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Donnerstag, 22. Juni 2017

Das makellose Impfwesen und seine interessenskonflikt-freien Vertreter

Derzeit findet in Krems der EUFEP-Kongress 2017 statt. Ich war gestern bei diesem "europäischen Forum für evidenzbasierte Prävention" zu einer Podiumsdiskussion eingeladen, in der es auch um die Frage ging, ob die Einführung einer Impfpflicht eine geeignete Maßnahme zur Gesundheitsförderung bei Kindern ist. Ich habe diese Ansicht kritisiert. Gänzlich frei von jeglicher Selbstreflexion in Bezug auf Nutzens-Schadens Abwägungen gab sich Ursula Wiedermann-Schmidt, die Leiterin des Nationalen Impfgremiums Österreichs. Ihr Referat bestand aus purer Impfwerbung. 

Podiumsdiskussion mit (v.r.n.l.) Claudia Wiesemann (Univ. Göttingen), Mike Kelly (NICE), Andrea Fried (Moderation), Irene Promussas (Lobby4Kids) und mir (Foto: U. Griebler)

Ich betonte in meiner Stellungnahme zur Impfpflicht, dass nicht nur die Eltern die ihre Kinder impfen lassen, sondern auch jene, die manche Impfungen verweigern, der Ansicht sind, zum Wohle ihrer Kinder zu handeln. Eine der beiden Einstellungen von vornherein als "falsch" abzutun, sei wissenschaftlich schwer argumentierbar. Es gäbe nämlich nicht "die Impfungen", sondern eine ganze Reihe von Einzelimpfungen mit Stärken und Schwächen, die jede für sich zu bewerten seien in ihrem individuellen Nutzen-Risiko-Profil.
Zudem besteht ein enormes Interesse der Hersteller, ihre Impfungen in die jeweiligen Impfkalender "zu drücken". Dafür wird stark lobbyiert - manchmal auch mit unerlaubten Hilfsmitteln wie der Bestechung von Politikern. (Ich brachte dafür Beispiele aus Italien und den USA, wo die Einführung von Pflichtimpfungen später zur gerichtlichen Verurteilung der verantwortlichen Politiker führte.)

Impfen ist der weltweit meist verbreitete Eingriff zur präventiven Behandlung von gesunden Kindern. Und insofern ist natürlich die Verantwortung derjenigen, die solche Therapien empfehlen oder sogar zur Pflicht machen, enorm. Es muss auf das strengste geprüft werden, dass der Nutzen das Risiko deutlich übersteigt und die Sicherheit der Impfungen durch die best möglichen Prüfverfahren gewährleistet ist.
Das ist meiner Meinung nach bei manchen Impfungen – z.B. den „Totimpfungen“, die Alu-haltige Wirkverstärker verwenden – nicht gesichert. (Meine Argumente habe ich anlässlich der in Italien geplanten Impfpflicht für 12 Krankheiten kürzlich hier zusammen gefasst. Außerdem habe ich aktuell drei Forderungen an die Gesundheitspolitik formuliert.)

Bei Masern bin ich ein Befürworter der Impfung, allerdings kein Befürworter der Impfpflicht.
Es gibt eine Menge gute positive Argumente, die für die Impfung sprechen. In der bisherigen Debatte wird aber stets nur negativ argumentiert:
  • Angst vor Masern, 
  • Angst vor SSPE (obwohl sich noch niemand wirklich auskennt, wie diese seltene Krankheit konkret entsteht), 
  • Krankheiten sind prinzipiell schlecht und zu vermeiden, deshalb: Ziel der Ausrottung der Viren

Positive Argumente wären hingegen: 
  • Viren gehören zum Leben, sie trainieren das Immunsystem und schaffen nachhaltige Kompetenz mit weniger Entgleisungen Richtung Allergien und Autoimmunität
  • Die Masern-Impfung bietet einen hervorragenden Schutzeffekt - allerdings mit abgeschwächten Viren - die möglichen Komplikationen der Wildviren werden vermieden 
  • Zahlreiche Studien belegen, dass masern-geimpfte Kinder bessere Abwehrkräfte haben als ungeimpfte.
  • Wenn es nun noch gelingt, aus der MMR Impfung eine „Bio-Impfung“ zu machen, die in der Herstellung sowie Anwendung auf problematische Inhaltsstoffe verzichtet und auf natürliche Infektionswege Rücksicht nimmt, so wäre es sicherlich einfacher, dafür auch impfkritische Eltern zu gewinnen.
  • Das würde z.B. bedeuten: Einzelimpfungen anbieten, welche inhaliert werden können


Wiedermann-Schmidt: Impfpropaganda ohne jegliche Selbstzweifel

Ursula Wiedermann-Schmidt ist die Leiterin des Instituts für Spezifische Prophylaxe und Tropenmedizin der Medizinischen Universität Wien, das traditionell recht gute Beziehungen zur Industrie pflegt. Obwohl es auf Kongressen mittlerweile als Pflicht gilt, eine Erklärung zu den eigenen Interessenskonflikten voran zu stellen, kam von Wiedermann-Schmidt nichts.
In ihrem Vortrag mit dem Titel "Evidenzbasierte Empfehlungen für Impfprogramme" war von irgendwelchen möglichen Nebenwirkungen von Impfungen nicht mal am Rande die Rede. Viel einseitiger konnte eine Thematik kaum noch dargestellt werden. Als Gefährdung der öffentlichen Gesundheit wurden lediglich die Impfkritiker und Impfgegner erwähnt.
Karl Zwiauer, der Vorstand der Kinderklinik am LKH St. Pölten leitete ihr Referat entsprechend ein. Heute ginge es um das Grundübel, sagte er: Und das sei die Impfmüdigkeit in bestimmten Kreisen der Bevölkerung. 
Wiedermann-Schmidt zeigte Grafiken, in denen dem Impfen ein Anteil von rund 100 Prozent an der Beseitigung von Krankheiten wie Polio, Diphtherie, Tetanus, Keuchhusten, etc. zugeschrieben wurde. Dass derzeit in der internationalen wissenschaftlichen Community z.B. bei Keuchhusten darüber debattiert wird, dass dieser Impfstoff - wenn überhaupt - dann nur kurzzeitig wirkt und dringend verbessert werden muss – keine Erwähnung.
Dass auf internationalen Fachkongressen bestimmte Impfungen und deren Inhaltsstoffe als Auslöser von Allergien und Autoimmunkrankheiten diskutiert werden – nicht ein Wort.
Noch selten habe ich in einem Vortrag zur "evidenzbasierten Medizin" eine derart einseitige Auslegung von "Evidenz" erlebt.

Ursula Wiedermann-Schmidt: Im Dienste der Impfwerbung


Ich bezeichnete in einer Wortmeldung ihren Vortrag als "pure Impfwerbung" und kritisierte, dass die Meldepflicht der Ärzte für mögliche Nebenwirkungen von Impfungen kaum wahrgenommen wird und vollständig intransparent abläuft. 
Darauf entgegnete Wiedermann-Schmidt, dass es die Pflicht der Ärzte sei, die gesetzlich vorgeschriebenen Meldungen zu machen. Das funktioniere auch - die Nebenwirkungs-Übersichten seien im Internet auf der Webseite der Behörden transparent gemacht und jederzeit nachlesbar. 

Mir ist es bisher nicht gelungen, diese "transparenten" Informationen zu finden. Nicht mal auf der Übersichtsseite des Gesundheitsministeriums mit dem Titel "Informationen zur Impfstoffsicherheit" gibt es einen Link zu einer Übersicht der gemeldeten Nebenwirkungen.
Wenn man etwas weiter sucht, so kommt man zum Artikel "Reaktionen und Nebenwirkungen nach Impfungen", den Wiedermann-Schmidt selbst mit herausgegeben hat. Wie tendenziös dieser Artikel ist, geht schon aus der Gestaltung der Titelseite hervor, die ich Ihnen nicht vorenthalten möchte:
Wahrnehmung des Risikopotenzials von Impfungen: unterentwickelt bis nicht vorhanden
Sowohl Ursula Wiedermann-Schmidt als auch Karl Zwiauer sind Mitglieder des "Nationalen Impfgremiums", die dem Ministerium in Sachen Impfungen als "unabhängige" Berater zur Seite stehen und den nationalen Impfplan erstellen.
Um das deutsche Pendant, die STIKO (Ständige Impfkommission am Robert Koch Institut), gab es während der letzten Jahre heftige Diskussionen um finanzielle Interessenskonflikte. Viele der Mitglieder arbeiteten immer wieder für Impfstoff-Hersteller, ohne dass dies öffentlich bekannt war. Als schließlich der damalige Leiter der STIKO Geld eines Impfstoffherstellers "zur Förderung des Impfgedankens" annahm und kurz darauf gleich ganz in die Dienste der Industrie wechselte, war der Bogen überspannt und es setzte erstmals heftige Kritik in den Medien.
Seither gibt es immerhin eine umfassende öffentliche Selbstauskunft der STIKO-Mitglieder zu ihren Industrie-Verbindungen. Außerdem eine transparente Datenbank im Internet, die frei zugänglich ist und über alle gemeldeten ernsthaften Nebenwirkungen im zeitlichen Zusammenhang mit Impfstoffen Auskunft gibt. 

Österreich befindet sich bezüglich Transparenz bei der Meldung unerwünschter Wirkungen von Impfungen ebenso in der Steinzeit wie bei der Deklarierung finanzieller Interessenskonflikte.
Dass gerade die Spitzen-Repräsentanten dieser Geisteshaltung auf einem Kongress zur "evidenzbasierten Prävention" auftreten und dort Propaganda als Information verkaufen, ist Symptom dieser Zustände. Heilung ist weit und breit nicht in Sicht.


Wenn Ihnen der Artikel interessant und wichtig erscheint, würde

ich mich über einen kleinen Beitrag zu meiner Arbeit sehr freuen. 
Bert Ehgartner steht auch für Vorträge, Filmvorführungen, etc. zur Verfügung. 
Nähere Informationen finden Sie auf dieser Seite

Dienstag, 9. Februar 2016

1. Auflage der Hygienefalle ausverkauft :)

Ausnahmsweise möchte ich hier mal einen Beitrag bringen, der nicht von mir ist, sondern von einer deutschen Heilpraktikerin. Sie begleitet schon seit vielen Jahren kritisch meine Arbeit, schreibt mir immer wieder mal Mails und weist mich auf Studien oder interessante Literatur hin.
Diesmal schickte sie eine Rezension der "Hygienefalle". Ich übernehme diese Buchkritik ohne Änderungen. Zum einen, weil ich damit einen Ansporn geben möchte, über das Buch öffentlich zu diskutieren. Zum anderen, weil die Rezension auf mein Buch neugierig macht. Und das ist nicht schlecht. Denn nachdem die 1. Auflage erfreulich schnell ausverkauft war sind beim Verlag Ennsthaler nun gerade die druckfrischen Exemplare der 2. Auflage eingelangt.  

Verleger Christoph Ennsthaler steckt hinter der Hygienefalle

Wer weiß schon, dass wir in unserem eigenen Körper in der Minderzahl sind, dass Bauernkinder nur die Hälfte des Allergierisikos der sonstigen Bevölkerung tragen, dass Darmparasiten das Immunsystem beruhigen und vor Allergien und Diabetes I schützen, dass Helikobakter Pylori, jener Magenkeim, der von der Schulmedizin gleich mit drei Sorten Antibiotika ausgerottet wird, vor Refluxerkrankungen und Speiseröhrenkrebs schützt?
In seinem neuen Buch stellt der investigative Medizinjournalist Bert Ehgartner wiederum eine Fülle an verblüffenden Fakten zu brennend aktuellen Gesundheitsthemen ebenso fundiert wie gut verständlich dar. Die Mikrobenzellen und ihre Gene, die wir auf und in uns tragen, übersteigen die Zahl unserer eigenen Körperzellen und Gene um ein Vielfaches und spielen jede Sekunde in der wundervollen Lebens-Symphonie unseres Organismus' mit. Wir sind, wie Ehgartner schreibt, "ein Superorganismus mit Myriaden Synergien".
Es ist höchste Zeit, diese Erkenntnis in unser Wissen von Biologie und Heilkunde zu integrieren und die Paradigmen einer Medizin, die vor 150 Jahren den Mikroben den Kampf angesagt hat und die Balance unseres Mikrobioms mit immer massiveren medikamentösen Eingriffen zerstört, zu hinterfragen und zu korrigieren. Ehgartners Buch liefert hierfür ein umfassendes, faktenreiches Kompendium, das die Dringlichkeit, mit der wir umdenken müssen, ebenso klar herausstellt wie die Richtung, in die eine Medizin und Gesundheitsvorsorge für das 21. Jahrhundert gehen muss.

Unsere Entwicklung beruht wie die Entwicklung aller höheren Arten auf der Integration zahlloser Mikroorganismen: unsere Zellkraftwerke, die Mitochondrien, sind "Fremdarbeiter", Mikroben, die einst in unsere Zellen einwanderten und sie seitdem zuverlässig mit Sauerstoff versorgen, das Bakteriom in unserem Darm sorgt für unsere Ernährung und sogar für gute Stimmung, andere Mikroorganismen helfen bei der Eichung und Regulierung unseres Immunsystems. Das vielfach und eindrucksvoll belegte Fazit Ehgartners lautet: "wenn es unseren Bakterien gut geht, geht es auch uns gut".
In diametralem Gegensatz dazu stand die Annahme Louis Pasteurs' und Robert Kochs, dass in einem gesunden Körper keine Bakterien nachgewiesen werden können. Ehgartners Exkurs in die jüngere Medizingeschichte ist brennend aktuell, denn es fragt sich, warum die Schulmedizin aus den Irrtümern der Mikrobenjäger aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bislang keine Konsequenzen gezogen hat: längst wissen wir, dass ein steriler menschlicher Organismus, der Koch noch als Ideal der Gesundheit galt, nicht lebensfähig wäre, dennoch sind viele medizinische Maßnahmen, die tief in den Organismus eingreifen, wie der flächendeckende Einsatz von Impfungen oder Antibiotika, weiterhin diesen obsoleten Paradigmen verpflichtet. Dass der Münchner Arzt von Pettenkofer und sein Assistent zwei Cholera-Kulturen vor Publikum austranken ohne nennenswert zu erkranken, dass Pettenkofer allein durch die Einführung einer zentralen Wasser- und Abfallversorgung die Stadt München von ihrem letzten Cholera-Ausbruch befreite, ganz ohne Quarantäne und Desinfektionsmaßnahmen - all diese Fakten sind bis heute in der Medizin kaum diskutiert, geschweige denn in eine umfassende Theorie der Krankheitsentstehung und -behandlung integriert worden.

Während der ganzheitliche Ansatz von Pettenkofers und anderer Ärzte, die Krankheit als Dysbalance des gesamten Organismus' ansahen, in der Schulmedizin verdrängt wurde (und bestenfalls bei naturheilkundlichen Ärzten oder Umweltmedizinern ein Nischendasein fristet), trat der medizinische Krieg gegen die Mikroben, flankiert von der aufstrebenden chemischen Industrie, seinen Siegeszug um die Welt an. Die unheilvolle Verquickung von Medizin und chemischer Industrie, die Ehgartner nachzeichnet, muss angeschaut und endlich auf ihre Angemessenheit hin überprüft werden. Die pharmazeutische Industrie macht weltweit Milliardenumsätze und ist seit 1998 zur mit Abstand größten Sponsorin der beiden großen politischen Parteien der USA aufgestiegen. Von dort übt sie massiven Einfluss auf die medizinische Forschung und Gesundheitspolitik nicht nur der westlichen Welt aus.

Neben den für eine freie medizinische Wissenschaft und Forschung verheerenden Verflechtungen mit der Pharmaindustrie beleuchtet Ehgartner auch die dunklen Seiten der Medizingeschichte, die nichts an Aktualität eingebüßt haben. Etwa jene des Gynäkologen Ignaz Semmelweis, dessen lebensrettende Erkenntnisse seine Standeskollegen vehement zurückwiesen - und so noch weitere 50 Jahre den Tod aus der Pathologie auf die Wöchnerinnenstationen trugen.
Bis heute wird die reflexhafte Abwehr neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse als "Semmelweis-Reflex" bezeichnet, und bis heute ist die Schulmedizin keineswegs frei von solch unwissenschaftlichem Verhalten, was Ehgartner u.a. anhand der Autismus-Kontroverse zeigt - der Diskussion um die Frage, ob Impfungen ursächlich an der Entstehung von Autismus beteiligt sein könnten -, ein Kapitel, das sich wie ein Krimi liest und das ich besonders allen Eltern von Kleinkindern ans Herz legen möchte. Zur Frage, warum es zum Thema Impfungen keine kritischen Studien gibt, zitiert Ehgartner den langjährigen Präsidenten der World Autism Organisation mit den Worten: "weil die Leute Angst haben, was sie finden könnten."

Wir dürfen der Angst vor dem, was wir finden könnten, nicht das Feld überlassen. Die Zahl der Autismus-Erkrankungen und vieler anderer Entwicklungsstörungen steigt massiv an, ebenso wie die Zahl der Autoimmunerkrankungen, für die ebenfalls der Verdacht besteht, dass sie durch die grobe diffuse Alarmierung des Immunsystems, die jede Impfung bedeutet, getriggert werden. Wir müssen uns der Angst stellen, der Angst vor der schmerzhaften Erkenntnis von falschen Entwicklungen im Medizinbetrieb, der Angst, vielleicht selbst - als Patienten, Eltern, Ärzte - Fehlentscheidungen im besten Glauben getroffen zu haben, und ebenso der Angst vor unseren mikrobiellen Symbionten, die uns viel häufiger nützen und viel seltener schaden, als uns Pharmaindustrie und Wissenschaft Glauben machen wollen. Angst ist kein guter Ratgeber. Es gibt weitaus bessere: unseren gesunden Menschenverstand, mit dem wir behauptetes von begründetem Wissen unterscheiden können, unsere Wahrnehmung, die uns Auskunft über erwünschte und unerwünschte Wirkungen von Medikamenten gibt, und nicht zuletzt eine wachsende Anzahl an wertvollen kritischen Informationen, wie sie Ehgartner hier präsentiert.
Neben Impfungen und antibiotischen Medikamenten unterzieht Ehgartner auch das HI-Virus und die Krebstherapie seinen unbestechlichen Recherchen - und zeigt das oft erschütternd brüchige Fundament von Theorien und Behandlungen auf, die im Wissenschaftsbetrieb geradezu als sakrosankt gelten - einem Wissenschaftsbetrieb, den der renommierte Wiener Philosoph Konrad Paul Liessmann an anderer Stelle als "Projekt der Gegenaufklärung" bezeichnet.

Wir müssen uns auf das Kantische "sapere aude" rückbesinnen, wir müssen unsere Vernunft befragen und scheinbar gesichertes Wissen mit dem Mut zur Wahrheit überprüfen - und die Verantwortung für unsere Gesundheit und die unserer Kinder wieder in unsere Hände nehmen - von der natürlichen Geburt, die den Säugling mit dem guten Mikrobiom der Mutter versorgt bis zu einem Umgang mit Krankheiten, der unserem mächtigen Schutzengel Immunsystem zuarbeitet, anstatt ihn mit chemischen Großangriffen außer Kraft zu setzen. Ehgartners Buch ist ein großes, mutiges Werk im besten aufklärerischen Sinn.

Die Autorin möchte gerne anonym bleiben. Ihre Buchkritik erschien bei Amazon unter dem Nick "anna logo". 

Mittwoch, 3. Februar 2016

Zika-Zaka Hoi Hoi Hoi

In Brasilien werden "tausende Fälle" von zu kleinen Gehirnen bei Babys auf die Infektion mit den Zika Viren zurückgeführt. Die WHO ruft einen globalen Notstand aus. Und Texanische Behörden "weisen nach", dass das Zika Virus per Sex übertragen wird. Damit hätten wir wieder einmal alle Zutaten für ein paar Wochen Experten- und Mediengewitter.

Aedes aegypti - Mosquitos verbreiten die Viren (Foto: sciencemag.org)
Tatsächlich ist es bisher noch pure Spekulation ob die Mikrozephalien tatsächlich vom Zika-Virus verursacht werden. Dass bei einigen Frauen mit betroffenen Kindern die Viren nachgewiesen wurden, hat weder Beweis- noch sonderliche Aussagekraft.
Allein wenn im Zuge einer großen Fahndungsaktion auf bestimmte Viren untersucht wird, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die Verbreitung der Viren überschätzt wird (verglichen z.B. mit einer historischen Arbeit, wo diese Viren in einem anderen Kontext erfasst wurden) rasant an. Speziell für Viren gilt: Wer suchet, der findet.
Zika Viren sind weit verbreitet und galten bisher als vergleichsweise harmlos. Komplikationen, wie sie derzeit in Brasilien beobachtet wurden, sind ein neuartiges Phänomen. Warum die Viren gerade in Brasilien plötzlich solche massiven Behinderungen auslösen sollten, ist vollkommen unlogisch. 
Unklar ist auch die wirkliche Dimension des Ausbruchs. Der deutsche Mikrobiologe Alexander S. Kekulé bezeichnet die Angaben der WHO als "Märchen" und als massive Täuschung der Öffentlichkeit.
Mit der sofortigen Festlegung auf die Viren als Auslöser werden zudem andere mögliche Ursachen für die Fehlbildungen von vorn herein ausgeklammert. Beispielsweise die Auswirkungen eines großen Freisetzungsversuches mit gentechnisch veränderten Mosquitos genau jener Art (Aedes aegypti) welche auch die Zika Viren übertragen.
Und alles läuft wieder in Richtung von Millionen-Aufträgen für die Impfstoff- und Medikamentenentwicklung. Gesichert ist hier nur eines: Dass davon die beauftragten westlichen Unternehmen und Experten profitieren werden. In den Ghettos Brasiliens wird inzwischen – noch massiver als bisher – Gift gesprüht.

Alarmismus statt seriöse Information
Bei internationalen Organisationen und auch den Outbreak-Experten ist der Fokus seit langem auf Alarmismus gerichtet. Über weltweiten Alarm kommen die Fördergelder, die Aufmerksamkeit, sowie die selbst empfundene Bedeutung.
Bei der WHO hat sich dieser Wandel vor ca. 20 Jahren zugetragen. Damals gab es jedes Jahr Probleme damit, dass die WHO überhaupt ihre Mitarbeiter bezahlen konnte. Ständig blieben die Mitgliedsstaaten ihre Beiträge schuldig - oder zahlten säumig (speziell die USA, die den Großteil des WHO-Budgets berappte, aber auch immer vehementer bestimmte Forderungen damit verknüpfte - z.B. eine engere Kooperation mit der Pharmaindustrie).
Schließlich ergab sich eine vollständige Neu-Ausrichtung der WHO. Mit dem Einwerben von privaten Geldern aus der Wirtschaft - die heute bereits deutlich über 50% des Budgets ausmachen. Und natürlich mit der Umdefinition ihrer Agenda: Weg von der ständig mahnenden, bedeutungsschweren Organisation, die sich für die Bekämpfung von Hunger, Durst und Analphabetismus, sowie den Aufbau einer vernünftigen Infrastruktur einsetzte – hin zu einer Behörde, die sich als schicke Viren- und Seuchenbekämpfer verstehen. Wo konsequenter Alarmismus die faden konstruktiven Predigten ablöste.
Die WHO fährt mit dieser Taktik gut. Sie wird weltweit gehört - und gefördert. Ihre Budgets wuchsen in den letzten 20 Jahren rapide an. Sie hat auch etwas zu vergeben, versorgt einen ganzen Ferkelhaufen von Experten, die gefüttert werden wollen. - Und natürlich dann auch wissen, was sie ihren Ernährern schuldig sind.
Im Prinzip geht es gar nicht darum, durch seriöse Arbeit die wirklichen Ursachen der schlimmen Behinderungen aufzuklären. Es geht nicht darum, die tatsächliche Gefährlichkeit des Zika-Virus objektiv abzuschätzen. Sondern es geht darum, eine neue Virensau durchs Weltdorf zu treiben und damit Imagepflege zu machen, in Erinnerung zu rufen, dass die mutigen Virenjäger allezeit wachsam sind - aber die Stange Geld, die sie kosten, jederzeit wert.

Montag, 23. Mai 2011

Wie viel Prävention verträgt die Gesundheit?

Gesundheit ist heute kein Lotteriespiel mehr. Vielen Krankheiten kann vorgebeugt werden. Wir wissen etwa, dass unsere Umwelt und unsere Lebensbedingungen Einfluss auf die Gesundheit nehmen. So schaden Rauchen, Übergewicht und Mangel an Bewegung dem Herzen. Darüber hinaus entschlüsseln Forscher zunehmend Gene, die für die herkömmlichen Herz-Kreislauf-Erkrankungen verantwortlich sind. Kann Prävention aufgezwungen werden? Was kostet sie? Kann ein Arzt einem Patienten die Behandlung verweigern, wenn dieser „riskant“ lebt?

Zu diesem Themenkreis diskutiere ich am 25. Mai im Rahmen des "EURAC science cafès" in Bozen mit Arne Pfeufer, Arbeitsgruppenleiter am EURAC-Institut für Genetische Medizin in Bozen. Moderiert wird die Veranstaltung von Jeanne Turczynski, Redakteurin in der Redaktion Wissenschaft und Bildung des Bayrischen Rundfunks. Beginn ist um 20,30 Uhr.

Freitag, 24. September 2010

Interview zur Gesundheitsreform

Gestern meldete sich Eva Schmidt, eine Redakteurin des bayrischen "Radio Lora" und führte mit mir ein Interview zur Deutschen Gesundheitsreform. Hier auf der Webseite von Radio Lora zum Nachhören.

Donnerstag, 16. September 2010

Gesund bis der Arzt kommt

Vorsorge. Eine Flut von Gesundheitschecks, neue Risikofaktoren, immer niedriger angesetzte Grenzwerte. Bald gilt jeder Gesunde als krank – nicht immer zum Wohle der Patienten. Aber im Sinne der Pharmaindustrie.

Der Arzt liest die Zahlen vom Blutdruck-Gerät: „165 zu 100“ – und sagt dazu „viel zu hoch!“. Für die 70jährige Pensionistin Maria Klein bedeutet dies, dass sie sich ab sofort wieder an eine neue Pille gewöhnen muss. Es ist nun bereits das zweite Blutdruck-Medikament, das sie täglich einnehmen soll. Sie fragt den Arzt, wie lange sie das Mittel benötige. Und die Antwort lautet – nicht gerade im optimistischsten Tonfall: „Bis sich endlich etwas tut!“

Vor nicht allzu langer Zeit lautete die Faustregel beim Blutdruck noch „Lebensalter plus 100“. Da wäre Frau Klein mit ihrem Wert noch im Referenzbereich gelegen. Doch die Zeiten ändern sich. Die Grenzwerte purzeln generell in immer tiefere Regionen. Nicht nur für ältere Menschen erscheint es zunehmend unmöglich, im „grünen Bereich“ zu bleiben. Im Lauf des Lebens summieren sich die Dauermedikamente wie Jahresringe. „Gesund ist nur, wer noch nicht ordentlich untersucht worden ist“ – nie war dieser Kalauer realitätsnäher. 65-jährige haben im Schnitt heute drei chronische Krankheiten. Auch für die Jüngeren wird das Fangnetz immer dichter geknüpft, bis schließlich kaum noch jemand durch die Maschen schlüpft.

Wie dramatisch die Lage ist, zeigte kürzlich ein isländisch-norwegisches Forscherteam am Beispiel der Europäischen Leitlinien zur Behandlung des Bluthochdrucks. Diese sind seit 2007 offiziell in Kraft, wurden von ausgewählten Experten der europäischen Kardiologie- und Hypertonie-Gesellschaft erstellt, in zahlreichen Konferenzen diskutiert und abgestimmt. Man sollte also annehmen, dass die Konsequenzen ihrer Umsetzung in die tägliche ärztliche Praxis bekannt wären und zum Wohl und zur Gesundheit der Europäer beitragen.
Umso größer war die Überraschung, als die Wissenschafter die Leitlinien einfach einmal anwandten – und zwar auf Norwegen, eines der reichsten Länder der Welt mit bekannt gesunden und langlebigen Bewohnern. Für ihr Experiment verwendeten die Forscher ein repräsentatives Modell der norwegischen Bevölkerung, das aus den Gesundheits-Daten von mehr als 50.000 Personen gespeist wurde.
Das Ergebnis: Drei von vier Nordländern im Alter zwischen 20 und 89 Jahren erwiesen sich nach den strengen Richtlinien als dringend behandlungsbedürftig oder benötigten zumindest ein engmaschiges Netz regelmäßiger ärztlicher Kontrollen. Besonders marod zeigte sich die Altersgruppe der 50- bis 64-jährigen, wo sogar 99 Prozent der Bevölkerung klinischer Aufmerksamkeit bedurften, um die weitere Entwicklung ihres Herz-Risiko-Profils zu überwachen und in eine günstigere Richtung zu dirigieren. Nun kamen neben dem Blutdruck auch noch andere Risikofaktoren ins Spiel: Allen voran die Blutfette, der Blutzucker und das Übergewicht. Im Schnitt ergäben sich laut Studie für jeden Erwachsenen drei zusätzliche Arztbesuche pro Jahr.

Damit die Mediziner diesen Ansturm bewältigen könnten, müsste die Zahl der Ärzte – allein zur Umsetzung der Blutdruck-Leitlinie – mehr als verdoppelt werden. Rechnet man dazu noch die Kosten für die Unzahl an Laborbefunden, Verschreibungen und Folgetherapien in das Szenario mit ein, stünde das norwegische Gesundheitssystem mit einem Schlag am Rande des Ruins, warnen die Autoren der Studie – nicht ohne die Blutdruck- und Herzexperten gehörig zu rüffeln: „Unserer Ansicht nach kann eine derartig weitreichende Vorsorge-Maßnahme nur dann als wissenschafts-basiert angesehen werden, wenn auch die Konsequenzen ihrer Umsetzung offen diskutiert und transparent gemacht werden.“
Nun scheint es kaum denkbar, dass die Urheber der EU-Leitlinien nicht wussten, dass weit mehr als die Hälfte der Europäer Werte hat, die über die als „normal“ definierte Spanne von 120-129 Millimeter Quecksilbersäule (mmHg) beim systolischen, beziehungsweise 80 bis 84 mmHg beim diastolischen Blutdruck deutlich hinaus gehen.

Den Takt geben zumeist die Amerikaner vor – nicht nur beim Blutdruck. Mit der Absenkung des Blutzuckergrenzwertes von 110 Milligramm pro Deziliter Blut (mg/dl) auf 100 mg/dl wurde die Zahl der Diabetiker in den USA im Jahr 2003 mit einem Schlag von vier auf 30 Millionen erhöht. Ein Jahr später übernahm auch Europa diesen Wert. Nun diskutieren die Fachgesellschaften bereits, ob eine erneute Senkung des Grenzwertes auf 95 mg/dl angebracht wäre.
Beim Cholesterin ist es kaum noch möglich, die Grenzwerte weiter abzusenken. Hier gilt bereits seit Mitte der achtziger Jahre ein oberes Limit von 200 mg/dl. Dies erscheint in einem besonders originellen Licht, wenn man weiß, dass der Durchschnittswert bei 40-jährigen Frauen in Österreich bei etwa 220 mg/dl liegt, bei Männern sogar bei 235 mg/dl. Im Alter von etwa 60 Jahren gleichen sich die Geschlechter bei 245 mg/dl an. Erst gegen Lebensende fällt der Wert rapide ab. Eigentlich wäre es demnach wesentlich rationaler, sich vor einem Absinken des Cholesterinspiegels zu fürchten. Die Überlegungen gehen dennoch in die Gegenrichtung. „Derzeit wird über eine Absenkung auf 180 mg/dl geredet“, sagt Martin Sprenger, Gesundheitsexperte der Medizinischen Universität Graz.
Dahinter stecke laut Sprenger durchaus Kalkül. Geld verdient werde nämlich nicht mit Medikamenten für den Akutbedarf, etwa für  eine nach wenigen Tagen abgeschlossene Antibiotika-Behandlung, sondern für Dauermedikamente, die möglichst ein restliches Leben lang täglich genommen werden. „Derzeit halten wir hier bei einem Anteil von 70 bis 80 Prozent“, sagt Sprenger. „Und die Industrie versucht, diesen Markt immer weiter auszureizen.“ Die Behandlung von stark erhöhtem Blutdruck bringe einen großen Nutzen, erklärt Sprenger. Allerdings sei hier der Markt relativ klein. „Je niedriger die Grenzwerte gezogen werden, desto größer wird der Markt. Umso kleiner wird allerdings der Nutzen, den ein Medikament für den einzelnen Menschen bringt.“
Weitere Hilfsmittel bei der Eroberung des Marktes sind die immer zahlreicher werdenden Risikofaktoren, bestimmte Entzündungswerte, die Knochendichte sowie ein Mangel an Vitaminen, Eisen oder anderen Spurenelementen. Relativ neu am Markt ist das Modell der hochpreisigen Impfungen, die als eine Art Versicherungspolizze für eine gesunde Zukunft verkauft werden.

Eine besonders perfide Strategie, sagt Sprenger, werde mit neuen Tests, etwa auf ein vererbtes Risiko, verfolgt. Wer mit 36 Jahren erfährt, dass er ein genetisch bedingt stark erhöhtes Alzheimer- oder Prostatakrebs-Risiko hat, gehört damit ab sofort zur Gruppe der so genannten „worried well“, der „besorgten Gesunden“. Diesen Personen werden regelmäßige Untersuchungen oder vorbeugende Präparate angeboten. „Über diesen Köder sind viele, die sich vollständig gesund fühlen, dann auch bereit, sich in die Maschinerie zu begeben.“
Das Absenken der meisten Grenzwerte auf das Niveau von topfitten Jugendlichen führt dazu, dass beim Gesundheits-Check oder der Vorsorge-Untersuchung bei fast jedem Menschen irgendein Wert im roten Bereich liegt. Nach einer Logik, die der Pickerl-Überprüfung von PKWs nachempfunden ist, wird dann versucht, die Messwerte wieder in den Normbereich zu bringen. Zunächst mit allgemeinen Empfehlungen zum Abnehmen, zur gesunden Ernährung oder zur Bewegung, aber rasch auch mit pharmazeutischen Hilfsmitteln.
Immer häufiger zeigte sich in den vergangenen Jahren jedoch, dass das Prinzip der Auto-Reparatur doch nicht so einfach übernommen werden kann. Speziell bei chronisch Kranken hat die Abweichung von der Norm auch eine biologisch sinnvolle Funktion.  Ein höherer Blutdruck ermöglicht es beispielsweise, die Sauerstoffversorgung entlegener Regionen im Körper aufrecht zu halten oder auch das Herz ausreichend zu versorgen, wenn Gefäßschäden bereits fortgeschritten sind. Eine Steigerung des Blutdrucks hat auch den Zweck, die Durchfluss-Geschwindigkeit der Nieren zu erhöhen, sobald dies den internen Schadstoff-Kontrolloren nötig erscheint.
Ein erhöhter Zuckerwert zeigt jedenfalls an, dass mehr Zucker über die Nahrung zugeführt wird, als der Organismus benötigt. Wenn der überschüssige Zucker über Medikamente oder von außen zugeführtes Insulin „verwertet“ wird, so geschieht dies gegen die ursprüngliche Absicht der Stoffwechsel-Regulatoren. „Stellen Sie sich einen Gesundheitspolitiker vor, der sagt: ´Für einen Typ 2-Diabetiker brauchen wir eigentlich keine Medikamente, sondern vor allem Disziplin´“, erklärt Christian Euler, Präsident des Österreichischen Hausärzteverbandes. „Es gibt gute wissenschaftliche Argumente für so eine Sichtweise. Aber den Mut, das öffentlich zu sagen, bringt niemand auf.“
Tatsächlich erwies sich die gebetsmühlenartig wiederholte Botschaft, dass es für die Gesundheit eines Diabetikers am wichtigsten sei, wenn er „gut eingestellt“ ist, immer deutlicher als Werbebotschaft der Industrie. Eine ganze Reihe von Studien zeigte nämlich, dass bei besonders gut eingestellten Diabetikern mit zu niedrigen Zielwerten das Risiko der Unterzuckerung ansteigt, was deren Sterbe- und Demenzrisiko dramatisch erhöht. „Die Ärzte haben als Advokaten ihrer Patienten versagt“, kritisiert der Grazer Diabetes-Experte Thomas Pieber die allzu späte Einsicht seiner Zunft. „Sie hätten warnen und hinterfragen müssen – und nicht alles willfährig übernehmen, was ihnen von der Industrie vorgelegt wird.“
Auch bei dem aus den 1980er Jahren stammenden Dogma vom „bösen“ Cholesterin, das über die Nahrung aufgenommen wird und den Körper vergiftet, wächst die Kritik. Wie eigenartig dieser Ansatz von Anfang an war, zeigt die Tatsache, dass der Organismus etwa 90 Prozent des benötigten Cholesterins selbst herstellt und nur ein kleiner Teil des in der Nahrung enthaltenen Cholesterins überhaupt genutzt wird. Der Rest wird einfach ausgeschieden.

Dazu ist Cholesterin für uns schlicht überlebenswichtig. Es ist Bestandteil der Außenmembran jeder Zelle. Zusammen mit Proteinen wirkt es an der Ein- und Ausschleusung von Signalstoffen mit. Aus ihm entstehen Geschlechtshormone, Gallensäuren sowie das wichtige Vitamin D. Weil es als Teil der fettigen Plaque an der Innenseite schadhafter Gefäße identifiziert wurde, bekam es aber rasch das Image von purem Gift verpasst. Voreilig, wie viele Wissenschafter heute meinen. Mittlerweile wird sogar darüber diskutiert, ob Cholesterin eine Rolle bei der Reparatur dieser Zellschäden spielt.
Grobe Risse bekam das Glaubensgebäude, als die künstliche Senkung der Cholesterinwerte über spezielle Medikamente dauerhaft wenig Effekt zeigte. Bestes Beispiel ist hier der Wirkstoff Ezetimib, der auf Grund seiner stark cholesterinsenkenden Wirkung ursprünglich als Shooting-Star unter den neueren Arzneimitteln galt. Doch eine im vergangenen November publizierte Studie zeigte, dass dies keinen Einfluss auf die Kalkablagerungen in den Gefäßen hat. Während der LDL-Spiegel sank, wuchsen diese Plaques sogar stärker als in der Kontrollgruppe mit deutlich höherem Cholesterinspiegel.
Weil Cholesterin ein Bestandteil tierischer Nahrungmittel ist, wurden gleich auch die tierischen Fette in Verruf gebracht. Hier wird nun immer stärker zurück gerudert. Erst vor drei Wochen publizierten Wissenschafter der Universität Harvard die bisher größte Übersichtsarbeit zum Risiko von gesättigten Fettsäuren in Nahrungsmitteln, wie sie vor allem in tierischen Fetten wie  Butter oder Schweineschmalz aber auch in Kokosfett oder Palmöl enthalten sind. Zu diesem Zweck werteten die Forscher 21 Großstudien mit zusammen 347.747 Teilnehmern aus, die über einen Zeitraum von fünf bis 23 Jahren beobachtet worden waren. Ergebnis: Es gibt keinerlei Beweis dafür, dass gesättigte Fettsäuren das Risiko für Herzinfarkt oder Schlaganfall erhöhen.
Kritiker des Gesundheitswesen meinen, dass etwas weniger gewarnt werden un sollte. „Für Entwarnung fühlt sich aber kaum jemand zuständig“, kritisiert die Hamburger Gesundheitswissenschafterin Ingrid Mühlhauser, „und Angst ist leider ein sehr gutes Manipulationsmittel.“
Wie gut das funktioniert, bewies die zurückliegende Schweinegrippe-Pandemie, die für einen weltweiten Geldregen bei den Herstellern der Medikamente und Impfstoffe führte. Wie wenig wir jedoch in Wahrheit über die biologischen Konsequenzen dieser weltweiten Vorsorge-Kampagnen wissen, illustriert ein Beispiel aus Kanada. Als dort vor einem Jahr die erste Welle der Schweinegrippe auftrat, machten die Ärzte eine eigenartige Beobachtung: In den Schulen erkrnakten vor allem jene Kinder, die zuvor gegen die normale Grippe geimpft  worden waren. Die Gesundheitsbehörden gaben vier Studien in Auftrag, um diese These zu prüfen. Die in der Vorwoche veröffentlichten Resultate erhärten den Verdacht: Tatsächlich hatten geimpfte Personen im Schnitt ein doppelt so hohes Risiko, an Schweinegrippe zu erkranken als solche, die nicht gegen die normale Grippe geimpft waren.
Wie lässt sich dieser Zusammenhang erklären? Wie kann eine Impfung, die gegen ganz andere Grippeviren schützt, plötzlich das Infektionsrisiko bei der „Neuen Grippe“ erhöhen? Und welche Auswirkungen hätte so ein Effekt auf die öffentliche Empfehlung zur Influenza-Impfung? Die Antwort steht noch aus.
In den vergangenen Jahren wurden die Angebote zur Früherkennung von Krankheiten erheblich ausgeweitet. Damit wird in der öffentlichen Wahrnehmung stets eine bessere Heilungs-Chance assoziiert. Was aber, wenn über die technisch immer raffinierter werdenden Diagnose-Geräte Vorstufen oder Frühstadien von Krankheiten entdeckt werden, die von selbst wieder ausgeheilt wären – wenn wir nicht danach gesucht hätten?
In welcher Dimension dieses Problem auf uns zukommt, zeigt ein groß angelegtes Programm, das derzeit im deutschen Bundesland Mecklenburg-Vorpommern läuft. In einer Kooperation der Universität Greifswald mit der Siemens AG sollen 4000 Personen in die Röhre eines Magnetresonanztomografen (MRT) geschoben und genauestens durchleuchtet werden. Ein erster Testlauf mit 200 Freiwilligen wurde bereits absolviert. Resultat: Um die Gesundheit der „Mecklenburger“ ist es miserabel bestellt.
Nur bei zehn Prozent der Probanden wurden keine krankhaften Veränderungen entdeckt, diese waren demnach „ganz gesund“. Weitere zehn Prozent konnten nach einigen zusätzlichen Tests, die zur Abklärung nötig wurden, ebenfalls als gesund entlassen werden. Aber bei den restlichen 80 Prozent fanden sich unter anderem ein Hirntumor, verengte Herzkranzgefäße, Brustkrebs in verschiedenen Vorstadien sowie Tumore in der Lunge und im Bauchraum. Dabei waren alle Teilnehmer, die sich für diese Studie in den MRT legten, überdurchschnittlich gesundheitsbewusst, ohne akute Beschwerden und zudem noch relativ jung, im Schnitt gerade einmal 48 Jahre alt. Was wäre hier erst zu erwarten, wenn dieses Ganzkörper-Screening für eine noch etwas ältere Gruppe der Normalbevölkerung angeboten würde. Was macht man mit einer Methode, die mehr als 90 Prozent der Teilnehmer als krank überführt
Das deutsche Beispiel zeigt eindringlich, dass sich offenbar nicht alle Krankheiten als solche manifestieren, sondern von selbst wieder verschwinden. Bekannt ist dieses Phänomen bislang vor allem von den Programmen zur Früherkennung des Zervix-Karzinoms. Hier werden Zellen vom Gebärmutterhals abgenommen, fixiert und dann im Labor begutachtet. „Bei jüngeren Frauen ergeben sich häufig Veränderungen, die Krebsalarm auslösen, aber nahezu immer von selbst wieder ausheilen“, erklärt Ahti Anttila, der Koordinator des Finnischen Screening Programmes, gegenüber profil.
Als Konsequenz wurde ein Mindestalter von 30 Jahren eingeführt. Genauso problematisch sei es, wenn zu häufig untersucht wird, sagt Anttila. „Wir wissen, dass ein Vorstadium mindestens zehn Jahre braucht, um sich in einen invasiven Tumor zu verwandeln.“ Die Konsequenz der Finnen: Die Frauen werden nur alle fünf Jahre untersucht. Dann jedoch mit persönlicher Einladung und peinlich genauer Qualitätskontrolle, um zu vermeiden, dass Abstriche schlampig entnommen und die Zellen im Labor nicht interpretiert werden können. Dies führte sogar dazu, dass alle Gynäkologen aus dem offiziellen Programm ausgeschlossen wurden, weil sie Schulungen verweigerten.
Die Abstriche werden nun zur allgemeinen Zufriedenheit von Hebammen und Krankenschwestern durchgeführt. Mit dieser Taktik erreichte Finnland die weltweit mit Abstand niedrigste Sterblichkeit beim Zervix-Karzinom, hierzulande liegt sie im Vergleich mehr als doppelt so hoch. In Österreich wird nach wie vor das „wilde Screening“  praktiziert, wo Frauen meist schon ab 18 – und oftmals im Halbjahres-Intervall – untersucht werden. Das Ergebnis sind wesentlich mehr unnütze Eingriffe, mehr Krebs-Therapien und Gebärmutter-Operationen bei großteils fehlender Qualitätskontrolle. Von einer Initiative, hier den erfolgreichen Weg der Finnen zu kopieren, ist keine Rede. „Wir wissen, dass sich die Gynäkologen sehr schwer tun, diese natürlichen Abläufe zu verstehen“, sagt Anttila. „Und manche meinen auch, sie könnten schlechte Untersuchungsqualität dadurch kompensieren, dass sie öfter untersuchen. Aber das ist ein Irrtum.“

In Österreich wird derzeit intensiv am ersten bundesweiten Brustkrebs-Früherkennungsprogramm gearbeitet. Auch in diesem Bereich hinken wir anderen Staaten Jahre hinterher. „Das hat aber auch Vorteile“, wie Projektleiter Alexander Gollmer von der Gesundheit Österreich GmbH betont. „Wir können hoffentlich viele Fehler vermeiden, die anderswo begangen wurden.“ Ab Jänner 2011 sollen die ersten Einladungsbriefe an Frauen in der Altersgruppe zwischen 50 und 69 Jahren verschickt werden. Laut EU-Leitlinie soll damit die Sterblichkeit beim Brustkrebs langfristig um bis zu 30 Prozent gesenkt werden. „Das ist aber sicher viel zu optimistisch“, sagt Gollmer.
Jedenfalls werde viel Wert darauf gelegt, Frauen korrekt zu informieren und auch die Risiken nicht zu verschweigen. Dazu gehört  die Übertherapie von Tumoren. Viele der entdeckten Gewächse befinden sich noch in einem Vorstadium. Die Krebszellen sind dabei von einer Kapsel umgeben. Niemand weiß, wann – und ob überhaupt – der Tumor diese Hülle durchstößt. Allein über die Mammographie hat sich die Anzahl dieser Befunde in den vergangenen Jahren vervielfacht. Diese Vorstadien siedeln sich zudem meist neben den Milchdrüsen an – und sind chirurgisch relativ schwer zu fassen. Deshalb entscheiden sich viele Frauen zur Amputation.  Um ganz sicher zu gehen.

Dieser Artikel ist im Frühjahr 2010 zum Erscheinen meines Buches "Gesund bis der Arzt kommt" im Nachrichtenmagazin profil als Coverstory veröffentlicht worden.

Freitag, 30. Juli 2010

Gesund bis der Arzt kommt…

…so könnte auch dieser Beitrag des "Report München" heißen, der das Hauptthema meines aktuellen Buches sehr gut transportiert. Lustig fand ich - ganz am Ende des Beitrages - wie es dem Sprecher der Lipidliga die Sprache verschlagen hat, als er von der Redakteurin gefragt wurde, ob sein Verein ohne die Unterstützung der Industrie überhaupt lebensfähig wäre.

Montag, 21. Juni 2010

Das Geheimnis der Finnen

In Finnland gehen Frauen später und seltener zu den Gynäkologen, um einen Krebsabstrich machen zu lassen. Dennoch liegt die Sterberate beim Gebärmutterhalskrebs deutlich niedriger. Bert Ehgartner bat die Pathologin Helene Wiener und den Gynäkologen Herbert Kiss zur Diskussion um dieses Rätsel.


Die Früherkennung des Zervix-Karzinoms (Gebärmutterhalskrebs) gilt als Erfolgs-Geschichte der Krebs-Vorsorge, die Sterberate hat sich in den letzten 25 Jahren halbiert. Ein Gutteil dieses Erfolges wird dem „Pap-Abstrich “ zugeschrieben, benannt nach dessen Erfinder George Papanicolaou. Dabei werden Zellen vom Gebärmutterhals abgestrichen und dann im Labor auf Veränderungen untersucht.
Die Krebsabstriche erfolgen in Österreich nicht in Form eines organisierten Screening-Programmes, sondern opportunistisch: Untersucht werden jene Frauen, die zum Arzt gehen und das Angebot eines „Krebsabstriches“ annehmen.
Daraus folgt, dass jüngere Frauen recht häufig untersucht werden und oft falscher Krebsalarm ausgelöst wird. Eine Folge davon sind jährlich rund 5.000 „Konisationen“, Operationen, bei denen verdächtiges Gewebe an der Gebärmutter entfert wird. Hier steigt das Risiko auf Fehl- und Frühgeburten stark an. Frauen ab vierzig – speziell jene aus niedrigerem Sozialmilieu, werden im Rahmen eines oportunistischen Screenings hingegen selten bis gar nicht untersucht, obwohl hier das Erkrankungsrisiko am höchsten ist.
Länder wie Finnland oder die Niederlande betreiben ein organisierten Screening, wo alle Frauen im Alter zwischen 30 und 60 im Abstand von drei bis fünf Jahren persönliche Einladungen zum Pap-Abstrich erhalten. Am Programm können nur Gynäkologen und Labors teilnehmen, welche strenge Qualitätskriterien erfüllen, das Programm wird laufend wissenschaftlich evaluiert. Finnland hat heute in den meisten Jahren keine Todesfälle mehr bei Frauen unter 50 Jahren, insgesamt liegt die Sterberate bei einem Drittel der österreichischen.


Ehgartner: Wie ist denn ihrer Meinung nach die Situation beim Pap-Abstrich in Österreich?

Kiss: Es gibt zweifellos Verbesserungsbedarf. Dass ein organisiertes Screening das beste wäre, das wissen wir. Das ist hinlänglich bekannt. Es gab auch schon zahlreiche Sitzungen, die vom Ministerium ausgegangen sind. Dann ist man drauf gekommen, dass das relativ teuer ist, wenn man das wirklich gut organisiert. Und da war dann plötzlich keine Rede mehr davon.

Wiener: Organisiertes Screening ist eine Vorsorgeart, die von der Bevölkerung angenommen werden muss. Die Finnen, die hier so gut sind, haben als Bevölkerung soweit mir bekannt kein Problem, dass es ein zentrales Dateiregister gibt. Das ist in Österreich sicher anders.

Ehgartner: Sie meinen die Sorge um den Datenschutz ist hier größer?

Kiss: Das sehen Sie ja bei jeder Diskussion zu diesem Thema. Es können ja nicht mal mehr Befunde von Spital zu Spital gefaxt werden, weil man Angst um den Datenschutz hat. Und bei einem Screening wie in Finnland müsste eben jede Frau computerisiert werden mit ihren Daten. Jederzeit abrufbar. Das ist ein heißer Diskussionspunkt.

Wiener: Dazu haben wir ein Problem, das immer drückender wird. Screenerinnen, vorwiegend Frauen, die die Abstriche vor der Vidierung durch die Ärzte ansehen, sind im Durchschnitt schon 50 oder mehr Jahre alt. Das Screening fordert neben hohem Verantwortungsbewusstsein ein hohes optisches Talent und viel Ausdauer. Wir haben hier kaum Nachwuchs und viele Stellen sind bereits jetzt schwer zu besetzen.

Kiss: Das liegt auch daran, dass in den Medien herumgeistert, ob das Pap-Screening überhaupt sinnvoll ist. Da überlegt sich ein junger Mensch: soll ich in einen Job gehen, den es in zehn Jahren vielleicht überhaupt nicht mehr gibt.

Ehgartner: Na gut, da wird aber auch von Seiten der Gynäkologen kräftig in diese Richtung gearbeitet, wenn es etwa heißt, dass die HPV-Impfung das Zervix-Problem ohnehin lösen wird.

Kiss: Ja, in dreissig bis fünfzig Jahren vielleicht.

Ehgartner: Also auf die Impfung braucht man sich hier nicht verlassen?

Kiss: Es wird in Österreich nicht geimpft. Wenn sie ein gutes Screening haben, rechnet sich die Impfung nicht – so wie in Finnland. Aber in fast allen anderen Ländern Europas gibt es staatliche Impfprogramme.

Ehgartner: Während in Finnland die Frauen erst ab einem Alter von 30 Jahren zum Screening eingeladen werden und das Intervall bei unauffälligen Befunden fünf Jahre beträgt, erhalten bei uns die jungen Frauen meist ihren ersten Krebsabstrich, wenn sie wegen einem Rezept für die Pille kommen und in der Folge wird das jährlich oder sogar halbjährlich wiederholt.

Kiss: Als wissenschaftliche Gesellschaft wollen wir bewusst machen, dass Gebärmutterhalskrebs eine vermeidbare Krankheit ist, die man durch regelmäßiges Screening verhindern kann. Es entbehrt allerdings jeglicher Evidenz, dass man das alle halben Jahre oder noch häufiger machen soll.

Wiener: Hier gäbe es auch Möglichkeiten, über zentral-organisierte Datenerfassung und Bezahlung positiv steuernd einzugreifen, damit das nicht so oft gemacht wird.

Kiss: Wir sehen, dass alles im Zusammenhang mit dem Gebärmutterhalskrebs ein Tabuthema ist. Während der Brustkrebs eine vergleichsweise sehr offen ausgesprochene Krankheit ist, zu der sich viele Patientinnen bekennen, wollen die Frauen über das Zervix-Karzinom nicht sprechen. Da diese Erkrankung durch HPV Viren im Rahmen der sexuellen Aktivität übertragen wird, wird diese Erkrankung tabuisiert.

Ehgartner: Liegt das daran, dass hier immer der unausgesprochene Vorwurf der Promiskuität mitschwingt, wenn sich eine Frau sexuell übertragbare Viren „einfängt“?

Kiss: Daran liegt es sicher auch. In den alten Büchern steht noch, dass eine Nonne nicht am Zervix-Karzinom erkrankt.

Ehgartner: Stimmt das denn?

Kiss: Nein, es stimmt nicht. Derzeit kommen Frauen ganz verzweifelt zu mir uns sagen, dass bei ihnen ein HPV-Virus nachgewiesen wurde. Wenn man nun erklärt, dass sie völlig gesund sind, verstehen das viele nicht, weil das doch Krebs-erregende Viren sind. Zu 80 Prozent verschwinden die Viren aber wieder. Derzeit führt eine HPV-Befundung nur zu Verunsicherung.

Ehgartner: Mit persönlichen Tragödien. Wo gleich der Verdacht auftaucht, der Partner sei fremd gegangen…

Kiss: Ja, es sind unnötige Konfliktsituationen. – Ganz anders ist es hingegen, wenn wir einen auffälligen Pap-Abstrich haben. Dann wird der HPV-Test sehr wohl eingesetzt zur Entscheidung, wie man weiter vorgehen soll: Ob man rasch handelt, oder zuwarten kann.

Ehgartner: Das heißt, sie empfehlen, ein organisiertes Programm mit Einladungssystem und zentralem Register einzuführen.

Kiss: Es ist eben mit Zahlen beweisbar, dass es die beste Methode wäre, das Zervix-Karzinom zu verhindern oder auszurotten.
Apropos, haben Sie recherchiert, was die Gynäkologen für einen Abstrich verrechnen dürfen?

Ehgartner: Je nach Krankenkasse liegt das so um die 3,50 bis 5 Euro.

Wiener: Und jene Instrumente, die die Abnahme am zuverlässigsten und einfachsten machen, kosten schon fast mehr als das Arzthonorar.

Ehgartner: Allein die finanziellen Anreize stehen also bereits der Qualität entgegen. Wo müsste man denn ihrer Meinung nach die Prioritäten setzen und öffentlich investieren?

Wiener: Man muss die Qualitäten, die wir am AKH und andere derzeit freiwillig erfüllen, von wirklich allen Labors und Gynäkologen einfordern, die Pap-Abstriche machen.

Ehgartner: Man weiß aus Untersuchungen, dass ein auffälliger Pap-Befund von den Frauen oft als Krebsalarm verstanden wird und das mit enormem Stress und Todesangst verbunden ist. Gibt es hier eine Schulung der Gynäkologen? Wird der Erklärungsbedarf honoriert, den ein auffälliger Pap-Befund mit sich bringt?

Kiss: Wenn Sie einen Kassenvertrag haben, so bekommt der Gynäkologe im Quartal 18 Euro. Für ein Therapiegespräch können sie noch fünf Euro extra verrechnen. Wahrscheinlich hat schlechte Qualität auch mit schlechter Bezahlung zu tun.

Ehgartner: Wie sieht es denn mit der persönlichen Kommunikation zwischen ihren beiden Berufsgruppen aus. Was macht denn eine Pathologin mit einem Gynäkologen, der nur eine 70-prozentige Rate von beurteilbaren Abstrichen einschickt?

Wiener: Die meisten Kollegen sind dankbar, wenn man ihnen ehrliches Feedback gibt. Ich zeige auf den Fortbildungen regelmäßig, wie ein nicht so schöner Pap-Abstrich aus der Sicht eines Pathologen aussieht. Meine persönliche Erfahrung zeigt, dass jüngere Kollegen eine Situtation ähnlich der von Ihnen beschriebenen noch unangenehmer empfinden und schneller reflektieren.

Kiss: Ältere Kollegen hat das schon irritiert, wenn hier das Feedback kam, dass ihr Abstrich nicht beurteilbar war.

Wiener: Ich habe noch kein wirklich negatives Erlebnis in der Kommunikation mit Gynäkologen erlebt. Dass man verstimmt ist und das einem die Situation nicht gefällt, ist etwas anderes. Aber man redet miteinander und sucht nach Lösungen.

Kiss: Es sind in der Generation, die jetzt in Pension gegangen sind, Dinge gelaufen, die wir heute nicht mehr ganz verstehen. In unserer Generation ist Qualitätskontrolle und externe Beurteilung aber eine Selbstverständlichkeit. Das war früher vielleicht noch anders, als es noch die Götter in Weiß gab.

Ehgartner: Im jüngeren Alter sind Veränderungen an der Zervix nicht ungewöhnlich. Wenn hier auffällige Befunde kommen, so wird häufig eine Konisation vorgenommen, ein Eingriff unter Narkose, bei dem eine kegelförmiges Stück aus dem Muttermund geschnitten wird. Diese Eingriffe – jährlich sind es in Österreich etwa 5000 – bedeuten für die Frauen ein deutlich höheres Risiko auf Schwangerschafts-Komplikation, Fehl- oder Frühgeburten. Wie sehen Sie diese Problematik?

Kiss: Zunächst mal ist es so, dass bei einem auffälligen Krebsabstrich nicht gleich operiert wird. Da gibt es zunächst laut Leitlinie eine Kolposkopie, das ist eine genaue Sichtung des verdächtigen Areals, verbunden mit einer Biopsie – also der Entnahme einer kleinen Zellprobe, die dann eine Diagnose bestätigt oder entschärft. Das ist das richtige Vorgehen. Der Pap-Abstrich ist nur eine Screening-, also eine Such-Methode. Eine Konisation wird erst vorgenommen, wenn eine Krebsvorstufe sicher histologisch diagnostiziert ist.

Wiener: Und dann kommt es natürlich auch noch auf den Grad dieser Dysplasie an, je leichter der Grad der Dysplasie desto höher die Chance der Rückbildung.

Kiss: Bei leichter Dysplasie - eine sehr hohe Chance sogar.

Wiener: Bei der schweren Dysplasie ist das weniger wahrscheinlich. Aber sogar hier kann es zur Rückbildung kommen. Was man bei solchen Befunden unbedingt beachten muss, ist die Art, wie das an die betroffene Frau vermittelt wird. Eine leichte Dysplasie kann über Jahre bestehen bleiben. Die betroffene Frau muss das psychisch verkraften. Gynäkologen berichten, dass es die Frauen sind, die eine operative Klärung auch bei leichter Dysplasie verlangen.

Kiss: Wobei die leichte Dysplasie dann trotzdem nicht operiert werden sollte. Da muss man mit den Frauen reden.

Dr. Helene Wiener, 57, ist am Klinischen Institut für Pathologie der Medizinischen Universtiät Wien tätig. Sie ist Mitautorin der Europäischer Leitlinien zur Qualitätssicherung für Screening auf Zervix-Karzinom, und im Vorstand der österreichischen Gesellschaft für Zytologie (ÖGZ).

Dr. Herbert Kiss, 43, habilitierte sich 1999 an der Medizinischen Unuversität in Wien, ist derzeit Sekretär der österr. Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (ÖGGG) und. Medizinisch-wissenschaftlich spezialisiert auf Geburtshilfe und auf Infektionen im Bereich der Frauenheilkunde, wie etwa mit Humanen Papillomaviren (HPV)

Dies ist die Langfassung eines Artikels, der heute in der Tageszeitung "Der Standard" in redigierter Form erschienen ist. (Fotos: Fischer)

Sonntag, 18. April 2010

Sind wir ohne Arzt gesünder?

So lautete die zentrale Frage, die vergangenen Montag in der puls4 - Talk-Show "Talk of Town" geklärt werden sollte. Thema dieser Sendung ist immer die Cover-Story des Nachrichtenmagazins Profil.
So sah der Cover aus:

In der Story behandle ich die immer absurderen Auswüchse des Gesundheitswahns. Gesund ist demnach wirklich nur mehr, wer nicht ordentlich untersucht worden ist. Dieser zynische Kalauer ist längst Realität geworden.
Hier eine Zusammenfassung der "Talk of Town" Diskussion:



Die in der Sendung gestellte Frage "Sind wir ohne Arzt gesünder" wurde von den Zusehern übrigens recht eindeutig beantwortet: 74% stimmten für "Ja".

Donnerstag, 28. Januar 2010

Idealer Blutzuckerwert von Diabetikern liegt bei 7,5

In den letzten beiden Jahren ist eine ganze Serie von Studien erschienen, die das Konzept der "guten Einstellung des Blutzuckers" bei Typ 2 - Diabetikern in Frage stellt. Zu ehrgeizige Zielwerte setzen die Patienten der Gefahr von Unterzucker aus, was deren Sterbe- und Demenzrisiko dramatisch erhöht. Eine in der aktuellen Ausgabe des Journals Lancet erschienene retrospektive Analyse von Krankenakten bestätigt diesen Vorwurf. Der ideale mittlere Blutzuckerwert, stellte sich dabei heraus, lag bei einem HbA1c von 7,5. Wer hingegen auf die in den Diabetes-Leitlinien als "ideal" bezeichneten Zielwerte von 6,5 gesenkt wurde, hatte ein gleich hohes Sterberisiko wie Patienten mit katastrophal hohen Zuckerwerten über 10,0.

Die Ärzte haben als Advokaten ihrer Patienten versagt. Sie hätten warnen und hinterfragen müssen – und nicht alles willfährig übernehmen, was ihnen von der Industrie vorgelegt wird. Es ist schon unsere Verantwortung als Ärzte, dass wir nicht Medikamente verschreiben, die unsere Patienten schädigen oder sogar umbringen könnten.

Dieses Zitat stammt aus einem Interview, das ich zum Thema mit dem Grazer Diabetologen Thomas Pieber geführt habe. Er zeichnet darin ein alarmierendes Bild seiner eigenen Fachdisziplin. Die Gefahr der lebensgefährliche Unterzuckerung durch die "gute Einstellung der Diabetiker" hätte schon viel früher erkannt werden müssen, kritisiert er. Viele führende Diabetologen hätten sich aber eher als Pillenverkäufer im Auftrag der pharmazeutischen Industrie gesehen, für die möglichst niedrige Zielwerte beim Blutzucker natürlich ein gutes Geschäft darstelle.
Hier das vollständige Interview mit Prof. Thomas Pieber.


Ehgartner: In den letzten Monaten sind gleich drei große Studien erschienen, die den Wert der Blutzuckersenkung kräftig erschüttern. Welche Bedeutung haben diese Resultate nun im klinischen Alltag bei der Behandlung von Diabetikern?

Pieber: : Es ist nach wie vor notwendig, Diabetiker zu behandeln. Der zentrale Streitpunkt ist die Einstellung des Blutzuckerwertes. Die große Mehrheit der Diabetologen meint, dass der Mittelwert des Blutzuckers, das HbA1c, das alles Entscheidende sei und mit allen Mitteln gesenkt werden muss, je niedriger desto besser.

Ehgartner: War denn die wissenschaftliche Basis dafür so eindeutig?

Pieber: :  Eben überhaupt nicht. Die wissenschaftlichen Grundlagen für dieses Konzept fehlen. Diabetiker mit niedrigerem Blutzucker haben zwar eine bessere Prognose, die Frage ist allerdings, warum diese Patienten so gut einzustellen sind. Das ist wissenschaftlich nicht unwesentlich. Denn vielleicht haben sie einfach eine leichtere Form des Diabetes. Dann wäre es nur logisch, dass diese Personen auch weniger Komplikationen haben. Und bei den Patienten mit schwerer Verlaufsform würde es auch nichts helfen, wenn ich den Blutzuckerwert mit vielen Medikamenten mit Gewalt senke. Das Weltbild, das trotzdem den Blutzuckerwert alleine in den Mittelpunkt rückt, war halt auch im Interesse der Industrie.

Ehgartner: Mit Hilfe von Medikamenten eine Volkskrankheit zu behandeln, ist kein schlechtes Geschäft.

Pieber: : Ja, die pharmazeutische Industrie hat uns aus ihren Forschungen immer diese Rückmeldung gegeben Der Blutzucker ist entscheidend. Wenn ich mir die Studienergebnisse des vergangenen Jahres ansehe, so kann man nun sagen: Das stimmt eindeutig nicht, und das scheint jetzt aufgrund der vorliegenden Studienergebnisse endgültig zu sein.

Ehgartner: Es geht also eher um die Frage, wie der Zucker ins Blut kommt.

Pieber: : Medikamente ersetzen keinen gesunden Lebensstil. Das ist eben der große Unterschied. Im Vergleich zu dem, was wir für die Medikamente ausgeben, investieren wir in Wahrheit nur sehr wenig in das Ziel, durch gesunde Ernährung und Bewegung gar nicht erst zuckerkrank zu werden. Das ist leider mühsam und anstrengend und kann nicht so einfach verordnet werden. Da hilft kein Schimpfen und Drohen, das funktioniert nicht. Obwohl wir das schon seit 20 Jahren wissen, gibt es kaum Forschung nach alternativen Strategien.  Körpergewicht zu reduzieren ist schwierig und die Leute wirksam zur Bewegung zu animieren auch. Die Bemühungen waren nicht ausreichend, auch weil sich alle darauf verlassen haben, dass die Medikamente schon ihren Zweck erfüllen.

Ehgartner: Wäre es als Diabetes-Experte nicht möglich gewesen, viel früher drauf zu kommen, dass der Hase falsch läuft?

Pieber: : Es gab schon in den 70er und 90er Jahren große Untersuchungen, die gezeigt haben, dass das ganze Konzept nicht stimmt. Wenn man sie kritisch gelesen hat, wusste man längst, dass die Tabletten das Problem nicht lösen. Nun haben wir in der ACCORD-Studie gesehen, dass die Wahrscheinlichkeit zu sterben sogar steigt, wenn ein Patient mit den verfügbaren Medikamenten  scharf eingestellt wird. Und zwar steigt das Risiko gleich um 22 Prozent! Jetzt haben wir ein Ergebnis, das so eindeutig ist, dass allen klar sein muss: so geht es nicht!

Ehgartner: Diese Entwicklung erinnert sehr an den Irrweg der Hormonersatz-Therapie. Seit nicht mehr an fast alle Frauen ab der Menopause Hormonpillen verschrieben werden, gehen erstmals sogar die Brustkrebs-Zahlen stark zurück.  Steht nun bei Diabetes ein ähnlich radikaler Kurswechsel bevor?

Pieber: : Ja eindeutig. Die Blutzucker-zentrische Sichtweise des Diabetes ist eine Sackgasse. Wenn nur eine einzige Studie dagegen sprechen würde, so könnte man noch argumentieren, dass dies ein Ausreißer ist. Aber es gibt noch zwei weitere Studien, die ebenfalls keinen Nutzen der medikamentösen Zuckersenkung zeigen. Warum muss ich die Leute also mit allen möglichen Medikamenten so streng einstellen, wenn es ihnen eigentlich nichts bringt. Stattdessen beginnen jetzt die Diabetes-Experten, an den Resultaten herumzudoktern und behaupten – genau wie vor ein paar Jahren die Hormonpäpste – dass die Pillen schon ihren guten Zweck haben und dass nur die Studien total schlecht wären.

Ehgartner: Schlechte Ergebnisse zeigten sich speziell, wenn mehrere Diabetes-Medikamente kombiniert wurden. Waren diese Kombinationen eigentlich erprobt?

Pieber: : Nein. Man ist immer davon ausgegangen, dass die positiven Aspekte der Tabletten sich addieren. Es hat niemand darüber nachgedacht, dass es auch umgekehrt sein könnte. Neben Unterzuckerung und Gewichtszunahme. sind die negativen Effekte im Detail noch gar nicht bekannt.

Ehgartner: Welche Verantwortung trifft hier die Ärzte?

Pieber: : Das ist das Dilemma in der Diabetologie. Die Ärzte haben als Advokaten ihrer Patienten versagt. Sie hätten warnen und hinterfragen müssen – und nicht alles willfährig übernehmen, was ihnen von der Industrie vorgelegt wird. Es ist schon unsere Verantwortung als Ärzte, dass wir nicht Medikamente- verschreiben, die unsere Patienten schädigen oder sogar umbringen könnten. Als Diabetesexperten und Universitätsprofessoren haben wir entsprechende Untersuchungen nicht vehement genug eingefordert. Die Zulassungsbehörden hören bei dieser Frage natürlich sehr stark auf die Meinung der Mediziner. Und wenn von dort keine Warnung oder Skepsis kommt, so wird das auch nicht in den Zulassungsanforderungen enthalten sein.

Ehgartner: Wie sieht es denn nun aus mit der Kehrtwende? Wann werden denn die Diabetes-Leitlinien geändert?

Pieber: : Wäre bei den Studien raus gekommen, dass ein ganz niedriger Blutzuckerwert tatsächlich nützlich ist, wäre es innerhalb von Wochen zu einer Verschärfung in diese Richtung gekommen. Umgekehrt ist eine beinahe gespenstische Ruhe eingekehrt. Fast ein Jahr nach Erscheinen von ACCORD gibt es meines Wissens noch keine einzige Leitlinie, die auf das neue Wissen reagierte. Niemand rückt bis jetzt von den extrem niedrig angesetzten Zielwerten ab. Auch in Österreich nicht. Und niemand informiert die praktischen Ärzte.

Ehgartner: Soll man denn künftig vermitteln, dass hohe Zuckerwerte okay sind?

Pieber: : Nein, hohe Zuckerwerte sind nicht okay, wenn die Diabetiker Symptome aufweisen. Aber wenn ich einen Patienten betreue, der seit zehn Jahren an Diabetes leidet, aber relativ beschwerdefrei ist, und dessen Blutzuckerdauerwert bei 8,0 steht, so muss in den Leitlinien stehen, dass es keine wissenschaftliche Basis dafür gibt, dass die medikamentöse Absenkung dieses Zuckerwertes dem Patienten nützt. Und das betrifft Insulin genauso wie Insulinanaloga oder die oralen Antidiabetika.
Wir sollten endlich darüber diskutieren, dass wir jene Risikofaktoren ernst nehmen, mit denen wir nachweislich die Prognose günstig beeinflussen können Zum Beispiel sollten wir bei allen unseren Diabetikern den Blutdruck besser einstellen, da hängen tausende  Menschenleben dran.


Thomas Pieber, 48 ist Vorstand der klinischen Abteilung für Endokrinologie und Nuklearmedizin der Medizinischen Universität Graz. Er war bis 2006 im Vorstand der Europäischen Diabetesgesellschaft (EASD) und war Präsident der EASD-Jahrestagung 2009.

Das Gespräch führte Bert Ehgartner (eine gekürzte Version dieses Gesprächs ist im Nachrichtenmagazin Profil vom 10. 4. 2009 im Rahmen der Coverstory „Nutzlose Medizin“ erschienen). Wenn Ihnen dieser Artikel gefallen hat, würden 
wir uns über einen kleinen Beitrag zu unserer Arbeit sehr freuen. 

Donnerstag, 6. August 2009

Reform im Schwarzen Loch


Vor vier Jahren wurde die Gesundenuntersuchung reformiert. Die gesetzlich vorgesehene wissenschaftliche Bewertung ihres Nutzens ist jedoch bis heute ausständig.

Etwa 800.000 Österreicher gehen jedes Jahr zur Gesundenuntersuchung. Die Kosten dafür liegen bei rund 70 Millionen Euro. Im Herbst 2005 präsentierte die damalige Gesundheitsministerin Maria Rauch-Kallat die Reform des seit der Einführung im Jahr 1974 nahezu unveränderten Programms. Dabei wurden einige der Tests, die sich im Lauf der Jahre angesammelt hatten, entrümpelt, weil deren Nutzen laut internationaler wissenschaftlicher Evidenz bei Routine-Untersuchungen an Gesunden nicht erwiesen ist. Beispielsweise das Belastungs-EKG. Andere Tests blieben, nach heftiger Gegenwehr der Ärztevertreter im Programm. Sie sollten aber laufend evaluiert und nach spätestens zwei Jahren entfernt werden, wenn sich – wie zu erwarten war – kein Nutzen zeigt. In diese Kategorie fällt ein Test auf Leberwerte, ein Harnstreifentest bei Jüngeren und das so genannte „rote Blutbild“ bei Frauen. Bei diesen Tests besteht die Gefahr, dass sie häufig Fehlalarm mit kostspieligen und für die Betroffenen Nerven aufreibenden Nachfolge Untersuchungen auslösen. Die Leberwerte werden hingegen oft erst auffällig, wenn bereits ein Schaden eingetreten ist. „Dadurch“, erklärt der Vorsorge-Experte Franz Piribauer, der im Hauptverband für die wissenschaftliche Begleitung der Reform zuständig war. „werden Menschen mit problematischem Alkoholkonsum viel zu lange im Glauben gelassen, dass alles in Ordnung ist.“
Erstmals wurde auch vermehrter Wert auf Lebensstil-Beratung über gesunde Ernährung, Abnehmen, Alkohol-, oder Raucherentwöhnung gelegt und dies den Ärzten auch mit insgesamt knapp 70 Euro honoriert. Doch ob sie dies in der Praxis auch tun, ob die empfohlenen Maßnahmen greifen und ob die Menschen in Summe von der Gesundenuntersuchung profitieren, weiß man heute genau so wenig wie vor 35 Jahren. Zunächst funktionierte die Weitergabe der Daten nicht. Dies besserte sich erst, als die Abrechnung der Untersuchung mit dem Eingang des Dokumentations-Bogens verknüpft wurde. Nun spießt es sich wiederum an der Zuverlässigkeit der Befund-Daten und der fehlenden Verknüpfung mit Nachfolge-Untersuchungen. In einer jüngst präsentierten Zwischenbilanz hieß es deshalb: „Klare Aussagen zu direktem Nutzen bzw. Schaden der Vorsorgeuntersuchung sind nicht möglich.“
Als bislang aussagekräftigste Untersuchung gilt deshalb ein vom Verein für Konsumenteninformation (VKI) in Kooperation mit dem Hauptverband organisierter Test, bei dem zwei in ihren Krankengeschichten „präparierte“ Patienten bei 21 Wiener Ärzten eine Vorsorge-Untersuchung absolvierten. „Erfreulich war, dass der Großteil der Ärzte sich viel Zeit für das Abschlussgespräch nahm“, fasst Bärbel Klepp, die Projektleiterin des VKI, die Ergebnisse zusammen. „Erschreckend schlecht war in Einzelfällen jedoch die Dokumentation der Ergebnisse.“ Da wurde die Raucherin mehrfach als Nichtraucherin angekreuzt und dem männlichen Probanden eine „auf eigenen Wunsch durchgeführte“ Aufklärung über Prostatakrebs eingetragen, obwohl der Mann nach einer Operation gar keine Prostata mehr hat. „Hier muss sich noch einiges bessern“, sagt Klepp. „Denn so macht eine wissenschaftliche Auswertung wenig Sinn.“

Dieser Artikel ist im Rahmen der profil-Titelstory vom 3. August als Infokasten erschienen.

Dienstag, 4. August 2009

„Keine Ausreden auf die Gene“

Der Wiener Medizinökonom Ernest G. Pichlbauer plädiert für Bonus-Malus-Systeme, um im Gesundheitssystem Kosten einzusparen.

profil: Soll man Patienten bestrafen, die trotz Warnungen weiterhin ungesund leben, indem sie etwa auf notwendig gewordene Operationen länger warten müssen, so wie dies kürzlich der Präsident der deutschen Ärztekammer, Jörg-Dietrich Hoppe vorgeschlagen hat?

Pichlbauer: Belohnungs- und Bestrafungssysteme funktionieren nur dann, wenn sie wirklich unmittelbar ansetzen. Und zwar in dem Moment, wenn etwas festgestellt wirst. Wenn man zum Arzt geht und man hat vereinbarte Ziele nicht erreicht – man hat nicht aufgehört zu rauchen, nicht abgenommen, etc. - dann würde der Selbstbehalt sofort höher, man hätte eine Strafe zu zahlen, oder bekäme keinen Bonus. So wie beim wahrscheinlich erfolgreichsten Präventionsmodell, der Mutter-Kind-Pass Untersuchung. Die arbeitete mit einem Belohnungs-Anreiz. Solche Modelle muss man natürlich immer wieder evaluieren, nachjustieren, sehen ob die gewünschte Steuerung auch greift.

profil: Und jemand zu bestrafen, wenn etwa die Hüftoperation schon ansteht?

Pichlbauer: Das bringt nichts, weil der Mensch dann ja nichts mehr machen kann. Auch wenn es diesem Patienten zehn Jahre lang gesagt wurde. Dann ist es zu spät. Ganz anders wäre es, wenn man jemand, der auf eine künstliche Hüfte wartet, zum Abnehmen rät. Das ist der englische Weg. Da kriegst Du Deine Hüfte nur, wenn Du beispielsweise den Body-Mass-Index von 30 auf 27 reduzierst. Und das ist wiederum wirksam, weil hier der Patient aktiv eingreifen kann. Es muss die Betroffenheit erzeugt werden, sonst passiert eine Änderung nicht. Der Patient muss das verstehen und sich selbst entscheiden.


profil: Drängt man dadurch die Ärzte nicht in eine Rolle, wo sie die Patienten als eine Art Gesundheitspolizisten strafen oder verpfeifen müssen?


Pichlbauer: Diese Gefahr sehe ich nicht, weil es sich dabei ja um Programme der öffentlichen Versorgung handelt. Arzt und Patient wären hier Partner. Patienten müssen zum Koproduzenten ihrer Gesundheit werden, sonst funktioniert das überhaupt nicht. Und wenn sie sich nicht daran halten, so ist es nicht eine Strafe durch den Arzt, sondern ein selbst gewählter Weg. Die Ziele müssen vorher bekannt sein: Wer zur Vorsorgeuntersuchung geht, bekommt beispielsweise 50 Euro. Und wenn beim nächsten Termin die gesetzten Gesundheits-Ziele nicht erfüllt werden, so gibt es weniger oder gar nichts mehr. Mit so einer Maßnahme erreicht man zudem gut die niederen sozialen Schichten, wo laut Statistiken ein schlechteres Gesundheitsbewusstsein herrscht. Hier könnten sich die Leute über gesunde Lebensweise quasi ein Zusatzeinkommen schaffen, und das erzeugt Betroffenheit.

profil: Wie reagieren denn Politiker auf derartige Vorschläge?

Pichlbauer: Den meisten ist das viel zu heikel. Weil ja sofort die Totschlagargumente kommen, dass damit Kranke bestraft werden und Ärzte sich hier nicht einspannen lassen wollen. In Wahrheit ist diese Haltung extrem bevormundend, weil sie Patienten ja gar nicht zutrauen, dass sie selbst Koproduzenten ihrer Gesundheit werden. Prävention funktioniert nur dann, wenn die Patienten selbst begreifen, dass sie ihre Gesundheit mitbestimmen können.

profil: Aber es ist doch auch bevormundend, wenn ich den Menschen suggeriere, ich weiß, was für sie gut ist und gebe Ihnen von außen Ziele vor?

Pichlbauer: Man braucht natürlich eine gute Datenbasis. Bei den Hüften weiß man etwa aus Studien, dass bei dicken Menschen die Hüften schlechter einwachsen und häufiger Komplikationen auftreten. Damit steigen auch die Behandlungskosten. Abzunehmen ist also für beide Seiten ein Gewinn.

profil: Weiß die Wissenschaft überhaupt, wie man wirksam Krankheiten vermeidet?

Pichlbauer: Bei den Zivilisationskrankheiten gibt es tatsächlich recht wenig brauchbare Studien, weil sich diese Krankheits-Prozesse ja über viele Jahre hinziehen und es Jahrzehnte dauern würde, bis man zu einer Entscheidung kommt. Dass Bewegung nützlich ist, bezweifelt kaum jemand, aber sogar hier ist die Beweislage dünn. Also muss man auch irgendwann die Eier haben, sich etwas zu trauen und hier Maßnahmen setzen. Selbstverständlich mit einer gut geplanten wissenschaftlichen Begleitung. Das setzt auch den Mut voraus, dass man Programme stoppt, wenn sich der gewünschte Effekt nicht einstellt.

profil: Bei welchen Krankheiten würden Sie solche Programme einführen?


Pichlbauer: Nur bei den großen Volkskrankheiten wie Adipositas, Bluthochdruck, Diabetes, COPD.

profil: Und wenn jemand deshalb so dick ist, weil z.B. eine Stoffwechselerkrankung vorliegt.

Pichlbauer: Ausnahmen müssen natürlich im Programm genau beschrieben sein.

profil: Man wird also nicht für seine schwachen Gene bestraft?

Pichlbauer: Doch. Da würde ich keine generellen Ausnahmen machen. Denn wer schwache Gene hat, hat halt Pech gehabt und muss eben eine höhere Selbstdisziplin an den Tag legen. Sicher ist das ungerecht, manche müssen sich eben mehr, manche weniger anstrengen um das gleiche zu erreichen. Ausreden auf die Gene würde ich nicht einfach erlauben.


Dr. Ernest G. Pichlbauer
, 40, arbeitete, bevor er sich der Gesundheitsversorgungsforschung zuwandte, als Pathologe am Wiener AKH. Während seiner Zeit am ÖBIG war er unter anderem an den Arbeiten zum Österreichischen Strukturplan Gesundheit (ÖSG) beteiligt Seit 2008 ist er unabhängiger Berater und Publizist. In seinem Buch „Gesunde Zukunft“ (Edition Steinbauer, 2007) lieferte er „Diskussionsgrundlagen zu neuen Strategien im Gesundheitswesen“.
Pichlbauer ist Vater eines Sohnes (2) und mit einer Spitalsärztin verheiratet



Dieses Interview erschien im Rahmen der Titelgeschichte "Der Vorsorge-Wahn" in der Zeitschrift profil (in leicht gekürzter Fassung)

Montag, 3. August 2009

„Freiheit zum ungesunden Leben“

Im aktuellen Profil erschien heute meine Cover-Geschichte "Der Vorsorge-Wahn". Da online nur der Haupttext verfügbar ist, bringe ich hier ergänzend das zur Story gehörende Interview mit dem Psychiater und Bestseller-Autor Manfred Lütz:

profil: Sie behaupten, dass wir heute im Zeitalter einer real existierenden Gesundheitsreligion leben. Was meinen Sie damit genau?

Lütz: Die Leute glauben heute vielfach nicht mehr an den lieben Gott, sondern an die Gesundheit, und alles, was man früher für den lieben Gott tat - Wallfahrten, Fasten, usw. - das tut man heute dafür. Es gibt Leute, die leben nur noch vorbeugend und sterben dann gesund. Aber auch wer gesund stirbt, ist definitiv tot. Gesundheit gilt nicht mehr als Göttergeschenk, sondern, wie alles in unserer Gesellschaft, als herstellbares Produkt: Und so rennen die Leute durch die Wälder, essen Körner und Schrecklicheres und - sterben dann doch.

profil: Gesundheitsökonomen argumentieren damit, dass ungesunder Lebensstil die Solidargemeinschaft schädigt, weil alle die Kosten dafür tragen müssen.

Lütz: Das ist ja gar nicht belegt. Wenn ein starker Raucher mit 41 am Bronchialkarzinom stirbt, verursacht das weniger Kosten, weil der die ganzen Alterskrankheiten und den Pflegeaufwand nicht mehr hat. Man möchte die Bürger zwingen, gesund zu sein. Und deshalb gibt es diese ganzen Vorschriften. Doch Schritt für Schritt werden wir durch die Gesundheitsreligion unserer Freiheit beraubt. Vor 70 Jahren gab es Blockwarte, die feststellten, ob die Umgebung auch noch die braune Gesinnung hatte. Wenn die Gesundheitsreligion Staatsreligion wird, womit ich täglich rechne, werden wir Blockwarte von den Krankenkassen bekommen, die achten, ob geraucht wird oder ob die Leute auch Sport betreiben. Die Freiheit einer freiheitlichen Gesellschaft ist aber immer auch die Freiheit zum ungesunden Leben.

profil: Den Menschen wird geraten, sie sollen nicht übergewichtig sein und sie sollen sich mehr bewegen. Das ist doch berechtigt.

Lütz: Aber machen Sie das mal, wenn Sie die falschen Eltern haben. Wir können durch gesundheitsbewussten Lebens herzlich wenig ausrichten. Die Gnade der Gene ist im Vergleich doch viel wichtiger. Wenn ihre Eltern sehr alt geworden sind, haben sie ungerechterweise sehr gute Chancen, ebenfalls alt zu werden, egal wie Sie leben.

profil: Der alten Weisheit „Vorbeugen ist besser als heilen“ können Sie also wenig abgewinnen?

Lütz: Das Problem dabei ist: Man möchte gute Werke tun, aber man weiß in der Gesundheitsreligion gar nicht so genau, was die guten Werke sind. Es gibt etwa überhaupt keinen Beweis, dass die Diäten wirken. Einmal heißt es mehr Kohlenhydrate, dann wieder gar keine. Die WHO hat eine Gesundheits-Definition in die Welt gesetzt, die vollends utopisch ist: Gesundheit sei völliges körperliches, seelisches und soziales Wohlbefinden. Es ist klar, dass das niemals erreichbar ist. Aber ein unerreichbares Ziel, das zugleich zum höchsten erklärt wird, ist ökonomisch natürlich interessant. Und so boomt die Gesundheitswirtschaft wie keine andere Sparte. In der Tat werden hier auch die tollsten Erfindungen gemacht. Der Ehrgeiz aller Tüchtigen konzentriert sich darauf, hier immer den letzten Schrei zu produzieren.

profil: Insgesamt werden wir aber unbestritten älter denn jemals zuvor in der Geschichte.

Lütz: Ja, vielleicht nach den nackten Jahreszahlen. Subjektiv lebten die Menschen im Mittelalter aber wesentlich länger. Sie hatten ihre diesseitige Lebenszeit plus das ewige Leben. Für sie war psychologisch tatsächlich der Tod ein Durchgang. Und heute ist das Leben zusammengeschnurrt auf diese kurze Lebenszeit und es herrscht Nervosität im Wartesaal des Todes. Alle paar Jahre gibt es inzwischen Todes-Kampagnen. Man munkelt, dass alle sterben werden, an Vogel- oder Schweinegrippe oder am Rinderwahn.

profil: Wer steckt denn hinter dieser Angstmache. Wie hoch bemessen Sie etwa den Einfluss der Pharmaindustrie?


Lütz: Wir dürfen nicht immer Sündenböcke suchen. Wenn wir uns als Gesellschaft ein unerreichbares und zugleich sakrales Ziel setzen, so ist klar, dass Menschen, die wirtschaftlich denken, da auch Profit daraus schlagen wollen.

profil: Das heißt, wir müssen uns in unserer Erwartungshaltung selber am Schopf packen?

Lütz: So ist es. Wir brauchen dringend eine gesellschaftliche Debatte über die Wertigkeit der Gesundheit, sonst ist ernsthafte Gesundheitspolitik ja gar nicht mehr möglich. Denn Politik ist die Kunst des Abwägens. Ein höchstes Gut jedoch kann man gar nicht abwägen, dafür muss man immer alles tun – oder es wenigstens behaupten.


Manfred Lütz, 55, ist Facharzt für Nervenheilkunde und Psychiatrie, sowie katholischer Theologe. Er arbeitet als Chefarzt des Alexianer-Krankenhauses in Köln und ist Autor mehrerer Bestseller („Lebenslust - Über Risiken und Nebenwirkungen des Gesundheitswahns“ Droemer/Knaur, 2006, „Gott: Eine kleine Geschichte des Größten“, 2009). Im September erscheint sein neues Buch „Irre - Wir behandeln die Falschen: Unser Problem sind die Normalen. Eine heitere Seelenkunde“ im Gütersloher Verlagshaus.