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Donnerstag, 15. November 2018

Macht die Grippe Impfung Sinn?

Bei all den Zeitungs- und TV-Berichten, die derzeit umgehen, bekommt man den Eindruck, dass "Winter" ein vollständig altmodischer Begriff für die bevorstehende Jahreszeit ist. Eigentlich stehen wir nämlich vor der "Influenza-Saison". Und laufend sind wir mit der Frage konfrontiert, ob wir die Kinder und uns selbst impfen lassen sollen oder nicht. 


Foto: Andre Borges/Agência Brasília

Das, was wir gemeinhin als „Grippe“ bezeichnen kann vollständig unterschiedliche Ursachen haben. Es gibt mehr als 200 Viren, die Grippe oder grippale Infekte auslösen können.  „Und auch wenn dies oft behauptet wird: Ohne Labortest können Ärzte die beiden Krankheiten nicht seriös auseinander halten“, erklärte mir Tom Jefferson, langjähriger Leiter der Impfabteilung der angesehenen Cochrane-Gruppe. 
In der Tat haben zahlreiche Studien die Ansicht widerlegt, dass nur die „echten“ Influenzaviren ernsthafte Krankheiten machen, die grippalen Infekte hingegen banal verlaufen. Bei kranken älteren Menschen zeigten sich beispielsweise die so genannten RS-Viren genauso oft als Verursacher eines Spitalsaufenthalts wie Influenzaviren. Noch extremer war das Verhältnis bei Kindern. Eine umfangreiche US-Studie zeigte, dass Influenzaviren hier im Jahresschnitt gerade einmal drei Prozent aller Klinikeinweisungen bei Atemwegsinfektionen verursachten und damit in der Rangliste der Krankheitserreger deutlich hinter RS-Viren, Noroviren oder Parainfluenza-Viren lagen. 

Besonders eindrucksvoll war dieser Unterschied während der Schweinegrippe-Pandemie von 2009/2010, wie eine Erhebung des nationalen slowenischen Gesundheitsinstituts in Ljubljana, ergab. Während die Influenza-Viren vorherrschten, kam es bei Kindern kaum zu Fällen von Bronchitits oder anderen Atemwegsinfekten, die einer Behandlung im Krankenhaus erforderten. Als die Grippesaison zu Ende ging und die RS-Viren dominierten, stiegen die stationären Aufnahmen hingegen um das Fünffache an. 
Auch ein historischer Überblick zur Sterblichkeit der vergangenen hundert Jahre in den USA belegt, dass der Einfluss der Influenza grob überschätzt wird. Studienautor Peter Doshi vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston wies nach, dass nicht einmal in den berühmten Grippejahren von 1957/58 (Hongkong-Grippe) und 1968/69 (asiatische Grippe) ein merkbarer Anstieg der Gesamtsterblichkeit erkennbar war. “Deutlich zeigte sich hingegen, dass mit den Fortschritten in der medizinischen Versorgung, der Hygiene und des allgemeinen Lebensstandards das Sterberisiko stark absinkt”, erklärt Doshi. “Die Bedrohung durch eine Influenza-Pandemie wird extrem überschätzt.”

Ebenso wie der Schutzeffekt der Influenza-Impfung. Eine Analyse der Sterblichkeit in den USA während der vergangenen beiden Jahrzehnte ergibt nicht das geringste Indiz dafür, dass die Impfung überhaupt einen Effekt hatte. Obwohl sich die älteren Menschen heute viel öfter impfen lassen und die Impfrate von 15 Prozent im Jahr 1980 auf zuletzt 65 Prozent gestiegen war, ergab sich kein Rückgang bei den Todesfällen durch Influenza. “Unsere Ergebnisse stellen die derzeitigen Konzepte infrage, wie ältere Menschen am besten vor dem Grippetod geschützt werden können”, erklärten die Autoren im Schlusswort ihrer Studie. 
Tatsächlich bestätigen die Zahlen, dass nur die spanische Grippe vom Nachkriegswinter 1918/19 sich überhaupt in einem Anstieg der Gesamtsterblichkeit bemerkbar machte. 


Was machte die Spanische Grippe so gefährlich? 

Zunächst einmal verlief die Krankheit so ungewöhnlich, dass viele Ärzte sie zunächst gar nicht für eine Influenza hielten, sondern an eine Rückkehr von Cholera oder Typhus dachten. Das begann schon mit dem Beginn des Ausbruchs, der nicht in die normale Grippesaison fiel, sondern bereits im Spätsommer 1918 startete und bis zum späten Frühjahr 1919 andauerte. 
Eines der ersten Todesopfer war der spanische König. Tuberkulosekranke – wie etwa Franz Kafka – traf die Grippe besonders hart. Aderlässe und Blutegel kamen zu neuen Ehren. Naturheiler brauten Wundermittel aus Tollkirschen. Und dennoch war kein Kraut gewachsen. Edith Schiele starb als sie im 6. Monat schwanger war. Ihr Mann Egon steckte sich bei ihr an und folgte ihr kurz darauf ins Grab. 
Während normale Grippewellen die Gefährdungskurve eines „U“ bilden – also für Kleinkinder und alte Menschen das höchste Risiko bedeuten, wurden hier speziell Menschen in der Blüte ihres Lebens, zwischen 20 und 40 Jahren dahingerafft. Im Jahr 2005 isolierten Wissenschaftler der US-Behörde CDC Originalviren von einem Influenzaopfer, das im Permafrost von Alaska konserviert worden war. Und hier zeigte sich bei Experimenten, dass die Viren bei Affen noch immer dieselben Symptome auslösen konnten, wie damals. 
Todesursache der "spanischen Grippe" war ein sogenannter Zytokinsturm – eine extrem heftige Reaktion des Immunsystems, welche befallenes Gewebe im Körper regelrecht verwüstet. Also eine Überreaktion, die zwar die Infektion stoppt, dabei aber so großen Schaden – vor allem an den Lungen – anrichtet, dass sie für die Betroffenen gefährlicher war als die Viren selbst. 
Auch der Grund, warum das Immunsystem – speziell bei jungen Erwachsenen – derart hysterisch reagierte, scheint nun geklärt. Eine Arbeitsgruppe um den Evolutionsbiologen Michael Worobey an der Universität von Arizona in Tucson rekonstruierte das Virus von 1918 und klärte auch dessen Entstehung durch Genanalysen auf. Dabei wurde klar, dass sich kurz vor dem Ausbruch eine vollständig neuartige Mischung mit Anteilen von Pferde- und Vogelviren gebildet hatte, die später als H1N1 Typus kategorisiert wurde. Kinder und Jugendliche unter 20 Jahren hatten schon mit deren Vorgängern Bekanntschaft gemacht und hatten deshalb einen gewissen Schutz vor der neuen Variante. Die Altersgruppe der über 20-jährigen war in ihrer Kindheit – im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts – jedoch ausschließlich mit H3N8 Viren konfrontiert. Und hier reagierte das Immunsystem nun vollkommen überrascht und in fataler Weise falsch. 
Worobey schließt daraus, dass der frühe virale Kontakt in der Kindheit den wichtigsten Schutz vor neuartigen Virenvarianten darstellt. „Das wird in den derzeitigen Impfstoff-Strategien aber überhaupt nicht bedacht.“ 


Wenn Geimpfte ein höheres Risiko haben 

Mediziner und Schulbehörden in Kanada machten während der Schweinegrippe-Pandemie eine interessante Beobachtung, die für zukünftige Ereignisse lehrreich sein könnten: Sie bemerkten, dass die meisten Kinder mit dem neuartigen Virentyp, der damals die Welt umrundete, problemlos zurecht kamen. Es gab jedoch eine Ausnahme: Vergleichsweise schwer erkrankten nämlich jene Kinder, die zuvor jährlich eine Grippe-Impfung erhalten hatten. Auch hier waren die – zum Glück seltenen Todesfälle – meist wieder durch einen Zytokinsturm des Immunsystems ausgelöst. 
In Kanada wurden gleich vier Studien durchgeführt, um diesen Verdacht zu prüfen und ihn schließlich auch bestätigten: Anscheinend ist es für das Immunsystem der Kinder von Vorteil, die Viren - ohne pharmazeutische Schützenhilfe - kennen zu lernen. Dann erwerben sie über den immunologischen Kontakt auch das Rüstzeug, mit stark veränderten Viren klarzukommen. Jene Kinder, die keine saisonale Grippe-Impfung erhielten, profitierten über den Kontakt mit anderen Influenza-Stämmen und hatten gegenüber der neuartigen Variante zumindest einen Teilschutz erworben. Das Immunsystem war vorgewarnt und die Krankheit verlief zumeist mild. Die Impfung hingegen stört offenbar diesen Lerneffekt des Immunsystems. 

Eine Gruppe von Virologen und Kinderärzten der Erasmus Universität Rotterdam untersuchten diesen Zusammenhang mit einem recht drastischen Experiment. Dafür setzten die Wissenschaftler Mäuse verschiedenen Impfungen und nachfolgenden Infektionen aus. Der entscheidende „Elchtest“ für die Tiere war eine Konfrontation mit Vogelgrippe Viren vom Typ H5N1. Dieser besonders gefährliche Virustyp galt als Dummy für eine neuartige tödliche Mutation der Influenzaviren. 
Die Überlebenschancen der Mäuse, die in diesem Experiment eingesetzt wurden, standen nicht sonderlich gut: 

  • Wurden die Mäuse mit dem saisonalen Impfstoff geimpft und danach mit den Vogelgrippe-Viren konfrontiert, so starben sie. 
  • Wurden die Mäuse nicht geimpft und dann mit den Vogelgrippe Viren konfrontiert, so starben sie ebenfalls. 
  • Wurden die Mäuse mit saisonalem Impfstoff geimpft, danach mit saisonalen Viren infiziert, so überstanden sie im Normalfall die saisonale Grippe, starben aber ebenfalls wieder, wenn sie anschließend mit H5N1 infiziert wurden. 


Was denken Sie, war die einzige Variante, bei der die armen Versuchsmäuse dieses Experiment überlebten? 
Folgendes: Das Überlebensrezept bestand darin, dass die Mäuse ungeimpft eine normale Grippe durchmachten. Sie wurden krank und erholten sich wieder. Und siehe da: Danach waren sie plötzlich gegen die ansonsten stets tödlichen H5N1 Vogelgrippe-Viren gewappnet. 
Sie hatten weniger Viren in der Lunge, erkrankten weniger heftig und die meisten Tiere überlebten den Kontakt mit der Influenza-Mutation. 
Und dieser Lerneffekt des Immunsystems erklärt nach Ansicht der holländischen Mediziner auch die unterschiedlichen Verläufe, die während der Schweinegrippe Pandemie beobachtet wurden. Länder mit geringer Impfmoral bei der saisonalen Grippe-Impfung - wie beispielsweise Österreich, Holland oder Deutschland, kamen mit der Pandemie am besten zurecht. 
Länder wie die USA, wo die „Flu-Shots“ bereits ab einem Alter von 6 Monaten empfohlen und von der Bevölkerung auch angenommen werden, hatten hingegen während der Schweinegrippe-Pandemie eine vergleichsweise hohe Sterblichkeit. 
Wer seine Kinder gegen Grippe impft, geht demnach also das Risiko ein, dass diese nur eine "Scheinimmunität" gegen die in der Impfung enthaltenen Antigene erhalten, sich jedoch keine breitere Immunität gegen nachfolgende andersartige Grippeviren ausbilden kann. Und wenn dann doch einmal mutierte Viren kommen, verkehrt sich der vermeintliche Schutz ins Gegenteil. 


Glücksspiel Influenza Impfung 

Kaum eine Impfung hat einen so schlechten Ruf wie die Influenza-Impfung. Besonders skeptisch sind hier die Österreicher. Die Durchimpfungsrate, errechnet auf Basis der abgegebenen Impfdosen, betrug während der Saison 2017/18 magere 6,4 Prozent. „Im Vergleich zum Vorjahr war das zwar eine Steigerung von fast einem Prozent, insgesamt ist die Rate aber nach wie katastrophal", hieß es von Seiten des Verbands der Impfstoffhersteller. 
Die Grippewelle von 2017/18 war eine der stärksten der vergangenen Jahrzehnte. Sie begann rund um Weihnachten und dauerte ungewöhnlich lange bis Ende März. In Deutschland wurden bis Jahresmitte 2018 mehr als 270.000 Influenza-Fälle gemeldet. Im gesamten Jahr 2017 waren es dagegen nur 95.977 Meldungen. Nach Angaben der „Arbeitsgemeinschaft Influenza“ sind 1.287 Menschen in Deutschland an Grippe verstorben. „Diese offiziellen Zahlen zur aktuellen Grippesaison beschreiben wohl längst nicht das tatsächliche Infektionsgeschehen“, erklärte STIKO-Vorsitzender Thomas Mertens gegenüber der Ärztezeitung. Er geht von zehnmal höheren tatsächlichen Grippezahlen aus und von rund 12.000 Influenza bedingten Todesfällen. Bei derartigen Ungenauigkeiten stellt sich allerdings die Frage, warum überhaupt eine bundesweites - aus Steuergeldern finanziertes Influenza-Überwachungssystem notwendig ist, wenn dann die „tatsächlichen Zahlen“ ums Zehnfache abweichen. 

Der Großteil der Erkrankungen wurde vom Influenza Typ B - vom Stamm Yamagata - ausgelöst. Die H1N1 Variante vom Influenza Typ A, die in den Vorjahren vorgeherrscht hatte, war nur mehr für rund 25 bis 30% der Fälle verantwortlich. Blöd war allerdings, dass von den Impfstoffen nur ein einziger auch diesen Stamm abdeckte. Und der war - als sich dies herumsprach - bald nicht mehr lieferbar. Die Schutzwirkung der Impfung lag nach Angaben der Behörden insgesamt zwischen 25 und 52%. Für die nächste Saison soll nun jedenfalls auch der Stamm Yamagata in allen Impfstoffen enthalten sein. Man wird sehen, ob diese Nachjustierung den entscheidenden Erfolg beschert, oder ob sich auch diesmal wieder ein unvorhergesehener Virenstamm breit macht. 


Vorsicht vor Geimpften: Sechsmal mehr Viren in der Atemluft

Die Wirksamkeit der Impfung war nicht nur in der vergangenen Saison schlecht. Die Influenza-Impfung ist ein Dauer-Sorgenkind. Laut der unabhängigen Cochrane Collaboration bestehen bezüglich der Wirksamkeit der Influenza Impfung zwei schwarze Löcher. Für Kinder unter 2 Jahren gibt es gar keinen Nachweis der Wirksamkeit. Ebenso schlecht ist die Datenlage für Personen im Alter über 65 Jahren. Und sogar bei Menschen in Gesundheitsberufen schließen die Cochrane-Autoren:
"Unsere Übersichtsarbeit fand keine vernünftige Basis, um die Impfung der Menschen in Gesundheitsberufen allgemein zu empfehlen.
Es gibt demnach keine zuverlässigen Belege, dass die Patienten davon profitieren, wenn die Ärzte und Krankenpfleger geimpft sind. 
Im Gegenteil. Aktuelle Studien weisen sogar auf ein höheres Risiko. Die Kontaktpersonen von Geimpften haben allen Grund vorsichtshalber eine Atemmaske zu tragen. Dies zeigte eine Anfang 2018 veröffentlichte Arbeit, bei der die Atemluft von 355 Personen mit Grippe-Symptomen auf Viren untersucht wurde. Jene, die aktuell und im Jahr davor die saisonale Influenza-Impfung erhalten haben, hatten im Vergleich zu  nicht geimpften Grippe-Kranken eine sechsmal so hohe Virenlast in ihrer Atemluft. 

Unter Impfexperten wurde diese gut gemachte Studie weitgehend ignoriert. Die Werbekampagnen laufen, wie jedes Jahr. Derzeit, so der Cochrane Impfexperte, Tom Jefferson, "gleicht die Werbung für die Influenza-Impfung eher den Praktiken von Staubsauger-Verkäufern auf Jahrmärkten". 

In manchen Jahren bezieht sich das schwarze Wirksamkeitsloch der Impfung nicht nur auf Kleinkinder und Senioren, sondern dehnt sich auf die gesamte Bevölkerung aus. Als Grund für diese Abstürze nennen die Influenza-Experten die zeitverzögerten Herstellung. Der Impfstoff wird nämlich ein halbes Jahr im voraus - nach den vorherrschenden Influenza-Viren auf der Südhalbkugel - konzipiert. Und welche Typen sich dann sechs Monate später tatsächlich im Norden zeigen, ist Glückssache. 
Seit Jahren fordert die Cochrane Collaboration, dass die Auswirkungen der Influenza Impfung in einer gut gemachten Vergleichsstudie zwischen Geimpften und Ungeimpften gemessen werden. Nur so wäre eine objektive Bewertung der Impfung möglich. Tatsächlich weiß man bisher nicht einmal annähernd, wie viele Krankheitstage sich ein durchschnittlicher gesunder Erwachsener durch eine Impfung erspart. Wenn man sich überhaupt etwas erspart. 

Die Hersteller der Impfstoffe sehen keinen Anlass, so eine Studie zu finanzieren. Offenbar erscheint ihnen das Risiko zu groß, dass die Resultate einer derartigen Arbeit ihnen einen nachhaltigen finanziellen Schaden zufügen könnten. Es läge also an den Gesundheitsbehörden, hier tätig zu werden und so eine Studie öffentlich zu finanzieren. Schließlich werden auch viele Millionen an Steuergeld an Zuschüssen für die jährlichen Influenza-Impfaktionen bezahlt. Höchste Zeit, sollte man meinen, dass diese Ausgaben auf ihre Sinnhaftigkeit geprüft werden. Bislang konnten sich die Behörden jedoch nicht zu einer relevanten Aktivität aufraffen.

Dieser Artikel ist ein kurzer Ausschnitt aus dem Influenza-Kapitel in meinem aktuellen Buch "Gute Impfung - Schlechte Impfung", das im Oktober 2018 im Verlag Ennsthaler erschienen ist. (417 Seiten, 24,90€)


Dienstag, 24. Januar 2017

Behörden verschleierten Typ 1 Diabetes Risiko

Der Titel des Briefes an die Herausgeber des "Journal of Internal Medicine" hat es in sich: "Versteckte Studiendaten der Behörden kamen nun ans Licht: Neben Narkolepsie hat der Schweinegrippe Impfstoff Pandemrix auch Typ 1 Diabetes verursacht". Absender des Briefes ist Lars Andersson, Professor am Department für Physiologie und Pharmakologie des Karolinska Instituts in Stockholm. Auf sein Betreiben mussten Mitarbeiter der schwedischen Gesundheitsbehörden nun zugeben, dass sie bei Typ 1 Diabetes die Einschluss-Kriterien einer Studie im Nachhinein verändert hatten. Ohne diesen Kunstgriff hätte die Studie ergeben, dass die Schweinegrippe-Impfaktion des Jahres 2009 rund 150 schwedische Jugendliche im Alter zwischen 10 und 19 Jahren zu Diabetikern gemacht hat. Diese müssen nun ein Leben lang Insulin spritzen.

60 Prozent der Schweden folgten der Empfehlung der Gesundheitsbehörden

Im Jahr 2009 waren - ausgehend von Mexiko - Influenzafälle mit einem neuartigen Virus vom Typ H1N1 gemeldet worden. Obwohl von den Erkrankungsfällen in Australien und Neuseeland bekannt war, dass diese neuartigen Grippeviren eine vergleichsweise sehr milde Krankheit auslösten, rief die WHO zur Jahresmitte eine Pandemie aus. Im Rekordtempo wurden Pandemie-Impfstoffe hergestellt. Der Konzern GlaxoSmithKline (GSK) brachte mit "Pandemrix" den in Europa mit Abstand meistverkauften Impfstoff auf den Markt.
Während normale saisonale Grippe-Impfstoffe meist keine Wirkverstärker (Adjuvantien) enthalten,  enthielt Pandemrix als Zusatz das von GSK entwickelte Adjuvantien-System AS03, bestehend aus Squalene, DL-α-Tocopherol und Polysorbat 80. Dieser Mix sollte gewährleisten, dass eine starke Immunreaktion auf den Impfstoff zustande kommt und ausreichend Antikörper erzeugt werden. Außerdem enthielt Pandemrix das Konservierungsmittel Thiomersal, eine Quecksilber-Verbindung, die in modernen Impfstoffen normalerweise nicht mehr verwendet wird.


Skepsis im Süden - hohe Impfmoral im Norden

Deutschland und die Schweiz kauften für die Bevölkerung große Mengen an Pandemrix ein. In Österreich wurde Celvapan ein Zusatzstoffe-freies Produkt des in Österreich ansässigen Herstellers Baxter angeschafft. Doch in allen drei deutschsprachigen Ländern war die Skepsis der Bevölkerung groß, ob die Ausrufung der Pandemie und die Empfehlung zur Durchimpfung der Weltbevölkerung tatsächlich gerechtfertigt waren. Die  Beteiligung an den Impfaktionen lag bei weniger als 10 Prozent. Die Behörden blieben auf vielen Millionen von Impfdosen sitzen und diese mussten ab 2010, als die WHO die Pandemie für beendet erklärte, entsorgt werden.
Ganz anders war die Situation im Norden Europas. Speziell in Skandinavien hatte die Werbung für die Impfaktion deutlich mehr Resonanz. In den Ländern Skandinaviens ließen sich mehr als die Hälfte der Bevölkerung impfen.
Einfluss auf die Sterblichkeit an Grippe hatte die Impfung wenig. In Deutschland, wo 8 Prozent der Bevölkerung geimpft waren, meldeten die Behörden 3,1 Todesfälle pro Million Einwohner, etwa gleich viele wie in Schweden bei 60% Impfbeteiligung. Dort waren 29 Personen infolge einer Infektion mit H1N1 Viren verstorben. Insgesamt erwies sich die Pandemie-Grippe als deutlich milder als die normalen Grippewellen, wie sie fast jedes Jahr auftreten.


Hunderte Geimpfte erkranken an Narkolepsie

Zwei Jahre nachdem die Schweinegrippe durchgezogen war und die Hersteller von Medikamenten (Tamiflu) und Impfstoffen Milliarden verdient hatten, gingen beunruhigende Nachrichten aus Finnland um die Welt. Einem Mediziner waren bei geimpften Kindern und Jugendlichen gehäufte Fälle von Narkolepsie aufgefallen. Die Betroffenen leiden dabei an Schlafanfällen, die ohne Möglichkeit der psychischen Gegenwehr von einem Moment zum anderen auftreten. Ihnen sacken dabei mitunter die Beine weg und sie können sich nicht mehr bewegen. Die Lähmungen können wenige Sekunden, aber auch mehrere Minuten auftreten. Auslöser ist eine Störung in der Schlafsteuerung des Gehirns. Oft ist den Betroffenen kein selbstständiges Leben mehr möglich. Sie können nie einen Führerschein machen, viele ohne Begleitung gar nicht außer Haus gehen. Besonders fies ist der Zusammenhang mit Emotionen. Ein betroffenes Kind schildert die Gefahr: "Man darf nicht zu viel lachen, sonst fällt man zusammen."
Die finnischen Behörden setzten eine "Narkolepsie-Task-Force" ein. Und tatsächlich bestätigte sich der Verdacht. Geimpfte Kinder hatten ein vielfach erhöhtes Narkolepsie-Risiko.
Aufgrund dieser Meldungen wurden auch die schwedischen Arzneimittel-Behörden aktiv. Ein Team von Wissenschaftlern unter der Leitung von Ingemar Persson organisierte eine riesige Studie, welche die individuellen Gesundheitsdaten von 3,3 Millionen geimpften und 2,5 Millionen ungeimpften Personen verglich. Untersucht wurden 50 verschiedene Krankheiten mit neurologischem und autoimmunem Hintergrund, die im Zeitraum von zwei Jahren nach Beginn der Impfaktionen erstmals auftraten.
Dabei bestätigte sich das Narkolepsie-Risiko. Die seltene Störung trat bei 126 geimpften Kindern und Jugendlichen auf. Damit war das Erkrankungsrisiko dreimal so hoch wie in der Vergleichsgruppe der gleichaltrigen Ungeimpften. In der Gruppe der 20- bis 30-jährigen lag das Narkolepsie-Risiko beim doppelten. Erst ab einem Alter von 50 Jahren gab es keine messbaren Unterschiede mehr.

Narkolepsie: Höchstes Risiko in der Altersgruppe von 10 bis 19 Jahren



Studienautoren schlossen Diabetesfälle von Auswertung aus 

Abgesehen von Narkolepsie fand die von Professor Persson und seinem Team veröffentlichte Studie unter den restlichen 49 Krankheiten keine massive Risikoerhöhung. Eine leichte Zunahme von 12 Prozent gab es bei Nesselsucht (Urticaria), allergische und anaphylaktische Reaktionen waren in der Impfgruppe um signifikante 5 Prozent erhöht.
Statistische Signifikanz bedeutet, dass die Wahrscheinlichkeit, dass es sich bei den Resultaten um Zufallsfunde handelt deutlich unter 5 Prozent liegt.
Knapp unter dieser Signifikanz-Grenze lagen die Resultate bei Typ 1 Diabetes. Bei dieser Form von Diabetes greift ein fehlgeleitetes hyperaggressives Immunsystem die Betazellen der Bauchspeicheldrüse an und zerstört sie, so dass zu wenig oder gar kein Insulin mehr erzeugt werden kann. Rund 300.000 Personen leiden in Deutschland an dieser Autoimmunerkrankung, die speziell bei Kindern immer häufiger wird. Die Betroffenen müssen ihr ganzes Leben Insulin spritzen und täglich viele Male ihren Blutzuckerspiegel messen.

Lars Andersson, Professor für analytische Chemie, Biochemie und Immunchemie am Karolinska Institut, wunderte sich über die in der Studie genannte Fallzahl von 376 Personen in der am häufigsten betroffenen Altersgruppe zwischen 10 und 19 Jahren. In "SWEDIABKIDS", dem schwedischen Diabetes-Register für Kinder wurde die Anzahl der Fälle nämlich deutlich höher, mit 463 Personen eingeschätzt. Andersson stellte eine öffentliche Anfrage an die Studienautoren und bat darum, diesen Widerspruch aufzuklären.
Ingemar Persson antwortete, dass eine gewisse Anzahl von Diabetes-Fällen nicht berücksichtigt wurde, weil diese nicht im Insulin-Register aufschienen.
Andersson ließ diesen Einwand nicht gelten. "In diesem Register werden nur Patienten geführt, welche ihr Insulin über Apotheken beziehen", erklärt er. "Zahlreiche Diabetiker beziehen Insulin aber in Kliniken oder ähnlichen Einrichtungen. Es ist wissenschaftlich nicht gerechtfertigt, diese Fälle auszuschließen." Außerdem, so Andersson, hätte dieses Vorgehen in der Studie erwähnt werden müssen. Dies sei allerdings nicht geschehen.

Mittlerweile hat Ingemar Persson die drei Jahre alte Publikation im "Journal of Internal Medicine" mit einer Korrektur in der aktuellen Januar Ausgabe des Journals ergänzt. Hier wird nun angeführt, dass die Fallzahlen des Insulin-Registers verwendet wurden.
Der Korrektur vorangestellt ist der Artikel Anderssons, mit der Kritik am Vorgehen der Behörden. Sie hatten nun auf Aufforderung 141 zusätzliche Diabetes Fälle - davon 52 aus der betroffenen Altersgruppe heraus gerückt (14 ungeimpft, 38 geimpft). Werden diese in die Auswertung eingerechnet, so wird die Signifikanz-Grenze deutlich erreicht. Geimpfte hatten demnach ein um 26 Prozent erhöhtes Risiko an Typ 1 Diabetes zu erkranken. "Das bedeutet, dass die Impfung mit Pandemrix in Schweden rund 150 Krankheitsfälle ausgelöst hat", erklärt Andersson.

Ingemar Persson entschuldigt sich in einem ebenfalls in derselben Ausgabe des Journals abgedruckten "Brief an die Herausgeber", dass die Definition für Typ 1 Diabetes im Originalartikel nicht richtig angegeben war. Das sei durch einen "administrativen Fehler" passiert. Dass die 52 aus der Studie ausgeschlossenen Fälle auch tatsächlich alle den Kriterien für eine Insulin-abhängige Typ 1 Diabetes entsprechen, bezweifelt Persson nach wie vor, weil bei der Mehrzahl dieser Personen die Diagnose nur bei einem einzigen Arztbesuch festgelegt wurde. "Aber dies ist kein Beweis, der Anderssons Spekulation vollständig widerlegt." Anderssons Anschuldigung, dass Fälle unterschlagen worden seien, weist Persson zurück. Eine Prüfung des Karolinska Instituts sprach die Autoren vom Vorwurf der Fälschung frei. Statistik sei eben kompliziert, schreibt Persson. Jeder Leser solle sich selbst ein Bild machen, wer hier im Recht ist.

Ob die schwedischen Behörden hier mit Absicht gehandelt haben, bleibt demnach ein Rätsel. Möglicherweise wollten sie die Öffentlichkeit - nach der Aufregung um die Narkolepsie-Häufung - nicht mit einer weiteren peinlichen Enthüllung zur desaströsen Schweinegrippe-Impfaktion beunruhigen.
Möglicherweise handelte es sich aber auch um einen Versuch, die Anzahl von Schadenszahlungen zu minimieren. Insgesamt 475 Narkolepsie-Betroffene haben nämlich die schwedischen Gesundheitsbehörden auf finanzielle Entschädigung geklagt. Bisher wurden 311 Patienten Zahlungen von bis zu einer Million Euro zugesprochen.


Impfskepsis als Schutzfaktor

In Deutschland, der Schweiz oder Österreich wären derartige Nebenwirkungen der Impfungen nie aufgefallen, da es hier - aufgrund fehlender Datenbasis - nicht möglich ist, die Auswirkungen von Impfaktionen auch nur halbwegs verlässlich zu messen. Weder deren positive noch deren mögliche negative Effekte.
Bei unerwünschten Reaktionen auf Impfungen gibt es zwar theoretisch eine gesetzliche Meldepflicht für Ärzte, doch diese wird in der Praxis meist großzügig ignoriert. Schätzungen gehen von einer Melderate zwischen 5 und 10 Prozent aus. Weil die Dunkelziffer zu hoch ist und es keine ungeimpfte Vergleichsgruppe gibt, können keine seriösen Schlüsse gezogen werden und die Meldepflicht könnte genauso gut gleich abgeschafft werden.
Impfungen sind demnach medizinische Masseneingriffe an der gesunden Bevölkerung, die weitgehend unkontrolliert ablaufen. Als wichtigster Schutzfaktor erwies sich im Fall der Schweinegrippe-Impfaktion offenbar die in der Bevölkerung - im Gegensatz zu Skandinavien - weit verbreitete Impfskepsis.




Wenn Ihnen dieser Artikel interessant und wichtig erscheint, würde

ich mich über einen kleinen Beitrag zu meiner Arbeit sehr freuen. 







Montag, 14. Oktober 2013

Wie unabhängig ist die Wissenschaft?

"Geniale junge Menschen werden uns mit jeder Generation geschenkt. - Diese herausragenden Talente können wir weder planen noch anschaffen, aber wir können sie sehr wohl kaputt machen."
So lautet die Warnung des in Graz geborenen Biochemikers Gottfried Schatz, der nach einer Karriere in den USA und der Schweiz die aktuelle Lage des wissenschaftlichen Nachwuchses in Österreich kritisch beurteilt:
"Wir bieten heute jungen Forschern ganz miserable Karrierestrukturen, die weder fair, noch transparent, noch vernünftigerweise planbar sind."
Die Universitäten leiden unter Finanznot, die Notwendigkeit der Einwerbung von Drittmittel steht im Anforderungsprofil jeder akademischen Führungsposition. Doch wie sehr darf sich die Wissenschaft verkaufen, ohne dass sie ihre Unabhängigkeit vollständig verliert? Welche internen Kontroll-Mechanismen hat die Wissenschaft, um sich gegen den immer stärker werdenden Einfluss der Lobbys zu wehren? Ich habe für das Wissenschaftsmagazin "Newton" eine Sendung gestaltet, in der diese spannenden Fragen Thema sind.
Besonders habe ich mich auf den Spagat zwischen angewandter Forschung im Auftrag von Industriepartnern sowie der Grundlagenforschung konzentriert, welche nachhaltige Lösungen abseits kurzfristiger Rendite sucht.
Die akademischen Pole reichen dabei von der Montanuniversität Leoben, die als Darling der Industrie gilt, bis zum brandneuen Institute of Science and Technology (IST) in Gugging, wo hunderte Millionen Euro an Steuergeld in die Hoffnung investiert werden, dass die Grundlagenforschung irgendwann Früchte trägt und dabei Patente oder gar ein Nobelpreis abfallen.

Zwischen diesen elitären Polen liegt der Sumpf des akademischen Alltags mit vielfach prekären Lebensumständen von Jungwissenschaftlern. Viele müssen sich von Auftrag zu Auftrag hanteln und werden ohne längerfristige Perspektiven dann - gut und teuer ausgebildet - aus Österreich regelrecht vertrieben.

"Was derzeit überhaupt nicht passt ist die Situation bei den Jungen", sagt Renée Schröder, Professorin am Department für Biochemie der Max F. Perutz Laboratories in Wien. Sie plädiert für eine neue "Entlassungskultur":
"Das System ist brutal geworden. Die Universitäten haben nicht den Mut, den Leuten längerfristige Verträge zu geben, weil sie Angst haben, sie können sie dann nicht entlassen, wenn sie die Leistung nicht bringen. Das ist für die Jungen ganz schlimm, wenn sie viel leisten und keine Aussicht auf eine Stelle haben. Und neben ihnen sitzen zwei auf permanenten Stellen, die nichts leisten."

Die Sendung kann eine Woche lang in der TV-Thek des ORF angesehen werden.


Newton Moderator Matthias Euba

Montag, 28. März 2011

Schweinegrippe: Experten als Lobbyisten der Industrie

Die Schweinegrippe war im Jahr 2009 eines der bestimmenden medialen Themen (als Wort des Jahres landete die „Schweinegrippe“ auf den dritten Platz). Bis heute werden allerdings wiederholt Vorwürfe laut, die ausgedehnte Berichterstattung sei Ergebnis von Lobbying-Prozessen der Pharmaindustrie.
Eine Studie, die nun in der Fachzeitschrift Publizistik(VS-Verlag) unter dem Titel „Öffentliches und Geheimes“ erschien, resümiert, dass zwar keine Beweise, wohl aber Indizien für Lobbying-Aktivitäten ausgemacht wurden. Schießt die Pharmabranche bei ihrer Aufklärungsarbeit beizeiten tatsächlich über das Ziel hinaus?

Die Impfstoff-Branche hat nach der Vogelgrippe eine Menge Geld in neue Techniken zur Herstellung eines Pandemie-Impfstoffes investiert und wollte diese möglichst rasch kommerziell verwerten. Die Ausrufung der Pandemie entsprach diesem Wunsch und überraschend war eigentlich nur, wie rasch dieser erfüllt wurde.
Den Medien die Schuld an der Schweinegrippe-Hysterie zuzuschieben, halte ich für verfehlt. Es ist nunmal die Aufgabe der Journalisten, zu Pressekonferenzen zu fahren und den Experten dort Mikrophone unter die Nase zu halten. Das ist ihr Beruf.
Wirklich erstaunlich war hingegen das Verhalten der Influenza Masterminds. Als hätten sie einen gemeinsamen Text auswendig gelernt, handelte jedes öffentliche Statement von der nahenden Weltkatastrophe, die einzig mit Impfstoffen, sowie einem prall gefüllten Tamiflu-Lager zu überstehen sei.
Diese Warnung hatte wenig rationale Basis. Sowohl in Mexiko als auch später während der Influenza-Saison auf der Südhalbkugel löste das H1N1 Virus eine vergleichsweise milde Grippe aus. Das war frühzeitig bekannt.
Dennoch genügte das Codewort Pandemie, um weltweit eine ganze Armee von Universitätsprofessoren und Behördenvertretern in Lobbyisten zu verwandeln, die fortan versuchten die Politiker ihrer Länder zu möglichst umfassenden und möglichst teuren Präventions-Maßnahmen zu erpressen.
Die Analyse der großen Influenza-Pandemie von 2009/10 zeigt vor allem eines: Dass wir eine neue Generation von Experten brauchen. Experten, die ihre Berufung nicht als Handlangerdienst für die Industrie verstehen, sondern als verantwortungsvolle Beratung der Gesellschaft.

Dieser Beitrag erschien in der aktuellen Ausgabe des Ärztemagazin, wo ich auf Einladung des Chefredakteurs Raoul Mazhar seit kurzem mit dem Generalsekretär des Verbandes der Pharmazeutischen Industrie (PharmigJan Oliver Huber in der Rubrik "Stich auf Stich" argumentativ die Klingen kreuze. Die Themen gibt jeweils das Ärztemagazin vor.

Mittwoch, 2. Februar 2011

Pandemrix: Narkolepsie bei deutschen Gesundheitsbehörden


Pandemrix war im Vorjahr in Deutschland, Skandinavien, und in vielen weiteren Ländern Europas der am häufigsten verwendete Schweinegrippe-Impfstoff. Insgesamt wurden mehr als 30 Millionen Menschen damit geimpft. Mit einem Impfstoff, der einen schlecht untersuchten und bisher kaum verwendeten neuen Wirkverstärker auf Öl-Basis enthielt ("Squalene").

Hier im blog habe ich mich mit allen möglichen Aspekten der Pandemie befasst: der Geschäftemacherei, der Unterwanderung von WHO und anderen Behörden mit Pharma-Lobbyisten, den unsicheren und schlecht getesteten Hilfsstoffen in den eilig auf den Markt geworfenen H1N1 Impfstoffen und der beschämend schlechten begleitenden Kontrolle dieser Massen-Medikation der Bevölkerung.

Die finnischen Gesundheitsbehörden haben gestern den Arbeitsbericht ihrer Arbeitsgruppe zu Verdachtsfällen von Narkolepsie bei Kindern und Jugendlichen vorgelegt.

Laut dem Bericht hatten Kinder und Jugendliche, die mit Pandemrix geimpft wurden ein um das Neunfache höheres Risiko an Narkolepsie zu erkranken. "Der beobachtete Zusammenhang ist so eindeutig, dass sich das Phänomen kaum über etwaige Störfaktoren erklären ließe", schreiben die Autoren der finnischen "National Narcolepsy Task Force" in ihrem Bericht.

Nun ist Narkolepsie eine recht seltsame Impfnebenwirkung. Wie soll eine Impfung Schlafkrankheit verursachen? Was ist das überhaupt konkret?

Narkolepsie ist alles andere als eine banale "Schlafkrankheit". Betroffene Patienten verlieren von einem Moment auf den andern das Bewusstsein, schlafen einfach ein. Ohne Kontroll-Möglichkeit. Die meisten Fälle treten während der Pubertät bis hinein in die Zwanziger Jahre auf, Männer sind ein wenig häufiger betroffen als Frauen. Führerschein oder ähnliche selbstverständliche Dinge sind für Narkoleptiker undenkbar. Narkolepsie ist eine schwere Behinderung. Sie beruht, so die Ergebnisse der bisherigen Untersuchungen, wahrscheinlich auf einer massiven neurologischen Störung.
Zitat aus Wikipedia:
Die Ursachen (Ätiologie) der idiopathischen Narkolepsie sind unbekannt. Untersuchungen lassen die Hypothese immer wahrscheinlicher werden, dass Zentren im Gehirn beteiligt sind, die für die Steuerung des Wach-Schlaf-Rhythmus zuständig sind (Hypothalamus, Suprachiasmatischer Nucleus). Neuere Ergebnisse weisen auf einen Verlust der sogenannten Hypocretin/Orexin-Zellen im Hypothalamus hin, sowie auf einen Verlust an grauer Substanz im Nucleus accumbens.

Bei "Squalene", dem Wirkverstärker in Pandemrix, wird seit längerem ein Risiko für autoaggressive Immunreaktionen diskutiert und in Tierversuchen auch bestätigt (z.B. hier und hier). Wenn das zutrifft, so könnte Pandemrix bei dafür empfänglichen Personen eine Attacke des Immunsystems auf körpereigene Nervenzellen "triggern", im Fall der Narkolepsie eben auf die Zellen im Hypothalamus. Derartige Zusammenhänge sind bisher jedoch kaum erforscht.

Das Problem bei Narkolepsie ist die enorme Dunkelziffer. In Wahrheit könnten viel mehr Personen betroffen sein, weil die Störung oft nicht erkannt wird, bzw. von den Ärzten gar nicht eigens danach gesucht wird. Zudem wäre es möglich, dass es leichtere Formen der Narkolepsie gibt, die als banale "Schlafstörung"abgetan werden.

Pandemrix stand von Anfang an unter heftiger Kritik. Speziell wegen des neuartigen Wirkverstärkers.
Squalene waren bislang nur in wenigen Impfstoffen enthalten (z.B. im Senioren Influenza-Impfstoff "Fluad") . Es gibt keine offen zugänglichen Sicherheits-Studien. Und bei den Pandemie-Impfstoffen gab es wegen der gebotenen Eile nur sehr harmlose, der möglichst schnellen Zulassung untergeordnete Sicherheits-Tests. Schließlich galt die Annahme, dass die Welt auf eine Ausnahme-Katastrophe zusteuert und nur die Impfstoffe die Menschen vor einem Massensterben schützen können.

In Österreich wurde Pandemrix nicht eingesetzt, sondern der Impftoff Celvapan von Baxter, der ohne Wirkverstärker auskam und als sehr gut verträglich galt. In Deutschland wurde Celvapan auch geordert und zwar speziell für Politiker, sowie die Angehörigen des Heeres. Er galt demnach bald als "Promi-Impfstoff", von Zwei-Klassen-Impfstoffen war die Rede. Die gewöhnlichen Bürger bekamen meist Pandemrix, von dem 50 Millionen Stück bestellt und auch bezahlt wurden.

Und hier interessiert mich die Frage, ob es in Deutschland möglich gewesen wäre, eine solche unerwünschte Arzneimittelwirkung - nämlich die Verursachung einer seltenen Störung wie Narkolepsie  - überhaupt zu entdecken.

So wie es aussieht, gibt es keinerlei Hinweis dafür.

Das Paul Ehrlich Institut (PEI) reagierte zunächst mit Verblüffung, als in Finnland, Schweden und Island diese Frage debattiert wurde: Bei der Behörde war nämlich keine einzige derartige Meldung eingegangen.
Eine Sprecherin des Pandemrix-Herstellers GlaxoSmithKline (GSK) versuchte zu beruhigen.
Weltweit seien 31 Millionen Dosen verimpft worden, insgesamt aber nur 161 Fälle von Narkolepsie aufgetreten, wovon 70 Prozent in Schweden und Finnland diagnostiziert wurden. „Das ist anscheinend auf diese Region beschränkt“, so die Aussage der GSK-Sprecherin.

Doch ist so eine Aussage haltbar? Soll man wirklich glauben, dass Pandemrix bei skandinavischen Kindern anders wirkt als bei deutschen? Oder liegt stattdessen eher der Verdacht nahe, dass es sich um einen Erfassungsfehler handelte und die Behörden außerhalb von Skandinavien – wo eigene Narkolepsie-Arbeitsgruppen eingerichtet worden sind – einfach nichts von diesen Krankheitsfällen erfahren hat.

Ich habe mir dazu die Datenbank des PEI angesehen, in der alle Meldungen auf unerwünschte Arzneimittel-Wirkungen (UAW) nach Impfungen erfasst werden - und natürlich auch jene nach Pandemrix.
Insgesamt gibt es im Zeitraum von 2009/10 in allen Altersklassen knapp 1.979 UAW Meldungen im zeitlichen Zusammenhang mit der H1N1 Impfung mit Pandemrix, darunter 55 Todesfälle.
Bei Kindern bis zum 17. Lebensjahr sind insgesamt 265 UAW Meldungen eingegangen.

Doch "Narkolepsie" wird in der Datenbank tatsächlich kein einziges Mal als mögliche Impffolge erwähnt.

Ja, Schlafstörungen, Müdigkeit oder Somnolenz wird bei den Kindern oft genannt. Doch ist es von Müdigkeit bis zu Narkolepsie noch ein weiter Weg. Wie viele schwere Störungen verbergen sich hinter den banal klingenden Symptomen? Das ist nicht bekannt.
Doch auch die anderen Nebenwirkungen nach Gabe von Pandemrix sind nicht ohne:
Besonders häufig sind Störungen der Schilddrüse, Urticaria, Tics, "veränderter
Bewusstseinszustand", Arthritis, schlaffe Lähmungen, das Guillaine-Barre Syndrom, anaphylaktischer Schock, Hallzuination, Gesichtslähmung und vieles mehr.

Narkolepsie ist recht selten und den meisten Ärzten, die hier gemeldet haben, wahrscheinlich gar nicht aus eigener Erfahrung bekannt.
Und jene Fachärzte und Experten auf diesem Gebiet, bei dem die Patienten schließlich gelandet sind haben möglicherweise gar nicht mehr an die behördliche Meldung gedacht - weil der Zusammenhang zur Impfung irgendwann - beim Weg durch die medizinischen Institutionen - verloren gegangen ist. Möglicherweise haben sie auch - wie das unter Ärzten recht verbreitet ist -  die gesetzlich vorgeschriebene Meldung an die Behörde für eine bürokratische Schikane gehalten und schlicht ignoriert.
Das ist ein Problem aller passiven Meldesysteme. Man nimmt an, dass die tatsächliche Anzahl der Fälle in der Bevölkerung beim zehn- bis zwanzigfachen der tatsächlich gemeldeten Fälle liegt.

Bleibt die Frage, ob es in Deutschland - außer diesem schlecht funktionierenden Meldewesen - sonst irgendeine Art von Sicherheitsnetz gab, um solche Nebenwirkungen überhaupt zu bemerken – und dann - so wie die finnischen Behörden - auf guter Datenbasis zu untersuchen.

Es sieht derzeit nicht so aus.
Nachdem in der Öffentlichkeit im Sommer 2010 die Schwedischen und Finnischen Untersuchungen zu Narkolepsie breit diskutiert wurden, kamen dem PEI von Oktober 2010 bis Ende Januar 2011 doch noch acht Meldungen von Narkolepsie-Verdacht zu Ohren. Auf dieser schmalen Basis konnten jedoch keine gültigen wissenschaftlichen Aussagen gemacht werden.

Dass es angebracht gewesen wäre, eine so extrem teure und riskante Massentherapie der Bevölkerung wie bei der Influenza Pandemie engmaschig zu begleiten, um auch seltene Nebenwirkungen seriös erfassen und untersuchen zu können, ist den Behörden jedenfalls nicht in den Sinn gekommen. Scheinbar war man der Meinung, die Sorgfaltspflicht erstrecke sich nur darauf, den Herstellerfirmen mit Steuergeld die Impfstoffe abzukaufen.

Das ist natürlich eine bösartige Unterstellung. Denn selbstverständlich liegt den Behörden das Wohl der Bürger am Herzen. Deshalb kündigen die Gesundheits-Behörden nun auch an, sich an einer EU-weiten Studie zur Erforschung eines Zusammenhangs zwischen Pandemrix und Narkolepsie zu beteiligen, die in den nächsten Jahren hier Klarheit bringen soll.

Das klingt fürs erste nach einer halbwegs verantwortungsvollen Reaktion: Doch warum will meine Freude darüber nicht so recht aufkommen? War da nicht schon einmal eine ähnliche Situation mit einem ganz ähnlichen Lösungsansatz?


TOKEN-STUDIE: Verschollen im Behörden-Dreieck

Mich erinnert diese Maßnahme frappant an die Aufregung um Todesfälle nach der Sechsfach-Impfung, die im Jahr 2003 Schlagzeilen machten.

Auch hier waren es zunächst einige wenige Verdachtsfälle, nämlich fünf. Und auch hier war es nicht das Frühwarn-System der Behörden, welche den Anlass für die Untersuchung gab, sondern die Einzelinitiative eines Münchner Gerichtsmediziners, der gleich drei verdächtige Todesfälle aus seinem persönlichen Arbeitsbereich anzeigte.

Etwas später war die Rede von etwa 15 Todesfällen in nahem zeitlichen Zusammenhang zur Sechsfachimpfung. Eine Gruppe um den Münchner Epidemiologen Rüdiger von Kries untersuchte den Zusammenhang und veröffentlichte einen Bericht in dem von einem "Signal" die Rede war, dass die Sechsfachimpfung "Hexavac" möglicherweise ursächlich an den Todesfällen beteiligt sein könnte.
Und was machten die Behörden?
Sie organisierten mit medialem Getöse eine umfassende Studie, welche drei Jahre lang alle Todesfälle bei Babys und Kleinkindern im Alter von 2 bis 24 Monaten in Deutschland untersuchen sollte, die so genannte TOKEN-Studie. Die Studie sollte ein für alle Mal klären, ob die Babyimpfungen so sicher waren, wie das die Behörden und die Herstellerfirmen immer behauptet hatten.

Kurz nachdem diese Studie zur Jahresmitte 2005 gestartet wurde, zog der Hersteller des Marktführers "Hexavac" vollständig überraschend seinen Sechsfach-Impfstoff vom Markt zurück. Angeblich deshalb, weil Bedenken aufgetreten seien, dass die Hepatitis-B Komponente des Impfstoffes doch nicht so lange wirkt, wie man das gehofft hatte.
Mit dem Risikosignal für die geimpften Kinder hatte das selbstverständlich gar nichts zu tun.

Die Studie wurde nun also in Abwesenheit des Haupt-Verdächtigen weiter geführt. Einziger verbliebener Sechsfach-Impfstoff ist seitdem "Infanrix hexa" ebenfalls ein Produkt des Pandemrix-Herstellers GSK. Doch es schadet ja nicht, auch hier nach dem Rechten zu sehen, zumal den Babys ja nicht nur die Sechsfach-Spritze gegeben wird, sondern sich in den letzten beiden Jahrzehnten im Impfplan zahlreiche neue Impfungen angesammelt haben und zahlreiche Kinderärzte und Eltern mittlerweile Sorgen haben, ob das dem heranreifenden Immunsystem der Babys nicht irgendwann zu viel sein könnte.

Viele warteten also mit Spannung auf die Ergebnisse der Token Studie. Die Studie war 2005 gestartet worden und sollte drei Jahre dauern. Ich wandte mich also im April 2008 erstmals an die durchführende Behörde - in diesem Fall das Berliner Robert Koch Institut - und fragte an, wann denn mit den Resultaten zu rechnen sei.
Die Antwort lautete folgendermaßen:
Sehr geehrter Herr Ehgartner,

wir freuen uns über Ihr Interesse an unserer Studie.
Wir werden Sie gerne nach Abschluss der Studie über die Ergebnisse informieren, dies wird aber erst im ersten Quartal 2009 möglich sein.

Für weitere fragen stehe ich Ihnen gerne unter 030 18754 3322 zur Verfügung

Mit freundlichen Grüßen

Nadin Watzke
Robert Koch-Institut
Studiensekretärin der TOKEN-Studie

Naja, das erste Quartal 2009 ist nun schon einige Zeit Geschichte.
Ich meldete mich noch einige Male und wurde zunächst auf Frühling, dann auf Herbst 2010 vertröstet. Nun halten wir bei 2011 und es sind noch immer keine Ergebnisse publiziert.

Auch der wahrscheinliche Grund für die Verspätung ist typisch für den Umgang der Behörden mit dem heiklen Thema Impfstoff-Sicherheit.
Zur Finanzierung dieser hoch sensiblen Studie wurden nämlich ausgerechnet die beiden Herstellerfirmen angeschnorrt. Ein wirkliches Armutszeichen für eines der reichsten Länder der Welt.
Sanofi Pasteur und GlaxoSmithKline machten das natürlich gerne und übernahmen sofort den Großteil der Kosten. Aber natürlich gab es das Geld nicht ohne Gegenleistung.
Die beiden Impfstoff-Hersteller bekamen das Recht zugesprochen, vor Veröffentlichung der Studie Einblick in die Ergebnisse zu nehmen und Stellung zu beziehen.

Nun gibt es, wie man hört, hinter den Kulissen "erhebliche Abstimmungsprobleme" bei der Interpretation der Ergebnisse. Abstimmungsprobleme, die sich nun bereits zwei Jahre über den vom Robert Koch Institut genannten Veröffentlichungstermin hinziehen.
Es wird also gezogen und gezerrt - und das macht kein gutes Gefühl, wenn man an die vielen Babys denkt, die täglich mit diesen Arzneimitteln vorbeugend geimpft werden.
Was kam also bei der TOKEN-Studie raus? - Und was wird hier zurück gehalten? Es ist höchste Zeit, dass sich die Gesundheitspolitik dieser Miss-Stände annimmt und hier endlich für Transparenz sorgt.

In der UAW Datenbank des Paul Ehrlich Institutes sind mittlerweile 125 Todesfälle (mit Stand Ende Juni 2010) in zeitlichem Zusammenhang mit Sechsfachimpfungen eingetragen.
Zumindest bei Todesfällen scheint sich die Meldemoral der Ärzte gebessert zu haben.

Doch wer behandelt die Narkolepsie der Behörden?

Donnerstag, 16. September 2010

Gesund bis der Arzt kommt

Vorsorge. Eine Flut von Gesundheitschecks, neue Risikofaktoren, immer niedriger angesetzte Grenzwerte. Bald gilt jeder Gesunde als krank – nicht immer zum Wohle der Patienten. Aber im Sinne der Pharmaindustrie.

Der Arzt liest die Zahlen vom Blutdruck-Gerät: „165 zu 100“ – und sagt dazu „viel zu hoch!“. Für die 70jährige Pensionistin Maria Klein bedeutet dies, dass sie sich ab sofort wieder an eine neue Pille gewöhnen muss. Es ist nun bereits das zweite Blutdruck-Medikament, das sie täglich einnehmen soll. Sie fragt den Arzt, wie lange sie das Mittel benötige. Und die Antwort lautet – nicht gerade im optimistischsten Tonfall: „Bis sich endlich etwas tut!“

Vor nicht allzu langer Zeit lautete die Faustregel beim Blutdruck noch „Lebensalter plus 100“. Da wäre Frau Klein mit ihrem Wert noch im Referenzbereich gelegen. Doch die Zeiten ändern sich. Die Grenzwerte purzeln generell in immer tiefere Regionen. Nicht nur für ältere Menschen erscheint es zunehmend unmöglich, im „grünen Bereich“ zu bleiben. Im Lauf des Lebens summieren sich die Dauermedikamente wie Jahresringe. „Gesund ist nur, wer noch nicht ordentlich untersucht worden ist“ – nie war dieser Kalauer realitätsnäher. 65-jährige haben im Schnitt heute drei chronische Krankheiten. Auch für die Jüngeren wird das Fangnetz immer dichter geknüpft, bis schließlich kaum noch jemand durch die Maschen schlüpft.

Wie dramatisch die Lage ist, zeigte kürzlich ein isländisch-norwegisches Forscherteam am Beispiel der Europäischen Leitlinien zur Behandlung des Bluthochdrucks. Diese sind seit 2007 offiziell in Kraft, wurden von ausgewählten Experten der europäischen Kardiologie- und Hypertonie-Gesellschaft erstellt, in zahlreichen Konferenzen diskutiert und abgestimmt. Man sollte also annehmen, dass die Konsequenzen ihrer Umsetzung in die tägliche ärztliche Praxis bekannt wären und zum Wohl und zur Gesundheit der Europäer beitragen.
Umso größer war die Überraschung, als die Wissenschafter die Leitlinien einfach einmal anwandten – und zwar auf Norwegen, eines der reichsten Länder der Welt mit bekannt gesunden und langlebigen Bewohnern. Für ihr Experiment verwendeten die Forscher ein repräsentatives Modell der norwegischen Bevölkerung, das aus den Gesundheits-Daten von mehr als 50.000 Personen gespeist wurde.
Das Ergebnis: Drei von vier Nordländern im Alter zwischen 20 und 89 Jahren erwiesen sich nach den strengen Richtlinien als dringend behandlungsbedürftig oder benötigten zumindest ein engmaschiges Netz regelmäßiger ärztlicher Kontrollen. Besonders marod zeigte sich die Altersgruppe der 50- bis 64-jährigen, wo sogar 99 Prozent der Bevölkerung klinischer Aufmerksamkeit bedurften, um die weitere Entwicklung ihres Herz-Risiko-Profils zu überwachen und in eine günstigere Richtung zu dirigieren. Nun kamen neben dem Blutdruck auch noch andere Risikofaktoren ins Spiel: Allen voran die Blutfette, der Blutzucker und das Übergewicht. Im Schnitt ergäben sich laut Studie für jeden Erwachsenen drei zusätzliche Arztbesuche pro Jahr.

Damit die Mediziner diesen Ansturm bewältigen könnten, müsste die Zahl der Ärzte – allein zur Umsetzung der Blutdruck-Leitlinie – mehr als verdoppelt werden. Rechnet man dazu noch die Kosten für die Unzahl an Laborbefunden, Verschreibungen und Folgetherapien in das Szenario mit ein, stünde das norwegische Gesundheitssystem mit einem Schlag am Rande des Ruins, warnen die Autoren der Studie – nicht ohne die Blutdruck- und Herzexperten gehörig zu rüffeln: „Unserer Ansicht nach kann eine derartig weitreichende Vorsorge-Maßnahme nur dann als wissenschafts-basiert angesehen werden, wenn auch die Konsequenzen ihrer Umsetzung offen diskutiert und transparent gemacht werden.“
Nun scheint es kaum denkbar, dass die Urheber der EU-Leitlinien nicht wussten, dass weit mehr als die Hälfte der Europäer Werte hat, die über die als „normal“ definierte Spanne von 120-129 Millimeter Quecksilbersäule (mmHg) beim systolischen, beziehungsweise 80 bis 84 mmHg beim diastolischen Blutdruck deutlich hinaus gehen.

Den Takt geben zumeist die Amerikaner vor – nicht nur beim Blutdruck. Mit der Absenkung des Blutzuckergrenzwertes von 110 Milligramm pro Deziliter Blut (mg/dl) auf 100 mg/dl wurde die Zahl der Diabetiker in den USA im Jahr 2003 mit einem Schlag von vier auf 30 Millionen erhöht. Ein Jahr später übernahm auch Europa diesen Wert. Nun diskutieren die Fachgesellschaften bereits, ob eine erneute Senkung des Grenzwertes auf 95 mg/dl angebracht wäre.
Beim Cholesterin ist es kaum noch möglich, die Grenzwerte weiter abzusenken. Hier gilt bereits seit Mitte der achtziger Jahre ein oberes Limit von 200 mg/dl. Dies erscheint in einem besonders originellen Licht, wenn man weiß, dass der Durchschnittswert bei 40-jährigen Frauen in Österreich bei etwa 220 mg/dl liegt, bei Männern sogar bei 235 mg/dl. Im Alter von etwa 60 Jahren gleichen sich die Geschlechter bei 245 mg/dl an. Erst gegen Lebensende fällt der Wert rapide ab. Eigentlich wäre es demnach wesentlich rationaler, sich vor einem Absinken des Cholesterinspiegels zu fürchten. Die Überlegungen gehen dennoch in die Gegenrichtung. „Derzeit wird über eine Absenkung auf 180 mg/dl geredet“, sagt Martin Sprenger, Gesundheitsexperte der Medizinischen Universität Graz.
Dahinter stecke laut Sprenger durchaus Kalkül. Geld verdient werde nämlich nicht mit Medikamenten für den Akutbedarf, etwa für  eine nach wenigen Tagen abgeschlossene Antibiotika-Behandlung, sondern für Dauermedikamente, die möglichst ein restliches Leben lang täglich genommen werden. „Derzeit halten wir hier bei einem Anteil von 70 bis 80 Prozent“, sagt Sprenger. „Und die Industrie versucht, diesen Markt immer weiter auszureizen.“ Die Behandlung von stark erhöhtem Blutdruck bringe einen großen Nutzen, erklärt Sprenger. Allerdings sei hier der Markt relativ klein. „Je niedriger die Grenzwerte gezogen werden, desto größer wird der Markt. Umso kleiner wird allerdings der Nutzen, den ein Medikament für den einzelnen Menschen bringt.“
Weitere Hilfsmittel bei der Eroberung des Marktes sind die immer zahlreicher werdenden Risikofaktoren, bestimmte Entzündungswerte, die Knochendichte sowie ein Mangel an Vitaminen, Eisen oder anderen Spurenelementen. Relativ neu am Markt ist das Modell der hochpreisigen Impfungen, die als eine Art Versicherungspolizze für eine gesunde Zukunft verkauft werden.

Eine besonders perfide Strategie, sagt Sprenger, werde mit neuen Tests, etwa auf ein vererbtes Risiko, verfolgt. Wer mit 36 Jahren erfährt, dass er ein genetisch bedingt stark erhöhtes Alzheimer- oder Prostatakrebs-Risiko hat, gehört damit ab sofort zur Gruppe der so genannten „worried well“, der „besorgten Gesunden“. Diesen Personen werden regelmäßige Untersuchungen oder vorbeugende Präparate angeboten. „Über diesen Köder sind viele, die sich vollständig gesund fühlen, dann auch bereit, sich in die Maschinerie zu begeben.“
Das Absenken der meisten Grenzwerte auf das Niveau von topfitten Jugendlichen führt dazu, dass beim Gesundheits-Check oder der Vorsorge-Untersuchung bei fast jedem Menschen irgendein Wert im roten Bereich liegt. Nach einer Logik, die der Pickerl-Überprüfung von PKWs nachempfunden ist, wird dann versucht, die Messwerte wieder in den Normbereich zu bringen. Zunächst mit allgemeinen Empfehlungen zum Abnehmen, zur gesunden Ernährung oder zur Bewegung, aber rasch auch mit pharmazeutischen Hilfsmitteln.
Immer häufiger zeigte sich in den vergangenen Jahren jedoch, dass das Prinzip der Auto-Reparatur doch nicht so einfach übernommen werden kann. Speziell bei chronisch Kranken hat die Abweichung von der Norm auch eine biologisch sinnvolle Funktion.  Ein höherer Blutdruck ermöglicht es beispielsweise, die Sauerstoffversorgung entlegener Regionen im Körper aufrecht zu halten oder auch das Herz ausreichend zu versorgen, wenn Gefäßschäden bereits fortgeschritten sind. Eine Steigerung des Blutdrucks hat auch den Zweck, die Durchfluss-Geschwindigkeit der Nieren zu erhöhen, sobald dies den internen Schadstoff-Kontrolloren nötig erscheint.
Ein erhöhter Zuckerwert zeigt jedenfalls an, dass mehr Zucker über die Nahrung zugeführt wird, als der Organismus benötigt. Wenn der überschüssige Zucker über Medikamente oder von außen zugeführtes Insulin „verwertet“ wird, so geschieht dies gegen die ursprüngliche Absicht der Stoffwechsel-Regulatoren. „Stellen Sie sich einen Gesundheitspolitiker vor, der sagt: ´Für einen Typ 2-Diabetiker brauchen wir eigentlich keine Medikamente, sondern vor allem Disziplin´“, erklärt Christian Euler, Präsident des Österreichischen Hausärzteverbandes. „Es gibt gute wissenschaftliche Argumente für so eine Sichtweise. Aber den Mut, das öffentlich zu sagen, bringt niemand auf.“
Tatsächlich erwies sich die gebetsmühlenartig wiederholte Botschaft, dass es für die Gesundheit eines Diabetikers am wichtigsten sei, wenn er „gut eingestellt“ ist, immer deutlicher als Werbebotschaft der Industrie. Eine ganze Reihe von Studien zeigte nämlich, dass bei besonders gut eingestellten Diabetikern mit zu niedrigen Zielwerten das Risiko der Unterzuckerung ansteigt, was deren Sterbe- und Demenzrisiko dramatisch erhöht. „Die Ärzte haben als Advokaten ihrer Patienten versagt“, kritisiert der Grazer Diabetes-Experte Thomas Pieber die allzu späte Einsicht seiner Zunft. „Sie hätten warnen und hinterfragen müssen – und nicht alles willfährig übernehmen, was ihnen von der Industrie vorgelegt wird.“
Auch bei dem aus den 1980er Jahren stammenden Dogma vom „bösen“ Cholesterin, das über die Nahrung aufgenommen wird und den Körper vergiftet, wächst die Kritik. Wie eigenartig dieser Ansatz von Anfang an war, zeigt die Tatsache, dass der Organismus etwa 90 Prozent des benötigten Cholesterins selbst herstellt und nur ein kleiner Teil des in der Nahrung enthaltenen Cholesterins überhaupt genutzt wird. Der Rest wird einfach ausgeschieden.

Dazu ist Cholesterin für uns schlicht überlebenswichtig. Es ist Bestandteil der Außenmembran jeder Zelle. Zusammen mit Proteinen wirkt es an der Ein- und Ausschleusung von Signalstoffen mit. Aus ihm entstehen Geschlechtshormone, Gallensäuren sowie das wichtige Vitamin D. Weil es als Teil der fettigen Plaque an der Innenseite schadhafter Gefäße identifiziert wurde, bekam es aber rasch das Image von purem Gift verpasst. Voreilig, wie viele Wissenschafter heute meinen. Mittlerweile wird sogar darüber diskutiert, ob Cholesterin eine Rolle bei der Reparatur dieser Zellschäden spielt.
Grobe Risse bekam das Glaubensgebäude, als die künstliche Senkung der Cholesterinwerte über spezielle Medikamente dauerhaft wenig Effekt zeigte. Bestes Beispiel ist hier der Wirkstoff Ezetimib, der auf Grund seiner stark cholesterinsenkenden Wirkung ursprünglich als Shooting-Star unter den neueren Arzneimitteln galt. Doch eine im vergangenen November publizierte Studie zeigte, dass dies keinen Einfluss auf die Kalkablagerungen in den Gefäßen hat. Während der LDL-Spiegel sank, wuchsen diese Plaques sogar stärker als in der Kontrollgruppe mit deutlich höherem Cholesterinspiegel.
Weil Cholesterin ein Bestandteil tierischer Nahrungmittel ist, wurden gleich auch die tierischen Fette in Verruf gebracht. Hier wird nun immer stärker zurück gerudert. Erst vor drei Wochen publizierten Wissenschafter der Universität Harvard die bisher größte Übersichtsarbeit zum Risiko von gesättigten Fettsäuren in Nahrungsmitteln, wie sie vor allem in tierischen Fetten wie  Butter oder Schweineschmalz aber auch in Kokosfett oder Palmöl enthalten sind. Zu diesem Zweck werteten die Forscher 21 Großstudien mit zusammen 347.747 Teilnehmern aus, die über einen Zeitraum von fünf bis 23 Jahren beobachtet worden waren. Ergebnis: Es gibt keinerlei Beweis dafür, dass gesättigte Fettsäuren das Risiko für Herzinfarkt oder Schlaganfall erhöhen.
Kritiker des Gesundheitswesen meinen, dass etwas weniger gewarnt werden un sollte. „Für Entwarnung fühlt sich aber kaum jemand zuständig“, kritisiert die Hamburger Gesundheitswissenschafterin Ingrid Mühlhauser, „und Angst ist leider ein sehr gutes Manipulationsmittel.“
Wie gut das funktioniert, bewies die zurückliegende Schweinegrippe-Pandemie, die für einen weltweiten Geldregen bei den Herstellern der Medikamente und Impfstoffe führte. Wie wenig wir jedoch in Wahrheit über die biologischen Konsequenzen dieser weltweiten Vorsorge-Kampagnen wissen, illustriert ein Beispiel aus Kanada. Als dort vor einem Jahr die erste Welle der Schweinegrippe auftrat, machten die Ärzte eine eigenartige Beobachtung: In den Schulen erkrnakten vor allem jene Kinder, die zuvor gegen die normale Grippe geimpft  worden waren. Die Gesundheitsbehörden gaben vier Studien in Auftrag, um diese These zu prüfen. Die in der Vorwoche veröffentlichten Resultate erhärten den Verdacht: Tatsächlich hatten geimpfte Personen im Schnitt ein doppelt so hohes Risiko, an Schweinegrippe zu erkranken als solche, die nicht gegen die normale Grippe geimpft waren.
Wie lässt sich dieser Zusammenhang erklären? Wie kann eine Impfung, die gegen ganz andere Grippeviren schützt, plötzlich das Infektionsrisiko bei der „Neuen Grippe“ erhöhen? Und welche Auswirkungen hätte so ein Effekt auf die öffentliche Empfehlung zur Influenza-Impfung? Die Antwort steht noch aus.
In den vergangenen Jahren wurden die Angebote zur Früherkennung von Krankheiten erheblich ausgeweitet. Damit wird in der öffentlichen Wahrnehmung stets eine bessere Heilungs-Chance assoziiert. Was aber, wenn über die technisch immer raffinierter werdenden Diagnose-Geräte Vorstufen oder Frühstadien von Krankheiten entdeckt werden, die von selbst wieder ausgeheilt wären – wenn wir nicht danach gesucht hätten?
In welcher Dimension dieses Problem auf uns zukommt, zeigt ein groß angelegtes Programm, das derzeit im deutschen Bundesland Mecklenburg-Vorpommern läuft. In einer Kooperation der Universität Greifswald mit der Siemens AG sollen 4000 Personen in die Röhre eines Magnetresonanztomografen (MRT) geschoben und genauestens durchleuchtet werden. Ein erster Testlauf mit 200 Freiwilligen wurde bereits absolviert. Resultat: Um die Gesundheit der „Mecklenburger“ ist es miserabel bestellt.
Nur bei zehn Prozent der Probanden wurden keine krankhaften Veränderungen entdeckt, diese waren demnach „ganz gesund“. Weitere zehn Prozent konnten nach einigen zusätzlichen Tests, die zur Abklärung nötig wurden, ebenfalls als gesund entlassen werden. Aber bei den restlichen 80 Prozent fanden sich unter anderem ein Hirntumor, verengte Herzkranzgefäße, Brustkrebs in verschiedenen Vorstadien sowie Tumore in der Lunge und im Bauchraum. Dabei waren alle Teilnehmer, die sich für diese Studie in den MRT legten, überdurchschnittlich gesundheitsbewusst, ohne akute Beschwerden und zudem noch relativ jung, im Schnitt gerade einmal 48 Jahre alt. Was wäre hier erst zu erwarten, wenn dieses Ganzkörper-Screening für eine noch etwas ältere Gruppe der Normalbevölkerung angeboten würde. Was macht man mit einer Methode, die mehr als 90 Prozent der Teilnehmer als krank überführt
Das deutsche Beispiel zeigt eindringlich, dass sich offenbar nicht alle Krankheiten als solche manifestieren, sondern von selbst wieder verschwinden. Bekannt ist dieses Phänomen bislang vor allem von den Programmen zur Früherkennung des Zervix-Karzinoms. Hier werden Zellen vom Gebärmutterhals abgenommen, fixiert und dann im Labor begutachtet. „Bei jüngeren Frauen ergeben sich häufig Veränderungen, die Krebsalarm auslösen, aber nahezu immer von selbst wieder ausheilen“, erklärt Ahti Anttila, der Koordinator des Finnischen Screening Programmes, gegenüber profil.
Als Konsequenz wurde ein Mindestalter von 30 Jahren eingeführt. Genauso problematisch sei es, wenn zu häufig untersucht wird, sagt Anttila. „Wir wissen, dass ein Vorstadium mindestens zehn Jahre braucht, um sich in einen invasiven Tumor zu verwandeln.“ Die Konsequenz der Finnen: Die Frauen werden nur alle fünf Jahre untersucht. Dann jedoch mit persönlicher Einladung und peinlich genauer Qualitätskontrolle, um zu vermeiden, dass Abstriche schlampig entnommen und die Zellen im Labor nicht interpretiert werden können. Dies führte sogar dazu, dass alle Gynäkologen aus dem offiziellen Programm ausgeschlossen wurden, weil sie Schulungen verweigerten.
Die Abstriche werden nun zur allgemeinen Zufriedenheit von Hebammen und Krankenschwestern durchgeführt. Mit dieser Taktik erreichte Finnland die weltweit mit Abstand niedrigste Sterblichkeit beim Zervix-Karzinom, hierzulande liegt sie im Vergleich mehr als doppelt so hoch. In Österreich wird nach wie vor das „wilde Screening“  praktiziert, wo Frauen meist schon ab 18 – und oftmals im Halbjahres-Intervall – untersucht werden. Das Ergebnis sind wesentlich mehr unnütze Eingriffe, mehr Krebs-Therapien und Gebärmutter-Operationen bei großteils fehlender Qualitätskontrolle. Von einer Initiative, hier den erfolgreichen Weg der Finnen zu kopieren, ist keine Rede. „Wir wissen, dass sich die Gynäkologen sehr schwer tun, diese natürlichen Abläufe zu verstehen“, sagt Anttila. „Und manche meinen auch, sie könnten schlechte Untersuchungsqualität dadurch kompensieren, dass sie öfter untersuchen. Aber das ist ein Irrtum.“

In Österreich wird derzeit intensiv am ersten bundesweiten Brustkrebs-Früherkennungsprogramm gearbeitet. Auch in diesem Bereich hinken wir anderen Staaten Jahre hinterher. „Das hat aber auch Vorteile“, wie Projektleiter Alexander Gollmer von der Gesundheit Österreich GmbH betont. „Wir können hoffentlich viele Fehler vermeiden, die anderswo begangen wurden.“ Ab Jänner 2011 sollen die ersten Einladungsbriefe an Frauen in der Altersgruppe zwischen 50 und 69 Jahren verschickt werden. Laut EU-Leitlinie soll damit die Sterblichkeit beim Brustkrebs langfristig um bis zu 30 Prozent gesenkt werden. „Das ist aber sicher viel zu optimistisch“, sagt Gollmer.
Jedenfalls werde viel Wert darauf gelegt, Frauen korrekt zu informieren und auch die Risiken nicht zu verschweigen. Dazu gehört  die Übertherapie von Tumoren. Viele der entdeckten Gewächse befinden sich noch in einem Vorstadium. Die Krebszellen sind dabei von einer Kapsel umgeben. Niemand weiß, wann – und ob überhaupt – der Tumor diese Hülle durchstößt. Allein über die Mammographie hat sich die Anzahl dieser Befunde in den vergangenen Jahren vervielfacht. Diese Vorstadien siedeln sich zudem meist neben den Milchdrüsen an – und sind chirurgisch relativ schwer zu fassen. Deshalb entscheiden sich viele Frauen zur Amputation.  Um ganz sicher zu gehen.

Dieser Artikel ist im Frühjahr 2010 zum Erscheinen meines Buches "Gesund bis der Arzt kommt" im Nachrichtenmagazin profil als Coverstory veröffentlicht worden.

Montag, 21. Juni 2010

Milliardengrab Schweinegrippe

Ein sehr interessanter Beitrag zum Thema Schweinegrippe lief letzten Donnerstag im Magazin Monitor der ARD. "Wer steuerte die WHO?", fragten die Redakteure und besuchen unter anderem das niederländische Influenza-Mastermind Albert Osterhaus, einen der Chef-Berater der WHO. Osterhaus ist neben vielen Industrie-nahen Jobs auch Vorsitzenden von ESWI, einer "unabhängigen Gruppe von Wissenschaftlern", die wie Osterhaus behauptet alle unentgeltlich arbeiten und rein zufällig Lobbyarbeit für die Hersteller der Influenza-Impfstoffe machen. Finanziert wird die ESWI von mehr als zehn dieser Pharmakonzerne. Dennoch hat Osterhaus die Chuzpe gegenüber Monitor zu behaupten: "ESWI ist in der Verwendung seines Geldes komplett unabhängig. Wenn die Industrie zu uns kommt und fragt, könntet Ihr das Geld für dieses oder jenes verwenden, so diskutieren wir das nicht einmal." - "Und Sie persönlich halten sich bei ESWI für einen unabhängigen Wissenschftler", fragt der Monitor-Reporter nach. "Hundert Prozent unabhängig!" lautet Osterhaus' Antwort. Wenn das so ist, können wir ja unbesorgt sein und auf Osterhausens Ratschlag noch ein paar Milliarden in seine nächste unabhängige Expertise investieren.

Samstag, 12. Juni 2010

Die Rache der Schweine

Sollen wir uns alle freuen, dass die Schweinegrippe-Pandemie so glimpflich abgelaufen ist? Mit deutlich weniger Todesfällen als von den Experten im Umfeld der WHO-Kampagne prophezeit worden war.
In diese Richtung geht derzeit die "offizielle" Argumentation und auch die Rechtfertigung der verantwortlichen Behörden: Man habe sich auf den worst case vorbereitet, habe verantwortungsvoll nach bestem Wissen gehandelt und die geeigneten Schutz-Maßnahmen getroffen. Dass die Pandemie wesentlich milder verlaufen ist, als angenommen, habe man im Vorfeld nicht ahnen können.

Länder wie Polen haben es hingegen schon vorher gewusst und jegliche Beteiligung an der Pandemie-Hysterie verweigert. Die Gesundheitsministerin Ewa Kopacz, selbst Ärztin, sah keine Notwendigkeit teure Impfstoffe oder Neuraminidase-Hemmer einzukaufen und warnte stattdessen vor übereilt zugelassenen Arzneimitteln und deren potenziellen Nebenwirkungen.



Die meisten Länder hielten sich aber an die Linie der WHO. Und haben nun den Salat. Millionen von Impfstoff-Dosen liegen unbenützt in den Lagern. Niemand will sie kaufen und nicht mal Dritte Welt Länder, die sich medienwirksam über Impf-Geschenke freuen, lassen sich auftreiben. Tamiflu- und Relenza-Tabletten nähern sich rasant ihrem Ablaufdatum.
Die Glaubwürdigkeit der "offiziellen Pandemie-Vorsorge" ist jedenfalls nachhaltig erschüttert. Künftige Aktionen werden von Beginn an von massivem Misstrauen begleitet und dem Hohn der vernetzten Gegen-Öffentlichkeit ausgesetzt sein.
Zumal sich jetzt die Pharmakonzerne in ihren Jahresberichten zum Pandemie-Jahr 2009 unverblümt über Rekordgewinne von 7 bis 10 Milliarden US-Dollar freuen, die allein über deren Impfstoff-Zweige eingespielt wurden.

Nun wäre es natürlich interessant zu erfahren, ob die Experten, welche die WHO auf ihrem Weg in die höchste Pandemie-Warnstufe beraten haben, tatsächlich unabhängig und ihre Entscheidungen von keinerlei finanziellen Interessenskonflikten getrübt gewesen wären.
Geglaubt haben wir das ohnehin nie, so wie sich die Strukturen der WHO, mit dem über die Jahre ständig gewachsenen Anteil der privaten Finanzmittel am Gesamtbudget, entwickelt haben. Wer zahlt, möchte mitbestimmen. Und je mehr der riesige Apparat von den Geldern der pharmazeutischen Industrie abhängig wurde, desto schwerer fiel offenbar die Gegenwehr. Und so saßen die Industrievertreter in den Entscheidungsgremien, die über die Strategien zur Influenza-Vorsorge berieten, immer mit am Verhandlungstisch.
Nun wiesen britische Journalisten im Umfeld des British Medical Journal nach, dass die Einflussnahme deutlich intensiver war. Demnach hatten auch einige Schlüsselkräfte der Pandemieplanung in der WHO vergessen, ihre finanziellen Beziehungen zu den Herstellern der Influenza-Pillen und Impfstoffe offen zu legen, und die WHO hatte Anfragen in diese Richtung als "Verschwörungstherorien" bezeichnet. Gerade diese Schlüsselkräfte hatten aber maßgeblichen Anteil an der Ausrufung der höchsten Pandemie-Warnstufe.

Milliarden an öffentlichen Geldern sind also über gezielte Panikmache verschwendet worden. Und die WHO hat das zu verantworten. In Kooperation mit Gesundheitspolitikern, die sich nur allzu leicht erpressen ließen und Medien, die sich nahezu ohne Gegenwehr auf die drohende Welt-Katastrophe einschwören ließen.
Wenn eben diese Medien nun ganz entrüstet über die Enthüllungen zu den Pharma-Verbindungen der WHO berichten, so klingt das etwas hohl und scheinheilig. Und damit haben sie mit der WHO etwas gemeinsam. Es wird verdammt hart werden, die verlorene Glaubwürdigkeit wieder aufzuholen.

Wie die eigenen Leser mit einem entsprechenden Artikel der "Welt" umgehen, entbehrt nicht der Komik.
Dort seufzte der Autor im Vorspann:
Was für ein Skandal: WHO-Autoren stehen auf der Gehaltsliste der Pharmakonzerne. War die Schweinegrippe nur Panikmache?

In 165 Kommentaren gingen die Leser dann geballt gegen ihr eigenes Medium vor. Hier ein paar Beispiele:
ACH, das hätte ich ja NIE gedacht! das war sowas von offensichtlich und die "qualitätspresse" hat schön mitgemacht. keine besonderen kritischen stimmen aus der presse. und ihr wundert euch wieso die print titel immer mehr an auflage verlieren!
bitte liebe journalisten, nehmt wieder eure rolle wahr!

Leider ist WELT auch ein Teil dieser Hysterie gewesen.
Es wurde die ureigenste Aufgabe von Journalisten vergessen, statt die Schlagzeilen der Agenturen zu schreiben, den kritisch den Kopf einzuschalten und nach den Ursachen zu forschen.
Es gibt das Cui bono-Prinzip:
Wem nützt das - da kommt man der Wahrheit meistens auf die Spur

Nachdem die WHO ihre Richtlinien geändert hatte, und es sichtbar war wer zu dieser Änderung beigetragen hatte, war es von Anfang an klar, daß es sich hier um Abzocke handelte,
Wie ist es nur möglich, daß ich als politisch interessierter Mensch die Zusammenhänge erkennen kann, aber unsere hochbezahlte Politik nichts mitbekommt?
Wie ist es möglich, daß sich renommierte deutsche Institute an dieser Panikmache beteiligt haben?
Der Vertrauensverlust in unsere Organe und Institutionen schreitet voran.
Das größte Übel unserer Gesellschaft ist die Politik die von Banken und Pharma-industrie an einem Nasenring durch die Arena geführt wird.
Mit ihrer Unfähigkeit sind sie dabei unsere Demokratie nachhaltig zu beschädigen.
Achso, vielleicht sollte man noch schnell die Krankenkassenbeiträge erhöhen, die nächste Sau wird ja wohl bald wieder durchs Dorf getrieben

Das ist ja unglaublich!
Wieviele Kommentare die genau das behauptet haben wurden seinerzeit, als das Märchen einer drohenden, weltweiten Pandemie auch von der Springerpresse mit forciert wurde, gnadenlos gelöscht?
Massenweise!
Und jetzt, nach Monaten kommt ihr selber damit an?
RESPEKT!

Mittwoch, 7. April 2010

Influenza-geimpfte hatten höheres Schweinegrippe-Risiko

Im Frühjahr 2009 - als in Kanadas Schulen die ersten Fälle von H1N1 Infektionen auftraten, fiel auf, dass vor  allem solche Schüler erkrankten, die davor gegen die normale Grippe geimpft worden waren.
Die kanadischen Gesundheitsbehörden gingen dem Verdacht nach und organisierten Studien, die zeigen sollten, ob an diesen Beobachtungen etwas dran ist. Es sind dazu vier verschiedene Studien unternommen worden, die nun in einer Zusammenfassung publiziert wurden.

Und tatsächlich bestätigte sich der Verdacht: Personen, die in der Grippe Saison 2008/09 gegen saisonale Influenza geimpft wurden, hatten ein um das 1,4 bis 2,5 fache höheres Risiko, an der Schweinegrippe zu erkranken.

Warum das so ist, ist unbekannt.
Es erinnert mich aber an einen niederländischen Tierversuch, in der dieser Zusammenhang ebenfalls thematisiert wurde.
Dort hatten die Wissenschaftler fest gestellt, dass das Durchmachen einer normalen Influenza in den Folgejahren einen gewissen Schutz vor neu auftretenden Influenzaviren bietet, weil die Beschäftigung des Immunsystems mit dem viralen Infekt zu einer breiteren Immunität führt als dies eine Impfung bieten kann. Besonders wichtig wäre eine solche durch Krankheit erworbene natürliche Immunität, falls neue Influenza-Viren auftreten sollten, die ein ernsthaftes Gesundheitsrisiko darstellen.
Im Gegensatz zu Tieren, die bereits eine Influenza durchgemacht hatten, starben im niederländischen Experiment jene Tiere, die über eine Impfung vor dem Ausbruch einer Influenza geschützt wurden, wenn diese dann später mit gefährlichen Viren (in diesem Fall handelte es sich um Vogelgrippe-Viren) konfrontiert wurden.

Besonders auffällig ist in diesem Zusammenhang, dass die Schweinegrippe für die Kinder in den USA und Kanada ein im Vergleich zu Europa deutlich höheres Sterberisiko darstellte. Möglicherweise hängt dies mit den in Nordamerika gültigen Impfempfehlungen zusammen, wo die jährliche Influenza-Impfung bereits ab einem Alter von sechs Monaten allgemein empfohlen wird. Geimpfte Kinder hätten demnach wesentlich schlechtere Chancen, eine eigenständige breitere Immunität gegen Influenzaviren aufzubauen.

Jene Influenza-Experten, die sich alljährlich ohne wissenschaftliche Absicherung in der Manier von Staubsauger-Vertretern (© Tom Jefferson) an der Ankurbelung der Grippe-Impf-Aktionen beteiligen, sollten also künftig bedenken, dass sie mit ihren Ratschlägen möglicherweise sogar Menschenleben gefährden.

Mittwoch, 10. Februar 2010

Schnellschuss mit Risiko

Auf Rat der Impfexperten investierte Deutschland Hunderte Millionen Euro Steuergeld in die Vorsorge gegen Schweinegrippe und das Zervix-Karzinom. Gesunde Menschen werden mit schlecht getesteten Impfstoffen gefährdet, die hoch riskante Wirkverstärker enthalten.


Manche Menschen sterben nach der Schweinegrippe, manche nach der Schweinegrippe-Impfung. Während im ersten Fall die tragischen Ereignisse dazu benützt werden, die weitere Impfbereitschaft medial anzukurbeln und die Experten betonen, wie wichtig und sinnvoll die Ausrufung der Pandemie war, ist im zweiten Fall stets Beruhigung angesagt: Fall für Fall tritt das Paul Ehrlich Insitut (PEI) zur Entlastungsoffensive an. Die Impfung stehe keinesfalls in ursächlichem Zusammenhang mit den schweren Nebenwirkungen oder den Todesfällen, ließ PEI-Sprecherin Susanne Stöcker via „Bild-Zeitung“ wissen: „Wenn nach der Impfung etwas geschieht, so heißt das nicht, dass es durch die Impfung geschieht.“
Ein Kleinkind, das nach der H1N1-Impfung mit dem Impfstoff Pandemrix einen tödlichen Lungeninfarkt erlitt, war schwer krank. Eine 65 jährige, ein 55 jähriger und ein 46 jähriger, die kurz nach der Impfung am Herzinfarkt starben, hatten zuvor schon chronische Beschwerden. Eine weitere 65 jährige war Diabetikerin, ein 66 jähriger Asthmatiker. Gelang es mal nicht, eine Vorerkrankung als Todesursache zu identifizieren, so wurde angenommen, „dass dieses Ereignis zwar ein seltenes ist, aber angesichts der Vielzahl von verabreichten Impfungen dennoch rein zufällig aufgetreten ist“.
Im umgekehrte Fall handelte es sich – auch wenn die Betroffenen ebenfalls in den meisten Fällen an chronischen Krankheiten litten – stets um Opfer der Schweinegrippe. Wären sie geimpft gewesen, so die Unterstellung, hätten sie mit ihrem Asthma oder ihrer sonstigen Organschwäche noch viele Jahre glücklich weiter gelebt.
Wilde Grippeviren sind demnach grundsätzlich böse und gefährlich, wurden diese Viren jedoch abgetötet, über Wirkverstärker biochemisch reanimiert und dann in den Muskel injiziert, so stand der gute Wille fürs Werk: da kann doch kaum etwas schief gehen.

Problematische Wirkverstärker
Weltweit wird bei der Entwicklung neuer Impfstoffe derzeit massiv der Einsatz innovativer Adjuvantien erprobt. Diese Wirkverstärker sollen auch dort eine Immunantwort provozieren, wo bislang das Impfkonzept versagte. Zu diesen Problembereichen gehört auch die Influenza. Nach den Übersichtsarbeiten der unabhängigen Cochrane-Gruppe dümpelt der Grippe-Impfstoff vom Kinder- bis zum Erwachsenenalter bei mittlerer Wirksamkeit dahin – je nachdem wie gut die Antigene im Impfstoff mit den tatsächlich zirkulieren Grippeviren überein stimmen. Bei Babys und Kleinkindern, sowie den älteren Menschen finden sich jedoch zwei schwarze Löcher der Wirksamkeit.
Novartis hat mit „Fluad“ – das mit dem Squalene-haltigen Hilfsstoff MF59 versetzt ist – bereits vor Jahren einen speziellen verstärkten Senioren-Impfstoff auf den Markt gebracht. Dieser ist nun auch im Schweinegrippe-Imfpstoff „Focetria“ enthalten. Der Konzern GlaxoSmithKline (GSK) setzte mit seinem „Adjuvans-System 03“ (AS03) bei „Pandemrix“ auf ein ähnliches Konzept.
Ich habe über intensive Recherchen versucht, Studien zu finden, in denen die Sicherheit und Verträglichkeit dieser neuartigen Adjuvantien eindeutig gezeigt wird. Die gibt es aber nicht. Beide Wirkverstärker kamen über eine in-vitro-Testphase im Labor, sowie ein paar Tierversuche unmittelbar in die Impfstoffe und werden nun bei Menschen verwendet.
Dasselbe gilt für die ebenso neuartigen Wirkverstärker, die in Gardasil und Cervarix, den beiden Impfstoffen gegen Humane Papillomaviren (HPV), verwendet werden. Hier kommen die neuartigen Aluminium-Verbindungen AS04 (Cervarix) und Gardasils AAHS („amorphous aluminum hydroxyphosphate sulfate“) zum Einsatz. Besonders originell ist der Wirkverstärker AS04. GSK setzt dabei auf das Alarmpotenzial einer Fettverbindung, die aus der Oberfläche von Salmonellen gewonnen wurde und kombiniert es mit Aluminiumhydroxid. Im direkten Vergleich mit Gardasil zeigte sich, dass AS04 tatsächlich eine explosive Kombination ist und einen um das zwei- bis sechsfach höheren Antikörper-Titer bei den Geimpften erzeugt. Das seien „exzellente Ergebnisse“ freute sich Hugues Bogaerts, der für Cervarix zuständige Produktmanager des belgischen Konzerns GSK. Ich fragte ihn nach den Sicherheits-Studien für sein neuartiges Adjuvans, das bisher noch in keinem Massen-Impfstoff eingesetzt worden ist. Seine Antwort lautete: „Eigene Sicherheitsstudien am Menschen sind bei einem neuen Adjuvans nicht vorgesehen. Das wird in den großen klinischen Studien gleich in der fertigen Impfstoff-Kombination getestet.“
Wenn man sich diese Studien ansieht, so ist das Erstaunen groß. Denn in den großen placebokontrollierten Zulassungsstudien von Gardasil und Cervarix mit ihren insgesamt mehr als 40.000 Teilnehmerinnen wurden die Impfstoffe nicht gegen "wirkliche" Placebos – das wäre im Normalfall eine physiologisch neutrale Salzwasser-Lösung – getestet, sondern gegen Pseudo-Placebos, also entweder gegen andere Aluminium-haltige Impfungen (bei Cervarix) oder gleich gegen eine pure Wasser-Aluminium-Lösung (bei Gardasil). Kritiker, wie der Aluminium-Experte Christopher Exley von der britischen Keele University finden dies fahrlässig, „weil Aluminium-Verbindungen bei zahlreichen Autoimmun-Prozessen beteiligt sind.“

Krank durch die Impfung?
Tatsächlich musste im September 2008 auf Geheiß der US-Behörde FDA in die Produktinformation von Gardasil der Hinweis aufgenommen werden, dass bei jeder 43. Teilnehmerin der Studien Krankheiten mit möglicherweise autoimmunem Hintergrund neu aufgetreten sind. In der deutschen Fachinformation ist davon nichts zu lesen.
Es ist seit langem bekannt, dass Aluminiumsalze die Immunantwort der Geimpften „in eine allergische Richtung“ manipulieren. Aber auch die Art der Immunreaktion kann – speziell bei genetischer Empfänglichkeit – dauerhaft verändert werden. Daraus resultiert die Gefahr, dass das Immunsystem auf nachfolgende Infekte falsch reagiert – und ansonsten harmlose Viren plötzlich mit einer überschießenden Immunreaktion beantwortet werden, die in den betroffenen Organen schweren Schaden anrichtet. Ebenfalls ist bekannt, dass jede Impfung auch Auto-Antikörper erzeugt, die an körpereigenes Gewebe binden und dieses in der Folge für die Fresszellen des Immunsystems als Angriffsziele markieren. Im Normalfall sollten diese fehlgesteuerten Antikörper, sowie auch T-Zellen mit autoimmuner Ausrichtung von den körperinternen Kontroll-Mechanismen erkannt und beseitigt werden. Doch diese Entwicklung kann außer Kontrolle geraten.
Normalerweise sollten bei Impfungen, die im Normalfall eine vorbeugende medizinischen Intervention bei Gesunden darstellen - die allerhöchsten Sicherheits-Kriterien gelten. Doch irgend eine Schraube setzt hier im ansonsten so sehr auf Kontrolle und Risiko-Minimierung bedachten behördlichen Apparat aus. Möglicherweise ist es das über historische Verdienste wie die Ausrottung der Pocken erworbene gute Image, das hier die Impfungen unter eine Art schützende Käseglocke stellt.
Dabei war gerade das Impfen traditionell immer eine eher intuitive Maßnahme, denn eine wissenschaftliche. Wir haben schon gegen virale Krankheiten geimpft, als man noch nicht mal wusste, dass es Viren gibt. Und wir haben dauerhaft ins Immunsystem eingegriffen, als vom Immunsystem noch nicht einmal die Spitze des Eisbergs aufgetaucht war und so gut wie gar nichts von den näheren biologischen Mechanismen verstanden wurde, die hier ablaufen. Allein die Tatsache, dass wir uns heute inmitten einer tatsächlichen Pandemie der Krankheiten des Immunsystems befinden, wie die ständig steigenden Zahlen bei Asthma, Diabetes Typ 1, chronisch entzündlichen Darmerkrankungen oder rheumatoider Arthritis zeigen, sollte uns sehr skeptisch machen.

Autoimmunkrankheiten: erste Schritte zum Verständnis
Was bei der Entstehung von Autoimmunkrankheiten im Organismus konkret abläuft, steht erst seit sehr kurzer Zeit im Fokus der wissenschaftlichen Forschung. Wobei sich die weitaus meisten Arbeiten weniger mit den Ursachen befassen, denn mit der Linderung der Symptome. Neue Arzneimittel gegen Rheuma oder Multiple Sklerose gehören zu den internationalen Bestsellern am Pharmamarkt. Mit der Ursachenforschung ist weniger zu verdienen und möglicherweise stehen wir auch deshalb beim Verständnis noch weitgehend in den Kinderschuhen. Erst 2005 erschien beispielsweise die erste Arbeit (Harrington et al.), die mit der so genannten Th17-Reaktion einen zentralen Schlüsselfaktor im Autoimmunprozess identifizierte. Hier wird – vor allem im Zusammenspiel mit regulatorischen T-Zellen auf der besänftigenden, sowie Interleukin 6 auf der aggressiven Seite – festgelegt, ob sich das Immunsystem in seiner Antwort tolerant oder autoaggressiv verhält.
Es trägt nicht eben zu Beruhigung bei, wenn man weiß, dass viele Adjuvantien speziell die Produktion von Interleukin 6 ankurbeln, wie dies beispielsweise eine vom Hersteller selbst finanzierte Studie zum Novarits Adjuvans MF59 eindrucksvoll belegte (Valensi et al.). Diese ist allerdings bereits 1994 publiziert worden, zu einem Zeitpunkt, wo die Th17-Reaktion noch vollständig unbekannt war.
Der MF59 haltige Grippe-Imfpstoff Fluad wurde bereits millionenfach an ältere Menschen verimpft. Ohne vorherige Sicherheitsstudien, die über dessen autoimmunes Potenzial Aufschluss gaben. Nun wird damit argumentiert, dass er eben deshalb sicher ist, weil es schon so oft verimpft wurde und bisher keine auffällige Häufung von Nebenwirkungs-Meldungen beim Paul Ehrlich Institut registriert wurde. Wer jedoch meint, dass die Behörden davon erfahren würden, wenn ein geimpfter Rentner drei Monate nach der Fluad-Injektion einen Rheumaschub bekommt, überschätzt das Meldewesen enorm.  – Hier geht die Wahrscheinlichkeit praktisch gegen Null. Sobald eine Impfung einmal am Markt ist, muss sich schon etwas ziemlich Auffälliges ereignen, damit das von den Behörden registriert würde.
„Die Ärzte, die gesetzlich verpflichtet sind, diese Meldungen zu machen, wissen ja zum Großteil überhaupt nicht, dass Impfungen überhaupt Autoimmunreaktionen auslösen können“, sagt der Wiesbadener Mediziner Klaus Hartmann, der zehn Jahre beim Paul Ehrlich Institut für die Bewertung von Impfschäden zuständig war und nunmehr als gerichtlicher Impfschadens-Gutachter tätig ist. „Damit die Ärzte melden, müsste man diese erst mal intensiv informieren und an ihre Meldepflicht erinnern. Doch das ist gar nicht erwünscht.“
Squalen-haltige Adjuvantien werden sogar dazu verwendet, um Tiermodelle für bestimmte Autoimmunkrankheiten zu erzeugen. Barbro C. Carlson zeigte mit einem Team von Rheuma-Experten des schwedischen Karolinska Instituts beispielsweise, dass eine einzige Injektion von Squalen unter die Haut bei Ratten chronische Gelenksentzündungen auslösen kann (Carlson 2000). Damit zu beruhigen, dass die Dosis das Gift macht und in den Impfungen für Menschen ja wesentlich niedrigere Squalen-Dosierungen enthalten sind, halte ich in Abwesenheit jeglicher Evidenz für verantwortungslos.
 Zumal es immer individuelle Empfänglichkeit gibt, wo dann auch eine niedrige Dosierung zum Problem werden kann.

"Unkontrollierter Menschenversuch"
Als „unkontrollierten Menschenversuch“ bezeichnete auch Wolfgang Becker-Brüser, Herausgeber des arznei-telegramm die zurückliegenden Impfaktionen. Scheinbar werde versucht über die Massenanwendung der Squalen-haltigen impfstoffe Fakten zu schaffen, um dann – nach demselben Muster wie bei „Fluad“ – mit deren Verträglichkeit und Sicherheit argumentieren zu können. Die US-Gesundheitsbehörden sind diesbezüglich deutlich strenger als die Behörden der EU. Dort sind bislang nur herkömmlich – ohne Wirkverstärker – hergestellte Schweinegrippe-Imfpstoffe am Markt.
Warum bei einer Influenza die milder verläuft als in vielen anderen Saisonen überhaupt die Pandemie ausgerufen wurde, hat viel mit der Entwicklung der Weltgesundheits-Organisation (WHO) zu tun, die in den letzten Jahrzehnten sehr stark unter einem Zwang zum gesundheitspolitischen Aktionismus laboriert und sich immer mehr als globale Seuchenpolizei versteht. Angesichts von Malaria, Tuberkulose und Durchfall-Krankheiten, die vor allem in den Entwicklungsländern jährlich Abermillionen an Todesfälle verursachen, wundern sich viele Experten über die enorme Bedeutung, welche die WHO vergleichsweise harmlosen Erregern wie den Influenzaviren zumisst. Dazu kommt eine Budgetstruktur, die zunehmend von "Private-Public Partnerships" dominiert ist. Durch die Etablierung dieser Industrie-Partnerschaften wuchs der Anteil der „gespendeten“ finanziellen Mittel am WHO Haushalt im letzten Jahrzehnt überproportional. Lag das Verhältnis 1998 bei einem Verhältnis von 842 Millionen US Dollar regulärem Haushalt zu 804 Spendermillionen noch halbwegs ausgeglichen, so betrugen die privaten Zuwendungen bereits 2004 mehr als das doppelte des regulären Haushaltes. Und damit stand den Vertretern der Industrie Tür und Tor offen. Bei allen Besprechungen zur Pandemie waren – wie selbstverständlich – auch die Impfstoff-Hersteller geladen.
Es ist kein allzu gewagter Schluss, dass die H1N1 Pandemie von WHO und Impfstoff-Herstellern als eine Art "Feuerwehrübung" für den theoretischen Ernstfall einer wirklich verheerenden Influenza-Pandemie inszeniert wurde. Andernfalls wären ja auch die vielen Millionen, die anlässlich der Vogelgrippe (H5N1) in die Entwicklung pandemischer Impfstoffe gesteckt wurden, fehlinvestiert gewesen. Es wurde demnach – so meine Einschätzung – das nächstbeste Influenzavirus genommen, das kam, um die Tauglichkeit der Infrastruktur zur raschen Herstellung der Impfstoffe zu testen.
Die Frage der Sicherheit wird von der Industrie hingegen weder bei den Schweinegrippe, noch bei den HPV-Impfstoffen freiwillig geklärt werden. Hier bräuchte es endlich Druck der Öffentlichkeit auf die Gesundheitspolitik und damit auf die zuständigen Behörden. Es bräuchte endlich öffentlich finanzierte unabhängige Studien, um die Rolle der Wirkverstärker in Impfungen wissenschaftlich zu klären. Und vielleicht käme damit auch endlich Licht in die einzige derzeit wirklich grassierende ernsthafte  Pandemie – nämlich die Flut an Allergien und Autoimmunkrankheiten die bereits ein Drittel der Bevölkerung in den Industrieländern erfasst hat.

Dieser Artikel erschien als Coverstory in der aktuellen Ausgabe des Magazins Paracelsus.