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Dienstag, 7. November 2023

Klimawandel aus der Zwergenperspektive

Dass der Klimawandel vom Menschen gemacht ist - und nur vom Menschen -  gilt als eines der Dogmen der Gegenwart. Dabei spielen chemische Phänomene im Innenleben der Sonne, sowie Schwankungen der Neigung der Erdachse zur Umlaufbahn um die Sonne, eine mindestens ebenso wichtige Rolle. Klimawandel gab es bereits, bevor wir hier entscheidend mitmischen konnten - auch in der jüngeren Vergangenheit. 

Eine eindrucksvolle Animation der ETH Zürich zeigt den Vorstoß und Rückzug der Alpen-Gletscher während der letzten Eiszeit, beginnend in der Zeit vor 120.000 Jahren bis in die Gegenwart. 
Vor 120.000 Jahren war es annähernd so warm wie heute. Dann folgten 100.000 Jahre Eiszeit, bei der Südbayern und fast ganz Österreich von Eis bedeckt war. Vor rund 15.000 Jahren wurde es rasch wärmer, Mitteleuropa wurde weitgehend eisfrei, die Gletscher starben wie die Fliegen - und jetzt erst dehnte sich die Adria allmählich bis zum heutigen Venedig aus. Seit rund 10.000 Jahren geht es nun einigermaßen gleichmäßig dahin - zumindest in Bezug auf die vorherigen massiven Temperatur-Einbrüche und Anstiege.

 

Durch Klick die Klima-Animation starten. 

Zwischen oberem und unterem Bild liegen 20.000 Jahre


Im Makro-Bereich – wenn wir uns in Übergröße Details dieser jahrtausendelangen Entwicklung ansehen – sind diese Langzeit-Veränderungen nicht wahrnehmbar. Da wir allerdings eher so eine Makro-Lebenszeit haben, fallen uns die kleineren Schwankungen überdeutlich auf. Wir fokussieren sozusagen auf die Sekunde - während diese Animation die Jahrtausende abbildet.

100 Jahre Kälte

Der bekannte Vorarlberger 'Zahlenfreak' Oliver Lerch zeigte kürzlich etwas recht Interessantes:
Er konzentrierte sich - anhand der Daten der Hohen Warte in Wien - auf die jüngste Vergangenheit, die uns Lebenszeit-technisch allerdings auch schon recht lang vorkommt: Dort werden seit 1775 – also 248 Jahre lang – die täglichen Temperaturen notiert.
Lerch wollte wissen, wieviele Tage mit Temperaturen über 30 Grad es im Lauf der Jahre gegeben hat. Und hier zeigte sich, dass es auch im Zeitraum von 248 Jahren ähnlich massive Schwankungen gab wie davor im großen Eiszeit-Maßstab.
Und diese zeigen sogar denselben Trend:
  • Seit ca. 40 Jahren gibt es einen starken Temperaturanstieg
  • Davor war es von 1880 bis 1980 rund 100 Jahre lang ziemlich kalt mit nur wenigen Hitzetagen pro Jahr
  • In den Jahrzehnten davor war es temperaturtechnisch jedoch ähnlich heiß wie heute

Oliver Lerch schreibt dazu:
"Wenn es um Tage mit mehr als 30 Grad in Wien geht, dann sehen wir eindeutig, dass es von ca. 1880 bis 1980 deutlich weniger waren als davor und danach.
DASS es in den letzten 40 bis 50 Jahren immer mehr wurden, steht außer Zweifel. Interessanter ist wohl das WARUM dazu – ich kann es nicht erklären und überlasse das gerne Fachleuten.
Was mich interessiert: Was war der Grund dafür vor 200 Jahren? Derselbe wie heutzutage kann es nicht sein, genauso wie dann die lange Phase mit deutlich kühleren Temperaturen dazwischen schwer zu erklären ist."

Das ist in der Tat eine hoch interessante Frage.

Mensch oder Sonne - wer hat mehr Einfluss?

Menschen hielten sich immer für den Angelpunkt der Welt. Und ja, wir haben uns die Erde untertan gemacht - mit allen möglichen schädlichen Konsequenzen, die auch das Klima betreffen. Wir befinden uns jedoch trotzdem in der absoluten Zwergenperspektive. Und wenn die Sonne einen kleinen Hundert-Jahr-Schnaufer macht - so hat das wohl um einige Potenzen mehr Auswirkungen auf unsere Durchschnitts-Temperatur als Verkehr- und Industrie-Emissionen oder die Abgase der Massenhaltungs-Tiere.

Dass es höchste Zeit und unbedingt notwendig ist, diese schädlichen Emissionen zu reduzieren, steht für mich außer Frage. Die Energiewende ist aus vielerlei Gründen ein sinnvolles und erstrebenswertes Ziel - genauso wie die Wieder-Einbindung der Landwirtschaft in eine nachhaltig ökologische Ausrichtung. Das hat jedoch in erster Linie mit den erstrebenswerten Zielen einer für alle Menschen guten Lebensqualität, sowie mit Natur- und Umweltschutz zu tun. Wenn es zu den Klimazielen beiträgt, so ist das sicherlich ein Mehrwert. Ob wir das entscheidend beeinflussen können, ist jedoch ungewiss.


Das Geschäft mit dem Klimawandel

Die Absolutheit und Verbitterung, mit der die Klima-Diskussion geführt wird, entstammt dem seit einigen Jahren obligaten Schwarz-Weiß Denken, bei dem keine Graustufen mehr mitgedacht und Zweifler sofort mit Ausschluss bedroht werden.
Ich spreche hier durchaus nicht einem Laissez-faire in der Klimafrage das Wort, sondern warne vor Absolutismus und der Gefahr einer weiteren Spaltung der Bevölkerung.
Auffällig ist zudem, dass dieses Thema medial viele Jahre auf niedrigstem Niveau dahin getümpelt ist. Noch vor zehn Jahren wurde ich zu einem Workshop in Island eingeladen, bei dem eine Gruppe von Klimaexperten verzweifelt um Aufmerksamkeit für diese Thematik warb und beklagte, dass die Medien davon nichts wissen wollen. Seit wenigen Jahren ist das ins absolute Gegenteil gekippt.
Die politische und mediale Gleichschaltung erfolgte erst, seit wichtige globale Player das phänomenale kommerzielle Potenzial des Klimawandels erkannten und die Großkonzerne – vom Offshore-Windpark über die E-Autos bis zum veganen Ersatz-Schnitzel – omnipräsent ihre Dienste anbieten.

Dass es in Richtung einer grünen Energiewende geht, ist grundsätzlich positiv. Allerdings braucht es noch immer den Zweifel - es braucht den Diskurs, es braucht objektive Berichterstattung mit Argument und Gegenargument. Und wenn jemand - egal ob eine Regierung, die EU oder die WHO – mit überschießenden Maßnahmen die regionale Wirtschaft abwürgen und massiv in die Lebensweise der Leute eingreifen möchte, ist skeptisches Hinterfragen ebenso angebracht wie Widerstand.

PS: Wenn Ihnen mein Blog interessant und wichtig erscheint, freue ich mich sehr über eine Spende, die meine Arbeit unterstützt.


 

Informationen zu Bert Ehgartners aktuellem Film "Unter die Haut" findet Ihr auf der Webseite zum Film. Wer an einem Interview, einem Vortrag oder einer Filmvorführung mit Bert Ehgartner interessiert ist, findet alle Informationen zu den Angeboten auf seiner Homepage.

Freitag, 25. Februar 2011

Sonnenkur

Viele Jahre galt die Sonne als Synonym für Hautkrebs-Risiko. Nun schlägt das Pendel gewaltig in die Gegenrichtung: Tausende Studien belegen die enorme gesundheitliche Bedeutung von Vitamin D, das über Sonnenstrahlen in der Haut erzeugt wird. Viele Mediziner sehen im winterlichen Sonnenmangel eine Hauptursache für grippale Infekte.

Harald Dobnig wusste, dass er auf einem Datenschatz saß. Der Endokrinologe und Professor für Innere Medizin an der Medizinischen Universität Graz hatte die Protokolle von 3256 Männern und Frauen mit einem Durchschnittsalter von 62 Jahren, die alle wegen des Verdachtes einer Herzgefäß-Verengung genauestens untersucht worden waren. Unzählige Einzelwerte lagen vor, vom Blutdruck bis zum Cholesterinwert. Das beste – aus Sicht eines Wissenschaftlers – war aber der Zeitpunkt der Untersuchung: Der lag nämlich im Schnitt acht Jahre zurück und mittlerweile waren 737 Patienten, also fast ein Viertel, verstorben. Harald Dobnig saß nun mit einem Team von Kollegen aus den verschiedensten Sparten der Medizin über den Daten, analysierte sie in diese und jene Richtung und versuchte zu ergründen, welcher der Messwerte die beste Prognose für ein besseres oder schlechteres Überleben ermöglichte. „Ich habe mich mit der Datenbank gespielt, bis mich der Vitamin-D-Blitz getroffen hat“, erzählt Dobnig.

Den Schlüssel zum Verständnis fand er im Vitamin-D Status der Patienten. Dazu teilte er sie nach ihrem Vitamin-D Wert in vier gleich große Gruppen ein. Wenn man nun Patienten des niedrigsten Viertels (Durchschnittswert 7,6 Nanogramm pro Liter) mit jenen des höchsten Viertels (28,4 ng/l) verglich, so war deren Sterberisiko mehr als doppelt so hoch. Patienten aus dem zweitniedrigsten Viertel (13,3 ng/l) hatten noch immer ein mehr als 50 Prozent höheres Sterberisiko. „Der Vitamin D Status der Patienten hatte die mit Abstand beste Aussagekraft für deren Überleben“, erklärt Dobnig.

Die Grazer Studie wurde 2008 im angesehenen Journal „Archives of Internal Medicine“ publiziert und in dieser kurzen Zeit bereits wieder von 180 anderen Studien zitiert. Insgesamt sind im letzten Jahrzehnt mehr als 18.000 Arbeiten zum Thema Vitamin D in die internationale Medizin-Datenbank „PubMed“ aufgenommen worden. In den 90er Jahren waren es zum Vergleich nur knapp 8000. „Das Interesse ist regelrecht explodiert“, sagt Dobnig (Foto). „Vitamin D gilt derzeit weltweit als eines der heißesten Eisen der medizinischen Forschung.“

Lange Zeit war das anders. Die Geschichte von Vitamin D ist voll von Irrtümern. Das beginnt schon beim Namen. Vitamine erfüllen – laut Definition – lebenswichtige Funktionen, können im Stoffwechsel jedoch nicht im nötigen Ausmaß selbstständig erzeugt werden. Anfang des 20. Jahrhunderts erwies sich Lebertran als Heilmittel für die bei Kindern grassierende Knochenwachstums-Störung Rachitis. Man nahm also an, dass sich darin ein Vitamin befindet, das den kranken Kindern fehlt und nannte es –nach den drei bisher bekannten Vitaminen A, B und C – in alphabetischer Folge Vitamin D.
Damals wusste noch niemand, dass der Organismus sehr wohl in der Lage ist, ausreichend Vitamin D herzustellen, so lange Sonne auf die Haut trifft. Genauer gesagt braucht es Ultraviolettes Licht geringer Wellenlänge (so genannte UV-B Strahlung) um ein mit Cholesterin verwandtes Molekül, das reichlich in der Haut vorkommt, in eine Vitamin D – Vorstufe umzuwandeln. Nach heutigem Wissensstand würde man Vitamin D als Hormon bezeichnen.

Mit der raschen Lösung des Rachitis-Problems schien die Bedeutung der Substanz aber geklärt und viele Jahrzehnte lang kümmerte sich kaum jemand darum. Dazu kamen Gerüchte über mögliche Schäden, ausgelöst durch Hochdosen von Lebertran, mit denen nach dem Zweiten Weltkrieg die Kinder traktiert wurden.
Heute weiß man, dass toxische Effekte von Vitamin D – auch bei Überdosierung – unwahrscheinlich sind. Dass hingegen der Mangel weltweit in enormem Ausmaß verbreitet ist. Als moderner Pionier und Hauptverantwortlicher für das Comeback von Vitamin D gilt Michael F. Holick, Endokrinologe der Universität Boston. Er publizierte seit den 70er Jahren Aufsehen erregende Studien zu den verheerenden Auswirkungen eines Mangels an diesem Sonnenhormon. „Zum einen erhöht sich das Risiko auf weit verbreitete Krebsarten“, erklärt Holick, „ebenso auf Diabetes, Autoimmunkrankheiten, sowie Herzinfarkt und Schlaganfall.“ Erste Anzeichen für einen Vitamin-D Mangel seien meist Schmerzen in Knochen und Muskeln, dauerhafte Müdigkeit sowie Depressionen. „Das führt zu enormen Fehldiagnosen, wenn die Ärzte nicht auf Vitamin D testen.“

Man weiß mittlerweile, dass das Sonnenhormon an der Regulation von mehr als 200 Genen beteiligt ist und damit eines der einflussreichsten Hormone des menschlichen Organimus ist. Und es kommen Resultate aus den verschiedensten Sparten der Medizin. Werdende Mütter haben beispielsweise ein deutlich geringeres Risiko auf eine Kaiserschnitt-Geburt, wenn ihr Vitamin-Status in Ordnung ist.
Enorme Konsequenzen hat der Sonnenmangel für ältere Menschen, deren Haut mit höherem Lebensalter auch zunehmend schlechter in der Lage ist, genügend Vitamin D zu erzeugen. Sobald sie nun auch noch bettlägrig werden, sinkt der Spiegel gegen null. Sonnenbaden und billige Vitamin D Tropfen aus der Apotheke, raten Experten, wären hier therapeutisch wesentlich effektiver als teure Osteoporose-Medikamente von fraglicher Wirksamkeit.

Besonders interessant ist der Zusammenhang mit Infekten. Im Kern geht es dabei um die Frage, warum wir im Winter häufiger krank werden als im Sommer. Wir sind ja auch im Sommer in dicht gedrängten Räumen und auch die Viren und Bakterien sind im Sommer genauso im Umlauf. Dennoch ist eine Sommergrippe relativ selten - und im Winter sterben in Österreich etwa 3000 Personen mehr als in den anderen Jahreszeiten.
In der ehemaligen Sovjetunion hat man dazu ziemlich drastische Versuche unternommen und Versuchspersonen absichtlich mit Influenzaviren infiziert. Dabei zeigte sich, dass im Winter die Infektion um das Zehnfache leichter gelingt als im Sommer. Und die Erklärung liegt abermals im Vitamin D: Alle weißen Blutkörperchen besitzen Vitamin-D Rezeptoren und werden dadurch aktiviert. Obendrein sind die Schleimhäute mit antimikrobiell wirksamen Peptiden besetzt, die als erste Abwehrlinie gegen Viren und Bakterien fungieren. „Auch sie hängen in ihrer Funktion von Vitamin D ab“, sagt Dobnig.
Doch das Sonnenvitamin rüstet nicht nur das Immunsystem auf, es besänftigt gleichzeitig die Gegenreaktion. Oft richtet ja die über aggressive Zellen der Immuanbwehr gesteuerte Gegenreaktion mehr Schaden an, als die Viren selbst. Bei der zurück liegenden Influenza-Pandemie sind die meisten der jungen Opfer nicht an den Viren, sondern an einer überzogenen Immunantwort gestorben, bei der das infizierte Lungengewebe durch einen Großangriff des Immunsystems und die massenhafte Ausschüttung Entzündungs-fördernder Zytokine zerstört wurde.

Die Sowjets setzten diese Erkenntnisse im Leistungssport ein und schickten ihre Athleten regelmäßig zu UV-Bestrahlungen ins Solarium. Dadurch konnten die Infekt-bedingten Krankheitstage der Sportler auf die Hälfte reduziert werden.
Nun erscheinen langsam auch aktuelle Studien zur Eignung von Vitamin D in der Influenza-Prophylaxe. In einer sorgfältig gemachten Untersuchung mit 334 japanischen Schulkindern war das Influenza-Risiko in der Vitamin-D Gruppe um signifikante 42 Prozent vermindert. Bei Kindern mit einer bekannte Asthma-Diagnose verringerte sich das Risiko einer Asthma Attacke gar um signifikante 83%. Von derartigen Ergebnissen können die Hersteller der Influenza-Impfstoffe nur träumen

Während die Verschreibung von Vitamin D Präparaten zunimmt, haben viele Ärzte bis heute Probleme damit, ihren Patienten therapeutische Sonnenbäder zu empfehlen. Gilt doch die Sonne als Verursacher von Hautkrebs und die Warnung vor den Gefahren von Sonnenbrand ist omnipräsent. Dabei ist der Zusammenhang zwischen Sonne und Melanomen, der gefährlichen Form des „Schwarzen Hautkrebs“, bis heute wissenschaftlich umstritten. „Menschen, die sich berufsbedingt ständig in der Sonne aufhalten, haben sogar ein geringeres Melanom-Risiko“, erklärt etwa Marianne Berwick, Leiterin der Division für Epidemiologie und Prävention von Krebserkrankungen an der Universität von New Mexico in Albuquerque.
Wissenschaftlich gesichert ist hingegen der Einfluss von Sonne auf die Entstehung des häufigsten Hautkrebs-Typus, des Basalzellkarzinoms. Das entwickelt sich meist im Kopfbereich, kann gut entfernt werden und ist damit in den meisten Fällen auch geheilt. Im Vorjahr erschien dazu eine große dänische Übersichtsarbeit, die ein wirklich sensationelles Ergebnis brachte: Die Auswertung der Daten von 72.295 Fällen von Basalzellkarzinom ergab nämlich, dass diese Patienten nicht kürzer, sondern signifikant länger lebten als die Durchschnitts-Bevölkerung. „Natürlich ist es nicht der Krebs, der diesen Überlebensvorteil bewirkt“, erklärt der Innsbrucker Pharmakologe Hartmut Glossmann, „sondern der Zusammenhang mit Sonne und dem höheren Vitamin D Spiegel dieser Patienten.“
Gemeinsam mit anderen Vitamn-D-Experten fordert Glossmann die rasche Umsetzung der aktuellen Forschungsergebnisse durch die Gesundheitspolitik. „Damit die Menschen wirksam gegensteuern können, ist es notwendig, dass alle über ihren Vitamin D Status bescheid wissen.“
Deshalb solle der Wert künftig bei allen Gesunden-Untersuchungen ermittelt und dann über Sonnenkuren und Vitamin D Tropfen die notwendigen Gegenmaßnahmen ergriffen werden. „Ich habe fast die ganze Verwandtschaft testen lassen, von den Enkeln bis zur Ur–Großmutter“, sagt Glossmann. „Und wir bleiben nun schon den dritten oder vierten Winter von grippalen Infekten verschont.“

Foto: Tim Beyer (Creative Commons),

Mittwoch, 16. Februar 2011

"Was kümmert uns Australien..."


Der Pharmakologe Hartmut Glossmann warnt vor den Auwirkungen von Sonnenmangel und fordert, dass bei Gesunden-Untersuchungen routinemäßig der Vitamin D Wert gemessen wird.

Ehgartner: Die bedeutendste Vitamin D Quelle ist die Sonne. Kann man diesen Effekt durch Vitamin D Tropfen aus der Apotheke ersetzen?

Glossmann: Wenn man experimentell Menschen ähnlichen Alters, Gewichtes, und Hauttyps mit einer definierten Dosis UV-B bestrahlt, so finden Sie zwischen den einzelnen Personen nur geringe Unterschiede in der erzeugten Menge von Vitamin D. Wenn ich derselben Gruppe Vitamin D oral gebe, stellt man fest, dass die einzelnen Individuen sich bis zum Faktor acht unterscheiden: Einige nehmen das Vitamin D fast gar nicht im Kreislauf auf, andere hingegen sehr gut. Das heißt, der mit Abstand zuverlässigste Weg für Menschen, Vitamin D zu erhalten, geht über die Sonne.

Ehgartner: Das wird aber jene Hautärzte nicht freuen, die bei Sonne in erster Linie an Hautkrebs denken und beständig davor warnen.

Glossmann: Ja, es ist ein Fehler, wenn man glaubt, Sonne auf der Haut ließe sich so einfach durch Arzneimittel ersetzen.

Ehgartner: Was bedeutet das für den Winter, wo die UV-B Strahlen in unserer Region kaum bis gar nicht durch die Atmosphäre dringen? Empfehlen Sie den Weg ins Solarium?

Glossmann: Wenn das ein zertifiziertes Solarium ist wo Lampen einen entsprechenden Anteil von UV-B Strahlen abgeben, spricht bei Erwachsenen, speziell bei älteren Menschen, nichts dagegen. Wichtig dabei ist jedoch, dass man nicht braun wird, sondern gerade mal eine leichte Tönung abbekommt. Dann können Sie sehen, wie der Vitamin D Spiegel ansteigt. Überaschenderweise umso mehr je niedriger der Ausgangswert war.

Ehgartner: Wie lange soll man bleiben?

Glossmann: Je nach Hauttyp genügen etwa sechs bis acht Minuten ein- bis zweimal pro Woche. Gesicht, Augen und bestimmte Körperregionen sollten bedeckt bleiben.

Ehgartner: Die WHO stuft Solarien seit 2009 offiziell als krebserregend ein. Haben Sie keine Bedenken, dass damit Hautkrebs gefördert wird?

Glossmann: Wissenschaftlich gesichert ist der Zusammenhang von Sonne und Hautkrebs zum Beispiel beim Basalzellkarzinom, das ist der häufigste Typ. Dieser Hautkrebs entwickelt sich meist gut sichtbar im Kopf-Halsbereich, kann entfernt werden und damit hat es sich in den allermeisten Fällen. Kürzlich ist dazu eine sehr interessante dänische Studie erschienen, die zeigte, dass Patienten mit Basalzellkarzinom im Schnitt länger leben als die Durchschnittsbevölkerung. Natürlich ist es nicht der Krebs, der diesen Überlebensvorteil bewirkt, sondern der Zusammenhang mit Sonne und dem höheren Vitamin D Spiegel.

Ehgartner: Wie konkret sorgt Vitamin D für ein längeres Leben?

Glossmann: Studien zeigen den Einfluss auf die Skelettgesundheit. Dass ein Spiegel über 75 nmol/l fatale Hüftfrakturen mit hoher Sicherheit verhindern kann.

Ehgartner: Die meisten kennen aber ihren Vitamin-D Spiegel gar nicht.

Glossmann: Deswegen dränge ich gemeinsam mit Kollegen darauf, dass zu einer normalen Gesundenuntersuchung auch die Bestimmung des Vitamin-D Wertes gehören muss. Mehrere Medizinstudenten in Innsbruck haben ihre Werte aus Interesse bestimmen lassen. Das Ergebnis war so dramatisch, dass die Gesundheitspolitik gefordert ist.

Ehgartner: Sitzen die Jungen zu viel vorm Computer?

Glossmann: Ja sicher. Und wenn sie ins Freie –in die Sonne- gehen, so verhüllt man sich, als wären sie Nonnen oder strenggläubige Moslems. Das betrifft weniger die Mädels, die ja noch Haut zeigen. Aber sehen sie sich mal an, wie sich die Jungen nach aktueller Mode kleiden. Viele von denen haben katastophale Knochenwerte, manche können gar keinen Sport mehr machen. Ich habe kürzlich mal Fotos aus meiner Jugend angeschaut: Wir haben von Frühjahr bis Herbst kurze Hosen getragen – sowas finden Sie heute nirgendwo: Alle sind total zugedeckt. Die können nicht mal im Sommer Vitamin D bilden.

Ehgartner: Nehmen Sie selbst Vitamin D-Tropfen?

Glossmann: Ich habe fast die ganze Verwandtschaft testen lassen. Je nach den Werten wird Vitamin D gegeben: Von den Enkeln bis zur fast 90 jährigen Ur -Großmutter. Und wir bleiben schon den dritten oder vierten Winter weitestgehend von grippalen Infekten verschont. Daten aus der Literatur bestätigen diese Erfahrung. Das macht sich aber nur bei dauerhafter Einnahme bemerkbar – über Monate und Jahre. Das ist kein Soforteffekt.
Wir erhalten Vitamin D jedoch auch aus Quellen, von denen wir das gar nicht vermuten. Etwa über das Fleisch von Biorindern, die den ganzen Sommer auf Almen weiden. Hier findet sich die hervorragend resorbierbare Form des Vitamins als Prohormon in großen Mengen. Unsere Biobauern wissen leider noch nicht, dass sie in Wirklichkeit über ihr Rindfleisch ein Top-Prophylaktikum gegen Knochenbrüche produzieren.

Ehgartner: Wie kam es denn eigentlich zu dieser Hysterie in Bezug auf die Sonne?

Glossmann: Das Problem begann damit, als festgestellt wurde, dass vorwiegend hellhäutige oder rothaarige Auswanderer in Australien Probleme von der Sonne bekamen. Und eigenartigerweise wurden Schlussfolgerungen aus diesen Untersuchungen als weltweite Regel ausgegeben. Was kümmert uns Australien? Wenn Sie eine optimale UV-B Exposition haben wollen, dann müssen sie in unseren Breiten speziell in den Mittagsstunden in die Sonne gehen. Da ist das Verhältnis von UV-B zu UV-A optimal. Je tiefer jedoch die Sonne steht, desto schlechter ist das Verhältnis, weil UV-B Strahlen durch die längere Strecke in der Atmosphäre schon vorher absorbiert werden.
Aber natürlich gilt diese Empfehlung zum Sonnenbad immer ohne Sonnenbrände! Vitamin D wird nämlich recht schnell gebildet, lange bevor es zu einer Rötung der Haut kommt.

Ehgartner: Warum engagieren Sie sich nach Ihrer Emeritierung so intensiv für dieses Thema?

Glossmann: Weil Vitamin D definitiv eine enorme gesundheitliche Bedeutung für die Menschen hat. Außerdem stört es mich, dass die Arbeit österreichischer Vitamin D Forscher wie Pilz und Dobnig in Graz oder Peterlik in Wien zwar weltweit Anerkennung finden, aber bis heute keine Konsequenzen in der hiesigen Gesundheitspolitik zu erkennen sind.


Hartmut Glossmann, 70, ist Gründer des Institutes für Biochemische Pharmakologie der medizinischen Universität Innsbruck und langjähriger Institutsvorstand seit 1984. In seinem Institut wurde das Schlüsselenzym, welches die Menge des Vitamin D Vorläufers in der Haut regelt, erstmalig charakterisiert. Hier ist ein ausführlicher Fachartikel zum Thema Vitamin D.
Eine gekürzte Version dieses Interviews erschien diese Woche im österreichischen Nachrichtenmagazin Profil als Teil eines Artikels über "Strahlentherapie" zu Vitamin D.

Mittwoch, 3. November 2010

Comeback der Sonnenkur

Wer sich die altehrwürdigen Sanatorien in den „Luftkurorten“ Österreichs oder der Schweiz an sieht, dem stechen vor allem die großzügigen Sonnenterrassen ins Auge. Hier sollten die Kranken täglich einige Stunden verbringen um bei guter Luft und den wohltuenden Strahlen der Sonne Heilung zu erlangen. „Das Sonnenlicht führt reine positive Lebensgeister aus dem kosmischen Äther mit sich“, heißt es etwa in einer „Anleitung zur Sonnenkur“ aus dem 19. Jahrhundert. Kurorte wie Davos, oder die bekannten Sanatorien am Semmering warben mit ihren zahlreichen „Sonnentagen“, welche den Gästen auch dann noch Sonnenbäder ermöglichten, wenn die Täler längst in den Herbst- und Winternebeln versunken waren.

Seit dieser Zeit hat der Ruf der Sonne einige Schrammen abbekommen. Ausgehend von der hohen Hautkrebsrate der Australier ging über mehrere Jahre ein regelrechte Lawine von Schockmeldungen durch die Medien. Sonne wurde zum Synonym für Melanome – die bösartigste Form von Schwarzem Hautkrebs. Und an manchen Stränden hatte man den Eindruck, die Designer der aktuellen Bademode seien allesamt strenggläubige Taliban. Wer seine Haut dennoch der Sonne aussetzen wollte, wappnete sich – angeleitet durch die mediale Hysterie – mit einem Sonnenschutzfaktor von 25 aufwärts.

Mittlerweile ist die Kampagne etwas abgeebbt. Studien erscheinen, die keinen Unterschied finden zwischen dem Hautkrebs-Risiko traditionell verhüllter Moslem-Frauen und jenen, die nichts dabei finden im Bikini an den Strand zu gehen. Zudem zeigt sich bei Hautkrebs, ebenso wie bei den meisten anderen Krebsarten ein deutliches Nord-Süd Gefälle. Ebenso bei Osteoporose, Rachitis und bei vielen Krankheiten der Seele. Unser Problem scheint demnach eher der Mangel an Sonne.

Langsam erlebt die Einsicht ein Comeback, dass der Stern, dem wir alles Leben auf Erden verdanken, doch nicht so schlecht sein kann. Über neue wissenschaftliche Erkenntnisse materialisieren sich nun auch die „Lebensgeister“, die im Sonnenlicht enthalten sind. Es handelt sich dabei vor allem um Vitamin D, das über den Einfluss von UV-Strahlen in den äußeren Hautschichten gebildet wird und im Stoffwechsel wesentlich effektiver verwertet werden kann als über Nahrungsmittel oder Vitaminpillen. Immer mehr Mediziner raten deshalb dazu, wann immer sich die Gelegenheit bietet, Sonne zu tanken – speziell im Herbst und Winter. Und besonders gilt dieser Rat – so wie in den alten Zeiten der Sonnenkuren – für kranke und gebrechliche Menschen. Die generelle Einführung von Sonnenterassen in Alten- und Pflegeheimen – und die eifrige Nutzung derselben, wäre demnach ein konsequenter und vor allem heilsamer Schritt.

Dieser Kommentar erschien in der Oktober-Ausgabe der Zeitschrift LebensWEGE.