Posts mit dem Label Bakterien werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Bakterien werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Donnerstag, 5. Oktober 2017

Schmutzimpfung statt Schutzimpfung

Die Angst vor Keimen im Haushalt, ein neues Einsatzgebiet für Impfungen und das wirkliche Risiko, das von Antibiotika-Kuren ausgeht: Wichtige Themen in meinem Buch "Die Hygienefalle", die auch im Interview für die deutsche Fachzeitschrift "Kinderkrankenschwester" zur Sprache kommen. 

Kinder brauchen Schmutz: ein artenreiches Mikrobiom ist
ein wichtiges Fundament unserer Gesundheit (Foto: Ehgartner)


Worum geht es in der Hygienefalle? Sterile Lebensmittel, übertriebene Körperhygiene, zu viele Putzmittel im Haushalt?

Bert Ehgartner: Ja, auch. Vor allem aber um unseren generellen Umgang mit Keimen. Die Grundprinzipien der Hygiene umzusetzen war eine der segensreichsten Leistungen unserer Zivilisation. Doch dann haben wir gewaltig übers Ziel geschossen und der Krieg gegen Viren und Bakterien wurde zu einem Leitmotiv unseres Verständnisses von Gesundheit. Damit sind wir gewaltig in die Hygienefalle getappt.

Sie meinen die Überverschreibung von Antibiotika und das damit verbundene Risiko von Resistenzen und Krankenhauskeimen?

Bert Ehgartner: Die Resistenzbildung ist eine Nebenwirkung der Überverschreibung. Viel problematischer ist allerdings die Hauptwirkung der Antibiotika: Das Massensterben, das sie bei unseren mikrobiellen Mitbewohnern auslösen. Wir beherbergen zehnmal mehr Bakterien als wir menschliche Zellen haben. Die genetische Vielfalt unserer Mitbewohner übersteigt unsere eigenen Gene um das Hundertfache. Und wir wissen heute, dass wir einen kunterbunten Austausch an Information pflegen. Unsere Gesundheit hängt davon ab, dass unser Mikrobiom möglichst vielfältig ist und ein stabiles, symbiotisches Verhältnis zu den Zellen des Immun- und Nervensystems pflegt. Deshalb ist die Tendenz der Kinderärzte „zur Sicherheit“ Antibiotika zu geben, gemeingefährlich.

Trägt diese Praxis auch Mitschuld am Anstieg der chronischen Krankheiten?

Bert Ehgartner: Jedenfalls. Die Mehrzahl dieser Krankheiten hat ja eine gemeinsame Wurzel: Ein überaggressives aus der Bahn geworfenes Immunsystem. Und speziell in der Kindermedizin wird laufend das heranwachsende Immunsystem manipuliert. Auch durch Impfungen. Sie gelten als „Heilige Kuh“ der Medizin und manche werden heute noch nach Rezepten hergestellt, die beinahe 100 Jahre alt sind. Hier braucht es dringend eine Modernisierung, eine tabulose Überprüfung von Nutzen und Risiko aller Impfungen. Stattdessen überlassen wir die Forschung komplett der Industrie, während die Behörden auf der faulen Haut liegen.

Wie können wir uns nun aus der Hygienefalle befreien?

Bert Ehgartner: Wir brauchen ein neues Verständnis für Gleichgewicht und Symbiose. Dazu gehört der Friedensschluss mit Viren und Bakterien. 99,9 Prozent sind nicht gefährlich, sondern nützlich und lebensnotwendig. Unser Problem ist heute eher die Abwesenheit vieler Keime. Und hier muss die Wissenschaft ansetzen. Denkbar wäre, dass künftige Impfungen das Immunsystem nicht mehr aggressiv machen und vorwarnen gegen bestimmte Infekte, sondern sie könnten Kontakte herstellen, die verloren gegangen sind. Schmutzimpfung statt Schutzimpfung!

Das Interview erschien in der Zeitschrift "Kinderkrankenschwester" (Ausgabe 03/17, Seite 110). Geführt hat das Interview der Berliner Medizinjournalist Hardy-Thorsten Panknin.

Dienstag, 30. Mai 2017

Stillen: Gesunde Bakterienkur für Babys

Zahlreiche Studien belegen, dass gestillte Kinder besser gegen Erkältungskrankheiten und Darminfektionen geschützt sind und dass sie weniger anfällig für Allergien sind. Ein Forscherteam aus Los Angeles untersuchte nun die Bedeutung des Stillens beim Aufbau des kindlichen Mikrobioms und erlebte dabei eine Überraschung: Mehr als ein Drittel der Darmbakterien des Kindes wird über Muttermilch und Hautkontakt beim Stillen weiter gegeben.



Jeder Mensch ist ein Zoo. Wir beherbergen eine Unzahl von Lebewesen, die meisten davon im Darm sowie auf unserer Haut. Die Bedeutung dieses "Mikrobioms" für unsere Gesundheit  erweist sich immer mehr als eine der wichtigsten und revolutionärsten Erkenntnisse der jüngeren wissenschaftlichen Forschung. Hier liegt offenbar der Schlüssel für eine stabile Balance im Organismus.
Dies ist umso wichtiger, als wir derzeit eine weltweite Epidemie von Krankheiten erleben, die allesamt mit gestörten Immunfunktionen zu tun haben. Es gibt hunderte Arten von Autoimmun-Erkrankungen, von denen der Großteil vor wenigen Jahrzehnten noch gar nicht bekannt war. Ein Drittel der Bevölkerung leidet an Allergien. ADHS, Autismus und andere Entwicklungsstörungen sind von Einzelfällen zum Massenphänomen geworden.
Das Mikrobiom entpuppt sich als wichtigster Partner unseres Immun- und Nervensystems. Und wenn zwischen diesen drei Säulen unserer Gesundheit die Chemie stimmt, so ist das offenbar die beste Versicherung für ein langes Leben ohne derartige chronische Krankheiten. (Dies ist übrigens die Kernthese meines aktuellen Buches "Die Hygienefalle - Schluss mit dem Krieg gegen Viren und Bakterien".)


Mitarbeit gegen Kost und Quartier

Je diverser und reichhaltiger unser Mikrobiom aufgebaut ist, desto stabiler ist es - und umso mehr nützliche Eigenschaften unserer Mitbewohner können wir nutzen. Ein gesunder Mensch beherbergt zwischen 2000 und 3000 verschiedene Bakterienarten, die alle ihre eigenen Fähigkeiten mit in die Lebensgemeinschaft ein bringen. Im Lauf der Evolution hat unser Organismus ja eine ganze Unzahl an Kompetenzen eingebürgert. Wenn Bakterien bestimmte Vitamine oder Hormone erzeugen können, wenn sie Pilze in Schach halten und das aggressive Immunsystem beruhigen können, wozu sollte dann Energie verpulvert werden, diese Fähigkeiten selbst zu entwickeln. Da war es doch einfacher, den Bakterien einen Lebensraum zu reservieren und mitarbeiten zu lassen.
Wir stehen derzeit noch ganz am Anfang, die Unmenge an Symbiosen zu verstehen, die wir mit unseren Mitbewohnern eingegangen sind. Klar ist allerdings schon jetzt, dass das alte Bild der "schmarotzenden und krank machenden Keime" falscher nicht sein könnte. 99,9% aller Bakterien sind nützlich und harmlos.

Die Zusammensetzung der Darmbakterien ist während der ersten drei Lebensjahre recht variabel und stabilisiert sich erst dann in ein ähnliches Muster wie es auch bei Erwachsenen vorherrscht. Dennoch ist jedes Mikrobiom so einzigartig wie ein Fingerabdruck, sogar eineiige Zwillinge können vollständig unterschiedliche Kolonisierungen ihres Darms haben.


Bakterienmuster bleiben ein Leben lang

Kinderärzte der Universität von California in Los Angeles unter der Leitung von Grace Aldrovandi haben nun in einer aufwändigen Studie die Bedeutung des Stillens für die Ausbildung des Darm-Mikrobioms bei Neugeborenen untersucht. Insgesamt nahmen 107 Mütter mit ihren Babys an der Studie teil. Im Verlauf der ersten 12 Lebensmonate wurden sie mehrfach untersucht: Bei den Müttern die mikrobielle Zusammensetzung ihrer Milch sowie die bakterielle Besiedlung des Warzenhofs um die Brustwarze (Areola mammae), bei den Babys wurden regelmäßig Stuhlproben gesammelt und analysiert.

Die Besiedlung des kindlichen Darms ist ein komplexer Prozess und hängt von vielen Faktoren ab. Kaiserschnitt-Kinder haben eine ganz andere Kompostion, als Babys, die im Geburtskanal der Mutter ihre Pionier-Bakterien mitnehmen. Die ersten Siedler haben jedenfalls einen enormen Startvorteil und manche Muster bleiben oft ein Leben lang erhalten. Insofern erscheint es sinnvoll, bestimmte Defizite der Kaiserschnitt-Geburt auszugleichen. Aber auch bei vaginal geborenen Kindern aus unseren Breiten ist die Bakterienvielfalt im Vergleich zu Kindern aus Entwicklungsländern deutlich unter entwickelt. Stuhlproben der Kinder von indigenen Amazonas-Völkern ergaben eine beinahe doppelt so große Vielfalt ihrer Darmbewohner.

Grace Aldrovandi wollte wissen, wie groß der Einfluss des Stillens bei der Besiedlung des Darms ist. Die Antwort in einem Wort lautet: enorm.
Im Schnitt erhielten die Babys 27,7 Prozent ihrer Darmbakterien unmittelbar über die Muttermilch transferiert. Weitere 10,4 Prozent stammten vom Gebiet rund um die Brustwarze. Die Übernahme der Bakterien war durchaus Dosis-abhängig. Je häufiger und länger die Babys gestillt wurden, desto mehr der mütterlichen Bakterien siedelten sich im kindlichen Darm an. Schließlich ergab sich – im Vergleich des Bakterien-Profils von zufällig zugeordneten Müttern – ein eindeutiges Bild der Zusammengehörigkeit der mütterlichen Bakterien mit der Darmflora des eigenen Kindes.

Wenn Mütter zu stillen aufhörten, auf Flaschennahrung umstiegen oder zunehmend feste Nahrung verfütterten, änderte sich die Komposition der Bakterien im kindlichen Darm dramatisch. Dennoch blieben bestimmte Grundmuster des ursprünglich angelegten Bakterienprofils stabil.
"Unsere Arbeit zeigt, dass sich im Lauf der ersten sechs Lebensmonate ein komplexes Netzwerk von Bakterien im kindlichen Darm bildet", erklärt Aldrovandi. "Muttermilch-Bakterien, die den Darm besiedeln bereiten den Boden für nachfolgende Bakterien, die sich ansiedeln. Daraus ergibt sich eine Art Fingerabdruck, der bis ins Erwachsenenalter erhalten bleibt."
Von einigen wenigen Bakterien ist bereits konkret bekannt, welche gesundheitliche Vorteile sie bieten. In der Milch enthaltene Veillonella und Rothia-Stämme schützen beispielsweise vor Asthma. Bei Kindern, die nur kurz oder gar nicht gestillt wurden, ergab sich ein deutlicher Überhang der Gattung der Bacteroidaceae, die in Studien bei Kindern und Erwachsenen mit Übergewicht ebenfalls vorherrschen.

"Unsere Resultate sind jedenfalls eine starke Unterstützung für die geltende WHO-Empfehlung, dass während der ersten sechs Lebensmonate ausschließlich und bis zum Ende des ersten Lebensjahres zusätzlich gestillt werden sollte", schließen die Autoren ihre Arbeit.


Wenn Ihnen der Artikel interessant und wichtig erscheint, würde

ich mich über einen kleinen Beitrag zu meiner Arbeit sehr freuen. 
Bert Ehgartner steht auch für Vorträge, Filmvorführungen, etc. zur Verfügung. 
Nähere Informationen finden Sie auf dieser Seite

Dienstag, 21. Juni 2016

Antibiotika – Das unerträgliche Mantra von der Resistenz

Noch immer setzen Ärzte Antibiotika ein, um „auf der sicheren Seite“ zu sein. Infektionsexperten und Behörden warnen vor der Gefahr von Resistenzen. Doch viel gefährlicher als diese Nebenwirkung der Überverschreibung von Antibiotika ist ihre Hauptwirkung: Der Kahlschlag, den sie im menschlichen Mikrobiom – der Gemeinschaft unserer bakteriellen Mitbewohner – anrichten.




In nahezu jeder Ansprache bei Infektionskongressen, in jedem Artikel zum „rationalen Einsatz der Antibiotika-Therapie“ wird vor der Gefahr gewarnt, dass Bakterien gegen die Medikamente resistent werden können. Die Wundermittel könnten bald nicht mehr wirken und die alten Seuchen wieder aufblühen, weil durch Überverschreibung viele Krankheitserreger nicht mehr auf Antibiotika ansprechen. „Ohne ein rasches und koordiniertes Handeln aller Beteiligten steuert die Welt auf eine post-antibiotische Ära zu, in der normale Infektionen und kleine Verletzungen wieder tödlich enden können“, warnte kürzlich etwa der stellvertretende WHO-Direktor Keiji Fukuda.

Resistenzen – die Warnung ist so alt wie die Antibiotika selbst. Schon deren Erfinder Alexander Fleming hatte gewarnt, dass Bakterien gegen Penicillin resistent werden könnten. Er drohte, dass eine zu geringe Dosierung oder ein zu kurzer Einnahmezeitraum unabsehbare Folgen auf die Wirkung seines Wundermittels haben könnten.

Antibiotika-Resistenzen entstehen nach denselben Prinzipien wie bei einem Herbizid, das gegen Unkraut schrittweise seine Wirkung verliert. Bei der ersten Anwendung sterben von 100 Unkrautpflanzen 95. Die fünf überlebenden allerdings vererben Teile ihrer Fähigkeit, dem Gift zu widerstehen. In der nächsten Generation stirbt nur noch die Hälfte der Pflanzen. Und nach einigen weiteren Saisonen verträgt das Unkraut das Gift bereits fast besser als die Nutzpflanzen.


Massenmord an Bakterien

Genauso läuft es bei Antibiotika. Amoxicillin, ein Verwandter des Penicillins, ist eines der am meisten verschriebenen Antibiotika speziell bei Kindern. Schluckt ein Kind den meist rosa gefärbten süßen Saft, wird der Wirkstoff über den Darm ins Blut abgegeben und verteilt sich auf den ganzen Organismus, in alle Organe, den Mund, den Hals, die Haut, die Ohren, bei Mädchen in die Vagina. Überall, wo die Antibiotika auf Bakterien treffen, werden diese attackiert und getötet. Amoxicillin ist ein sogenanntes Breitbandantibiotikum und als solches ein sehr effektiver Bakterien-Massenmörder.

Doch bei jeder Bakterienart gibt es Exemplare, die über bestimmte Mutationen oder Genvarianten verfügen, die sie den Angriff überleben lassen. Resistenzen werden bei der Teilung dieser Bakterien weitergegeben. Nach all dem Sterben ist für die resistenten Mikroben nun auch Platz genug, sich zu teilen und sich massenhaft zu verbreiten. Das können nützliche Bakterien sein, welche wieder ihre Positionen einnehmen, es können seltene Bakterien sein, die normalerweise ein Nischendasein führen und sich nun – mit unbekannten Folgen für die Behandelten – ausdehnen, und es können hoch problematische Bakterien sein, die Krankheiten auslösen, viel schlimmer und ernsthafter als der banale Infekt, für den das Kind den Saft vielleicht bekommen hat.

Abgesehen vom „theoretischen Risiko“ der Resistenzen sehen sehr viele Ärzte keinerlei Gefährdungspotenzial, wenn sie Antibiotika verordnen. Und die ständige Wiederholung des Resistenz-Mantras scheint das Drohpotenzial selbst dieser Warnung abzunutzen. Am Ende zählt vor allem der Wunsch, den Patienten entgegenzukommen.
Die ewige Mahnung von der Antibiotika-Resistenz wird formelhaft beschworen, der wirklich gravierende Systemfehler ist in Wahrheit aber ganz wo anderes zu suchen.

Natürlich müssen es die Ärzte in den Kliniken ausbaden, wenn sie die komplizierten Fälle bekommen. Bei ihnen sammeln sich jene Erkrankten, die routinemäßig ein paar Kuren zu viel erhalten haben, jene, die – vielleicht sogar im Krankenhaus selbst – geschwächt von allen möglichen sonstigen Therapien und Eingriffen das Pech hatten, Krankenhauskeime aufzuschnappen und jetzt mit ihrem komplizierten, unkurierbaren Infekt den Antibiotika-Fachleuten an der Universitätsklinik das Leben schwer machen, die sich nun mit multiresistentem Staphylokokkus aureus, Clostridium difficile und wie die Biester sonst noch alle heißen, herumschlagen müssen.
Das viel größere Problem liegt aber nicht darin, dass nach fünfzehn Antibiotika-Therapien die sechzehnte vielleicht nicht mehr funktioniert. Sondern in den Katastrophen, welche die fünfzehn Verschreibungen davor schon angerichtet haben. Jede einzelne.

Das Problem liegt in der konkreten Wirkung der Antibiotika – nicht in der Nebenwirkung: in den verheerenden Folgen der inflationär und sorglos verordneten Chemotherapien auf unsere mikrobielle Besiedlung und dem Kahlschlag, der durch Antibiotika im Mikrobiom der Behandelten verursacht wird und der ein ganzes System entgleisen lassen kann.


„Alle Krankheiten beginnen im Darm“

Hippokrates, der Vater der modernen Medizin, hatte schon vor 2500 Jahren geschrieben, dass „alle Krankheiten im Darm beginnen“. Von den 100 Billionen Mikroben, die sich darin herumtreiben, hatte er noch keine Ahnung, doch dass er mit seiner Ansicht recht haben könnte, wird immer deutlicher. Die Entdeckung des Mikrobioms wirkte in den letzten Jahren wie ein Katalysator, der eine neue Sichtweise ermöglichte.

Viele Menschen engagieren sich für Naturschutz und den Erhalt der Artenvielfalt. Es hat lange gedauert, doch nun geht immer mehr Leuten auf, dass auch wir selbst schwer bedrohte Biotope mit uns tragen. Inzwischen führen Forscher sogar schon Selbstversuche durch und experimentieren mit verschiedenen Ernährungsformen, um die Auswirkungen auf die Bakterien zu beobachten.

Jeff Leach, ein Wissenschaftler, den ich kürzlich kennengelernt habe, lebt viele Monate des Jahres beim Volk der Hadza in den Steppen Tansanias, um zu untersuchen, wie sich das Mikrobiom des Menschen bei einem Lebensstil wie in der Steinzeit verändert. Er selbst ist sein Versuchsobjekt: Leach lebt wie die Hadza, geht mit auf die Jagd, isst dieselben Beutetiere, Honig und Beeren – und als Dessert fette Maden. Er hat sogar wieder mit dem Rauchen angefangen, weil es zur Tradition der Hadza gehört, abends zusammenzusitzen und bestimmte Gräser zu paffen.

Jeff Leach untersucht die Auswirkungen eines Steinzeit-Lebensstils auf sein Mikrobiom


Andere Forscher nahmen sich selbst und andere Freiwillige als Versuchskaninchen, um die Einflüsse verschiedener Antibiotika auf die Darmflora im Detail zu studieren. Dabei zeigte sich, dass das Antibiotikum Clindamycin speziell auf die Gruppe der Bacteroides verheerende Auswirkungen hat und ihren Artenreichtum drastisch reduziert. Bacteroides gehören zur wichtigsten und zahlenmäßig häufigsten Spezies im Dickdarm. Selbst zwei Jahre nach einer Antibiotika-Kur hatte sich ihr Bestand nicht wieder erholt.

Das vorwiegend für Harnweginfekte und Entzündungen der Nasennebenhöhlen eingesetzte Antibiotikum Ciprofloxacin schafft es in drei Tagen, die Artenvielfalt im Darm drastisch zu reduzieren. Die britische Wissenschaftsautorin Alanna Collen berichtet in ihrem interessanten Buch „Die stille Macht der Mikroben“ sogar von einer Studie mit Babys, bei denen nach mehreren Antibiotika-Kuren überhaupt keine Bakterien-DNA mehr ausfindig gemacht werden konnte. Das heißt, das Mikrobiom, das viele von der Bedeutung her mittlerweile als eigenes Organ des Menschen betrachten, wurde bei diesen kleinen Kindern bereits vollständig zerstört.


Kleinkinder mit Diabetes


All diese Forschungsfragen betreffen drängende Probleme unserer Zeit: etwa die enorme Zunahme bei Autoimmunerkrankungen wie Diabetes Typ 1, bei dem das Immunsystem die Inselzellen der Bauchspeicheldrüse zerstört. Die Diabetes-1-Häufigkeit verdoppelt sich in Industrieländern alle 20 Jahre. Die am stärksten betroffene Altersgruppe sind Kleinkinder unter fünf Jahren. Der Alltag dieser Familien ist fortan mit Mathematik ausgefüllt: Die Kinder müssen sich ständig stechen, Blutzucker messen, Nudeln oder Saucen abwiegen, Speisen in Broteinheiten umrechnen und daraus den Insulinbedarf berechnen.

Für ihre Eltern gibt es keine Nacht mehr, in der sie durchschlafen können. Sie müssen spätnachts aufstehen, Blutzucker messen, um Überzucker zu vermeiden – oder den noch schlimmeren Unterzucker. Erwischen Diabeteskranke irrtümlich zu viel Insulin, droht der „Hypo“, ein dramatischer Zuckerabfall, der zu Bewusstlosigkeit und Koma, dem sogenannten „hypoglykämischen Schock“, führen kann. Zahlreiche Studien zeigen, dass „Hypos“ das Risiko einer Demenz im späteren Leben dramatisch ansteigen lassen, weil das Gehirn hoch sensibel auf Phasen der Unterzuckerung reagiert.

Ursache von Typ-1-Diabetes ist ein entfesseltes Immunsystem, das auf den eigenen Körper losgeht. Doch warum dreht das Immunsystem durch? Kann es sein, dass ihm die hilfreichen Bakterien abhanden gekommen sind? Dass zu wenige regulierende T-Zellen gebildet werden oder dass sonst eine Beziehung gekappt wurde, die wir noch gar nicht kennen? Die Mikroben haben zusammen rund 20 Millionen Gene, mit denen sie in den Organismus eingreifen. Hundert Mal mehr Gene als wir in unserem humanen Genom zur Verfügung haben. Hier ist noch viel Arbeit zu leisten, um auch nur die wichtigsten Zusammenhänge zu verstehen.

Jeff Leach beim Volk der Hadza (Foto + Infotipp: humanfoodproject.com)


Anlass für den Selbstversuch von Jeff Leach war die Krankheit seiner Tochter, die seit ihrem dritten Lebensjahr an dieser autoaggressiven Form von Diabetes leidet. Leach ist Anthropologe mit Studienabschluss an der London School of Hygiene. Durch die Krankheit seiner Tochter hat sich seine Einstellung zum Beruf verändert, und er machte die faszinierende Mikrobenwelt in uns zu seinem Forschungsschwerpunkt. „Irgendetwas mit unserem westlichen Lebensstil ist völlig aus dem Ruder gelaufen: mit unserer Medizin, unserer Nahrung, unseren Immunfunktionen“, sagte Leach bei einem unserer Skype-Gespräche, die er von der Savanne aus über Satellit mit mir führte. „Mit meiner Arbeit hier – indem ich wie ein Steinzeitmensch lebe – hoffe ich ein paar Antworten zu finden, die ich mit nach Hause nehmen kann.“ Nach Hause zu seiner Tochter, die mittlerweile in Kanada studiert. „Ich habe viel darüber nachgedacht, was wir bei ihr falsch gemacht haben. Sie war als Baby oft krank, bekam ständig Antibiotika. Ich frage mich mit dem Wissen, das ich heute habe, was wir damals wohl mit ihrem Mikrobiom angestellt haben.“


Unser Bauchhirn

Zunehmend rückt die MGB-Achse ins Zentrum der wissenschaftlichen Forschung. MGB steht für „microbiota, gut, brain“ also die Verbindung vom Mikrobiom zum Darm, dem größten und wichtigsten Organ des Immunsystems, hin zum Nervensystem und dem Gehirn. Die Mikroben regulieren die Darmfunktion und die Gesundheit. Die Beweislage wird immer massiver, dass sie das Immun- und das Nervensystem ebenso beeinflussen – und dass sich der Informationsfluss in jede Richtung bewegt. Dies passiert, ohne dass es uns auffällt, wenn wir bei guter Gesundheit sind. Was aber passiert bei den zahlreichen Erkrankungen, bei denen – zumindest zeitweilig – entzündliche Prozesse im Gehirn auftreten können? Viel spricht dafür, dass auch hier die MGB-Achse eine entscheidende Rolle spielt.

In verschiedenen Ländern werden mittlerweile Krankheiten untersucht, die auf den ersten Blick nicht verwandt scheinen, hier aber möglicherweise ihre gemeinsame Wurzel haben. Dazu zählen unter anderem Autismus, ADHS, Multiple Sklerose und diverse psychische Störungen.

Ein Zusammenhang zwischen Darm und Gehirn erscheint auf den ersten Blick absurd. Doch sogar umgangssprachlich wird von „Entscheidungen aus dem Bauch heraus“ oder vom „Bauchgefühl“ gesprochen. Außer im Gehirn und im Rückenmark gibt es nirgendwo im Organismus eine derartige Anhäufung von Nervenzellen. Das „Bauchhirn“ umfasst rund 500 Millionen davon und entspricht damit etwa dem gesammelten Grips eines Hundes. Evolutionär ist das Bauchhirn wesentlich älter als das Gehirn, diesem aber neurochemisch, also von seinen Zelltypen, Wirkstoffen und Rezeptoren her, sehr ähnlich. Der Darm bedient sich des Gehirns im Kopf und kommuniziert mit ihm. Diese Kommunikation verläuft in beide Richtungen: Darmbakterien haben Einiges mitzureden.

Etwa bei der Produktion des Neurotransmitters Serotonin, das eine große Rolle bei verschiedenen kognitiven Prozessen wie dem Lernen spielt, aber auch für gute Stimmung oder einen ruhigen Schlaf zuständig ist. 80 Prozent der Serotoninproduktion im Körper erfolgt im Darm unter Aufsicht und Mithilfe von Bakterien. Nebenher erzeugen die Mikroben auch noch unterschiedliche andere Chemikalien, die für die Funktionen des Nervensystems notwendig sind, wie wasserunlösliche Lipide in Molekülgröße, sogenannte Ganglioside. Sie werden für die äußere Membran von Nervenzellen gebraucht.

Gut vorstellbar, dass Antibiotika in dieses sensible Gefüge eingreifen könnten, etwa indem sie die Produktion von Serotonin oder Gangliosiden behindern. „Bei Erwachsenen hat das vielleicht keine großen Folgen“, erklärt der US-amerikanische Mikrobiomforscher Martin Blaser, „aber bei einem Baby, dessen Gehirn sich gerade massiv entwickelt, wäre das durchaus vorstellbar. Zumal viele Studien zeigen, dass autistische Kinder oft abnorme Serotoninwerte haben.“


Rheuma-kranke Kinder

Eine andere Autoimmunkrankheit, die stark im Zunehmen begriffen ist, ist juveniles Rheuma, das bereits im Kindes- oder Jugendalter ausbricht. Hier werden Infektionen als Auslöser diskutiert. Sie sollen zur Bildung von Antikörpern führen, die in der Folge versehentlich auch körpereigenes Gewebe als „fremd“ markieren und damit Autoimmunreaktionen des Immunsystems provozieren. Eine aktuelle Arbeit der Universität von Pennsylvania in Philadelphia bringt nun einen anderen möglichen Auslöser ins Spiel: Kinder, welche diese Krankheit entwickelten, haben in ihren ersten Jahren mehr als doppelt so häufig Antibiotika bekommen wie die gesunden Kinder der Vergleichsgruppe. Infekte waren zwar ebenfalls mit der Krankheit assoziiert, allerdings nur, wenn sie mit Antibiotika behandelt worden waren. Nicht mit Antibiotika behandelte Infekte machten hingegen keinen Unterschied. Für einen kausalen Zusammenhang mit Antibiotika spricht, dass es eine Dosis-Wirkung-Beziehung gab: Kinder die mehr als fünfmal Antiobiotika erhalten hatten, erkrankten dreimal häufiger an juvenilem Rheuma als Kinder mit nur einer Dosis.


Morbus Crohn und Colitis ulcerosa

Bei entzündlichen Darmerkrankungen attackiert das Immunsystem den eigenen Darm. Die Ursachen dafür sind unbekannt. Möglicherweise spielt eine mikrobielle Fehlbesiedelung eine Rolle, die durch Antibiotika ausgelöst wurden. Gleichzeitig werden diese gegen Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa aber auch in der Therapie eingesetzt, zusammen mit verschiedenen neuartigen Medikamenten, die auf die Besänftigung des Immunsystems abzielen.

Eine der größten Untersuchungen zum Thema stammt aus Dänemark. Dort hat sich – bei gleich bleibender Diagnostik – die Häufigkeit von Colitis ulcerose bei Kindern unter 15 Jahren während der letzten drei Jahrzehnte mehr als verdoppelt. Regelrecht explodiert sind die Fälle von Morbus Crohn: Heute gibt es 15-mal mehr Fälle als noch bis Mitte der 1980er Jahre. Anlass genug also, nach möglichen Auslösern zu suchen.
Zwischen 1995 und 2003 wurden in Dänemark rund 577.000 Kinder geboren. In der Studie wurden alle Arzneimittelverschreibungen dieser Kinder erfasst und über einen Zeitraum von sechs Jahren das Auftreten entzündlicher Darmerkrankungen registriert. Bei einer derart großen Stichprobe lassen sich auch selten auftretende Zusammenhänge untersuchen.
Insgesamt erkrankten in den sechs Jahren 117 Kinder. Im Schnitt waren sie bei der Diagnose gerade einmal dreieinhalb Jahre alt. Und hier zeigte sich abermals eine massive Korrelation mit Antibiotika, speziell bei Morbus Crohn. Das Erkrankungsrisiko von Kindern, die vor der Diagnose Antibiotika bekommen hatten, war dreifach erhöht. Und auch hier ein deutlicher Zusammenhang mit der Dosis: Jede Antibiotika-Verschreibung erhöhte das Risiko um 18 Prozent. Kinder, die siebenmal oder öfter Antibiotika bekommen hatten, hatten ein siebenfach höheres Risiko als Kinder, die ohne diese Mittel ausgekommen waren.


Warnung an die Ärzte

Diese Befunde und Zahlen ergeben ein Gesamtbild, das höchste Aufmerksamkeit verdient. „Doch wann haben Sie zuletzt von Ihrem Arzt gehört, dass Antibiotika einen Risikofaktor darstellen, dass Ihr Kind später an Morbus Crohn oder Asthma erkrankt?“, fragt Martin Blaser. Die Antwort lautet meist: nie.
Erst kürzlich war Blaser jedoch auf einer Konferenz mit Fachleuten, wo derartige Fragen diskutiert wurden. „Da stand plötzlich ein Arzt auf, den ich nicht kannte, und forderte angesichts all der Informationen eine Black-Box-Warnung für alle Antibiotika.“

Eine „Black-Box-Warnung“ ist die stärkste und auffälligste Form einer Warnung, die von den Behörden für rezeptpflichtige Arzneimittel verfügt werden kann. Den Namen hat sie von dem auffälligen schwarzen Rahmen, der die Warnung umschließt. Entsprechende Mitteilungen betreffen beispielsweise ein erhöhtes Blutungsrisiko bei bestimmten Blutverdünnungsmitteln oder auch die Warnung, dass manche Mittel nicht genommen werden dürfen, wenn eine Krebserkrankung vorliegt, weil sie das Tumorwachstum beschleunigen. Übertragen auf Deutschland wäre die Entsprechung ein „Rote-Hand-Brief“, in dem Pharmaindustrie und Arzneimittelbehörden eine wichtige Mitteilung machen. Das auffällige Symbol der roten Hand auf der Vorderseite des Briefes hält selbst dauergestresste Ärztinnen und Ärzte davon ab, den Brief achtlos wegzuwerfen. „Solche Methoden scheinen notwendig, um die Botschaft endlich unters Volk zu bringen“, sagt Blaser – und meint mit „Volk“ in erster Linie seine eigene – gegen Antibiotika-Erkenntnisse resistente – Kollegenschaft.


Dieser Artikel ist ein Ausschnitt aus meinem Buch "Die Hygienefalle - Schluss mit dem Krieg gegen Viren und Bakterien", das kürzlich im Verlag Ennsthaler erschienen ist.

Dienstag, 9. Februar 2016

1. Auflage der Hygienefalle ausverkauft :)

Ausnahmsweise möchte ich hier mal einen Beitrag bringen, der nicht von mir ist, sondern von einer deutschen Heilpraktikerin. Sie begleitet schon seit vielen Jahren kritisch meine Arbeit, schreibt mir immer wieder mal Mails und weist mich auf Studien oder interessante Literatur hin.
Diesmal schickte sie eine Rezension der "Hygienefalle". Ich übernehme diese Buchkritik ohne Änderungen. Zum einen, weil ich damit einen Ansporn geben möchte, über das Buch öffentlich zu diskutieren. Zum anderen, weil die Rezension auf mein Buch neugierig macht. Und das ist nicht schlecht. Denn nachdem die 1. Auflage erfreulich schnell ausverkauft war sind beim Verlag Ennsthaler nun gerade die druckfrischen Exemplare der 2. Auflage eingelangt.  

Verleger Christoph Ennsthaler steckt hinter der Hygienefalle

Wer weiß schon, dass wir in unserem eigenen Körper in der Minderzahl sind, dass Bauernkinder nur die Hälfte des Allergierisikos der sonstigen Bevölkerung tragen, dass Darmparasiten das Immunsystem beruhigen und vor Allergien und Diabetes I schützen, dass Helikobakter Pylori, jener Magenkeim, der von der Schulmedizin gleich mit drei Sorten Antibiotika ausgerottet wird, vor Refluxerkrankungen und Speiseröhrenkrebs schützt?
In seinem neuen Buch stellt der investigative Medizinjournalist Bert Ehgartner wiederum eine Fülle an verblüffenden Fakten zu brennend aktuellen Gesundheitsthemen ebenso fundiert wie gut verständlich dar. Die Mikrobenzellen und ihre Gene, die wir auf und in uns tragen, übersteigen die Zahl unserer eigenen Körperzellen und Gene um ein Vielfaches und spielen jede Sekunde in der wundervollen Lebens-Symphonie unseres Organismus' mit. Wir sind, wie Ehgartner schreibt, "ein Superorganismus mit Myriaden Synergien".
Es ist höchste Zeit, diese Erkenntnis in unser Wissen von Biologie und Heilkunde zu integrieren und die Paradigmen einer Medizin, die vor 150 Jahren den Mikroben den Kampf angesagt hat und die Balance unseres Mikrobioms mit immer massiveren medikamentösen Eingriffen zerstört, zu hinterfragen und zu korrigieren. Ehgartners Buch liefert hierfür ein umfassendes, faktenreiches Kompendium, das die Dringlichkeit, mit der wir umdenken müssen, ebenso klar herausstellt wie die Richtung, in die eine Medizin und Gesundheitsvorsorge für das 21. Jahrhundert gehen muss.

Unsere Entwicklung beruht wie die Entwicklung aller höheren Arten auf der Integration zahlloser Mikroorganismen: unsere Zellkraftwerke, die Mitochondrien, sind "Fremdarbeiter", Mikroben, die einst in unsere Zellen einwanderten und sie seitdem zuverlässig mit Sauerstoff versorgen, das Bakteriom in unserem Darm sorgt für unsere Ernährung und sogar für gute Stimmung, andere Mikroorganismen helfen bei der Eichung und Regulierung unseres Immunsystems. Das vielfach und eindrucksvoll belegte Fazit Ehgartners lautet: "wenn es unseren Bakterien gut geht, geht es auch uns gut".
In diametralem Gegensatz dazu stand die Annahme Louis Pasteurs' und Robert Kochs, dass in einem gesunden Körper keine Bakterien nachgewiesen werden können. Ehgartners Exkurs in die jüngere Medizingeschichte ist brennend aktuell, denn es fragt sich, warum die Schulmedizin aus den Irrtümern der Mikrobenjäger aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bislang keine Konsequenzen gezogen hat: längst wissen wir, dass ein steriler menschlicher Organismus, der Koch noch als Ideal der Gesundheit galt, nicht lebensfähig wäre, dennoch sind viele medizinische Maßnahmen, die tief in den Organismus eingreifen, wie der flächendeckende Einsatz von Impfungen oder Antibiotika, weiterhin diesen obsoleten Paradigmen verpflichtet. Dass der Münchner Arzt von Pettenkofer und sein Assistent zwei Cholera-Kulturen vor Publikum austranken ohne nennenswert zu erkranken, dass Pettenkofer allein durch die Einführung einer zentralen Wasser- und Abfallversorgung die Stadt München von ihrem letzten Cholera-Ausbruch befreite, ganz ohne Quarantäne und Desinfektionsmaßnahmen - all diese Fakten sind bis heute in der Medizin kaum diskutiert, geschweige denn in eine umfassende Theorie der Krankheitsentstehung und -behandlung integriert worden.

Während der ganzheitliche Ansatz von Pettenkofers und anderer Ärzte, die Krankheit als Dysbalance des gesamten Organismus' ansahen, in der Schulmedizin verdrängt wurde (und bestenfalls bei naturheilkundlichen Ärzten oder Umweltmedizinern ein Nischendasein fristet), trat der medizinische Krieg gegen die Mikroben, flankiert von der aufstrebenden chemischen Industrie, seinen Siegeszug um die Welt an. Die unheilvolle Verquickung von Medizin und chemischer Industrie, die Ehgartner nachzeichnet, muss angeschaut und endlich auf ihre Angemessenheit hin überprüft werden. Die pharmazeutische Industrie macht weltweit Milliardenumsätze und ist seit 1998 zur mit Abstand größten Sponsorin der beiden großen politischen Parteien der USA aufgestiegen. Von dort übt sie massiven Einfluss auf die medizinische Forschung und Gesundheitspolitik nicht nur der westlichen Welt aus.

Neben den für eine freie medizinische Wissenschaft und Forschung verheerenden Verflechtungen mit der Pharmaindustrie beleuchtet Ehgartner auch die dunklen Seiten der Medizingeschichte, die nichts an Aktualität eingebüßt haben. Etwa jene des Gynäkologen Ignaz Semmelweis, dessen lebensrettende Erkenntnisse seine Standeskollegen vehement zurückwiesen - und so noch weitere 50 Jahre den Tod aus der Pathologie auf die Wöchnerinnenstationen trugen.
Bis heute wird die reflexhafte Abwehr neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse als "Semmelweis-Reflex" bezeichnet, und bis heute ist die Schulmedizin keineswegs frei von solch unwissenschaftlichem Verhalten, was Ehgartner u.a. anhand der Autismus-Kontroverse zeigt - der Diskussion um die Frage, ob Impfungen ursächlich an der Entstehung von Autismus beteiligt sein könnten -, ein Kapitel, das sich wie ein Krimi liest und das ich besonders allen Eltern von Kleinkindern ans Herz legen möchte. Zur Frage, warum es zum Thema Impfungen keine kritischen Studien gibt, zitiert Ehgartner den langjährigen Präsidenten der World Autism Organisation mit den Worten: "weil die Leute Angst haben, was sie finden könnten."

Wir dürfen der Angst vor dem, was wir finden könnten, nicht das Feld überlassen. Die Zahl der Autismus-Erkrankungen und vieler anderer Entwicklungsstörungen steigt massiv an, ebenso wie die Zahl der Autoimmunerkrankungen, für die ebenfalls der Verdacht besteht, dass sie durch die grobe diffuse Alarmierung des Immunsystems, die jede Impfung bedeutet, getriggert werden. Wir müssen uns der Angst stellen, der Angst vor der schmerzhaften Erkenntnis von falschen Entwicklungen im Medizinbetrieb, der Angst, vielleicht selbst - als Patienten, Eltern, Ärzte - Fehlentscheidungen im besten Glauben getroffen zu haben, und ebenso der Angst vor unseren mikrobiellen Symbionten, die uns viel häufiger nützen und viel seltener schaden, als uns Pharmaindustrie und Wissenschaft Glauben machen wollen. Angst ist kein guter Ratgeber. Es gibt weitaus bessere: unseren gesunden Menschenverstand, mit dem wir behauptetes von begründetem Wissen unterscheiden können, unsere Wahrnehmung, die uns Auskunft über erwünschte und unerwünschte Wirkungen von Medikamenten gibt, und nicht zuletzt eine wachsende Anzahl an wertvollen kritischen Informationen, wie sie Ehgartner hier präsentiert.
Neben Impfungen und antibiotischen Medikamenten unterzieht Ehgartner auch das HI-Virus und die Krebstherapie seinen unbestechlichen Recherchen - und zeigt das oft erschütternd brüchige Fundament von Theorien und Behandlungen auf, die im Wissenschaftsbetrieb geradezu als sakrosankt gelten - einem Wissenschaftsbetrieb, den der renommierte Wiener Philosoph Konrad Paul Liessmann an anderer Stelle als "Projekt der Gegenaufklärung" bezeichnet.

Wir müssen uns auf das Kantische "sapere aude" rückbesinnen, wir müssen unsere Vernunft befragen und scheinbar gesichertes Wissen mit dem Mut zur Wahrheit überprüfen - und die Verantwortung für unsere Gesundheit und die unserer Kinder wieder in unsere Hände nehmen - von der natürlichen Geburt, die den Säugling mit dem guten Mikrobiom der Mutter versorgt bis zu einem Umgang mit Krankheiten, der unserem mächtigen Schutzengel Immunsystem zuarbeitet, anstatt ihn mit chemischen Großangriffen außer Kraft zu setzen. Ehgartners Buch ist ein großes, mutiges Werk im besten aufklärerischen Sinn.

Die Autorin möchte gerne anonym bleiben. Ihre Buchkritik erschien bei Amazon unter dem Nick "anna logo".