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Mittwoch, 3. Juni 2026

Lösen Sonnenbrände tatsächlich Hautkrebs aus?

Jetzt beginnt wieder die Zeit des Eincremens. Speziell Kinder gelten als Hochrisikogruppe für Sonnenbrand – und jeder dieser Brände, so warnen Experten, erhöht das spätere Hautkrebsrisiko. Wer jedoch die aktuelle Studienlage betrachtet, entdeckt ein deutlich nuancierteres Bild:  Strahlung ist nicht gleich Strahlung, Krebs nicht gleich Krebs - und das Cremen hat auch negative Seiten. Vernünftiger Umgang mit der Sonne ist jedenfalls gesünder als Sonne zu meiden.


Das Risiko, an Hautkrebs zu erkranken ist breit gestreut:
In der Türkei zählt man 10 Fälle pro 100.000 Einwohner, in Norwegen sind es 200

Die Grafik stammt von 2019 und hat schon einige Jahre am Buckel, aber tendenziell stimmt sie bis heute. Die Länder Nordeuropas haben das höchste Hautkrebs-Risiko. Gefolgt von Westeuropa. Das geringste Risiko bestehen in Süd- und Osteuropa. 

Eindeutig gesichert ist der Einfluss starker Sonneneinstrahlung und häufiger Sonnenbrände (speziell bei hellen Haupttypen) für weißen Hautkrebs. Der verläuft aber meist mild. Eine dänische Studie zeigte, dass Menschen, die mit der häufigsten Variante, dem Basalzellkarzinom, diagnostiziert werden, sogar ein etwas höheres Lebensalter erreichen als der Durchschnitt der Bevölkerung. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass wir länger leben, wenn wir uns der Sonne aussetzen.

Problematisch ist vor allem das maligne Melanom (schwarzer Hautkrebs). In zwei Drittel der Fälle wird es früh erkannt und kann fast immer entfernt und damit geheilt werden. Problematisch ist das dritte Drittel, wenn der Tumor bereits dicker ist und weiter ins Gewebe reicht - oder bereits Metastasen gebildet hat. In Deutschland treten pro Jahr knapp 30.000 Neuerkrankungen auf, rund 3.000 Patienten sterben daran. 

Melanome zeigen in Europa eine ähnliche geografische Verteilung wie oben dargestellt - aber auf deutlich niedrigerem Niveau. In West- und Nordeuropa hat man ein Risiko von rund 2% im Lauf des Lebens an einem Melanom zu erkranken. In Südeuropa beträgt es 1% in Osteuropa nur 0,65%. 

Am höchsten ist das Risiko in Australien mit 4,7%.

Massiv ist der Unterschied zu ärmeren Ländern. In niedrig bis mittel entwickelten Staaten liegt das Melanomrisiko unter 0,08%. Nur in Ländern mit dem höchsten Entwicklungs-Level klettert es über 1%. 


Risikofaktoren - jenseits von Sonnenbrand

Interessant ist die Frage, ob häufiges Eincremen und die Vermeidung von Sonnenbränden - speziell auch bei Kindern - das lebenslange Risiko von Melanomen reduziert. 

Dazu ist im Vorjahr eine systematische Übersichtsarbeit der medizinischen Universität Saarland (Brunner, 2025) erschienen, in der die Resultate von 23 Studien kombiniert wurden. Bei der Auswertung der Teilnehmer, die "meist oder immer" Sonnencreme verwendet haben, ergab sich gegenüber der Gruppe, die "nie oder wenig" geschmiert hatte, kein signifikanter Unterschied im Melanom Risiko. 

Die Autoren schreiben: "Ein Melanom kann überall auf der Haut auftreten – nicht nur an sonnenexponierten Stellen – und auch in anderen Organen. Das lässt auf das Vorliegen weiterer Risikofaktoren schließen, die ermittelt werden müssen."

Eine andere aktuelle Studie aus den USA (Cahoon, 2024) untersuchte den Einfluss von UVA und UVB Strahlung. Langwellige UVA Strahlung macht den Großteil der ultravioletten Strahlung aus und ist relativ konstant hoch – auch im Winter und bei bewölktem Himmel.

Die kurzwellige UVB Strahlung ist speziell zur Mittagszeit und im Sommer präsent. Das Sonnenbrand-Risiko geht vor allem von UVB aus. 

Unter den rund 63.000 Teilnehmern der Studie traten 837 Fälle von Melanomen auf. Die Gruppe der Teilnehmer, die während der Kindheit den höchsten Anteil an UVA abbekommen hatten, zeigte ein beinahe dreifach höheres Krebsrisiko. UVB-Strahlung in der Kindheit war jedoch kein Einflussfaktor für Melanome. Auch hier ergab sich demnach kein messbarer Einfluss von Sonnenbränden. 

Manche Sonnencremes enthalten problematische toxische Substanzen 


Negative Effekte von Sonnencreme

Bleibt demnach die Frage, warum von Behörden und Medien überall verbreitet wird, dass Sonnenschutz die wichtigste Hautkrebs-Prävention ist. Kann es eventuell sogar sein, dass zu häufiges Schmieren einen negativen Effekt hat?

Darauf deuten tatsächlich einige Daten hin. Beispielsweise eine 2023 veröffentlichte britische Studie, in der die Gesundheitsdaten von 470.000 Personen ausgewertet wurden. Den Autoren ging es vor allem um den Beitrag von Gen- sowie Umwelt-Faktoren. Und sie waren dann auch ziemlich überrascht, als sich in der Auswertung die häufige Verwendung von Sonnenschutz als ein wichtiger Risikofaktor darstellte. Obwohl sie penibel auf mögliche Verfälschungen geachtet hatten. Denn es könnte ja sein, dass Menschen, die Sonnencreme verwenden deutlich hellere Haut haben. Oder dass sie sich länger in der Sonne aufhalten und deshalb auch mehr Sonnenbrände abbekommen. Doch trotz der statistischen Berücksichtigung von Sonnenbränden, heller Haut, Aufenthaltsdauer und ähnlicher Risikofaktoren blieb die Verwendung von Sonnencreme ein signifikanter Einfluss. Menschen, die fast immer Sonnencreme verwenden, hatten ein beinahe dreimal so hohes Risiko für Schwarzen Hautkrebs. 

Auch andere epidemiologische Untersuchungen weisen in diese Richtung. So cremen sich Frauen wesentlich häufiger ein als Männer. Und gerade sie haben im jüngeren Alter - bis etwa 50 Jahre -  ein deutlich höheres Risiko am Schwarzen Hautkrebs zu erkranken. Die Melanome bilden sich speziell auf Armen und Beinen. 

Bei Männern treten Melanome meist im höheren Alter und eher am Torso auf, speziell am Rücken. Weil die Stellen eher versteckt sind und Männer auch weniger zum Arzt gehen, sind die Krebs-Fälle meist weiter fortgeschritten. Auf die gesamte Lebenszeit gesehen haben damit Männer ein höheres Risiko, am Hautkrebs zu sterben. Auffällig ist der Vorsprung der Frauen im jüngeren Alter aber allemal.


Sonnenschutz-Muffel

Interessant ist auch die unterschiedliche Krebs-Prävalenz in Nachbarstaaten mit nahezu gleichen klimatischen und sozialen Verhältnissen, beispielsweise zwischen Deutschland und Polen.

Laut einer repräsentativen Umfrage (BfS/Forsa, 2024) nutzen 77% der Deutschen Sonnencreme. 

Polen sind laut einer ebenfalls 2024 veröffentlichten Umfrage (Allegro/Danae) hingegen eher Sonnencreme-Muffel: Fast die Hälfte der befragten Männer und etwa ein Drittel der Frauen gaben an, dass sie wenig oder gar keinen Sonnenschutz benutzen. 

Auf ihr Melanom Risiko hat das keinen Einfluss. Zumindest keinen negativen: Im Vergleich haben nämlich Deutsche ein mehr als doppelt so hohes Melanom-Risiko als Polen.


Problematische Inhaltsstoffe

Das sind - wie gesagt - alles nur Indizien. Ob von Sonnencreme tatsächlich ein Krebsrisiko ausgeht, ist nicht bewiesen. Ein Blick auf die Inhaltsstoffe  des Produkts ist beim Einkauf aber auf jeden Fall zu empfehlen. Als problematisch gelten speziell chemische UV-Filter, Parabene, Aluminiumverbindungen und Nanopartikel in mineralischen Filtern. Mineralische, nano-freie Produkte gelten derzeit als die toxikologisch unbedenklichste Variante. (-> Produkttest)

Problematisch ist auch die Verunreinigung von Sonnencremes mit Benzol, das als krebserregend gilt. Speziell in den USA werden bei Untersuchungen immer wieder Produkte mit Belastungen über dem Grenzwert gefunden. Die Kontamination entsteht wahrscheinlich bei der Herstellung, z. B. durch bestimmte inaktive Inhaltsstoffe wie Carbomere (Verdickungsmittel) oder Treibgase in Sprays (z. B. Isobutan), die aus Kohlenwasserstoffen hergestellt werden.

Die Recherche zeigt, dass es noch beträchtliche Wissenslücken bei der Entstehung von Hautkrebs gibt. Kinder nicht in die Sonne zu lassen, oder den ganzen Tag über massiv einzucremen, scheint das Risiko nicht wirklich zu mindern. Zudem kann das die Aufnahme von Vitamin D behindern. Der Körper produziert nämlich den Großteil (ca. 80–90 %) seines Vitamin-D-Bedarfs selbst in der Haut unter Einwirkung von UVB-Strahlung.

Insofern ist Gelassenheit im Umgang mit der Sonne keine schlechte Empfehlung. Alles Leben auf unserem Planeten geht von der Sonne aus. Sie vorwiegend als Gefahr zu betrachten nützt zwar der Kosmetikindustrie, schadet aber wahrscheinlich der Gesundheit - und ganz sicher der eigenen Psyche. 


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Freitag, 25. Februar 2011

Sonnenkur

Viele Jahre galt die Sonne als Synonym für Hautkrebs-Risiko. Nun schlägt das Pendel gewaltig in die Gegenrichtung: Tausende Studien belegen die enorme gesundheitliche Bedeutung von Vitamin D, das über Sonnenstrahlen in der Haut erzeugt wird. Viele Mediziner sehen im winterlichen Sonnenmangel eine Hauptursache für grippale Infekte.

Harald Dobnig wusste, dass er auf einem Datenschatz saß. Der Endokrinologe und Professor für Innere Medizin an der Medizinischen Universität Graz hatte die Protokolle von 3256 Männern und Frauen mit einem Durchschnittsalter von 62 Jahren, die alle wegen des Verdachtes einer Herzgefäß-Verengung genauestens untersucht worden waren. Unzählige Einzelwerte lagen vor, vom Blutdruck bis zum Cholesterinwert. Das beste – aus Sicht eines Wissenschaftlers – war aber der Zeitpunkt der Untersuchung: Der lag nämlich im Schnitt acht Jahre zurück und mittlerweile waren 737 Patienten, also fast ein Viertel, verstorben. Harald Dobnig saß nun mit einem Team von Kollegen aus den verschiedensten Sparten der Medizin über den Daten, analysierte sie in diese und jene Richtung und versuchte zu ergründen, welcher der Messwerte die beste Prognose für ein besseres oder schlechteres Überleben ermöglichte. „Ich habe mich mit der Datenbank gespielt, bis mich der Vitamin-D-Blitz getroffen hat“, erzählt Dobnig.

Den Schlüssel zum Verständnis fand er im Vitamin-D Status der Patienten. Dazu teilte er sie nach ihrem Vitamin-D Wert in vier gleich große Gruppen ein. Wenn man nun Patienten des niedrigsten Viertels (Durchschnittswert 7,6 Nanogramm pro Liter) mit jenen des höchsten Viertels (28,4 ng/l) verglich, so war deren Sterberisiko mehr als doppelt so hoch. Patienten aus dem zweitniedrigsten Viertel (13,3 ng/l) hatten noch immer ein mehr als 50 Prozent höheres Sterberisiko. „Der Vitamin D Status der Patienten hatte die mit Abstand beste Aussagekraft für deren Überleben“, erklärt Dobnig.

Die Grazer Studie wurde 2008 im angesehenen Journal „Archives of Internal Medicine“ publiziert und in dieser kurzen Zeit bereits wieder von 180 anderen Studien zitiert. Insgesamt sind im letzten Jahrzehnt mehr als 18.000 Arbeiten zum Thema Vitamin D in die internationale Medizin-Datenbank „PubMed“ aufgenommen worden. In den 90er Jahren waren es zum Vergleich nur knapp 8000. „Das Interesse ist regelrecht explodiert“, sagt Dobnig (Foto). „Vitamin D gilt derzeit weltweit als eines der heißesten Eisen der medizinischen Forschung.“

Lange Zeit war das anders. Die Geschichte von Vitamin D ist voll von Irrtümern. Das beginnt schon beim Namen. Vitamine erfüllen – laut Definition – lebenswichtige Funktionen, können im Stoffwechsel jedoch nicht im nötigen Ausmaß selbstständig erzeugt werden. Anfang des 20. Jahrhunderts erwies sich Lebertran als Heilmittel für die bei Kindern grassierende Knochenwachstums-Störung Rachitis. Man nahm also an, dass sich darin ein Vitamin befindet, das den kranken Kindern fehlt und nannte es –nach den drei bisher bekannten Vitaminen A, B und C – in alphabetischer Folge Vitamin D.
Damals wusste noch niemand, dass der Organismus sehr wohl in der Lage ist, ausreichend Vitamin D herzustellen, so lange Sonne auf die Haut trifft. Genauer gesagt braucht es Ultraviolettes Licht geringer Wellenlänge (so genannte UV-B Strahlung) um ein mit Cholesterin verwandtes Molekül, das reichlich in der Haut vorkommt, in eine Vitamin D – Vorstufe umzuwandeln. Nach heutigem Wissensstand würde man Vitamin D als Hormon bezeichnen.

Mit der raschen Lösung des Rachitis-Problems schien die Bedeutung der Substanz aber geklärt und viele Jahrzehnte lang kümmerte sich kaum jemand darum. Dazu kamen Gerüchte über mögliche Schäden, ausgelöst durch Hochdosen von Lebertran, mit denen nach dem Zweiten Weltkrieg die Kinder traktiert wurden.
Heute weiß man, dass toxische Effekte von Vitamin D – auch bei Überdosierung – unwahrscheinlich sind. Dass hingegen der Mangel weltweit in enormem Ausmaß verbreitet ist. Als moderner Pionier und Hauptverantwortlicher für das Comeback von Vitamin D gilt Michael F. Holick, Endokrinologe der Universität Boston. Er publizierte seit den 70er Jahren Aufsehen erregende Studien zu den verheerenden Auswirkungen eines Mangels an diesem Sonnenhormon. „Zum einen erhöht sich das Risiko auf weit verbreitete Krebsarten“, erklärt Holick, „ebenso auf Diabetes, Autoimmunkrankheiten, sowie Herzinfarkt und Schlaganfall.“ Erste Anzeichen für einen Vitamin-D Mangel seien meist Schmerzen in Knochen und Muskeln, dauerhafte Müdigkeit sowie Depressionen. „Das führt zu enormen Fehldiagnosen, wenn die Ärzte nicht auf Vitamin D testen.“

Man weiß mittlerweile, dass das Sonnenhormon an der Regulation von mehr als 200 Genen beteiligt ist und damit eines der einflussreichsten Hormone des menschlichen Organimus ist. Und es kommen Resultate aus den verschiedensten Sparten der Medizin. Werdende Mütter haben beispielsweise ein deutlich geringeres Risiko auf eine Kaiserschnitt-Geburt, wenn ihr Vitamin-Status in Ordnung ist.
Enorme Konsequenzen hat der Sonnenmangel für ältere Menschen, deren Haut mit höherem Lebensalter auch zunehmend schlechter in der Lage ist, genügend Vitamin D zu erzeugen. Sobald sie nun auch noch bettlägrig werden, sinkt der Spiegel gegen null. Sonnenbaden und billige Vitamin D Tropfen aus der Apotheke, raten Experten, wären hier therapeutisch wesentlich effektiver als teure Osteoporose-Medikamente von fraglicher Wirksamkeit.

Besonders interessant ist der Zusammenhang mit Infekten. Im Kern geht es dabei um die Frage, warum wir im Winter häufiger krank werden als im Sommer. Wir sind ja auch im Sommer in dicht gedrängten Räumen und auch die Viren und Bakterien sind im Sommer genauso im Umlauf. Dennoch ist eine Sommergrippe relativ selten - und im Winter sterben in Österreich etwa 3000 Personen mehr als in den anderen Jahreszeiten.
In der ehemaligen Sovjetunion hat man dazu ziemlich drastische Versuche unternommen und Versuchspersonen absichtlich mit Influenzaviren infiziert. Dabei zeigte sich, dass im Winter die Infektion um das Zehnfache leichter gelingt als im Sommer. Und die Erklärung liegt abermals im Vitamin D: Alle weißen Blutkörperchen besitzen Vitamin-D Rezeptoren und werden dadurch aktiviert. Obendrein sind die Schleimhäute mit antimikrobiell wirksamen Peptiden besetzt, die als erste Abwehrlinie gegen Viren und Bakterien fungieren. „Auch sie hängen in ihrer Funktion von Vitamin D ab“, sagt Dobnig.
Doch das Sonnenvitamin rüstet nicht nur das Immunsystem auf, es besänftigt gleichzeitig die Gegenreaktion. Oft richtet ja die über aggressive Zellen der Immuanbwehr gesteuerte Gegenreaktion mehr Schaden an, als die Viren selbst. Bei der zurück liegenden Influenza-Pandemie sind die meisten der jungen Opfer nicht an den Viren, sondern an einer überzogenen Immunantwort gestorben, bei der das infizierte Lungengewebe durch einen Großangriff des Immunsystems und die massenhafte Ausschüttung Entzündungs-fördernder Zytokine zerstört wurde.

Die Sowjets setzten diese Erkenntnisse im Leistungssport ein und schickten ihre Athleten regelmäßig zu UV-Bestrahlungen ins Solarium. Dadurch konnten die Infekt-bedingten Krankheitstage der Sportler auf die Hälfte reduziert werden.
Nun erscheinen langsam auch aktuelle Studien zur Eignung von Vitamin D in der Influenza-Prophylaxe. In einer sorgfältig gemachten Untersuchung mit 334 japanischen Schulkindern war das Influenza-Risiko in der Vitamin-D Gruppe um signifikante 42 Prozent vermindert. Bei Kindern mit einer bekannte Asthma-Diagnose verringerte sich das Risiko einer Asthma Attacke gar um signifikante 83%. Von derartigen Ergebnissen können die Hersteller der Influenza-Impfstoffe nur träumen

Während die Verschreibung von Vitamin D Präparaten zunimmt, haben viele Ärzte bis heute Probleme damit, ihren Patienten therapeutische Sonnenbäder zu empfehlen. Gilt doch die Sonne als Verursacher von Hautkrebs und die Warnung vor den Gefahren von Sonnenbrand ist omnipräsent. Dabei ist der Zusammenhang zwischen Sonne und Melanomen, der gefährlichen Form des „Schwarzen Hautkrebs“, bis heute wissenschaftlich umstritten. „Menschen, die sich berufsbedingt ständig in der Sonne aufhalten, haben sogar ein geringeres Melanom-Risiko“, erklärt etwa Marianne Berwick, Leiterin der Division für Epidemiologie und Prävention von Krebserkrankungen an der Universität von New Mexico in Albuquerque.
Wissenschaftlich gesichert ist hingegen der Einfluss von Sonne auf die Entstehung des häufigsten Hautkrebs-Typus, des Basalzellkarzinoms. Das entwickelt sich meist im Kopfbereich, kann gut entfernt werden und ist damit in den meisten Fällen auch geheilt. Im Vorjahr erschien dazu eine große dänische Übersichtsarbeit, die ein wirklich sensationelles Ergebnis brachte: Die Auswertung der Daten von 72.295 Fällen von Basalzellkarzinom ergab nämlich, dass diese Patienten nicht kürzer, sondern signifikant länger lebten als die Durchschnitts-Bevölkerung. „Natürlich ist es nicht der Krebs, der diesen Überlebensvorteil bewirkt“, erklärt der Innsbrucker Pharmakologe Hartmut Glossmann, „sondern der Zusammenhang mit Sonne und dem höheren Vitamin D Spiegel dieser Patienten.“
Gemeinsam mit anderen Vitamn-D-Experten fordert Glossmann die rasche Umsetzung der aktuellen Forschungsergebnisse durch die Gesundheitspolitik. „Damit die Menschen wirksam gegensteuern können, ist es notwendig, dass alle über ihren Vitamin D Status bescheid wissen.“
Deshalb solle der Wert künftig bei allen Gesunden-Untersuchungen ermittelt und dann über Sonnenkuren und Vitamin D Tropfen die notwendigen Gegenmaßnahmen ergriffen werden. „Ich habe fast die ganze Verwandtschaft testen lassen, von den Enkeln bis zur Ur–Großmutter“, sagt Glossmann. „Und wir bleiben nun schon den dritten oder vierten Winter von grippalen Infekten verschont.“

Foto: Tim Beyer (Creative Commons),

Mittwoch, 16. Februar 2011

"Was kümmert uns Australien..."


Der Pharmakologe Hartmut Glossmann warnt vor den Auwirkungen von Sonnenmangel und fordert, dass bei Gesunden-Untersuchungen routinemäßig der Vitamin D Wert gemessen wird.

Ehgartner: Die bedeutendste Vitamin D Quelle ist die Sonne. Kann man diesen Effekt durch Vitamin D Tropfen aus der Apotheke ersetzen?

Glossmann: Wenn man experimentell Menschen ähnlichen Alters, Gewichtes, und Hauttyps mit einer definierten Dosis UV-B bestrahlt, so finden Sie zwischen den einzelnen Personen nur geringe Unterschiede in der erzeugten Menge von Vitamin D. Wenn ich derselben Gruppe Vitamin D oral gebe, stellt man fest, dass die einzelnen Individuen sich bis zum Faktor acht unterscheiden: Einige nehmen das Vitamin D fast gar nicht im Kreislauf auf, andere hingegen sehr gut. Das heißt, der mit Abstand zuverlässigste Weg für Menschen, Vitamin D zu erhalten, geht über die Sonne.

Ehgartner: Das wird aber jene Hautärzte nicht freuen, die bei Sonne in erster Linie an Hautkrebs denken und beständig davor warnen.

Glossmann: Ja, es ist ein Fehler, wenn man glaubt, Sonne auf der Haut ließe sich so einfach durch Arzneimittel ersetzen.

Ehgartner: Was bedeutet das für den Winter, wo die UV-B Strahlen in unserer Region kaum bis gar nicht durch die Atmosphäre dringen? Empfehlen Sie den Weg ins Solarium?

Glossmann: Wenn das ein zertifiziertes Solarium ist wo Lampen einen entsprechenden Anteil von UV-B Strahlen abgeben, spricht bei Erwachsenen, speziell bei älteren Menschen, nichts dagegen. Wichtig dabei ist jedoch, dass man nicht braun wird, sondern gerade mal eine leichte Tönung abbekommt. Dann können Sie sehen, wie der Vitamin D Spiegel ansteigt. Überaschenderweise umso mehr je niedriger der Ausgangswert war.

Ehgartner: Wie lange soll man bleiben?

Glossmann: Je nach Hauttyp genügen etwa sechs bis acht Minuten ein- bis zweimal pro Woche. Gesicht, Augen und bestimmte Körperregionen sollten bedeckt bleiben.

Ehgartner: Die WHO stuft Solarien seit 2009 offiziell als krebserregend ein. Haben Sie keine Bedenken, dass damit Hautkrebs gefördert wird?

Glossmann: Wissenschaftlich gesichert ist der Zusammenhang von Sonne und Hautkrebs zum Beispiel beim Basalzellkarzinom, das ist der häufigste Typ. Dieser Hautkrebs entwickelt sich meist gut sichtbar im Kopf-Halsbereich, kann entfernt werden und damit hat es sich in den allermeisten Fällen. Kürzlich ist dazu eine sehr interessante dänische Studie erschienen, die zeigte, dass Patienten mit Basalzellkarzinom im Schnitt länger leben als die Durchschnittsbevölkerung. Natürlich ist es nicht der Krebs, der diesen Überlebensvorteil bewirkt, sondern der Zusammenhang mit Sonne und dem höheren Vitamin D Spiegel.

Ehgartner: Wie konkret sorgt Vitamin D für ein längeres Leben?

Glossmann: Studien zeigen den Einfluss auf die Skelettgesundheit. Dass ein Spiegel über 75 nmol/l fatale Hüftfrakturen mit hoher Sicherheit verhindern kann.

Ehgartner: Die meisten kennen aber ihren Vitamin-D Spiegel gar nicht.

Glossmann: Deswegen dränge ich gemeinsam mit Kollegen darauf, dass zu einer normalen Gesundenuntersuchung auch die Bestimmung des Vitamin-D Wertes gehören muss. Mehrere Medizinstudenten in Innsbruck haben ihre Werte aus Interesse bestimmen lassen. Das Ergebnis war so dramatisch, dass die Gesundheitspolitik gefordert ist.

Ehgartner: Sitzen die Jungen zu viel vorm Computer?

Glossmann: Ja sicher. Und wenn sie ins Freie –in die Sonne- gehen, so verhüllt man sich, als wären sie Nonnen oder strenggläubige Moslems. Das betrifft weniger die Mädels, die ja noch Haut zeigen. Aber sehen sie sich mal an, wie sich die Jungen nach aktueller Mode kleiden. Viele von denen haben katastophale Knochenwerte, manche können gar keinen Sport mehr machen. Ich habe kürzlich mal Fotos aus meiner Jugend angeschaut: Wir haben von Frühjahr bis Herbst kurze Hosen getragen – sowas finden Sie heute nirgendwo: Alle sind total zugedeckt. Die können nicht mal im Sommer Vitamin D bilden.

Ehgartner: Nehmen Sie selbst Vitamin D-Tropfen?

Glossmann: Ich habe fast die ganze Verwandtschaft testen lassen. Je nach den Werten wird Vitamin D gegeben: Von den Enkeln bis zur fast 90 jährigen Ur -Großmutter. Und wir bleiben schon den dritten oder vierten Winter weitestgehend von grippalen Infekten verschont. Daten aus der Literatur bestätigen diese Erfahrung. Das macht sich aber nur bei dauerhafter Einnahme bemerkbar – über Monate und Jahre. Das ist kein Soforteffekt.
Wir erhalten Vitamin D jedoch auch aus Quellen, von denen wir das gar nicht vermuten. Etwa über das Fleisch von Biorindern, die den ganzen Sommer auf Almen weiden. Hier findet sich die hervorragend resorbierbare Form des Vitamins als Prohormon in großen Mengen. Unsere Biobauern wissen leider noch nicht, dass sie in Wirklichkeit über ihr Rindfleisch ein Top-Prophylaktikum gegen Knochenbrüche produzieren.

Ehgartner: Wie kam es denn eigentlich zu dieser Hysterie in Bezug auf die Sonne?

Glossmann: Das Problem begann damit, als festgestellt wurde, dass vorwiegend hellhäutige oder rothaarige Auswanderer in Australien Probleme von der Sonne bekamen. Und eigenartigerweise wurden Schlussfolgerungen aus diesen Untersuchungen als weltweite Regel ausgegeben. Was kümmert uns Australien? Wenn Sie eine optimale UV-B Exposition haben wollen, dann müssen sie in unseren Breiten speziell in den Mittagsstunden in die Sonne gehen. Da ist das Verhältnis von UV-B zu UV-A optimal. Je tiefer jedoch die Sonne steht, desto schlechter ist das Verhältnis, weil UV-B Strahlen durch die längere Strecke in der Atmosphäre schon vorher absorbiert werden.
Aber natürlich gilt diese Empfehlung zum Sonnenbad immer ohne Sonnenbrände! Vitamin D wird nämlich recht schnell gebildet, lange bevor es zu einer Rötung der Haut kommt.

Ehgartner: Warum engagieren Sie sich nach Ihrer Emeritierung so intensiv für dieses Thema?

Glossmann: Weil Vitamin D definitiv eine enorme gesundheitliche Bedeutung für die Menschen hat. Außerdem stört es mich, dass die Arbeit österreichischer Vitamin D Forscher wie Pilz und Dobnig in Graz oder Peterlik in Wien zwar weltweit Anerkennung finden, aber bis heute keine Konsequenzen in der hiesigen Gesundheitspolitik zu erkennen sind.


Hartmut Glossmann, 70, ist Gründer des Institutes für Biochemische Pharmakologie der medizinischen Universität Innsbruck und langjähriger Institutsvorstand seit 1984. In seinem Institut wurde das Schlüsselenzym, welches die Menge des Vitamin D Vorläufers in der Haut regelt, erstmalig charakterisiert. Hier ist ein ausführlicher Fachartikel zum Thema Vitamin D.
Eine gekürzte Version dieses Interviews erschien diese Woche im österreichischen Nachrichtenmagazin Profil als Teil eines Artikels über "Strahlentherapie" zu Vitamin D.