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Freitag, 16. Oktober 2015

Die Hygienefalle - Schluss mit dem Krieg gegen Viren und Bakterien

Wer wissen möchte, was genau mit der "Hygienefalle" und dem "Krieg gegen Viren und Bakterien" gemeint ist: Hier ist das Vorwort zu meinem neuen Buch. 


http://www.amazon.de/Die-Hygiene-Falle-Gesundheit-verspielen/dp/3850689468/ref=as_sl_pc_ss_ssw?&linkCode=wss&tag=ehgarinfo-21
Auf die Idee zu diesem Buch kam ich im Frühling 2014 während eines Gesprächs, das ich mit Erika von Mutius führte, der deutschen Allergieforscherin und Mitbegründerin der so genannten Hygiene-Hypothese. Wir sprachen über die Entdeckung des menschlichen Mikrobioms, jener unglaublich vielfältigen Gemeinschaft an Mikroben, die auf und in uns gedeiht und mit uns lebt.
Jeder Mensch ist ein riesiger Zoo und beherbergt eine Artenvielfalt, die an jene der Regenwälder des Amazonas erinnert. Wir wissen heute, dass wir in unserem eigenen Körper in der Minderzahl sind – und zwar gewaltig. Auf jede einzelne Zelle unseres Körpers kommen zehn Zellen von Mitbewohnern. Auf jedes einzelne Gen unseres Erbgutes kommen hundertfünfzig nicht menschliche Gene. Und sie alle spielen mit im Konzert unseres Lebens.
Wir setzen gerade die ersten Schritte in diesen neuen Kosmos, machen die ersten Entdeckungen und staunen wie bedeutsam der Einfluss der Mikroben für alles ist, was uns als Menschen ausmacht.
Im Laufe der Evolution haben sich unzählige Symbiosen zum gegenseitigen Vorteil entwickelt: Manche der Bakterien erzeugen lebenswichtige Vitamine, andere schließen die Nahrung auf und machen Spurenelemente verfügbar. Sie mischen kräftig mit bei der Steuerung unseres Essverhaltens und beeinflussen sogar unserer Laune, indem sie im Darm Glückshormone erzeugen. Wenn es unseren Bakterien gut geht, geht es auch uns gut.


Die drei Säulen der Gesundheit

Die Gemeinschaft dieser Mikroben steht zudem in enger Verbindung mit unserem Schutzengel, dem Immunsystem, mit dem es sich im Verlauf der Evolution des Lebens parallel entwickelt hat. Die beiden kennen sich aus Urzeiten als es noch keine Menschen, ja noch nicht einmal Säugetiere gab. Und beide zusammen, das Immunsystem und das Mikrobiom, beeinflussen unser Gehirn, unser Nervensystem – also das, was unser Ich und unsere Persönlichkeit ausmacht.
Auf diesen drei Säulen – Nervensystem, Immunsystem und Mikrobiom – beruht die Stabilität unserer Gesundheit. Sie sind alte Freunde und kommunizieren unentwegt – während wir essen, arbeiten oder lieben.  Speziell wenn wir lieben: Vom ersten Kuss, den Verliebte einander schenken, tauschen sie auch ihre Mikroben aus, passt sich ihr Immunsystem aneinander an, tauchen sie ein in den Geruch ihrer Körper, der auch wieder von Bakterien erzeugt wird. Mikroben schaffen Beziehungen.
„Bisher“, sagte Erika von Mutius in unserem Gespräch, „haben wir in der Medizin immer nach Risikofaktoren gesucht. Doch durch die Mikrobiomforschung sehen wir jetzt, dass es bei Gesundheit nicht um Risikovermeidung, sondern viel mehr um Gleichgewichte und Symbiosen geht.“
In diesem locker ausgesprochenen Gedanken, das wurde mir in dem Moment schlagartig klar, liegt ein Potenzial, das die Medizin und unser Verständnis von Gesundheit von Grund auf verändern kann. Sollte es möglich sein, dass wir lernen unseren Selbstheilungskräften zu vertrauen statt zu intervenieren? Dass wir unser Mikrobiom hegen und pflegen, statt es wahllos umzupflügen und zurechtzustutzen? Dass wir banale Infekte zulassen, ohne das Immunsystem mit allen möglichen Interventionen in seiner Arbeit zu behindern? Dass wir Symbiosen hüten und auf Gleichgewichte achten?

Sollte diese revolutionäre Umkehr möglich sein, so wäre das wie ein Tauwetter nach einer langen Phase des Krieges. Während des letzten Jahrhunderts haben wir vor allem gekämpft: gegen Infekte, gegen Krankheiten, gegen „feindliche Bakterien und Viren“.
Doch wohin hat uns dieser Kampf geführt? Viele Menschen müssen das gerade leidvoll erfahren:  
In den USA sind in der Generation der unter 18-jährigen die gesunden Kinder und Jugendlichen bereits in der Minderzahl. Und die Welle chronischer Krankheiten schwappt immer mehr auch nach Europa über. Alle zehn Jahre verdoppelt sich die Anzahl der Kinder, die an Diabetes leiden. Asthma ist bereits zur Volkskrankheit geworden. Jede dritte Familie hat mindestens ein Mitglied mit Allergien oder Nahrungsmittelunverträglichkeiten. Die Kurven bei Multipler Sklerose, chronisch entzündlichen Darmerkrankungen und Autismus – alles Störungen, die noch vor wenigen Jahrzehnten exotisch waren – zeigen steil nach oben. 
Und immer deutlicher zeigt sich, dass es nicht die Überalterung der Bevölkerung ist, welche die Budgets der Sozialstaaten an den Rand des Kollapses bringt, sondern die Last der chronischen, unheilbaren Krankheiten. Trotz aller Hygiene, trotz aller Arztbesuche, Früherkennungs- und Vorsorgeprogramme.


Gefangen in der Hygienefalle

Die Prinzipien der Hygiene umzusetzen, war eine der segensreichsten Leistungen unserer Zivilisation. Die Zeit der Seuchen war damit vorüber. Doch offenbar haben wir die Sache gewaltig übertrieben. Wir haben eine an sich hervorragende Idee derart auf die Spitze getrieben, dass sich der einstige positive Effekt in sein Gegenteil verkehrt hat.
 Moderne Hygienebestimmungen gefährden die Gesundheit, statt sie zu bewahren. Dank immer schärferer bürokratischer Vorschriften ist Hygiene heute in vielen Bereichen zu Sterilität pervertiert. Obst und Gemüse wird in Folien gepresst, Trinkwasser chloriert, Rohmilch gilt als gemeingefährlich, kein Stückchen Erde klebt an Radieschen oder den strahlend orangen Karotten im Supermarkt. Überall blitzt es vor Sauberkeit – man könnte vom Boden essen.
Stück für Stück hat sich bei uns ein Lebensstil durchgesetzt, der die biologischen Bedürfnisse unseres Körpers missachtet und der menschlichen Natur zuwiderläuft. Wir versuchen die Mikroben, die uns umgeben, zu beseitigen und auszurotten. Dabei übersehen wir, dass wir selbst aus Mikroben bestehen.
Das gilt auch für viele Interventionen der „modernen Medizin“. Statt Abläufe im Körper zu unterstützen, stören sie Symbiosen und gefährden das Gleichgewicht unserer drei Gesundheitssäulen.
Das beginnt bei der Geburt, die schon bei jeder dritten Schwangeren per Kaiserschnitt erfolgt – statt mit den guten Bakterien der Mutter werden diese Babys zuerst mit Keimen besiedelt, die sie wahllos im Kreißsaal auflesen
Weiter geht es beim Kinderarzt: Von Anfang an sind Babys und Kleinkinder während der sensibelsten Phase ihrer Entwicklung einer ganzen Lawine von Eingriffen ausgesetzt: Antibiotika-Kuren, die „zur Sicherheit“ verabreicht werden, die aber nicht nur krank machende Bakterien bekämpfen, sondern auch zu einem Kahlschlag im gerade entstehenden Mikrobiom führen. Fiebersenker und Entzündungshemmer, die die natürlichen Regulative des kindlichen Organismus aushebeln. Eine Unzahl von Impfungen, die das Immunsystem künstlich aggressiv machen – und all das während der sensibelsten Phase der kindlichen Entwicklung.


Strategien der Angstmacher

Prävention, wie wir sie heute verstehen, hat oft mehr mit Präventivschlag zu tun als mit achtsamer Vorsorge. Überall sind wir noch konfrontiert mit Denkmustern, die ihren Ursprung tief im finsteren 20. Jahrhundert haben: im allzu simplen, schwarz-weißen Weltbild der Mikrobenjäger, die im Endsieg gegen feindliche Keime die Voraussetzung für Gesundheit sahen.
Natürlich lässt sich ein simples Weltbild viel einfacher vermitteln als komplexe Zusammenhänge. Und es lässt sich auch viel besser vermarkten: Es müssen nur Ängste geschürt und dann einfache Lösungen angeboten werden. Für jedes Risiko gibt es einen Test, eine Therapie, eine Pille. Wir sind – inmitten der längsten Friedenszeiten, die wir jemals in Mitteleuropa erlebt haben – zu einer überängstlichen Gesellschaft geworden. Der Medizinmarkt gehört zu den mächtigsten Wirtschaftszweigen. Angefeuert von den Strategen der Pharmaindustrie, welche Gesundheitspolitik und Behörden hilflos vor sich her treiben.
Unsere Gesellschaft hat der Industrie die medizinische Wissenschaft überlassen und auf unabhängige öffentliche Kontrolle fast vollständig verzichtet. Heute sehen wir das Resultat dieser Politik: eine Bevölkerung, die auf die Bedürfnisse der Wirtschaft hin optimiert ist und von der Wiege bis zur Bahre Therapien braucht vom Kaiserschnitt bis zur finalen Chemotherapie.

Ob es gelingt, dass wir uns aus diesem Geflecht an Interessen und fest gefahrenen Einstellungen befreien, ist eine spannende Frage.
Derzeit sieht es nicht so aus.

Aber machen Sie sich selbst ein Bild.


"Die Hygienefalle", das neue Buch von Bert Ehgartner ist ab 9. November 2015 im Buchhandel erhältlich. Besorgen Sie sich bitte das Buch in Ihrer Lieblingsbuchhandlung. Alternativ zu Amazon & Co. können Sie das Buch auch direkt beim Verlag Ennsthaler bestellen.  

Sonntag, 11. Juli 2010

"Unser Selbstbewusstsein ist schlecht!"

Der Grazer Hausarzt Michael Wendler warnt vor dem Niedergang der Allgemeinmedizin in Österreich und fordert eine praxisnahe Ausbildung.

Profil: Wie steht es denn derzeit um den Nachwuchs bei den künftigen Hausärzten?

Wendler: Die Universitäten bildet recht gut aus – doch was dann folgt ist die gähnende Leere. Immer öfter gehen die Jungärzte ins Ausland. Ich hab grad eine Umfrage gemacht bei den Studenten in meinem Seminar. Die überlegen gar nicht mehr da zu bleiben, sondern nur noch, ob sie jetzt besser nach Dänemark oder nach Deutschland gehen. Wir haben hier völlig den Anschluss verloren.


Michael Wendler (rechts) mit drei Jungärzten, die er in seiner Lehrpraxis ausgebildet hat (Foto: Blahowsky)

Profil: Sie unterrichten Studenten, das ist ja auch unüblich für einen Allgemeinmediziner.


Wendler: Ja, aber nur in Österreich. Wir sind eine Arbeitsgruppe von Allgemeinmedizinern, die Lehraufträge an der Uni machen. Das ist im Ausland komplett selbstverständlich. In der EU werden die Jungärzte in  Lehrpraxen ausgebildet. Nur in Österreich ist man nach dem Turnus im Spital automatisch Allgemeinmediziner, viele davon ohne nur ein einziges Mal in einer Praxis gearbeitet zu haben.

Profil: Was macht denn einen guten Hausarzt aus?

Wendler: Man muss lernen, auch mit wenigen Hilfsmitteln zurecht zu kommen und die vielen Befindlichkeitsstörungen, die in der Bevölkerung vorkommen, gut zu betreuen. Da gehört eine Menge Erfahrung dazu. Etwa das Wissen, dass ich nicht immer im ersten Moment handeln muss. Dass ich auch mal bis zum nächsten oder übernächsten Tag warten kann, wie etwas verläuft und dann erst eine Entscheidung treffe. Wenn ich das nicht vorher erlebt habe, komme ich als junger Arzt oder Ärztin hinaus und bin gewohnt, dass ich – so wie in einer Spitalsambulanz, ständig Entscheidungen treffe. Das führt aber – auf Grund der mangelnden technischen Ausstattung, die in den Praxen nicht jeder haben kann – sofort dazu, dass Überweisungen geschrieben werden.

Profil: Das heißt, gut ausgebildete Praktiker helfen Geld sparen?

Wendler: Ja klar. Denn in einer hochtechnisierten Ambulanz wird dann drauflos diagnostiziert. Ich krieg solche Patienten zurück mit 30 bis 40 Laborwerten und mindestens einer Bildgebung – und dann wird das kostenintensiv.

Profil: Hapert es an der Anamnese, am Erfassen der Krankengeschichte?

Wendler: Im Spital lernen sie, eine korrekte Anamnese zu machen, das bedeutet aber noch lange nicht, dass das eine gute Anamnese ist. Da wird alles aufgelistet, was notwendig ist zu erfragen, aber sie ziehen daraus nicht die vernetzten Schlüsse. Eine gute Anamnese ist immer bio-psycho-sozial. Das Kopfweh aus Maturastress ist halt was anderes als wenn ich nur frage, wo und wann das Kopfweh auftritt und wie lange es dauert.

Profil: Es braucht also die Erfahrung der Alltäglichkeit und des sozialen Umfeldes?

Wendler: Ja. Wir sind keine Götter in Weiß – wir sind Lebensbegleiter. Und wenn ich meine Rolle so anlege, dann kann ich auch bei einem unheilbar Kranken zu einem Ziel zu kommen. Der Anspruch ist geringer und trotzdem der Erfolg oft recht schön.

Profil: Wie sehen Sie denn das Ansehen der Praktiker, im Vergleich etwa zu den Fachärzten?

Wendler: Bei unseren Patienten haben wir ein sehr hohes Ansehen. Im weiten Land der Medizin gilt das leider nicht. Wobei ich mir das immer so erkläre, dass die Fachärzte, und noch mehr die Spitalsärzte, gar nicht wissen, was wir überhaupt tun. Wir werden an der Uni von Professoren ausgebildet, die von Professoren gelernt haben, die wiederum von Professoren gelernt haben. Wir müssen endlich mal das an die Unis bringen und lehren, was die Ärzte später draußen in der Praxis auch wirklich brauchen.

Profil: Woran liegt denn das weit verbreitete diffuse Unbehagen vieler Hausärzte, dass sie ein Patient anzeigen könnte, wenn mal etwas schief geht. Kann man mit solchen Angstgefühlen überhaupt gute Medizin machen?

Wendler: Wir wissen, dass unser Selbstbewusstsein schlecht ist. Das liegt daran, dass wir keine wirkliche Verankerung an den Unis haben. Wir bräuchten aber diese Akademisierung, um den anderen Fächern klar zu machen, dass wir sehr wohl nach gut untersuchten Methoden vorgehen. Und dann kann man uns auch nicht mehr nach Strich und Punkt und Laborwert verurteilen. Das Gefühl, dass wir gut sind und gute Arbeit leisten ist bei vielen Ärzten draußen derzeit gar nicht da.



Dr. Michael Wendler, 53, ist Allgemeinmediziner in Graz und bildet in seiner Praxis regelmäßig Jungärzte aus. Bislang haben 26 Turnusärzte bei ihm eine mehrmonatige Lehrpraxis absolviert. Wendler hält Vorlesungen zur Allgemeinmedizin an der Meduni Graz und gilt als einer der Motoren der Ausbildungsreform seines Berufsstandes.


Dieses Interview erschien im Rahmen der aktuellen Titelstory des Nachrichtenmagazins Profil zum Thema "Wie gut ist Ihr Hausarzt?"

Dienstag, 8. Juni 2010

Der Aufstand der Turnusärzte


Die letzte Woche habe ich mit Dreharbeiten in der Steiermark und in Oberösterreich verbracht. Dabei entstand der Beitrag "Der Aufstand der Turnusärzte", der gestern im ORF-Magazin "Thema" gelaufen ist.


Infusionen anhängen, Blut abnehmen, Überweisungen schreiben. Ärzte haben im internationalen Vergleich eine extrem lange, gleichzeitig aber sehr schlechte Ausbildung. Die rund 6.500 Turnusärzte werden als billige Systemerhalter in den Krankenhäusern missbraucht. Eine exklusiv vorliegende Österreich weite Befragung von 265 Turnusärzten zeigt: Sie sind frustriert und verärgert. 25 Stunden Schichten sind nach wie vor üblich. Während die Jungärzte am Tag fast gar nichts dürfen, sind sie nachts dann völlig auf sich allein gestellt und für ganze Abteilungen zuständig. „Wenn ich den Oberarzt aufwecke, ist er stinksauer auf mich.“
Julia Baumgartner, Vorsitzende der Jungen Allgemeinmediziner Österreichs (JAMÖ) verfasste zusammen mit anderen Jungärzten eine Petition zur Stärkung der Allgemeinmedizin: "Wir wollen endlich eine Ausbildung!" (Foto: Martin Blahowsky)

Nun gehen die Jungärzte mit einer Petition an die Öffentlichkeit und fordern eine Stärkung der Position der Allgemeinmedizin und endlich eine Ausbildung im Turnus statt Sklavenarbeit auf Hilfsarbeiter-Niveau: „Entweder wir bekommen endlich eine Ausbildung, oder wir wandern ins Ausland ab!“ Tatsächlich ist der Trend bereits deutlich sichtbar. An den Unis gibt es immer mehr Versuche ausländischer Krankenanstalten, österreichische Jungmediziner gezielt abzuwerben. Bereits vier Bundesländer haben einen starken Turnusärztemangel. Und auch von den deutschen Medizinstudenten geht der Großteil nach Absolvierung des Studiums wieder zurück nach Hause – wo es keinen Turnus gibt.
Wissenschaftsministerin Beatrix Karl fordert mehr Praxis im Studium und die Abschaffung des Turnus um den Arztberuf wieder attraktiver zu machen. Gesundheitsminister Stöger fürchtet um die Qualität der Ausbildung, wenn zu viel davon in die Studienzeit verlegt wird.
Besonders krass ist die Lage bei den Allgemeinmedizinern, denen zudem noch immer die Facharzt-Ausbildung verwehrt wird. Nach dem Turnus haben sie das Recht, sich als „praktische Ärzte“ niederzulassen, oftmals ohne in der Ausbildung jemals eine Arztpraxis von innen gesehen zu haben.
Es gibt viel zu wenige Lehrpraxen. Eine ursprünglich als Reform gedachte Aktion der Ärztekammer erwies sich als Schuss ins eigene Knie: Seit Jahresbeginn müssen erfahrene Ärzte, die Jungemediziner ausbilden dafür fast doppelt so viel zahlen wie bisher. Seither sprangen viele Lehrpraxen ab. „Ich kann mir das beim besten Willen nicht leisten“, sagen viele dieser Ärzte. Nun gibt fast überhaupt keine Ausbildungs-Plätze mehr.
Das Krankenhaus Wels-Grieskirchen, mit rund 1400 Betten das größte Ordensspital Europas, hatte bislang unter Turnusärzten einen besonders schlechten Ruf. Mittlerweile gibt es einen so starken Mangel an Nachwuchs, dass die Klinikleitung ein Pilotprojekt gestartet hat. An der Lungenabteilung sind Turnusärzte fest integrierte Mitglieder im Team. Für den Papierkrieg wurden eigene Stations-Assistentinnen eingestellt. Ein eigener Oberarzt ist ganz für die Ausbildung der Turnusärzte abgestellt.
Dies bleibt die Grundsatzfrage: Turnus reformieren – oder abschaffen?

Der Beitrag kann über diesen Link ins ORF-Archiv abgerufen werden:
ORF TVthek: Thema - 07.06.2010 21:10 Uhr

Dienstag, 16. März 2010

Die beste Medizin: "Ein Korsett an Vorschriften"

Die Ärzte stöhnen unter einer Flut an Leitlinien und Programmen, die ihre Therapien normieren sollen. Am Rande des Ende Februar abgehaltenen Kongresses für Evidenz-basierte Medizin (EBM) in Salzburg bat Bert Ehgartner den Hausärzte-Sprecher Christian Euler und Ingrid Mühlhauser, EBM-Expertin der Universität Hamburg, zur Diskussion um die Frage, was nun die beste Medizin ist.

Standard: Wie gut fühlen Sie sich denn von Seiten der Wissenschaft in ihrem Bestreben unterstützt, Ihren Patienten die bestmögliche moderne Medizin zu bieten?

Euler: Wir haben schlechte Erfahrungen. Medizin war immer eine sehr hierarchische Angelegenheit mit uns an der untersten Stelle. Das bricht jetzt langsam auf. Die Zeiten sind vorbei, wo sich die kleinen Allgemeinmediziner von den wissenschaftlichen Kapazundern die Welt erklären lassen.  Wir sind nicht mehr die Ministraten beim Hochamt der Fachgesellschaften, sondern schmeißen denen ihre Richtlinien auch mal zurück, wenn die nicht passen.

Mühlhauser: Dann müssten Sie eigentlich ein Anhänger der evidenzbasierten Medizin sein. Denn diese ermöglicht es jedem einzelnen Arzt, zu überprüfen, ob das was die Experten in ihren Leitlinien definieren, auch richtig ist. Dadurch erst wird eine Diskussion auf gleicher Augenhöhe möglich.

Euler: Es ist eine große Kunst, die richtige Medizin auf den einzelnen Patienten anzuwenden. Es wird in der Öffentlichkeit – speziell auch von der Gesundheitspolitik - aber so getan, als hätten wir bis jetzt einen Blödsinn nach dem anderen gemacht. Gottseidank waren die Patienten gesund genug, das zu überleben. Jetzt aber werden endlich alle Ärzte an die Kandare genommen und in ein Korsett aus lauter Vorschriften und Leitlinien gepresst. Doch das Gegenteil ist wahr. Wir sehen jetzt, dass jene Ärzte im Recht waren, die skeptisch geblieben sind, wenn die Grenzwerte für Blutdruck oder Cholesterin immer weiter nach unten gedrückt wurden.

Mühlhauser: Ideal wäre es natürlich, wenn das, was der Arzt in der Praxis macht, auch mit dem überein stimmt, was dem wissenschaftlichen Erkenntnisstand entspricht.

Euler: Wir haben schon auch ein Studium gemacht.

Mühlhauser: Die Entwicklung seither war aber enorm.

Euler: Aber nicht immer nur nach im Guten.

Mühlhauser: Die Reflexion dessen was man tut – sich selbst immer wieder zu korrigieren, das ist ein wesentliches Element wissenschaftlichen Agierens.

Euler: Dann sagen Sie es doch den Kardiologen oder den Diabetikern: Dass es ein Wahnsinn ist, bestimmte Mittel zu empfehlen und ein Unfug, dass das in den Leitlinien steht. Etwa bestimmte neue Medikamente für Diabetes.

Standard: Wie haben Sie sich denn hier Ihre Meinung gebildet? Vertragen das die Diabetiker nicht, oder haben Sie kritische Arbeiten dazu gelesen?

Euler: Ich denke, dass so viele verschiedene Praktiker nicht irren können, wenn sie bei bestimmten Mitteln skeptisch sind. Auch wenn die Wissenschaft noch so sehr die Nase rümpft. Wenn sich eine Vorgangsweise konstant in der Praxis hält, dann muss die etwas an sich haben.

Mühlhauser: Aber das ist einer der größten Irrtümer der Medizin, so zu denken. Nur weil die Ärzte immer der Meinung waren, dass etwas richtig ist…

Euler: …und es auch den Patienten nicht geschadet hat.

Mühlhauser: Sie meinen, dass es den Patienten nicht geschadet hat. Es gibt aber leider verschiedene Beispiele, wo die Ärzte nach bestem Gewissen gehandelt haben und man dann  eine schreckliche Enttäuschung erleben musste. Berühmte Beispiele sind die Hormonersatztherapie, oder ein verbreitetes Mittel zur Behandlung von Herzrhythmus-Störungen. Als Hausarzt können Sie das nie herausfinden, ob mit dem Mittel jetzt nicht fünf, sondern zehn von tausend Leuten sterben. Dafür braucht es gut gemachte große Studien.

Euler: Beide Beispiele zeigen, dass wir nicht die Zunft sind, die es zu überzeugen gilt. Ich hatte  Kontakt mit Professoren, die gegen meinen Widerstand darauf beharrt haben, dass ich ihren Müttern bis zu deren Tod regelmäßig Östrogene verschreibe. Und das mit den Herzrhythmusstörungen müssen Sie den Kardiologen sagen.

Mühlhauser: Dann nehmen wir die Antibiotika-Behandlung bei den Mittelohrentzündungen.

Euler: Die EBM tröstet mich hier, wenn ich weiß, dass es nicht mehr Komplikationen gibt, wenn ich kein Antibiotikum verschreibe. Aber wenn ich jetzt kein Antibiotikum gebe, und die Mutter geht zwei Tage später zum Facharzt, so wird der massiv auf mich los gehen. Das ist zwar schön, dass die EBM hier auf meiner Seite ist, aber ich kann das nicht in der Praxis anwenden.

Mühlhauser: Das Problem ist dann aber die Abwesenheit von EBM.

Euler: Je höher in der Hierarchie die Leute stehen, desto wissenschaftsgläubiger sind sie. Ich war etwa im Herbst zum Höhepunkt der H1N1-Hysterie in einem Gremium, wo ich unter lauter Universitätsprofessoren der einzige Allgemeinmediziner war. Ich habe mich dort kritisch über die Impfung geäußert und alle sind über mich her gefallen. Professoren, zwanzig Jahre jünger als ich, haben ihre Kindergartenkinder mit ins Spital genommen, damit sie nur möglichst früh geimpft werden. Das ist nicht Wissenschaft, das ist Glaube.

Mühlhauser: Das kann man nicht generalisieren. Es gibt auch in Österreich Professoren, die sich bemühen, wissenschaftsbasiert zu arbeiten.

Euler: Kennt man sie? – Wer in Österreich eine Habilitation schreibt, hat einen Sponsor und dem bleibt er treu bis zur Pension.

Mühlhauser: Die Abhängigkeit von der Industrie ist ein ganz wichtiger Punkt. Und es kommt nicht von ungefähr, dass dieser Kongress hier nicht gesponsert ist und wir uns alles selber zahlen, vom Wohnen bis zur Reise.

Euler: Für uns ist das ein ganz großes Problem, dass nun die Gesundheitspolitiker meinen, sie müssten für jede Krankheit ein Programm vorlegen, weil das die dummen Ärzte sonst nicht behandeln können. Gleichzeitig lassen sie es aber zu, dass die Köpfe der Wissenschaft eingekauft sind und sich jeder Praktiker fürchten muss, vor Gericht einen Gutachter zu bekommen, der ihn ohrfeigt, weil der Arzt dem 80-jährigen keinen Cholesterinsenker verschrieben hat.

Standard: Nehmen wir mal das Beispiel Diabetes. Hier ist die Ärztekammer in Niederösterreich kürzlich aus dem an sich recht gelobten Disease-Management Programm zur Optimierung der Therapie von Diabetikern ausgestiegen. Was war denn dafür der Grund?

Euler: Es haben zehn Prozent der Ärzte mitgemacht und die Ergebnisse nach einem Jahr waren nicht überzeugend. Die Ärzte haben – entgegen ihrem Ruf – obwohl sie ein bisschen mehr bezahlt bekommen haben, das Programm wieder aufgekündigt. Wir wollen nicht, dass man uns vermittelt, unsere Ausbildung wäre nichts wert und wir müssten jetzt für die Behandlung jeder Krankheit einen eigenen Kurs machen.

Mühlhauser: Ich bin selber Diabetologin und hab mich viel mit Patientenschulung beschäftigt. Wir haben die Programme evaluiert – die Ergebnisse waren großartig. Sie sind aber nicht umgesetzt worden. Manche Ärzte machten es nur, wenn sie Lust und Laune hatten, oder einen besonderen Hang zur Patientenschulung. Ein gutes Programm sorgt dafür, dass alle Patienten das bekommen, was ihnen zusteht. Und auch, dass sie nicht übertherapiert werden.

Euler: Ich persönlich bin überzeugt, dass die Daten aus diesen Programmen auch Grundlagen für Rationierungen sein werden. Indem es eben heißt: Diesem übergewichten Diabetiker schieben wir jetzt zwei Jahre lang das geballte Wissen hinein. Und wenn er dann immer noch so fett ist, zahlt er mehr Beitrag.

Mühhauser: Ich lehne das ebenso ab, dass Patienten bestraft werden sollen, weil sie nicht abnehmen. Oder dass die Ärzte bestraft werden, weil ihre Patienten nicht abnehmen.

Euler: Das wäre ja noch toller, bei uns im Burgenland sogar ruinös.

Standard: Aber was macht man wirklich mit diesen Widersprüchen zwischen den offiziellen Programmen und den Leitlinien der Fachgesellschaften. Das widerspricht sich in vielem, wird von der Öffentlichkeit aber alles als EBM verstanden.

Mühlhauser: Das ist schon ein Problem, das wir haben. Dafür braucht es unglaublich viel Aufklärungsarbeit. Die Leute müssen irgendwann mal verstehen, dass eine Leitlinie von einer Fachgesellschaft über Experten formuliert wird und dass die nicht unbedingt Evidenz-basierte Aussagen treffen.

Euler: Wenn ich heute den pharma-unabhängigen Arzneimittelbrief lese, da muss ich mich wirklich aufrecht hin setzen, damit ich nicht einschlafe. Das ist so mühsam im Vergleich zu den bunten Inseraten, wo die einfachen Botschaften sofort ins Gehirn gehen. Wir haben einen übermächtigen Gegner. Und die Frage ist, ob die Politik den Mut hat, sich damit anzulegen.

Mühlhauser: Aber wir sind doch da, Herr Euler. Denken Sie an David gegen Goliath.


Dr. Christian Euler, 59, betreibt seit 1980 eine Praxis in Rust (Burgenland) als niedergelassener praktischer Landarzt und ist nebenher Präsident des Österreichischen Hausärzteverbandes. Christian Euler ist verheiratet, seine Frau Elisabeth ist ebenfalls Ärztin. Gemeinsam haben sie sieben Kinder.





Dr. Ingrid Mühlhauser, 56, ist Fachärztin für Innere Medizin, Endokrionolgin und Diabetologin. Seit 1996 bekleidet Mühlhauser eine Professur für Gesundheitswissenschaften an der Universität Hamburg. Die vehemente Verfechterin einer Evidenz-basierten Medizin engagiert sich besonders in der Patientenschulung und für deren Chance zur informierten Entscheidungs-Findung bei medizinischen Fachfragen.

Eine leicht gekürzte Version dieser Diskussion erschien am 15. März in der Tageszeitung "Der Standard".