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Dienstag, 24. Januar 2017

Behörden verschleierten Typ 1 Diabetes Risiko

Der Titel des Briefes an die Herausgeber des "Journal of Internal Medicine" hat es in sich: "Versteckte Studiendaten der Behörden kamen nun ans Licht: Neben Narkolepsie hat der Schweinegrippe Impfstoff Pandemrix auch Typ 1 Diabetes verursacht". Absender des Briefes ist Lars Andersson, Professor am Department für Physiologie und Pharmakologie des Karolinska Instituts in Stockholm. Auf sein Betreiben mussten Mitarbeiter der schwedischen Gesundheitsbehörden nun zugeben, dass sie bei Typ 1 Diabetes die Einschluss-Kriterien einer Studie im Nachhinein verändert hatten. Ohne diesen Kunstgriff hätte die Studie ergeben, dass die Schweinegrippe-Impfaktion des Jahres 2009 rund 150 schwedische Jugendliche im Alter zwischen 10 und 19 Jahren zu Diabetikern gemacht hat. Diese müssen nun ein Leben lang Insulin spritzen.

60 Prozent der Schweden folgten der Empfehlung der Gesundheitsbehörden

Im Jahr 2009 waren - ausgehend von Mexiko - Influenzafälle mit einem neuartigen Virus vom Typ H1N1 gemeldet worden. Obwohl von den Erkrankungsfällen in Australien und Neuseeland bekannt war, dass diese neuartigen Grippeviren eine vergleichsweise sehr milde Krankheit auslösten, rief die WHO zur Jahresmitte eine Pandemie aus. Im Rekordtempo wurden Pandemie-Impfstoffe hergestellt. Der Konzern GlaxoSmithKline (GSK) brachte mit "Pandemrix" den in Europa mit Abstand meistverkauften Impfstoff auf den Markt.
Während normale saisonale Grippe-Impfstoffe meist keine Wirkverstärker (Adjuvantien) enthalten,  enthielt Pandemrix als Zusatz das von GSK entwickelte Adjuvantien-System AS03, bestehend aus Squalene, DL-α-Tocopherol und Polysorbat 80. Dieser Mix sollte gewährleisten, dass eine starke Immunreaktion auf den Impfstoff zustande kommt und ausreichend Antikörper erzeugt werden. Außerdem enthielt Pandemrix das Konservierungsmittel Thiomersal, eine Quecksilber-Verbindung, die in modernen Impfstoffen normalerweise nicht mehr verwendet wird.


Skepsis im Süden - hohe Impfmoral im Norden

Deutschland und die Schweiz kauften für die Bevölkerung große Mengen an Pandemrix ein. In Österreich wurde Celvapan ein Zusatzstoffe-freies Produkt des in Österreich ansässigen Herstellers Baxter angeschafft. Doch in allen drei deutschsprachigen Ländern war die Skepsis der Bevölkerung groß, ob die Ausrufung der Pandemie und die Empfehlung zur Durchimpfung der Weltbevölkerung tatsächlich gerechtfertigt waren. Die  Beteiligung an den Impfaktionen lag bei weniger als 10 Prozent. Die Behörden blieben auf vielen Millionen von Impfdosen sitzen und diese mussten ab 2010, als die WHO die Pandemie für beendet erklärte, entsorgt werden.
Ganz anders war die Situation im Norden Europas. Speziell in Skandinavien hatte die Werbung für die Impfaktion deutlich mehr Resonanz. In den Ländern Skandinaviens ließen sich mehr als die Hälfte der Bevölkerung impfen.
Einfluss auf die Sterblichkeit an Grippe hatte die Impfung wenig. In Deutschland, wo 8 Prozent der Bevölkerung geimpft waren, meldeten die Behörden 3,1 Todesfälle pro Million Einwohner, etwa gleich viele wie in Schweden bei 60% Impfbeteiligung. Dort waren 29 Personen infolge einer Infektion mit H1N1 Viren verstorben. Insgesamt erwies sich die Pandemie-Grippe als deutlich milder als die normalen Grippewellen, wie sie fast jedes Jahr auftreten.


Hunderte Geimpfte erkranken an Narkolepsie

Zwei Jahre nachdem die Schweinegrippe durchgezogen war und die Hersteller von Medikamenten (Tamiflu) und Impfstoffen Milliarden verdient hatten, gingen beunruhigende Nachrichten aus Finnland um die Welt. Einem Mediziner waren bei geimpften Kindern und Jugendlichen gehäufte Fälle von Narkolepsie aufgefallen. Die Betroffenen leiden dabei an Schlafanfällen, die ohne Möglichkeit der psychischen Gegenwehr von einem Moment zum anderen auftreten. Ihnen sacken dabei mitunter die Beine weg und sie können sich nicht mehr bewegen. Die Lähmungen können wenige Sekunden, aber auch mehrere Minuten auftreten. Auslöser ist eine Störung in der Schlafsteuerung des Gehirns. Oft ist den Betroffenen kein selbstständiges Leben mehr möglich. Sie können nie einen Führerschein machen, viele ohne Begleitung gar nicht außer Haus gehen. Besonders fies ist der Zusammenhang mit Emotionen. Ein betroffenes Kind schildert die Gefahr: "Man darf nicht zu viel lachen, sonst fällt man zusammen."
Die finnischen Behörden setzten eine "Narkolepsie-Task-Force" ein. Und tatsächlich bestätigte sich der Verdacht. Geimpfte Kinder hatten ein vielfach erhöhtes Narkolepsie-Risiko.
Aufgrund dieser Meldungen wurden auch die schwedischen Arzneimittel-Behörden aktiv. Ein Team von Wissenschaftlern unter der Leitung von Ingemar Persson organisierte eine riesige Studie, welche die individuellen Gesundheitsdaten von 3,3 Millionen geimpften und 2,5 Millionen ungeimpften Personen verglich. Untersucht wurden 50 verschiedene Krankheiten mit neurologischem und autoimmunem Hintergrund, die im Zeitraum von zwei Jahren nach Beginn der Impfaktionen erstmals auftraten.
Dabei bestätigte sich das Narkolepsie-Risiko. Die seltene Störung trat bei 126 geimpften Kindern und Jugendlichen auf. Damit war das Erkrankungsrisiko dreimal so hoch wie in der Vergleichsgruppe der gleichaltrigen Ungeimpften. In der Gruppe der 20- bis 30-jährigen lag das Narkolepsie-Risiko beim doppelten. Erst ab einem Alter von 50 Jahren gab es keine messbaren Unterschiede mehr.

Narkolepsie: Höchstes Risiko in der Altersgruppe von 10 bis 19 Jahren



Studienautoren schlossen Diabetesfälle von Auswertung aus 

Abgesehen von Narkolepsie fand die von Professor Persson und seinem Team veröffentlichte Studie unter den restlichen 49 Krankheiten keine massive Risikoerhöhung. Eine leichte Zunahme von 12 Prozent gab es bei Nesselsucht (Urticaria), allergische und anaphylaktische Reaktionen waren in der Impfgruppe um signifikante 5 Prozent erhöht.
Statistische Signifikanz bedeutet, dass die Wahrscheinlichkeit, dass es sich bei den Resultaten um Zufallsfunde handelt deutlich unter 5 Prozent liegt.
Knapp unter dieser Signifikanz-Grenze lagen die Resultate bei Typ 1 Diabetes. Bei dieser Form von Diabetes greift ein fehlgeleitetes hyperaggressives Immunsystem die Betazellen der Bauchspeicheldrüse an und zerstört sie, so dass zu wenig oder gar kein Insulin mehr erzeugt werden kann. Rund 300.000 Personen leiden in Deutschland an dieser Autoimmunerkrankung, die speziell bei Kindern immer häufiger wird. Die Betroffenen müssen ihr ganzes Leben Insulin spritzen und täglich viele Male ihren Blutzuckerspiegel messen.

Lars Andersson, Professor für analytische Chemie, Biochemie und Immunchemie am Karolinska Institut, wunderte sich über die in der Studie genannte Fallzahl von 376 Personen in der am häufigsten betroffenen Altersgruppe zwischen 10 und 19 Jahren. In "SWEDIABKIDS", dem schwedischen Diabetes-Register für Kinder wurde die Anzahl der Fälle nämlich deutlich höher, mit 463 Personen eingeschätzt. Andersson stellte eine öffentliche Anfrage an die Studienautoren und bat darum, diesen Widerspruch aufzuklären.
Ingemar Persson antwortete, dass eine gewisse Anzahl von Diabetes-Fällen nicht berücksichtigt wurde, weil diese nicht im Insulin-Register aufschienen.
Andersson ließ diesen Einwand nicht gelten. "In diesem Register werden nur Patienten geführt, welche ihr Insulin über Apotheken beziehen", erklärt er. "Zahlreiche Diabetiker beziehen Insulin aber in Kliniken oder ähnlichen Einrichtungen. Es ist wissenschaftlich nicht gerechtfertigt, diese Fälle auszuschließen." Außerdem, so Andersson, hätte dieses Vorgehen in der Studie erwähnt werden müssen. Dies sei allerdings nicht geschehen.

Mittlerweile hat Ingemar Persson die drei Jahre alte Publikation im "Journal of Internal Medicine" mit einer Korrektur in der aktuellen Januar Ausgabe des Journals ergänzt. Hier wird nun angeführt, dass die Fallzahlen des Insulin-Registers verwendet wurden.
Der Korrektur vorangestellt ist der Artikel Anderssons, mit der Kritik am Vorgehen der Behörden. Sie hatten nun auf Aufforderung 141 zusätzliche Diabetes Fälle - davon 52 aus der betroffenen Altersgruppe heraus gerückt (14 ungeimpft, 38 geimpft). Werden diese in die Auswertung eingerechnet, so wird die Signifikanz-Grenze deutlich erreicht. Geimpfte hatten demnach ein um 26 Prozent erhöhtes Risiko an Typ 1 Diabetes zu erkranken. "Das bedeutet, dass die Impfung mit Pandemrix in Schweden rund 150 Krankheitsfälle ausgelöst hat", erklärt Andersson.

Ingemar Persson entschuldigt sich in einem ebenfalls in derselben Ausgabe des Journals abgedruckten "Brief an die Herausgeber", dass die Definition für Typ 1 Diabetes im Originalartikel nicht richtig angegeben war. Das sei durch einen "administrativen Fehler" passiert. Dass die 52 aus der Studie ausgeschlossenen Fälle auch tatsächlich alle den Kriterien für eine Insulin-abhängige Typ 1 Diabetes entsprechen, bezweifelt Persson nach wie vor, weil bei der Mehrzahl dieser Personen die Diagnose nur bei einem einzigen Arztbesuch festgelegt wurde. "Aber dies ist kein Beweis, der Anderssons Spekulation vollständig widerlegt." Anderssons Anschuldigung, dass Fälle unterschlagen worden seien, weist Persson zurück. Eine Prüfung des Karolinska Instituts sprach die Autoren vom Vorwurf der Fälschung frei. Statistik sei eben kompliziert, schreibt Persson. Jeder Leser solle sich selbst ein Bild machen, wer hier im Recht ist.

Ob die schwedischen Behörden hier mit Absicht gehandelt haben, bleibt demnach ein Rätsel. Möglicherweise wollten sie die Öffentlichkeit - nach der Aufregung um die Narkolepsie-Häufung - nicht mit einer weiteren peinlichen Enthüllung zur desaströsen Schweinegrippe-Impfaktion beunruhigen.
Möglicherweise handelte es sich aber auch um einen Versuch, die Anzahl von Schadenszahlungen zu minimieren. Insgesamt 475 Narkolepsie-Betroffene haben nämlich die schwedischen Gesundheitsbehörden auf finanzielle Entschädigung geklagt. Bisher wurden 311 Patienten Zahlungen von bis zu einer Million Euro zugesprochen.


Impfskepsis als Schutzfaktor

In Deutschland, der Schweiz oder Österreich wären derartige Nebenwirkungen der Impfungen nie aufgefallen, da es hier - aufgrund fehlender Datenbasis - nicht möglich ist, die Auswirkungen von Impfaktionen auch nur halbwegs verlässlich zu messen. Weder deren positive noch deren mögliche negative Effekte.
Bei unerwünschten Reaktionen auf Impfungen gibt es zwar theoretisch eine gesetzliche Meldepflicht für Ärzte, doch diese wird in der Praxis meist großzügig ignoriert. Schätzungen gehen von einer Melderate zwischen 5 und 10 Prozent aus. Weil die Dunkelziffer zu hoch ist und es keine ungeimpfte Vergleichsgruppe gibt, können keine seriösen Schlüsse gezogen werden und die Meldepflicht könnte genauso gut gleich abgeschafft werden.
Impfungen sind demnach medizinische Masseneingriffe an der gesunden Bevölkerung, die weitgehend unkontrolliert ablaufen. Als wichtigster Schutzfaktor erwies sich im Fall der Schweinegrippe-Impfaktion offenbar die in der Bevölkerung - im Gegensatz zu Skandinavien - weit verbreitete Impfskepsis.




Wenn Ihnen dieser Artikel interessant und wichtig erscheint, würde

ich mich über einen kleinen Beitrag zu meiner Arbeit sehr freuen. 







Sonntag, 9. Oktober 2011

Leistungsschlaf


Neue Erkenntnisse der Schlafforschung zeigen, dass im Organismus zur Nachtzeit alles andere als Ruhe herrscht. Während das Gehirn die Eindrücke des Tages verarbeitet, rücken die Zellen der Immunabwehr zum nächtlichen Systemservice aus. Moderner Lifestyle gefährdet jedoch die Arbeit der Nacht.
„Stefan hatte scheinbar schon einige Jahre investiert, seinen Schlaf/Wach-Rhythmus systematisch zu ruinieren“, sagt der Schlafforscher Gerhard Klösch von der Univistätisklinik für Neurologie an der Meduni Wien. Stefans Vater hatte den 17jährigen Gymnasiasten im Juli im Schlaflabor des AKH-Wien vorgestellt, weil er absolut nicht mehr weiter wusste: Nachts konnte sein Sohn nicht schlafen, erzählte der Vater. „Jeden Morgen war es ein Drama, ihn aus dem Bett zu bringen. Die Lehrer sagten, dass er im Unterricht häufig wegdöst.“

Stefans Abschlusszeugnis 2011 war so katastrophal, dass die geplante Matura im nächsten Jahr in weite Ferne rückte. Einige Nächte im Schlaflabor zeigten die hormonellen Ursachen und Konsequenzen dieser Schlafstörung: „Stefan hatte nach Mitternacht, wo das Stresshormon Cortisol normalerweise den Tiefpunkt erreicht, gleichbleibend hohe Werte“, berichtet Klösch. Das Schlafhormon Melatonin wurde hingegen nur in geringen Mengen produziert. Auf ebenso tiefem Niveau bewegt sich die Aktivität des Immunsystems, das im Hormon Cortisol einen mächtigen Gegenspieler hat. Die für die Regulierung des Appetits zuständigen Hormone Ghrelin und Leptin schwankten stark und Wachstumshormone waren überhaupt kaum nachweisbar. „Das ist speziell bei Jugendlichen alarmierend, weil ja der Schlaf die Zeit des Wachsens ist“, sagt Klösch.
 Über die Sommermonate erarbeitete Klösch mit Stefan und dessen Eltern ein strenges Programm der Verhaltensanpassung. Computerspiele waren nur noch an drei Tagen pro Woche erlaubt, um ein Uhr nachts war spätestens Schluss. Das Handy durfte nicht ins Bett mitgenommen werden, Energy-Drinks wurden gestrichen. „Derartige Probleme bei Jugendlichen werden immer häufiger“, sagt Klösch, „Schlaf wird als Feind gesehen, der sie am spannenden Leben hindert.“

Auch in der Wissenschaft war der Schlaf lange ein Phänomen voller Rätsel: Warum hat die Evolution trotz aller damit verbundenen Risiken diese Phase eingeführt, wo die Lebewesen schutzlos den Feinden ausgeliefert sind. Was gewinnen wir mit dem Schlaf? Lange Zeit wurde die nächtliche Ruhephase als simpler Standby Modus betrachtet, in dem der Stoffwechsel auf Sparflamme läuft und das Bewusstsein abgeschaltet ist: eine Zeit der Erholung von den Mühen des Tages. Doch warum werden Faulpelze genauso müde wie emsige Hackler?
„Wenn es allein nach dem Körper ginge, müssten wir gar nicht schlafen“, sagt die Schlafforscherin Birgit Högl vom Institut für Neurologie der Medizinischen Universität Innsbruck. „Da würde nämlich eine simple Rastpause den selben Zweck erfüllen.“ Das belegen Experimente: Sogar nach fünf schlaflosen Tagen zeigen Versuchspersonen auf dem Laufband oder dem Fahrrad-Ergometer noch erstaunlich gute Leistungen. Im Kopf stehen sie allerdings schon am Rande des Wahnsinns. 
Schlafentzug wurde denn auch quer durch die Zeiten als Foltermaßnahme eingesetzt. Bereits im alten China galt dauerhafter Schlafentzug als besonders strenges und gefürchtetes Todesurteil. Und in dem von den USA betriebenen Gefangenenenlager Guantanamo auf Kuba wurde routinemäßig versucht, Häftlinge durch Schlafentzug vor Verhören zur Kooperation oder zu Geständnissen zu bewegen. „Schlaf ist vor allem ein Bedürfnis des Gehirns“, erklärt der Münchener Wissenschaftsautor Tobias Hürter, der mit seinem Buch „Du bist, was du schläfst“ nun eine aktuelle Bestandsaufnahme der internationalen Schlafforschung vorgelegt hat.
Und so ist die Suche nach den Geheimnissen des Schlafs zu einem guten Teil auch die Erforschung unseres wichtigsten Organes, des Gehirns. Das Denkorgan verbraucht ein Fünftel unseres Umsatzes an Energie und Sauerstoff zeigt sich, dass es im Schlaf mindestens genau so aktiv ist wie tagsüber während der Wachphase. Die Ressourcen, die dabei zur Verfügung stehen, sind unermesslich. „Ein einziges Gehirn“, sagt Hürter, „hat so viele neuronale Verbindungen, wie die gesamte Menschheit Haare auf dem Kopf.“

 Dass wir nun jede Nacht ausreichend Schlaf benötigen, liegt in erster Linie an der Funktionsfähigkeit dieses Wunderwerks. Schon tagsüber befasst sich das Gehirn nur am Rande mit äußeren Reizen. Diese sind zwar wichtig und werden natürlich auch wahr genommen und gespeichert. „Ein großer Teil seiner Aktivität – 60 bis 80 Prozent seines Energieverbrauches – tritt aber in Schaltkreisen auf, die nichts mit äußeren Ereignissen zu tun haben“, sagt der US-Neurologe Marcus Raichle. Im Gehirn herrscht ein niemals verstummendes Stimmengewirr. Alle Areale rufen gewissermaßen durcheinander, sodass es recht aufwändig , in dieses Chaos Ordnung zu bringen. Im Schlaf wird aufgeräumt.
Abseits des Bewusstseins arbeitet das Gehirn auf Hochtouren weiter, allerdings anders als im Wachzustand. Die Aktivitätsmuster ändern sich, und manchmal klinken sich Gedächtnis-Systeme aus, was unsere Erinnerungslücken im Traum erklärt. Dann wieder macht die allzeit vernünftige Großhirnrinde Pause, weshalb im Schlaf manchmal die bizarrsten Ideen auftauchen. Das Ruhenetzwerk entkoppelt sich von der Außenwahrnehmung, die inneren Stimmen bekommen mehr Gewicht.

Schlafforscher teilen die Nachtruhe in drei Stufen ein: das Dösen beim Einschlafen. Den Leichtschlaf, in dem wir etwa die Hälfte der Nacht – besonders den zweiten Teil hin zum Morgen verbringen und sehr viel träumen. Schließlich den Tiefschlaf, den der Organismus nach dem Einschlafen auf kürzestem Weg aufsucht und in dem das Gedächtnis neu justiert wird. In dieser ganz auf sich selbst konzentrierten Phase des Schlafes kommt es zu einer Art Zwiegespräch zwischen mehreren Hirnarealen.
Die Inhalte werden nicht wie bei einem Computer schlicht gespeichert, denn dadurch würde sich zu viel Datenmüll ansammeln. Stattdessen werden Informationen aufgerufen, bewertet, durchgespielt und dann neu zusammen gesetzt. Erlebnisse, die emotional zu schwach bewertet sind, verschwinden nach und nach aus dem Gedächtnis und machen Platz für Neues.
In diesem Bereich sehen Lernforscher einen wichtigen Ansatz für den idealen Unterricht: Informationen, die nicht mit Gefühlen – am besten positiven – besetzt sind, bleiben kaum im Gedächtnis haften, sondern verlieren sich rasch.

An die meisten Träume erinnert sich der Mensch nicht. Viele gleichen Gedankenblitzen und dauern nur ein bis zwei Sekunden. Länger und ereignisreicher sind die Träume in den REM-Phasen der zweiten Nachthälfte. Dabei bewegen sich die Augen („rapid eye movement“), als ob sie einem lebhaften Geschehen folgen würden. Und das tun sie auch, wie die aktuelle Forschung zeigt. Über Gehirnsignale werden auf der Netzhaut tatsächlich Traumbilder erzeugt. Zusammen genommen träumt der Mensch pro Nacht rund 60 bis 90 Minuten.
Jahrzehntelange Diskussionen befassten sich mit dem Zweck der REM-Phase. Prominente Schlafmediziner wie etwa Jan Born, Leiter der Abteilung für klinische Neuroendokrinologie der Universität Lübeck, bekennen offen, dass sie keine Erklärung dafür haben, wozu diese Phase des so genannten „paradoxen Schlafes“ gut sein soll.
Nun scheint es, als wäre eine halbwegs anerkannte, nachvollziehbare Erklärung gefunden. Sie geht auf den US-amerikanischen Neurowissenschafter Jonathan Winson zurück, einem gelernten Flugzeugingenieur, der das Fach wechselte, weil er die Entschlüsselung der Rätsel des Gehirns für die größere technische Aufgabe hielt. Winson ging in die Traumarchive und analysierte tausende von protokollierten Träumen aus allen Kulturkreisen. Dabei fiel ihm auf, dass sich die Träume in der REM-Phase dadurch auszeichnen, dass es dabei thematisch fast immer um Leben und Tod geht. Über alle Zeiten und Kulturen hinweg ist die Verfolgungsjagd das häufigste Traumszenario. Winson war überzeugt, dass in diesen Träumen das Gehirn seine Überlebenskünste schärft. Im REM-Schlaf werden also Gefahrensituationen geübt, die evolutionär bedeutsam waren. Winsons Idee ist unter Schlafforschern mittlerweile fast mehrheitsfähig.

Die individuelle, als erholsam empfundene Länge des Schlafes variiert beträchtlich. Im Schnitt schlafen Frauen etwa eine Stunde länger als Männer. Im höheren Alter nimmt der Ruhebedarf ab. Guter Schlaf gilt in allen Kulturen als ein Merkmal für Gesundheit. „Für psychische Gesundheit stimmt das jedenfalls“, sagt der Psychologe Christoph Augner vom Forschungsinstitut für Grund- und Grenzfragen der Medizin an der Paracelsus Universität Salzburg. Augner war aufgefallen, dass psychisch gesunde Menschen zumeist über gute Schlafqualität berichten.
 Um diese Beobachtung auf ihren Wahrheitsgehalt abzuklopfen, befragte er eine Gruppe von 196 Studenten nach deren Schlafgewohnheiten. Parallel wurden Depressionen, Angststörungen, krankhafte Essgewohnheiten und sonstige psychische Besonderheiten nach üblichen Testverfahren erhoben. Die kürzlich veröffentlichten Resultate ergaben eine eindrucksvolle Bestätigung von Augners Ausgangs-Hypothese: Will man wissen, wie es einem Menschen geht, braucht man nur danach zu fragen, wie gut er schläft. Studenten mit schlechter Schlafqualität zeigten eine viermal höhere Wahrscheinlichkeit für einen hohen Depressionswert. „Das ist insofern bemerkenswert, als es sich um junge Menschen handelte, die eigentlich alle psychisch gesund waren und auch nicht wegen Schlafstörungen in Behandlung waren“, sagt Augner. „Möglicherweise ist hier aber bereits der Keim einer künftigen Krankheit zu erkennen.“

Noch überraschender ist ein erst im vergangenen Jahrzehnt aufgetauchter Zusammenhang, bei dem die Wissenschafter zunächst an einen Zufallsbefund dachten: Wer kürzer schläft, neigt eher zu Übergewicht. Im Sommer 2003 zeigte die berühmte „Nurses Health Study“ – eine 1976 gestartete Langzeitbeobachtung des Gesundheitszzustandes von 100.000 US-amerikanischen Krankenschwestern – dass Frauen, die im Schnitt weniger als fünf Stunden schliefen, ein um 50 Prozent höheres Diabetes-Risiko hatten als Frauen, die acht Stunden schliefen.Im Vorjahr kam ein Team um Francesco Cappuccio von der Universität Neapel in einer Übersichtsarbeit mit ähnlich hoher Anzahl von Teilnehmern, darunter auch Männer, zu einem fast identen Ergebnis.
Mittlerweile gilt der Zusammenhang als etabliert. „Durch zu wenig Schlaf wird die Appetitregulation gestört“, erklärt Schlafforscherin Birgit Högl (Foto links). „Man isst mehr und kann das Gegessene schlechter verstoffwechseln.“ Bei einer internationalen Konferenz der Schlafmediziner Mitte September in Quebec wurden aktuelle Zahlen aus den USA präsentiert, die speziell für die Gruppe der Jüngeren eine weitere Verschärfung der Problematik anzeigen: „Das Handy wird immer mehr zum Schlaf-Killer“, berichtet Högl, die als Vorstandsmitglied der Gesellschaft an der Konferenz teilgenommen hatte.
Kinder und Jugendliche beschäftigen sich laut diesen Berichten nicht nur tagsüber mehrere Stunden mit dem Handy, sie nehmen es auch mit ins Bett. „Die Erhebungen zeigen, dass viele in der Zeit zwischen Mitternacht und drei Uhr früh regelmäßig von SMS-Nachrichten geweckt werden und darauf antworten.“ Daraus ergebe sich eine erhebliche Beeinträchtigung der Schlafqualität. „Und natürlich befürchten wir, dass sich damit auch der Trend zu Übergewicht und Fettleibigkeit weiter verstärkt“, so Högl.

Wer gut und lange schläft, ist eher schlank und auch psychisch gesund, lauten die aktuellen Befunde.
Christoph Scherfler von der Universitätsklinik für Neurologie in Innsbruck wollte wissen, ob man diesen Schluss auch umdrehen kann: Sind Schlafstörungen ein erster Ausdruck organischer Schäden? Um diese Phänomene näher zu untersuchen, gründeten Innsbrucker Neurologen um Vorstand Werner Poewe zusammen mit Kollegen der Universität Barcelona die so genannte SINBAR-Gruppe (Sleep INnsbruck BARcelona). Zunächst nahmen sie sich einer speziellen Gruppe von Schlafstörungen an – „Menschen, die so lebhaft träumen, dass sie anfangen, unkontrolliert im Bett herumzuschlagen", erzählt Scherfler. Weil deren Partner das oft nicht aushalten, „kommen sie zu uns."
Zunächst schlossen die Schlafmediziner jene Patienten aus, deren aggressives Schlafverhalten auf Medikamente, Alkoholentzug und andere bekannte Ursachen zurückzuführen war. Übrig blieben schließlich 26 Patienten mit Schlafstörungen, deren Gehirn im Magnetresonanztomografen nach Veränderungen untersucht wurde. Als Kontrolle dienten die Befunde von 14 Personen ohne Schlafstörungen.
 „Als wir die Resultate in 3D bekamen, war das wirklich beeindruckend“, erzählt Scherfler. „Wir stießen nämlich auf zwei Regionen im Hirnstamm, von denen wir wissen, dass sie an der Regulierung der REM-Schlafphasen beteiligt sind.“ Hier zeigten sich dramatische strukturelle Veränderungen: Zellmembranen, die durch degenerative Prozesse zerstört waren und zum massenhaften Untergang von Nervenzellen führten. Die Ursache der Schlafstörung waren also konkrete Schäden im Gehirn.

Von zusätzlichem Interesse sind diese Ergebnisse im Zusammenhang mit einer immer häufiger auftretenden Krankheit: „Wir wissen, dass etwa drei Viertel unserer Patienten später an Parkinson erkranken.“ Mit Hilfe der MRT-Untersuchung und über den Umweg der Schlafstörung, ist es der SINBAR-Gruppe also gelungen, eine organische Wurzel der Parkinson-Krankheit zu orten. In der Fachwelt schlug diese Nachricht ein wie die sprichwörtliche Bombe. Publiziert wurde die Arbeit in den „Annals of Neurology“, einem der angesehensten Journale der Fachrichtung.
„Interessanterweise fanden wir im betroffenen Bereich auch eine starke Zunahme der Gewebedichte“, erzählt Scherfler. „Das zeigt, dass der Organismus versucht, den Schaden selbst zu reparieren.“ Wenn es gelänge den bislang unbekannten Verursacher des Hirnschadens ausfindig zu machen und den zerstörerischen Prozess zu beenden, wäre also eine Heilung möglich.
Eine zweite Option eröffnet sich im Bereich der Früherkennung. Nachdem nun bekannt ist, in welchen Regionen die Parkinson-Krankheit ihren Ausgang nimmt, lässt sich die Innsbrucker Methode auch gezielt dafür einsetzen, nach Störungen im Anfangsstadium zu suchen.

Eine ähnlich interessante Entdeckung gelang der Arbeitsgruppe bei einer weiteren rätselhaften Krankheit, der Narkolepsie. Die davon betroffenen Patienten werden schlagartig todmüde, verlieren die Muskelkontrolle, brechen zusammen und schlafen gegen ihren Willen ein. Täglich bis zu zwanzig Mal, an allen möglichen Orten. Ein normales Leben ist für die Betroffenen kaum möglich, Auto- oder Radfahren illusorisch Die konkreten Ergebnisse seiner Narkolepsie-Studie will Scherfler noch nicht preisgeben, weil die Publikation gerade im Druck ist.
Dem krankhaften Prozess liegen aber jedenfalls Autoimmun-Prozesse im Gehirn zugrunde, also aggressive, gegen die eigenen Nervenzellen gerichtete Aktionen des Immunsystems.

Bemerkenswert in diesem Zusammenhang: eine mysteriöse Häufung der sonst sehr seltenen Erkrankung, die offenbar als Folge der Schweinegrippe-Impfaktion im Herbst 2009 aufgetreten sind. Im Lauf des vergangenen Jahres hatten schwedische und finnische Ärzte einen sprunghaften Anstieg von Narkolepsie-Fälle bemerkt. Fast alle betroffenen Patienten waren zuvor mit dem Impfstoff Pandemrix, dem in Europa meistverkauften Präparat, geimpft worden. Das Narkolepsie-Risiko von Kindern, die in Schweden und Finnland damit geimpft wurden, lag um das sechs- bis 13-fache höher als bei nicht Geimpften.
Im Verdacht steht ein Bestandteil der Impfung, nämlich der neuartige Wirkverstärker AS03. In den USA waren solche Zusätze zu Schweinegrippe-Impfstoffen – unter anderem wegen des Risikos autoimmuner Nebenwirkungen – nicht zugelassen worden. Dort sind im Zuge der Pandemie nur zwei Fälle von Narkolepsie bei den Behörden gemeldet worden. In Europa gingen beim Pandemrix-Produzenten GlaxoSmithKline hingegen bisher mehr als 300 Meldungen ein. Anfang August warnte nun auch die Europäische Arzneimittelbehörde EMA in einer Aussendung davor, Pandemrix weiter zu verwenden. Im Gegensatz zu Deutschland ist Österreich von dem Problem nicht betroffen, weil der vom Gesundheitsministerium angekaufte Impfstoff der Firma Baxter keine Wirkverstärker enthielt.

 Ein weiteres heftig diskutiertes Thema im Bereich der Schlafstörungen: der Einfluss der Schichtarbeit auf das Krebsrisiko. Wahrscheinlichster Auslöser für die erhöhte Erkrankungsgefahr ist die Störung der nächtlichen Service- und Reparaturarbeiten des Immunsystems. Während tagsüber das Stress-System regiert, werden nachts die Zellen der Immunabwehr aktiv. Sie beseitigen Krebswucherungen im Anfangsstadium und führen über Mikroentzündungen kleine oder größere Reparaturen durch.
Wenn nun nachts nicht geschlafen, sondern gearbeitet wird, dann ergibt sich für den Organismus ein hormoneller Widerspruch. Das Stresshormon Cortisol bleibt aktiv und unterdrückt das Anlaufen der nächtlichen Service-Arbeiten. Bereits seit 2007 gilt die Verschiebung der Arbeitszeit in die Nacht laut WHO als „wahrscheinliches Karzinogen“.
Wie dem Problem begegnet werden kann, bleibt umstritten. Am ehesten, so zeigte eine im August veröffentlichte dänische Untersuchung, gelingt dies mit einer intelligenten Anpassung der Arbeitszeiten. Zu diesem Zweck wurden die bei dänischen Krankenschwestern aufgetretenen Brustkrebsfälle mit deren Schichtplänen verglichen. Ergebnis: Nachtschwestern trugen ein fast doppelt so hohes Krebsrisiko wie Tagschwestern. Keine Risikoerhöhung zeigte sich bei Bediensteten, die ihren Dienst vor Mitternacht beendeten. Ein gleich dreifach erhöhtes Brustkrebsrisiko hatten jene Frauen, deren Schichtpläne über viele Jahre zwischen Tag und Nacht- sowie permanenter Nachtschicht hin und her pendelten.

Doch es ist nicht allein die Schichtarbeit, von der die Gefahr aus geht. Auch wer zu Hause die Nacht zum Tag macht und regelmäßig bis nach Mitternacht das Licht eingeschaltet lässt, sabotiert jene Nachtarbeit, die ganz eindeutig der Gesundheit dient: die Nachtschicht des Immunsystems.

Dieser Artikel ist Anfang Oktober 2011 als Cover-Story im Nachrichtenmagazin profil erschienen.

Mittwoch, 2. Februar 2011

Pandemrix: Narkolepsie bei deutschen Gesundheitsbehörden


Pandemrix war im Vorjahr in Deutschland, Skandinavien, und in vielen weiteren Ländern Europas der am häufigsten verwendete Schweinegrippe-Impfstoff. Insgesamt wurden mehr als 30 Millionen Menschen damit geimpft. Mit einem Impfstoff, der einen schlecht untersuchten und bisher kaum verwendeten neuen Wirkverstärker auf Öl-Basis enthielt ("Squalene").

Hier im blog habe ich mich mit allen möglichen Aspekten der Pandemie befasst: der Geschäftemacherei, der Unterwanderung von WHO und anderen Behörden mit Pharma-Lobbyisten, den unsicheren und schlecht getesteten Hilfsstoffen in den eilig auf den Markt geworfenen H1N1 Impfstoffen und der beschämend schlechten begleitenden Kontrolle dieser Massen-Medikation der Bevölkerung.

Die finnischen Gesundheitsbehörden haben gestern den Arbeitsbericht ihrer Arbeitsgruppe zu Verdachtsfällen von Narkolepsie bei Kindern und Jugendlichen vorgelegt.

Laut dem Bericht hatten Kinder und Jugendliche, die mit Pandemrix geimpft wurden ein um das Neunfache höheres Risiko an Narkolepsie zu erkranken. "Der beobachtete Zusammenhang ist so eindeutig, dass sich das Phänomen kaum über etwaige Störfaktoren erklären ließe", schreiben die Autoren der finnischen "National Narcolepsy Task Force" in ihrem Bericht.

Nun ist Narkolepsie eine recht seltsame Impfnebenwirkung. Wie soll eine Impfung Schlafkrankheit verursachen? Was ist das überhaupt konkret?

Narkolepsie ist alles andere als eine banale "Schlafkrankheit". Betroffene Patienten verlieren von einem Moment auf den andern das Bewusstsein, schlafen einfach ein. Ohne Kontroll-Möglichkeit. Die meisten Fälle treten während der Pubertät bis hinein in die Zwanziger Jahre auf, Männer sind ein wenig häufiger betroffen als Frauen. Führerschein oder ähnliche selbstverständliche Dinge sind für Narkoleptiker undenkbar. Narkolepsie ist eine schwere Behinderung. Sie beruht, so die Ergebnisse der bisherigen Untersuchungen, wahrscheinlich auf einer massiven neurologischen Störung.
Zitat aus Wikipedia:
Die Ursachen (Ätiologie) der idiopathischen Narkolepsie sind unbekannt. Untersuchungen lassen die Hypothese immer wahrscheinlicher werden, dass Zentren im Gehirn beteiligt sind, die für die Steuerung des Wach-Schlaf-Rhythmus zuständig sind (Hypothalamus, Suprachiasmatischer Nucleus). Neuere Ergebnisse weisen auf einen Verlust der sogenannten Hypocretin/Orexin-Zellen im Hypothalamus hin, sowie auf einen Verlust an grauer Substanz im Nucleus accumbens.

Bei "Squalene", dem Wirkverstärker in Pandemrix, wird seit längerem ein Risiko für autoaggressive Immunreaktionen diskutiert und in Tierversuchen auch bestätigt (z.B. hier und hier). Wenn das zutrifft, so könnte Pandemrix bei dafür empfänglichen Personen eine Attacke des Immunsystems auf körpereigene Nervenzellen "triggern", im Fall der Narkolepsie eben auf die Zellen im Hypothalamus. Derartige Zusammenhänge sind bisher jedoch kaum erforscht.

Das Problem bei Narkolepsie ist die enorme Dunkelziffer. In Wahrheit könnten viel mehr Personen betroffen sein, weil die Störung oft nicht erkannt wird, bzw. von den Ärzten gar nicht eigens danach gesucht wird. Zudem wäre es möglich, dass es leichtere Formen der Narkolepsie gibt, die als banale "Schlafstörung"abgetan werden.

Pandemrix stand von Anfang an unter heftiger Kritik. Speziell wegen des neuartigen Wirkverstärkers.
Squalene waren bislang nur in wenigen Impfstoffen enthalten (z.B. im Senioren Influenza-Impfstoff "Fluad") . Es gibt keine offen zugänglichen Sicherheits-Studien. Und bei den Pandemie-Impfstoffen gab es wegen der gebotenen Eile nur sehr harmlose, der möglichst schnellen Zulassung untergeordnete Sicherheits-Tests. Schließlich galt die Annahme, dass die Welt auf eine Ausnahme-Katastrophe zusteuert und nur die Impfstoffe die Menschen vor einem Massensterben schützen können.

In Österreich wurde Pandemrix nicht eingesetzt, sondern der Impftoff Celvapan von Baxter, der ohne Wirkverstärker auskam und als sehr gut verträglich galt. In Deutschland wurde Celvapan auch geordert und zwar speziell für Politiker, sowie die Angehörigen des Heeres. Er galt demnach bald als "Promi-Impfstoff", von Zwei-Klassen-Impfstoffen war die Rede. Die gewöhnlichen Bürger bekamen meist Pandemrix, von dem 50 Millionen Stück bestellt und auch bezahlt wurden.

Und hier interessiert mich die Frage, ob es in Deutschland möglich gewesen wäre, eine solche unerwünschte Arzneimittelwirkung - nämlich die Verursachung einer seltenen Störung wie Narkolepsie  - überhaupt zu entdecken.

So wie es aussieht, gibt es keinerlei Hinweis dafür.

Das Paul Ehrlich Institut (PEI) reagierte zunächst mit Verblüffung, als in Finnland, Schweden und Island diese Frage debattiert wurde: Bei der Behörde war nämlich keine einzige derartige Meldung eingegangen.
Eine Sprecherin des Pandemrix-Herstellers GlaxoSmithKline (GSK) versuchte zu beruhigen.
Weltweit seien 31 Millionen Dosen verimpft worden, insgesamt aber nur 161 Fälle von Narkolepsie aufgetreten, wovon 70 Prozent in Schweden und Finnland diagnostiziert wurden. „Das ist anscheinend auf diese Region beschränkt“, so die Aussage der GSK-Sprecherin.

Doch ist so eine Aussage haltbar? Soll man wirklich glauben, dass Pandemrix bei skandinavischen Kindern anders wirkt als bei deutschen? Oder liegt stattdessen eher der Verdacht nahe, dass es sich um einen Erfassungsfehler handelte und die Behörden außerhalb von Skandinavien – wo eigene Narkolepsie-Arbeitsgruppen eingerichtet worden sind – einfach nichts von diesen Krankheitsfällen erfahren hat.

Ich habe mir dazu die Datenbank des PEI angesehen, in der alle Meldungen auf unerwünschte Arzneimittel-Wirkungen (UAW) nach Impfungen erfasst werden - und natürlich auch jene nach Pandemrix.
Insgesamt gibt es im Zeitraum von 2009/10 in allen Altersklassen knapp 1.979 UAW Meldungen im zeitlichen Zusammenhang mit der H1N1 Impfung mit Pandemrix, darunter 55 Todesfälle.
Bei Kindern bis zum 17. Lebensjahr sind insgesamt 265 UAW Meldungen eingegangen.

Doch "Narkolepsie" wird in der Datenbank tatsächlich kein einziges Mal als mögliche Impffolge erwähnt.

Ja, Schlafstörungen, Müdigkeit oder Somnolenz wird bei den Kindern oft genannt. Doch ist es von Müdigkeit bis zu Narkolepsie noch ein weiter Weg. Wie viele schwere Störungen verbergen sich hinter den banal klingenden Symptomen? Das ist nicht bekannt.
Doch auch die anderen Nebenwirkungen nach Gabe von Pandemrix sind nicht ohne:
Besonders häufig sind Störungen der Schilddrüse, Urticaria, Tics, "veränderter
Bewusstseinszustand", Arthritis, schlaffe Lähmungen, das Guillaine-Barre Syndrom, anaphylaktischer Schock, Hallzuination, Gesichtslähmung und vieles mehr.

Narkolepsie ist recht selten und den meisten Ärzten, die hier gemeldet haben, wahrscheinlich gar nicht aus eigener Erfahrung bekannt.
Und jene Fachärzte und Experten auf diesem Gebiet, bei dem die Patienten schließlich gelandet sind haben möglicherweise gar nicht mehr an die behördliche Meldung gedacht - weil der Zusammenhang zur Impfung irgendwann - beim Weg durch die medizinischen Institutionen - verloren gegangen ist. Möglicherweise haben sie auch - wie das unter Ärzten recht verbreitet ist -  die gesetzlich vorgeschriebene Meldung an die Behörde für eine bürokratische Schikane gehalten und schlicht ignoriert.
Das ist ein Problem aller passiven Meldesysteme. Man nimmt an, dass die tatsächliche Anzahl der Fälle in der Bevölkerung beim zehn- bis zwanzigfachen der tatsächlich gemeldeten Fälle liegt.

Bleibt die Frage, ob es in Deutschland - außer diesem schlecht funktionierenden Meldewesen - sonst irgendeine Art von Sicherheitsnetz gab, um solche Nebenwirkungen überhaupt zu bemerken – und dann - so wie die finnischen Behörden - auf guter Datenbasis zu untersuchen.

Es sieht derzeit nicht so aus.
Nachdem in der Öffentlichkeit im Sommer 2010 die Schwedischen und Finnischen Untersuchungen zu Narkolepsie breit diskutiert wurden, kamen dem PEI von Oktober 2010 bis Ende Januar 2011 doch noch acht Meldungen von Narkolepsie-Verdacht zu Ohren. Auf dieser schmalen Basis konnten jedoch keine gültigen wissenschaftlichen Aussagen gemacht werden.

Dass es angebracht gewesen wäre, eine so extrem teure und riskante Massentherapie der Bevölkerung wie bei der Influenza Pandemie engmaschig zu begleiten, um auch seltene Nebenwirkungen seriös erfassen und untersuchen zu können, ist den Behörden jedenfalls nicht in den Sinn gekommen. Scheinbar war man der Meinung, die Sorgfaltspflicht erstrecke sich nur darauf, den Herstellerfirmen mit Steuergeld die Impfstoffe abzukaufen.

Das ist natürlich eine bösartige Unterstellung. Denn selbstverständlich liegt den Behörden das Wohl der Bürger am Herzen. Deshalb kündigen die Gesundheits-Behörden nun auch an, sich an einer EU-weiten Studie zur Erforschung eines Zusammenhangs zwischen Pandemrix und Narkolepsie zu beteiligen, die in den nächsten Jahren hier Klarheit bringen soll.

Das klingt fürs erste nach einer halbwegs verantwortungsvollen Reaktion: Doch warum will meine Freude darüber nicht so recht aufkommen? War da nicht schon einmal eine ähnliche Situation mit einem ganz ähnlichen Lösungsansatz?


TOKEN-STUDIE: Verschollen im Behörden-Dreieck

Mich erinnert diese Maßnahme frappant an die Aufregung um Todesfälle nach der Sechsfach-Impfung, die im Jahr 2003 Schlagzeilen machten.

Auch hier waren es zunächst einige wenige Verdachtsfälle, nämlich fünf. Und auch hier war es nicht das Frühwarn-System der Behörden, welche den Anlass für die Untersuchung gab, sondern die Einzelinitiative eines Münchner Gerichtsmediziners, der gleich drei verdächtige Todesfälle aus seinem persönlichen Arbeitsbereich anzeigte.

Etwas später war die Rede von etwa 15 Todesfällen in nahem zeitlichen Zusammenhang zur Sechsfachimpfung. Eine Gruppe um den Münchner Epidemiologen Rüdiger von Kries untersuchte den Zusammenhang und veröffentlichte einen Bericht in dem von einem "Signal" die Rede war, dass die Sechsfachimpfung "Hexavac" möglicherweise ursächlich an den Todesfällen beteiligt sein könnte.
Und was machten die Behörden?
Sie organisierten mit medialem Getöse eine umfassende Studie, welche drei Jahre lang alle Todesfälle bei Babys und Kleinkindern im Alter von 2 bis 24 Monaten in Deutschland untersuchen sollte, die so genannte TOKEN-Studie. Die Studie sollte ein für alle Mal klären, ob die Babyimpfungen so sicher waren, wie das die Behörden und die Herstellerfirmen immer behauptet hatten.

Kurz nachdem diese Studie zur Jahresmitte 2005 gestartet wurde, zog der Hersteller des Marktführers "Hexavac" vollständig überraschend seinen Sechsfach-Impfstoff vom Markt zurück. Angeblich deshalb, weil Bedenken aufgetreten seien, dass die Hepatitis-B Komponente des Impfstoffes doch nicht so lange wirkt, wie man das gehofft hatte.
Mit dem Risikosignal für die geimpften Kinder hatte das selbstverständlich gar nichts zu tun.

Die Studie wurde nun also in Abwesenheit des Haupt-Verdächtigen weiter geführt. Einziger verbliebener Sechsfach-Impfstoff ist seitdem "Infanrix hexa" ebenfalls ein Produkt des Pandemrix-Herstellers GSK. Doch es schadet ja nicht, auch hier nach dem Rechten zu sehen, zumal den Babys ja nicht nur die Sechsfach-Spritze gegeben wird, sondern sich in den letzten beiden Jahrzehnten im Impfplan zahlreiche neue Impfungen angesammelt haben und zahlreiche Kinderärzte und Eltern mittlerweile Sorgen haben, ob das dem heranreifenden Immunsystem der Babys nicht irgendwann zu viel sein könnte.

Viele warteten also mit Spannung auf die Ergebnisse der Token Studie. Die Studie war 2005 gestartet worden und sollte drei Jahre dauern. Ich wandte mich also im April 2008 erstmals an die durchführende Behörde - in diesem Fall das Berliner Robert Koch Institut - und fragte an, wann denn mit den Resultaten zu rechnen sei.
Die Antwort lautete folgendermaßen:
Sehr geehrter Herr Ehgartner,

wir freuen uns über Ihr Interesse an unserer Studie.
Wir werden Sie gerne nach Abschluss der Studie über die Ergebnisse informieren, dies wird aber erst im ersten Quartal 2009 möglich sein.

Für weitere fragen stehe ich Ihnen gerne unter 030 18754 3322 zur Verfügung

Mit freundlichen Grüßen

Nadin Watzke
Robert Koch-Institut
Studiensekretärin der TOKEN-Studie

Naja, das erste Quartal 2009 ist nun schon einige Zeit Geschichte.
Ich meldete mich noch einige Male und wurde zunächst auf Frühling, dann auf Herbst 2010 vertröstet. Nun halten wir bei 2011 und es sind noch immer keine Ergebnisse publiziert.

Auch der wahrscheinliche Grund für die Verspätung ist typisch für den Umgang der Behörden mit dem heiklen Thema Impfstoff-Sicherheit.
Zur Finanzierung dieser hoch sensiblen Studie wurden nämlich ausgerechnet die beiden Herstellerfirmen angeschnorrt. Ein wirkliches Armutszeichen für eines der reichsten Länder der Welt.
Sanofi Pasteur und GlaxoSmithKline machten das natürlich gerne und übernahmen sofort den Großteil der Kosten. Aber natürlich gab es das Geld nicht ohne Gegenleistung.
Die beiden Impfstoff-Hersteller bekamen das Recht zugesprochen, vor Veröffentlichung der Studie Einblick in die Ergebnisse zu nehmen und Stellung zu beziehen.

Nun gibt es, wie man hört, hinter den Kulissen "erhebliche Abstimmungsprobleme" bei der Interpretation der Ergebnisse. Abstimmungsprobleme, die sich nun bereits zwei Jahre über den vom Robert Koch Institut genannten Veröffentlichungstermin hinziehen.
Es wird also gezogen und gezerrt - und das macht kein gutes Gefühl, wenn man an die vielen Babys denkt, die täglich mit diesen Arzneimitteln vorbeugend geimpft werden.
Was kam also bei der TOKEN-Studie raus? - Und was wird hier zurück gehalten? Es ist höchste Zeit, dass sich die Gesundheitspolitik dieser Miss-Stände annimmt und hier endlich für Transparenz sorgt.

In der UAW Datenbank des Paul Ehrlich Institutes sind mittlerweile 125 Todesfälle (mit Stand Ende Juni 2010) in zeitlichem Zusammenhang mit Sechsfachimpfungen eingetragen.
Zumindest bei Todesfällen scheint sich die Meldemoral der Ärzte gebessert zu haben.

Doch wer behandelt die Narkolepsie der Behörden?