließlich auch den ganzen Boden ausgetauscht. Eine Heidenarbeit – und schweineteuer obendrein. Im zweiten Jahr kamen dann die Rehe und fraßen die frischen Triebe bis aufs Holz ab. Da war er gezwungen, in einen Wildzaun zu investieren. Und im Vorjahr, als endlich einige Eimer Ernte einzusammeln gewesen wären, war praktisch über Nacht alles weg. Gestohlen von den Vögeln!

Ob derartige Katastrophen mithalfen, oder ob sich seine Ernährungslehre von allein zum Selbstläufer in den Radikal-Extremismus entwickelte, ist schwer abzuschätzen. Jedenfalls hat es Markus mittlerweile bei den erlaubten Lebensmitteln auf eine Liste gebracht, die er an den Fingern einer Hand aufzählen kann. Aktuellster Neuzugang auf seiner Bannliste ist, wie er kürzlich mit dem Selbstbewusstsein eines tief in seiner eigenen Weisheit ruhenden Fakirs mitteilte, der Dinkel.

Er habe nun erkannt, dass es sich bei diesem Getreide um das ungesunde Resultat jahrhundertelanger Elitezüchtung handle. Die Energie des Ursprünglichen sei dabei völlig verloren gegangen. Er könne deshalb nur noch zwei Getreidesorten guten Gewissens empfehlen: Kamut und Einkorn.

Auch von seiner äußeren Erscheinung her gleicht Markus immer mehr einem drahtigen ledergegerbten Fakir. Den Verkauf seiner Käse-Spezialitäten erledigt er mit der stoischen Abgeklärtheit eines vegetarischen Kellners, der den Gästen Blutwurst servieren muss. Sorgen über Mangelernährung mache er sich – trotz seines radikal eingeschränkten Speiseplanes – aber nicht. Noch nicht.

Denn immerhin setze er große Hoffnungen auf die diesjährige Heidelbeer-ernte. „Apropos Heidelbeeren“, kommt er schließlich auf den Anlass seines Besuches zu sprechen. „Nachdem ja eigentlich du mir die ganze Sache eingebrockt hast, wäre es höchste Zeit, dir mal Gedanken über die Finanzierung eines Vogelschutznetzes zu machen.“

Bei diesem Artikel handelt es sich um den Beginn des Ernährungs-Kapitels aus meinem aktuellen Buch "Der Methusalem-Code", das kürzlich im Verlag Ennsthaler erschienen ist. 

Dienstag, 30. Mai 2017

Stillen: Gesunde Bakterienkur für Babys

Zahlreiche Studien belegen, dass gestillte Kinder besser gegen Erkältungskrankheiten und Darminfektionen geschützt sind und dass sie weniger anfällig für Allergien sind. Ein Forscherteam aus Los Angeles untersuchte nun die Bedeutung des Stillens beim Aufbau des kindlichen Mikrobioms und erlebte dabei eine Überraschung: Mehr als ein Drittel der Darmbakterien des Kindes wird über Muttermilch und Hautkontakt beim Stillen weiter gegeben.



Jeder Mensch ist ein Zoo. Wir beherbergen eine Unzahl von Lebewesen, die meisten davon im Darm sowie auf unserer Haut. Die Bedeutung dieses "Mikrobioms" für unsere Gesundheit  erweist sich immer mehr als eine der wichtigsten und revolutionärsten Erkenntnisse der jüngeren wissenschaftlichen Forschung. Hier liegt offenbar der Schlüssel für eine stabile Balance im Organismus.
Dies ist umso wichtiger, als wir derzeit eine weltweite Epidemie von Krankheiten erleben, die allesamt mit gestörten Immunfunktionen zu tun haben. Es gibt hunderte Arten von Autoimmun-Erkrankungen, von denen der Großteil vor wenigen Jahrzehnten noch gar nicht bekannt war. Ein Drittel der Bevölkerung leidet an Allergien. ADHS, Autismus und andere Entwicklungsstörungen sind von Einzelfällen zum Massenphänomen geworden.
Das Mikrobiom entpuppt sich als wichtigster Partner unseres Immun- und Nervensystems. Und wenn zwischen diesen drei Säulen unserer Gesundheit die Chemie stimmt, so ist das offenbar die beste Versicherung für ein langes Leben ohne derartige chronische Krankheiten. (Dies ist übrigens die Kernthese meines aktuellen Buches "Die Hygienefalle - Schluss mit dem Krieg gegen Viren und Bakterien".)


Mitarbeit gegen Kost und Quartier

Je diverser und reichhaltiger unser Mikrobiom aufgebaut ist, desto stabiler ist es - und umso mehr nützliche Eigenschaften unserer Mitbewohner können wir nutzen. Ein gesunder Mensch beherbergt zwischen 2000 und 3000 verschiedene Bakterienarten, die alle ihre eigenen Fähigkeiten mit in die Lebensgemeinschaft ein bringen. Im Lauf der Evolution hat unser Organismus ja eine ganze Unzahl an Kompetenzen eingebürgert. Wenn Bakterien bestimmte Vitamine oder Hormone erzeugen können, wenn sie Pilze in Schach halten und das aggressive Immunsystem beruhigen können, wozu sollte dann Energie verpulvert werden, diese Fähigkeiten selbst zu entwickeln. Da war es doch einfacher, den Bakterien einen Lebensraum zu reservieren und mitarbeiten zu lassen.
Wir stehen derzeit noch ganz am Anfang, die Unmenge an Symbiosen zu verstehen, die wir mit unseren Mitbewohnern eingegangen sind. Klar ist allerdings schon jetzt, dass das alte Bild der "schmarotzenden und krank machenden Keime" falscher nicht sein könnte. 99,9% aller Bakterien sind nützlich und harmlos.

Die Zusammensetzung der Darmbakterien ist während der ersten drei Lebensjahre recht variabel und stabilisiert sich erst dann in ein ähnliches Muster wie es auch bei Erwachsenen vorherrscht. Dennoch ist jedes Mikrobiom so einzigartig wie ein Fingerabdruck, sogar eineiige Zwillinge können vollständig unterschiedliche Kolonisierungen ihres Darms haben.


Bakterienmuster bleiben ein Leben lang

Kinderärzte der Universität von California in Los Angeles unter der Leitung von Grace Aldrovandi haben nun in einer aufwändigen Studie die Bedeutung des Stillens für die Ausbildung des Darm-Mikrobioms bei Neugeborenen untersucht. Insgesamt nahmen 107 Mütter mit ihren Babys an der Studie teil. Im Verlauf der ersten 12 Lebensmonate wurden sie mehrfach untersucht: Bei den Müttern die mikrobielle Zusammensetzung ihrer Milch sowie die bakterielle Besiedlung des Warzenhofs um die Brustwarze (Areola mammae), bei den Babys wurden regelmäßig Stuhlproben gesammelt und analysiert.

Die Besiedlung des kindlichen Darms ist ein komplexer Prozess und hängt von vielen Faktoren ab. Kaiserschnitt-Kinder haben eine ganz andere Kompostion, als Babys, die im Geburtskanal der Mutter ihre Pionier-Bakterien mitnehmen. Die ersten Siedler haben jedenfalls einen enormen Startvorteil und manche Muster bleiben oft ein Leben lang erhalten. Insofern erscheint es sinnvoll, bestimmte Defizite der Kaiserschnitt-Geburt auszugleichen. Aber auch bei vaginal geborenen Kindern aus unseren Breiten ist die Bakterienvielfalt im Vergleich zu Kindern aus Entwicklungsländern deutlich unter entwickelt. Stuhlproben der Kinder von indigenen Amazonas-Völkern ergaben eine beinahe doppelt so große Vielfalt ihrer Darmbewohner.

Grace Aldrovandi wollte wissen, wie groß der Einfluss des Stillens bei der Besiedlung des Darms ist. Die Antwort in einem Wort lautet: enorm.
Im Schnitt erhielten die Babys 27,7 Prozent ihrer Darmbakterien unmittelbar über die Muttermilch transferiert. Weitere 10,4 Prozent stammten vom Gebiet rund um die Brustwarze. Die Übernahme der Bakterien war durchaus Dosis-abhängig. Je häufiger und länger die Babys gestillt wurden, desto mehr der mütterlichen Bakterien siedelten sich im kindlichen Darm an. Schließlich ergab sich – im Vergleich des Bakterien-Profils von zufällig zugeordneten Müttern – ein eindeutiges Bild der Zusammengehörigkeit der mütterlichen Bakterien mit der Darmflora des eigenen Kindes.

Wenn Mütter zu stillen aufhörten, auf Flaschennahrung umstiegen oder zunehmend feste Nahrung verfütterten, änderte sich die Komposition der Bakterien im kindlichen Darm dramatisch. Dennoch blieben bestimmte Grundmuster des ursprünglich angelegten Bakterienprofils stabil.
"Unsere Arbeit zeigt, dass sich im Lauf der ersten sechs Lebensmonate ein komplexes Netzwerk von Bakterien im kindlichen Darm bildet", erklärt Aldrovandi. "Muttermilch-Bakterien, die den Darm besiedeln bereiten den Boden für nachfolgende Bakterien, die sich ansiedeln. Daraus ergibt sich eine Art Fingerabdruck, der bis ins Erwachsenenalter erhalten bleibt."
Von einigen wenigen Bakterien ist bereits konkret bekannt, welche gesundheitliche Vorteile sie bieten. In der Milch enthaltene Veillonella und Rothia-Stämme schützen beispielsweise vor Asthma. Bei Kindern, die nur kurz oder gar nicht gestillt wurden, ergab sich ein deutlicher Überhang der Gattung der Bacteroidaceae, die in Studien bei Kindern und Erwachsenen mit Übergewicht ebenfalls vorherrschen.

"Unsere Resultate sind jedenfalls eine starke Unterstützung für die geltende WHO-Empfehlung, dass während der ersten sechs Lebensmonate ausschließlich und bis zum Ende des ersten Lebensjahres zusätzlich gestillt werden sollte", schließen die Autoren ihre Arbeit.


Wenn Ihnen der Artikel interessant und wichtig erscheint, würde

ich mich über einen kleinen Beitrag zu meiner Arbeit sehr freuen. 
Bert Ehgartner steht auch für Vorträge, Filmvorführungen, etc. zur Verfügung. 
Nähere Informationen finden Sie auf dieser Seite

Donnerstag, 12. September 2013

Süße Wahrheiten

Warum wir alle in der Zuckerfalle stecken, warum süße Früchte oft dicker machen als „normaler“ Zucker und was das alles mit unserem Steinzeitgehirn zu tun hat. 

Süße Früchte: Mmh, lecker!
Wenn wir Süßes schmecken, erwachen in unserem Gehirn die Steinzeit-Reflexe. So als wären wir auf unserem Streifzug auf ein großes Feld mit Heidel- oder Himbeeren gestoßen – auch wenn wir in Wahrheit nur einen kräftigen Zug aus der Limoflasche genommen haben. „Und darauf springt unser Steinzeitgehirn ganz gewaltig an“, sagt Jürgen König, Ernährungswissenschaftler an der Universität Wien. „Der Drang, das sofort zu verzehren, ist für die Menschen gewaltig – auch damit uns das keine Tiere weg essen.“
Doch was sich in den Genen so tief eingeprägt hat, gilt heute nicht mehr. Wir stehen nicht mehr mit Affenhorden in Konkurrenz. Und die Beerenfelder und Obstbäume in den Kühlregalen der Supermärkte tragen das ganze Jahr reiche Früchte.

Jürgen König unternimmt zur Zeit mit seinem Team Fütterungsexperimente mit Würmern. Darin wird untersucht, wie sich verschiedene Arten von Zucker auf die Gene des Modell-Wurms 'C.elegans' auswirken. „Bei den Würmern ist es eindeutig, dass der Überfluss ihr Leben verkürzt“, sagt König. „Wenn sie wenig Zucker kriegen, leben sie etwa um ein Drittel länger.“
Dass bestimmte Arten von Zucker schädlicher sind als andere, hat König bisher im Tierversuch nicht bestätigen können. Sowohl Haushaltszucker als auch Fruchtzucker, Milchzucker oder Traubenzucker haben alle etwa gleich viel Energie: Nämlich 4 Kilokalorien pro Gramm. Es sieht so aus, als ob es vorwiegend auf die Menge an Energie ankommt, welche die Würmer fressen. Je mehr Energie, desto früher sterben sie. „Die Natur hat ja kein besonderes Interesse daran, dass ein Lebewesen steinalt wird“, erklärt König. „Wichtig ist die Arterhaltung und die Weitergabe junger, gut erhaltener Gene.“ In Zeiten des Überflusses setzt die Fortpflanzung früh ein. Damit hat der Wurm seine evolutionäre Aufgabe erfüllt: C. elegans kann gehen.
Alle Lebewesen haben diese Tendenz einprogrammiert: Zu essen, solange etwas da ist. Das war in der Vergangenheit ein probates Mittel, um sich in den guten Zeiten einen Vorrats-Speck anzufressen und damit leichter den harten Winter zu überleben. In Zeiten des allgegenwärtigen Nahrungsmittel-Überflusses geraten wir allerdings in Widerstreit mit unseren Instinkten.


Enorme Zunahme beim Übergewicht

Beim Menschen geben aktuelle Studien Entwarnung: Moderates Übergewicht bedeutet - entgegen früher vertretenen Ansichten, kein höheres Risiko für Krankheit und frühzeitigen Tod, speziell wenn die Übergewichtigen körperlich aktiv sind. Erst bei starkem Übergewicht (ab einem BMI von 35) steigt dann das Risiko dramatisch an.
USA: Ernährung gefährlicher als Rauchen
Doch gerade in dieser Gewichtsklasse sind die Zuwächse enorm. Speziell in den Vereinigten Staaten ist die Situation vollständig aus dem Ruder geraten. Binnen 20 Jahren stürzte die USA im Ranking der 34 reichsten Länder sowohl bei der Lebenserwartung als auch bei der Lebensqualität vom Mittelfeld steil ab und liegt nun in der Schlussgruppe.
 Das wesentlichste Resultat und die größte Überraschung der aktuellen Studie: Zum ersten Mal in der jüngeren Geschichte hat die Ernährung das Rauchen als wichtigster Risikofaktor für die Gesundheit überholt.
Im Ranking der Ernährungssünden ganz vorne findet sich der übermäßige Genuss von Weißmehl-Produkten und Zucker. Eine Leidenschaft, welche vollständig unheilbar scheint und allen Umerziehungsmaßnahmen und Appellen widersteht.
Wie schwierig es ist, hier Lebensstil-Änderungen durchzusetzen, zeigte erst kürzlich der Abbruch der ambitionierten Look Ahead"-Studie, wo versucht wurde, über Gewichtsreduktion eine gleichzeitige Verbesserung der Herzgesundheit zu erreichen. Nach zehn Jahren intensivster Schulungen mit regelmäßiger Lebensbegleitung und Expertenrat ergab sich bei Typ 2-Diabetikern in der Studiengruppe - im Vergleich zur Kontrollgruppe ohne besondere Begleitung - ein mageres Minus von 2,5 Prozent beim Körpergewicht. „Ein Effekt auf die Vermeidung von Krankheiten war nicht erkennbar“, lautete das traurige Resüme der Autoren, welche gemeinsam mit ihrer Studie sehr viel Herzblut, Energie und Fördergelder zu Grabe trugen.
Pädagogisch noch so motivierte Lebensstil-Änderungen bei der Ernährung halten – wenn überhaupt – nur wenige Monate. Dann sind die gut gemeinten Diät-Vorschläge bei der Mehrzahl der Studienteilnehmer vergessen. Und wenn schon in den intensiv begleiteten wissenschaftlichen Studien nichts weiter geht, wie dann in der freien Wildbahn der Supermarkt-Verlockungen?


Süßen mit Maisstärke

Stecken die Amerikaner also vollständig in der Zuckerfalle? „Sicherlich wird zu viel gegessen und zu wenig Bewegung gemacht“, sagt Ingrid Kiefer, Sprecherin der AGES, der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit. „Doch davon abgesehen, haben die Amerikaner wahrscheinlich einen gewaltigen Fehler gemacht, als sie in den 1980er Jahren eine neue Art von Zucker massenhaft verbreitet haben: High Fructose Corn Sirup.“
Billigsüße aus Überschuss-Mais
Dieser Zucker wird mit Hilfe von gentechnisch hergestellten Enzymen aus Maisstärke gewonnen, und enthält deutlich mehr Fruktose – also Fruchtzucker – als unser Haushaltszucker. 'High Fructose Corn Sirup' ist süßer und gleichzeitig auch viel billiger als das bisher vor allem aus Brasilien importierte Zuckerrohr. Binnen weniger Jahre kamen die Importe in die USA fast vollständig zum Erliegen.
Die US-Agrarindustrie jubelte über den neuen Markt für ihre Mais-Überschüsse.
 Dabei haben die Nahrungsmittel-Strategen allerdings eine Kleinigkeit übersehen, sagt Kiefer: „Fruktose wird vollständig anders verstoffwechselt als Glukose, der Traubenzucker.“

Wie markant dieser Unterschied ist, zeigen aktuelle Untersuchungen: Glukose hat unmittelbare Auswirkungen auf die Aktivität des Hypothalamus. „Dieser winzige Bereich in den tiefen Regionen des Gehirns wiegt nur 4 Gramm“, sagt Ewald Moser vom Magnetresonanz Zentrum der Meduni Wien, "aber es steuer 80 Prozent unserer Aktivitäten: Hunger, Durst oder Sex."
Moser hat Zugang zu modernsten bildgebenden Verfahren. „Mit unseren MR-Tomographen können wir – ohne invasiven Eingriffe oder radioaktive Kontrastmittel – die Aktivität wichtiger Gehirnareale live beobachten.“
Wenn die Probanden eine mit Zucker gesüßte Limo trinken, so sieht man gleich die Auswirkungen: Hypothalamus, Amygdala und andere wichtige Bereiche, welche in die Appetitregulierung involviert sind, zeigen einen höheren Sauerstoff-Verbrauch als Indiz für ihre Aktivität.
Gleichzeitig sorgt Zucker für einen deutlichen Anstieg des Hormons Insulin, das zusammen mit anderen Hormonen dem Gehirn ein Feedback zum aktuellen Blutzucker-Spiegel liefert. Das Appetit fördernde Hormon Ghrelin wird zurück reguliert.
Ganz anders hingegen sind die Auswirkungen von Fruktose. „Hier funktioniert der Stoffwechsel vollständig anders“, erklärt Moser. „Es hat nur geringe Auswirkungen auf den Insulin-Ausstoß, es schwächt den Anstieg der Sättigungshormone und lässt dem Appetitförderer Ghrelin freien Lauf.“ Während Glukose in den Körperzellen in Energie umgewandelt wird, ist für Fruktose die Leber zuständig und baut den Fruchtzucker bei Überangebot sofort in Fett um. „Dummerweise vor allem in das problematische LDL-Cholesterin.“


Ein Glas Saft entspricht einem Kilogramm Äpfel

Ingrid Kiefer zeigt mehrere Produkte aus dem Supermarkt, die mit Fruktose gesüßt werden, weil das lange Zeit als besonders gesund und ernährungstechnisch en vogue galt. „Besonders für Kinder wurde Fruktose empfohlen." Fruchtzucker ist auf vielen Produkten zugesetzt - dazu muss man allerdings oft das Kleingedruckte lesen.
Einen enormen Gehalt an Zucker hat der Saft vollreifer Früchte. Weil die Ballaststoffe in Apfel oder Orange zum Großteil in der Presse zurück bleiben, speziell bei gekauften Produkten, ist der Zucker aus dem Saft für den Organismus rascher verfügbar. Die wenigsten Menschen essen drei Orangen, oder vier Äpfel auf einmal. Doch ein Glas Apfel- oder Orangensaft, das ist vergleichsweise schnell runter gespült. „Die meisten Fruchtsäfte sind als Getränke wenig geeignet“, sagt Kiefer. "Das sind eigentlich keine Getränke, sondern hoch potente Energie-Infusionen. – Damit werden die Weichen in Richtung Übergewicht und Diabetes schon in der Kindheit gestellt.“ Kinder, so die Ernährungsexpertin, sollten Wasser trinken.


Zucker versus Saccharin, Aspartam & Co.

Marketingschlacht um den Süßstoffmarkt

Zucker ist trotz all dieser Fakten jedoch keineswegs das Gift, als das es vielfach denunziert wurde. Fast unsere gesamte Nahrung wird am Ende in Blutzucker umgewandelt. „Es hat enorme Bedeutung für den Stoffwechsel“, sagt Moser. „Das Gehirn funktioniert beinahe ausschließlich auf Basis von Glukose. Experimente demonstrieren, dass ein fettes Frühstück zwar länger satt hält, doch Zucker kurbelt dafür die Konzentrations- und Gedächtnisleistung besser an.“
Trotz der unbestrittenen Bedeutung von Zucker für den Stoffwechsel des Menschen kam es immer wieder zu Phasen von herbem Zucker-Bashing. Einige dieser Attacken hatten eindeutig kommerzielle Hintergründe. Saccharin, der Pionier der künstlichen, kalorienfreien Süßstoffe war das erste Produkt, das der nunmehr für gentechnisch verändertes Saatgut und Knebelverträge für die Bauern berüchtigte Konzern Monsanto vermarktete.

Aspartame-Scare im Web
Auch hinter Aspartam, einem Produkt der NutraSweet Company, steckt eine illustre Persönlichkeit. Der später als US-Verteidigungsminister im Kabinett von George W. Bush berühmt gewordene Donald Rumsfeld war es, der zu Beginn der 80er Jahre die Zulassung der umstrittenen Chemikalie betrieb, die rund 400 Mal süßer als Zucker ist. Durch geschicktes Lobbying erreichte er schließlich die Zulassung bei den US-Behörden. Doch Aspartam war nicht der einzige Bestseller, den Rumsfeld vermarktete. Bevor er in die Politik ging und als Georg Bushs Mann fürs Grobe im Irak-Krieg bekannt wurde, nahm er als Geschäftsführer und Aktionär des Pharmakonzerns Gilead die Entwicklung des Influenza-Medikamentes Tamiflu unter seine Fittiche. Der massenhafte Ankauf des umstrittenen Mittels im Zuge der Vogel- und Schweinegrippe Pandemie bescherte Rumsfeld private Millionengewinne. Und mit derselben Verve, mit der er Saddam Hussein verfolgte, zog Rumsfeld in den Achziger Jahren gegen Zucker in den Krieg. 

„Die Wissenschaftliche Bewertung dieser Light-Produkte Invasion fällt bis heute schwer“, sagt Ingrid Kiefer. „Denn es war eigentlich eine Marketing-Schlacht, wo von beiden Seiten mit grenzwertigen Mitteln so genannte Wissenschaft betrieben wurde.“ Auf der einen Seite galt Zucker als Teufelszeug und Killer, auf der anderen wurden die künstlichen Süßstoffe unter General-Krebsverdacht gestellt. Saccharin wurde in einigen Ländern sogar vom Markt genommen, weil es bei Laborratten in hohen Dosen Blasenkrebs ausgelöst hatte. Bis zum Jahr 2000 mussten damit gesüßte Produkte Warnhinweise tragen, bis sich der Verdacht mehr oder weniger in Luft auflöste.
„Krebs ist nicht das Problem dieser künstlichen Süßstoffe“, sagt Kiefer. „Deutlich problematischer sind sicherlich deren Auswirkungen auf den Stoffwechsel.“
Saccharin, Aspartam oder das aus dem südamerikanischen Honigkraut extrahierte, nichtkalorische Süßungsmittel Stevia sind 200 bis 500 Mal süßer als Zucker. „Sie täuschen den Geschmacksrezeptoren im Organismus vor, dass gleich eine Kalorienflut den Kreislauf überschwemmt – und dann kommt nichts.“ Was das für Auswirkungen hat, ist erst teilweise erforscht.
Derzeit wird gerade Aspartam von den EU-Behörden einem neuerlichen Sicherheits-Check unterzogen. Jürgen König ist als Experte mit im Team der Europäischen Agentur für Lebensmittelsicherheit. „Die Resultate werden im November veröffentlicht. Es gab einige Streitpunkte und es ist noch nicht entschieden, wie der Konsens aussehen wird.“


Fett durch Light Produkte?

Epidemiologische Langzeitstudien mit vielen tausend Teilnehmern zeigen meist keinen günstigen Einfluss von kalorienfreien Süßstoffen auf die Gewichtsreduktion. Meist weisen die Resultate sogar in die Gegenrichtung. Jene, die künstliche Süßstoffe verwendeten, nahmen schneller zu und litten häufiger an Übergewicht. „Nun stellt sich natürlich die Frage“, sagt die Wiener Ernährungsforscherin Ghazaleh Gouya, „ob diese Personen deshalb dick sind, weil sie künstliche Süßstoffe verwenden, oder ob sie künstliche Süßstoffe verwenden, weil sie dick sind.“ Einiges deutet darauf hin, dass der Light Zucker durchaus eine gewichtige Rolle spielen könnte. „Es zeigte sich nämlich, dass nicht nur übergewichtige, sondern auch normalgewichtige Personen, die Aspartam, Saccharin und Co. verwendeten, im Lauf der Jahre signifikant mehr Pfunde zunahmen, als Personen, die solche Produkte ablehnten.“
„Allein das Wissen, dass sie Light Produkte essen, reicht für manche Menschen scheinbar aus, um sich ein weiteres Stück Kuchen oder Gebäck zu gönnen“, berichtet Ingrid Kiefer. „Aus meiner langjährigen Beratungspraxis weiß ich, dass Menschen, die Light-Produkte essen und trinken, das häufig mit Extraportionen kompensieren. Entweder die kalorienfreie Süßstoffe fördern den Appetit oder sie liefern die Ausrede, mehr zu essen als man das bei normalem Zucker tun würde.“

Elisabeth Jäger ist Sprecherin der Selbsthilfegruppe Adipositas. Sie hat jahrelang mit schwerem Übergewicht gekämpft. Bei ihrer Ernährung achtete sie viele Jahre auf Zucker und verwendete ausschließlich kalorienfreien Ersatz. „Es ist halt schon so, dass der Geschmack süss für mich zur Lebensqualität gehört. Darauf möchte ich nicht verzichten, weil ich schon eher eine Süße bin.“
In den Kaffee kamen die Saccarin-Pillen, das Cola war zero und bei Eis oder Schokolade griff sie zu zuckerfreien Alternativ-Produkten. Der Erfolg stellte sich nicht ein. „Ich hatte dann so einen Leidensdruck, dass ich mich zu einer Operation mit Magenband entschlossen habe. Damit habe ich schließlich 60 Kilogramm abgenommen. Künstliche Süßstoffe hätten nie diesen Effekt gehabt.“

Psychische Faktoren spielen bei Übergewicht eine enorme Rolle. „Hier wird von Kindheit an ein Suchtverhalten eingelernt, das die Erwachsenen dann nicht mehr wirklich beherrschen“, erklärt Gouya. „Ein Mensch, der zu Fressanfällen neigt, ist wie ein Süchtiger auf Entzug, wenn sie ihm den Stoff wegnehmen. Der wird sehr gereizt und ist Vernunft-Argumenten kaum zugänglich.“


Zu diesem Thema habe ich eine Ausgabe des Wissenschafts-Magazins "Newton" gestaltet (Ausstrahlung: ORF 1, Samstag, 14. 9., 18,40 Uhr, Wiederholung: 17. 9., 12,35 Uhr). Bis zum 21. 9. 2013 kann man die Sendung in der TV-Thek des ORF sehen. 

Dienstag, 3. Mai 2011

"Ein schöner Körper ist Luxus"

Die Wiener Motivforscherin Helene Karmasin über die gesellschaftlichen Vorgaben, was schön und was hässlich ist.


Ehgartner: Wie lässt sich Schönheit definieren?

Karmasin: Vor allem als eine Frage der Zeit mit ihren wechselnden Vorgaben. Wenn wir heute Bilder des Fernsehballetts aus den Sechziger Jahren sehen, haben wir den Eindruck, dass die Tänzerinnen alle ein bisschen pummelig sind und dass sie dringend eine Kur gegen Cellulitis notwendig hätten. Zu ihrer Zeit waren sie aber perfekte Schönheiten. Oder nehmen wir den üppigen Busen von Jayne Mansfield auf dem Titelblatt meines Buches. Für eine Dame des Mittelalters wäre das ein Desaster gewesen und sie hätte alles getan um ihn zu verstecken um nicht wie eine sozial tiefrangige Amme zu erscheinen.

Ehgartner: Warum hat sich das Ideal in unserer Zeit so sehr in Richtung eines schlanken Körpers mit makelloser Haut verändert?

Karmasin: Was schön ist, hängt von den Leitwerten ab, die eine Gesellschaft vermitteln möchte. Die Gesellschaft schreibt ihre Leitwerte in das Ideal eines schönen Körpers ein. Es gibt kein besseres Objekt, an dem eine Gesellschaft den einzelnen Mitgliedern demonstrieren kann: Das ist uns wichtig und das verlangen wir von dir. Die Werte, die heute geübt werden sollen sind Disziplinierung, Selbstverantwortlichkeit und Leistungsbereitschaft.

Ehgartner: Daher auch der Kampf gegen das Fett?

Karmasin: Das gleicht einem Kreuzzug. Jedes Gramm Fett muss geächtet werden. Das hat etwas mit Puritanismus zu tun: Wer die Gelüste des Körpers besiegt, demonstriert quasi die Gnade Gottes und ist ein moralisch hochwertiges Mitglied der Gesellschaft. Deshalb werden die fetten Körper auch verfolgt, sie spielen die Rolle von Sündern und machen die Norm deutlich. Der Staat greift ein, indem es etwa heißt: das ist ja auch ungesund. Niemand freut sich, wenn er fett ist und schickt ein SMS: „Hurra, schon wieder ein Kilo zugenommen.“ Die Leute schämen sich stattdessen, weil sie dem Ideal der Gesellschaft nicht genügen.

Ehgartner: Und es gibt riesige Märkte, die diesen Körper formen helfen.

Karmasin: Wir leben eben in einer Marktgesellschaft und ein schöner, perfekter Körper ist ein ideales Objekt. Denn etwas an einem Körper ist immer zu verbessern. Und was bereits schön ist, lässt sich noch optimieren. Sie können für alles Vorsorge treffen. Sie können alles korrigieren, man braucht nur die Maßstäbe immer höher schrauben. Dann gibt es natürlich Leute, die versündigen sich. Dann kriegen sie Diäten und Cellulite-Roller. Das ist ein perfektes Geschäftsmodell.

Ehgartner: Wer übt denn konkret Druck aus?

Karmasin: Das beginnt schon in der Schule: Fette Kinder werden gemobbt. Dicke bekommen schlechter eine Wohnung, schlechtere Jobs bei gleicher Ausbildung. Ich finde das ungeheuer faszinierend, wie Gesellschaften es schaffen, subtilen Druck in die Richtung aufzubauen, was gerade gebraucht wird. Und wir brauchen eben eigenverantwortliche Menschen mit Disziplin und Leistungsbereitschaft. Sehen Sie sich dazu die Produkte an, die zur Selbstmedikation angeboten werden. In Wahrheit geht es dabei gar nicht um Gesundheit, sondern darum jederzeit körperlich und geistig fit und abrufbereit zu sein.

Ehgartner: Wie entstehen denn solche Moden wie das Ideal vom unbehaarten perfekt glatten Körpers?

Karmasin: Es wird als degoutant empfunden, dass es überhaupt noch Reste von tierischer Herkunft gibt. Begonnen hat das schon in der Renaissance, als der moderne Körper erfunden wurde. Der Schwert tragende, schmerzunempfindliche Mann galt nun als primitiv. Das Konzept des geschlossenen Körpers wurde formuliert und die perfekte Enthaarung im Schambereich treibt das auf die Spitze. Das zieht bei den Frauen gleich noch Genitaloperationen nach sich, weil ja alles sichtbar ist und auch die Schamlippen schön und perfekt geformt sein müssen.

Ehgartner: Und man riecht auch nicht mehr – außer nach Parfum.

Karmasin: Jede Form tierischer Herkunft wird getilgt. Keine dieser tabuisierten Körperausscheidungen darf nach außen dringen. Der Körper muss eine glatte, geschlossene Oberfläche zeigen. Das gehört bei uns auch zur Definition des autonomen Menschen. Wer das nicht erfüllt, dem sprechen wir ja fast das Menschsein ab. Denken Sie an die ganz alten Leute, die werden hinter die Kulissen verlagert, das wollen wir nicht riechen, nicht sehen und nicht spüren.

Ehgartner: Gibt es nicht auch eine Gegenbewegung gegen diesen Schönheitswahn?

Karmasin: Selbstverständlich, gegen alle Strömungen gibt es Gegenströmungen und Personen, die das aufs höchste anprangern. Diese extremen alternativen Abweichler, die Deos für Teufelszeug halten, sind allerdings Minoritäten. Die nehmen auch in kauf, dass sie stinken und die würden sich natürlich niemals Körperbehaarung rasieren.

Ehgartner: Wie wird denn ein Schönheitsideal zum Mainstream. Wird das verkündet, oder sickert das ein?

Karmasin: Denken Sie an Werbung der Siebziger Jahre. Da wurden Leute gezeigt, die in der Straßenbahn ihre nasse Achsel hoben und rundherum sind die anderen reihenweise umgefallen und haben haben sich geekelt. Damit begann der Siegeszug der Deos. Die Werbung schafft dabei allerdings nicht den ideologischen Überbau. Sie kann nur verstärken, was schon da ist, und es in sehr prägnante Zeichen fassen.

Ehgartner: Und sie stellt uns Prachtkörper vor die uns vor Neid erblassen lassen?

Karmasin: Damit wird die Schraube der Disziplinierung immer mal wieder ein bisschen mehr angezogen. Zudem ist es interessant, wie hier die Körpervorstellungen von Männern und Frauen abweichen. Aber es gibt ja schon wieder die nächste Stufe: Der Avatar, mit seinem computergenerierten Körper, der nur noch aus unglaublich grazilen sehnigen Gliedmaßen besteht. Das würden wir als nächstes wollen, wenn wir das irgendwie erreichen könnten.

Ehgartner: Sie bringen hier in Ihrem Buch zur Illustration die boomenden Samenbanken in den USA, wo man ein richtiges Wikinger-Kind von großen blonden skandinavischen Spendern bestellen kann.

Karmasin: Nach dem Stand der Dinge ist das immer noch ein Ideal. Wir denken, wir sind bei unseren Vorstellungen vom idealen männlichen und weiblichen Körper vollständig emanzipiert. Wenn sie dann aber sehen, was im Mainstream wirklich geschieht, so haben sie dramatische Unterschiede.

Ehgartner: Wie zeigt sich das?

Karmasin: Wir gehen davon aus, dass Frauen keine Kontrolle über ihren Körper haben, dieser führt ein Eigenleben, er ist ein unfolgsamer Agent. Der Bauch bläht sich oder auf einmal sinkt eine Partie ein und eine andere tritt hervor. Der weibliche Körper ist in der Kosmetik-Werbung prinzipiell defizitär. Der männliche Körper kann auch optimiert werden, aber im Kern ist er okay. Bei Frauen ist hingegen immer etwas zu tun. Da gibt es eine Creme gegen sichtbare Falten, eine gegen solche, die noch nicht sichtbar sind und eine gegen Falten, die erst entstehen könnten. Frauen sind prinzipiell weich und schwabbelig, so wie die Nachspeisen, und sehr leicht dringen Gefühle und Körperflüssigkeiten nach außen. Und das muss vermieden werden. Da sind Körpervorstellungen von Jahrhunderten verarbeitet in diesen Bildern.

Ehgartner: Was verbindet man denn mit übergewichtigen Politikern wie Josef Pröll einer war?

Karmasin: Man beginnt sich zu fragen, warum der wohl so mollig ist und vermutet: Der bewegt sich nicht richtig, der passt beim Essen nicht so auf und trinkt zuviel. Der ist nicht ganz so diszipliniert wie wir das so gern hätten. Also ist es besser, man ist so wie der Obama, oder die ganzen Kollegen, die sich dauernd als sportlich tätig zeigen. Wir stellen nicht unbedingt die Forderung, dass ein Politiker schön sein muss, aber er muss über einen Körper verfügen, an dem wir ablesen, dass er ein selbstverantwortlicher disziplinierter Mensch ist.

Ehgartner: Aber ein Nachteil ist es auch nicht, wenn man so aussieht wie Sebastian Kurz?

Karmasin: Bei Männern ist Schönheit ambivalent. Zum einen ist physische Attraktivität immer ein Bonus. Männliche Politiker müssen dann aber auch ganz schnell zeigen, dass sie sehr gescheit, clever und durchsetzungsfähig sind.
Denn die Frage, ob dieser Schönling wohl auch klug ist,kommt sehr schnell. Es gibt das Erhabene, das Würdige – das ist mit Männern korreliert, und dann das Liebliche, das Schöne. Und das ist auch bei dem Kurz so. Der muss sehr aufpassen, dass er nicht in die Schiene rutscht: Meingott, was für ein fescher junger Mann. Da schwingt dann immer der Zweifel mit, ob der auch gescheit und durchsetzungsfähig oder nur niedlich ist.

Ehgartner: Wir unterscheiden sich davon schöne Männer vom Typ eines Haider oder Strache?

Karmasin: Sie repräsentieren einen anderen Typ von Schönheit, den sportlich fitten Typ . Das passt immer, denn es geht in richtung Körperarbeit. Das wollen wir, weil wir sehen, hier war Disziplinierung am Werk. Beim Kurz kann man das nicht sagen. Der hat ein schönes Gesicht und lange Haare.

Ehgartner: Bei Frauen schlägt das dann um, wenn sie sich sportlich präsentieren – oder wenn man gar, wie bei Eva Glawischnig einen Bauchnabel sieht?

Karmasin: Das darf man nicht. Wie Politikerinnen ihren Körper präsentieren müssen, ist extrem rigide. Die Präsidenten Putin oder Sarkozy zeigen sich bei jeder Gelegenheit als sportliche Typen mit nacktem Oberkörper. Sowas wäre bei Politikerinnen ein absolutes Tabu. Die haben ihren weiblichen Körper in der Politik nicht zu präsentieren.

Ehgartner: Beim Dresscode wirkte Kanzlerin Merkel geschickter als Ex-Justizministerin Bandion Ortner?

Karmasin: Mit Sicherheit. Der Dresscode bei Politikerinnen darf nicht sagen: Ich bin ein kleinbürgerliches Weibchen. Der muss zeigen: Ich bin neutral, ich übernehme den dominanten Code. Und das ist der männliche. Frauen können Hosen tragen, aber Männer keine Röckchen. Je näher sie mit ihrer Kleidung an den Business-Macht-Code gehen, desto besser. Anders ist das bei Laura Rudas. Die ist ein ganz anderer Typ. Das ist die Junge. Es muss ja jede Zielgruppe angesprochen werden.

Ehgartner: Gibt es eigentlich noch eine Steigerungsstufe bezüglich der Schönheits-Ideale oder ist hier das Maximum bereits ausgereizt?

Karmasin: Ich denke, dass die Verbindung von Schönheit und Gesundheit noch verschärft werden wird. Der Gesundheitsmarkt ist ja ähnlich riesig wie jener der Schönheit. Und der lebt im Kern auch vom Traum des perfekten Körpers. Es gibt ja auch immer mehr Kliniken im Zwischenbereich, wo enttoxiert und aktiviert ,gesund und schön gemacht wird.

Ehgartner: Unterscheidet sich hier die „sanfte“ Alternativmedizin von den Reparaturansätzen einer plastischen Chirurgie?

Karmasin: Es geht eindeutig in beide Richtungen. Sie entsprechen den beiden Systemen, die bei uns bestimmend sind: das technisch Naturwissenschaftliche Weltbild, das von den staatlichen Stellen gefördert wird und die alternativen Ansätze. Dies ist ein boomender Markt, der einer Sehnsucht der Menschen entgegen kommt. Das eine System beruht auf dem Konzept des dualistischen, zerstückelten,isolierten Körpers, das andere auf dem des ganzheitlichen,fühlenden Körpers, der im Einklang mit der Natur ist.

Ehgartner: Dahinter steht immer auch der Gedanke, dass die Schönheit ein Statussymbol ist. Was unterscheidet denn dieses Symbol von – sagen wir – einem tollen Auto?

Karmasin: Man kann es nicht so einfach kaufen. Ein schöner Mensch signalisiert enorm viel: Finanzielles , soziales und kulturelles Kapital. Ein schöner Körper ist ein Zeichen, das nicht zu überbieten ist. Für einen schönen Körper brauchen Sie mehr als nur Geld, Sie brauchen auch moralischen Qualitäten.Er zeigt, dass Sie wirklich diszipliniert und selbstverantwortlich waren. Sie müssen auch die richtigen Experten kennen und die richtigen Netzwerke. Und das signalisieren Sie alles mit einem schönen Körper. Besonders dann, wenn sie älter sind. Das Leben verschärft diesen Kampf ja Jahr um Jahr. Wer es aber schafft, vom Ideal der Schönheit etwas zu behalten, hat etwas, das kaum durch irgend ein anderes Luxusgut zu überbieten ist.

Ehgartner: Was macht denn jemand, der zum Dicksein neigt?

Karmasin: Der muss sich halt stärker anstrengen. Zum Dicksein neigen, das ist so eine Sache. Wer neigt denn zum Dicksein: Wer abends drei Cremeschnitten isst und sich aufs Sofa legt. Die Leute sagen ja immer, ich esse wie ein Vögelchen und es sind die Gene. Aber es gibt selbstverständlich Abstufungen. Schönheit ist ein Merkmal, das wie alle anderen Merkmale verteilt ist. Manche haben es in hohem Ausmaß. Andere haben es gar nicht, sondern dünne Haare und gelbe Zähne und eine krumme Nase. Die haben dann die Möglichkeit, was zu unternehmen.

Ehgartner: Wie geht es denn Ihnen selbst, wenn Sie hässliche Menschen sehen?

Karmasin: Die erste Anmutung eines schönen Menschen ist sicher positiver als die eines hässlicheren. Da ist kaum jemand gefeit dagegen. Aber selbstverständlich kommt es dann schon drauf an, wie der Mensch spricht und wie er vom Wesen ist. Man kann den Startnachteil schon auch aufholen.


Dr. Helene Karmasin studierte Psychologie und Semiotik und ist die Gründerin der Karmasin Motivforschung GmbH.
Ihr aktuelles Buch „Wahre Schönheit kommt von Aussen“ (Verlag Ecowin, Salzburg) kommt diese Woche in den Buchhandel.


Dies ist die Langfassung eines Interviews, das im Rahmen der Titelgeschichte "Damenwahl" in der aktuellen Ausgabe des Nachrichtenmagazins profil erschienen ist. Foto: © Henisch

Montag, 8. März 2010

"You kill your family!" - Jamies Mission

Der britische Starkoch Jamie Oliver at his best. Hier in einem temperamentvollen Vortrag, den er im Februar in einem voll-besetzten Theater in West-Virginia, dem wie er dem Publikum sagt "fettesten Staat der Welt", gehalten hat.
Olivers dramatische Performance tritt dort hin, wo es weh tut: etwa wenn er einer jungen Mutter alles auf einem Tisch aufstapelt, was sie ihrer Familie in einer Woche zum Essen vorsetzt. Einen üblen Berg aus Pizza und Burgers und Bagels - ein ekelhafter Berg von Fastfood, der nun einem Abfallhaufen gleicht. Und dazu sagt er der weinenden Frau: "You kill your family!" - Und sie entgegnet: "I know". - Das ist - inspiriert von Michael Moore - an der Grenze des Erträglichen.
In der Realität ist diese Grenze heute aber schon vielfach überschritten. Und es ist eine Schande, dass Ernährungs-Erziehung heute von Leuten wie Oliver übernommen werden muss, die eine "Food-Revolution" ausrufen um eine der größten sozialen und gesundheitlichen Katastrophen abzuwenden, auf die unsere Gesellschaft zusteuert.

Im Zentrum der Revolution steht immer der Versuch, den Menschen das "Selbst-Kochen" wieder schmackhaft zu machen. Eine Wissens-Vermittlung, die den meisten Schulen heute viel zu minder ist, um überhaupt auf dem Lehrplan zu stehen. Oder die, wenn sie in spezialisierten Fachschulen als Hauptfach am Plan steht, sofort zur Perversion wird: Wenn Tischordnungen gepaukt, Kalorien gezählt, Kunststücke gebacken und insgesamt ein Druck und ein Terror ausgeübt wird, um "Kochen" nur ja ebenso schwer und gefürchtet zu gestalten wie "Latein" oder "Mathematik". Meine Tochter hat so eine Schule besucht - und rührt seither nur mehr im Notfall einen Kochlöffel an.

Doch was für ein Fach könnte "Kochen und Ernährungslehre" sein, wenn sich fantasievolle Lehrer dessen annehmen: Menschen, die zeigen, wie schön es ist, zu genießen und Genuss zu bereiten. Leute wie Jamie Oliver geben hier einen Anstoß. In einer plakativen Dramatik, die dem Notstand, in dem wir uns befinden, durchaus angemessen ist.