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Samstag, 7. Januar 2012

Pneumokokken-Impfstudie: Sponsor und Studienleiter verurteilt

Immer öfter weichen Pharmakonzerne für teure und aufwändige Zulassungsstudien in Länder mit niedrigen Sozialstandards aus. Dort sind die Gesundheitsbehörden mit einfachen Mitteln freundlich zu stimmen, Teilnehmer lassen sich für einen Pappenstiel anwerben - und niemand redet dem Konzern bei der Abwicklung und Aufbereitung seiner Daten drein. Man kann es aber sogar in Entwicklungsländern zu bunt treiben.



GlaxoSmithKline (GSK), einer der weltgrößten Hersteller von Impfstoffen, wird die Strafe wohl aus der Portokasse bezahlen, der Image-Schaden wiegt hingegen schwer: Zu einer Million Pesos (rund 180.000 EUR) verurteilte ein argentinisches Gericht den multinationalen Konzern, sowie zwei Studienleiter, weil bei der Zulassungsstudie des Pneumokokken-Impfstoffes Synflorix Babys geimpft wurden, ohne dass gültige Einverständniserklärungen der Eltern vorlagen. Teilweise, stellte das Gericht fest, waren Unterschriften von Analphabeten eingeholt worden, die keine Ahnung hatten, worum es in der 28 Seiten umfassenden Erklärung eigentlich ging. Minderjährige Mütter wurden mit Drohungen zur Unterschrift genötigt. Manche der Unterschriften auf den Erklärungen stammten von Personen, die mit den Babys weitschichtig oder gar nicht verwandt - jedenfalls aber nicht erziehungsberechtigt - waren.

14 ungeklärte Todesfälle

In Argentinien hat der Prozess für ein gewaltiges mediales Echo gesorgt, zumal bekannt wurde, dass im Verlauf der Studie 14 Babys gestorben waren. Vermehrt gehen nun Verwandte an die Öffentlichkeit, die von einem arroganten und ignoranten Umgang der Studienleiter mit den Betroffenen berichten und den Verdacht äußern, dass die "experimentellen Impfstoffe" die Todesfälle verursacht haben.
Dieser Verdacht wird von GSK heftig zurück gewiesen, eine Konzern-Sprecherin kündigte volle Berufung gegen das Urteil an. Synflorix sei sicher, die Todesfall-Rate unter den rund 14.000 Studienteilnehmern deutlich geringer als in der Normalbevölkerung.
In einer am Dienstag veröffentlichten Erklärung heißt es, die Sicherheit des Impfstoffs werde durch das Urteil nicht in Frage gestellt. Auch die Nationale Verwaltung für Lebensmittel, Medikamente und Technologie in Argentinien (ANMAT) veröffentlichte am Dienstag eine Erklärung, dass der entwickelte Impfstoff "sicher" sei. ANMAT zufolge hatten "alle 14 verstorbenen Babys nicht den Wirkstoff, sondern ein Placebo erhalten, also ein Scheinmedikament".

Argentinische Behörden stehen GSK mit Falschmeldung bei

Ich habe zunächst an eine Falschmeldung von Spiegel online gedacht, als ich diese Mitteilung las. Tatsächlich fand ich die Aussage von ANMAT aber auch in anderen Quellen bestätigt. Die Mitteilung der argentinischen Behörden, dass alle Todesfälle nicht in der Wirkstoff-Gruppe, sondern in der Placebo-Gruppe aufgetreten sind, wo ein "Scheinmedikament" verabreicht worden sei, belegt, dass die ANMAT-Sprecher entweder keine Ahnung von der Studie hatten, oder absichtlich täuschen wollten.
Dass "alle Todesfälle in der Placebogruppe aufgetreten sind", sollte wohl suggerieren, dass Impfungen stets Todesfälle vermeiden - und jene Babys, die das Pech hatten, in die Scheinmedikamenten-Gruppe gelost zu werden, mit ihrem Leben dafür zahlen mussten.
Das ist aber insofern Schwachsinn, als bei nahezu allen Impfstoff-Studien als Placebos ebenfalls Impfungen verwendet werden.
Im Fall dieser - so genannten COMPAS-Studie (für "Clinical Otitis Media and Pneumonia Study") - sogar eine ganze Menge: Babys in der Synflorix-Gruppe bekamen im Studienzeitraum zehn Einzelimpfungen (darunter vier Mal die zu testende neue Impfung), die Kontrollgruppe erhielt keine Scheinmedikamente, sondern ebenfalls zehn Einzelimpfungen. Die "Placebos" waren eine Dosis der Hepatitis A und drei Injektionen der Hepatitis B Impfung.
Bei so einem Durcheinander an Impfungen ist es kaum noch möglich, die Verursacher einer Nebenwirkung zweifelsfrei zu identifizieren. Für die Pharmakonzerne ist das allerdings eine ideale Ausgangs-Situation für die Zulassung neuer Impfstoffe: je mehr Impfungen in der Placebogruppe, desto sicherer werden etwaige Nebenwirkungen in der Hauptgruppe maskiert und unsichtbar.
Falls die Aussage von ANMAT stimmen sollte, dass alle Todesfälle in der Kontrollgruppe aufgetreten sind, würde das allerdings ein ziemlich schlechtes Licht auf die Sicherheit der dort verwendeten Hepatitis-Impfstoffe werfen. Man kann aber getrost davon ausgehen, dass die ANMAT Aussage falsch ist und ihr einziger Zweck darin lag, GSK beizustehen und den Image-Schaden für den Pneumokokken-Impfstoff Synflorix einzugrenzen. 

In welchen Gruppen tatsächlich die Todesfälle aufgetreten sind und was die Ursachen waren, ist derzeit nicht zu eruieren. Hier werden wir wahrscheinlich auf die Publikation der GSK-Studie warten müssen, die für heuer angekündigt wurde. Dass in einer Studie, die von der Hersteller-Firma von Anfang bis zum Ende vollkommen kontrolliert wird, herauskommen würde, dass die Impfungen ursächlich an Nebenwirkungen oder am Tod der Babys beteiligt waren, käme allerdings einem Weltwunder gleich. Denn in derartigen Studien geht es um den Markteintritt eines potenziellen neuen Blockbusters. Und da sorgt schon die Marketing Abteilung des Konzerns dafür, dass nichts mehr schief geht.

Heftige Debatten um Pneumokokken-Impfung in Österreich

Viele Jahre hatte sich Österreich geweigert, den damaligen Pneumokokken-Monopol-Impfstoff Prevenar auf Staatskosten anzukaufen und gratis ins Impfprogramm aufzunehmen. Ich erinnere mich an wüste PR-Kampagnen der Impf-Lobby, in der die damalige Gesundheitsministerin Maria Rauch-Kallat quasi als Mörderin denunziert wurde, weil sie sich in den Verhandlungen quer gelegt hatte.
Später erzählte mir ein hoher Beamter von den damaligen heftigen Debatten, in denen sich die Impfexperten gegenseitig an Drohgebärden überboten und sogar aggressiver agierten hatten, als die Angestellten des US-Konzerns. "Man dachte wohl, es genügt, kräftig mit dem Leichentuch zu wacheln und wir zahlen den unverschämt hohen Preis, den die Amerikaner verlangten", sagte mir der damalige Chef-Verhandler von Seiten des Ministeriums. "Es handelte sich um pure Erpressung - und wir spielten nicht mit."
Weil die Impfexperten gar so solidarisch mit den US-Vertretern waren, wurde zudem eine öffentliche Erklärung von den Experten verlangt, dass sie nicht finanziell mitschneiden. Das empfanden die Herren Impfexperten dann als Provokation.
Diese Vorkommnisse sind einige Jahre her, die Minister kamen und gingen - die Vorstöße für die Gratisimpfung gegen Pneumokokken blieben jedoch eine fixe Konstante in der Community der Impfexperten. So musste etwa Herwig Kollartisch vom "Zentrum für Reisemedizin", der sich schon seit Jahrzehnten als eifriger Unterstützer aller möglichen Impfungen ausgezeichnet hat, "fast in Tränen ausbrechen", wenn er an die ungerechte und hartherzige Praxis im Lande denken musste.
Bei Gesundheitsminister Alois Stöger hatten die Impf-Lobbyisten schließlich Erfolg. Unter dem eifrigen Beifall des Grünen Gesundheitssprechers Kurt Grünewald kündigte der SPÖ-Politiker im Vorjahr an, dass nun auch in Österreich die Gratis-Pneumokokken-Impfung Realität wird.
Ab 1. Februar beginnt die Gratis-Impfaktion auf Kosten der Steuerzahler. Und zwar mit eben jenem experimentellen argentinischen Impfstoff, der mittlerweile unter dem Namen Synflorix in der EU zugelassen worden ist.

 Impfung bewirkt enormen Verdrängungs-Effekt unter Pneumokokken-Typen  

Der erste Pneumokokken-Konjugat-Impfstoff Prevenar kam zur Jahrtausendwende auf den Markt und wurde zu einem Milliarden-Blockbuster für den US-Konzern Wyeth (der daraufhin vom weltgrößten Pharmakonzern Pfizer um eine Rekordsumme aufgekauft wurde). Prevenar sollte gegen die sieben gefährlichsten der mehr als 90 verschiedenen Pneumokokken-Stämme wirken, versprach die Produktwerbung.
Als Folge der breiten Impfkampagnen ergab sich jedoch eine herbe Überraschung: Es kam zu einem gewaltigen, bisher noch nie registrierten Verdrängungs-Effekt. An Stelle einer dauerhaften Reduktion der Krankheitsfälle änderte sich nämlich bloß die Art der Bakterien, die als Verursacher von Gehirn-, Lungen oder Mittelohr-Entzündungen identifiziert wurden. Jene sieben Pneumokokken Stämme, die im Impfstoff enthalten waren, verloren zunehmend an Terrain, die anderen Pneumokokken-Stämme holten hingegen stark auf.
Dies führte - nach einem anfangs recht starken Rückgang invasiver Pneumokokken-Erkrankungen - zu deren massivem Comeback, die sich teilweise sogar auf einem höheren Niveau einpendelte als zu Beginn der weltweiten Impfaktionen.
Als besonderes Problem erwies sich die Ausbreitung des Stammes 19A, der überdurchschnittlich häufig gegen Antibiotika resistent ist. Viele Patienten starben an der Infektion, andere erlebten ein jahrelanges Martyrium mit unzähligen erfolglosen Therapie-Versuchen. Eine niederländische Studie ergab, dass geimpfte Kinder ein nahezu doppelt so hohes Risiko haben, dass ihre Nasen-Schleimhäute vom Serotyp 19A besiedelt werden, als Kinder einer ungeimpften Kontrollgruppe.

Hochrüstung am Pneumokokken-Markt

Der schleichende Austausch bei den Pneumokokken-Typen war auch in Ländern spürbar, in denen nur wenige Kinder geimpft wurden. Beispielsweise in Österreich, wo die Pneumokokken-Impfung bisher nur für Risikokinder gratis war. Einen Überblick dazu bietet der kürzlich veröffentlichte Bericht der Nationalen Referenzzentrale für das Jahr 2010: Trotz schlechter Impfrate sank der Anteil der von der alten 7-valenten Prevenar-Impfung abgedeckten Serotypen von 46 Prozent im Jahr 2005 auf nur noch 29 Prozent im Jahr 2010.
Mit dem, nun vom Gesundheitsministerium angeschafften Impfstoff Synflorix von GSK wird ein wenig aufgerüstet und der Schutz von 7 auf 10 Serotypen erweitert. Damit werden - zum derzeitigen Stand - 41 Prozent der von Pneumokokken insgesamt verursachten Krankheiten abgedeckt. Das heißt aber gleichzeitig, dass der vom Ministerium demnächst angebotene Gratis-Impfstoff gegen 59 Prozent der in Österreich grassierenden Pneumokokken-Infektionen keinen Schutz bietet. Ein Anteil, der sich - nach den Erfahrungen mit Prevenar - über die Jahre zweifellos noch deutlich erhöhen wird. Und somit rüsten die Impfstoff-Konzerne immer weiter auf und versuchen Varianten auf den Markt zu bringen, die gegen immer mehr Serotypen gerichtet sind.

Impfexperten sind dennoch voll des Lobes über Alois Stögers Initiative. Endlich ist es auch hierzulande möglich, aktiv und auf Kosten der Steuerzahler - also praktisch gratis - mit seinen Kindern am Verdrängungs-Wettkampf der Pneumokokken-Serotypen teilzunehmen.
Bleibt nur zu hoffen, dass der Druck nicht zur weiteren Ausbreitung des Horror-Typs 19A beiträgt. Genau gegen diesen hoch problematischen Serotyp schützt Synflorix - im Gegensatz zur neuen 13-valenten Prevenar Impfung - nämlich nicht.
Dafür war Synflorix in der Anschaffung deutlich preisgünstiger.

Montag, 13. Dezember 2010

Soll ich mein Kind gegen Windpocken impfen? Teil 3

In Teil 1 und Teil 2 dieser Artikelserie bin ich auf die gravierenden gesundheitlichen Probleme eingegangen, welche die Einführung der Windpocken-Impfung mit sich bringt: Für die geimpften Kinder, für die Babys geimpfter Mütter und – mit dem erhöhten Gürtelrose-Risiko – auch für die Gesamtbevölkerung. 
Diesmal gehe ich der Frage nach, wie es möglich ist, dass wir sehenden Auges so eine Richtung einschlagen und einen Weg gehen, der künftige Generationen, weitgehend ohne Umkehrmöglichkeit in Geiselhaft nimmt. Die Antwort ist ebenso banal wie unwürdig für eine Gesellschaft, die sich ihrer hohen demokratischen Reife rühmt: Im Impfwesen scheinen  entscheidende Grundregeln wissenschaftlichen Arbeitens außer Kraft gesetzt. Die Behörden versagen in ihrer Kontroll-Funktion und eine Lobby von Impfexperten kann schalten und walten wie es ihr beliebt. 


Argument 5: Die Empfehlung für die allgemeine Windpocken-Impfung wurde nicht aus gesundheitlichen Gründen, sondern zum Wohl der Impfstoff-Industrie und auf Initiative einer mit ihr eng verbundenen Experten-Lobby beschlossen

Nach dem offiziellen deutschen Impfplan bekommen Babys in den ersten beiden Lebensjahren heute elf Impfungen, die vor insgesamt zwölf Krankheiten schützen sollen, darunter vier Dosen einer Sechsfach und zwei Dosen einer Vierfachimpfung. Im Vergleich zu den Achtziger Jahren hat sich die Anzahl der Impfungen damit mehr als verdoppelt.
Was auf den Impfplan kommt, bestimmen die Experten der Ständigen Impfkommission (STIKO) am Berliner Robert Koch-Institut. Gerade in den letzten Jahren hat sich hier viel getan. Mit den Empfehlungen für die Windpocken-, Pneumokokken-, Meningokokken- und HPV-Impfung wurden gleich vier neue Produkte in den offiziellen Impfplan aufgenommen. Bis vor kurzem konnten die Krankenkassen selbst entscheiden, ob sie dafür die Kosten übernehmen. Seit einer Gesetzesänderung, die im Juli 2007 in Kraft trat, sind sie hingegen dazu verpflichtet: Was die STIKO empfiehlt und vom "Gemeinsamen Bundesausschuss (GBA)" abgesegnet wird,  muss von den Kassen bezahlt werden.

Für die Hersteller sind Impfungen ein weitgehend risikoloses Geschäft. Im Gegensatz zu anderen Arzneimitteln läuft hier der Patentschutz nicht ab. Es gibt deshalb keine billigen Nachahmer-Medikamente (Generika), die Preise können in beliebiger Höhe festgesetzt werden. Und wenn dann auch noch die Impfexperten mitspielen und eine Impfung allgemein empfehlen, so bricht überhaupt das Schlaraffenland für die Hersteller-Firmen aus: Durch die Massenimpfung eines ganzen Geburtsjahrganges ist für Absatz gesorgt, ohne dass die Marketing Abteilungen der Konzerne selbst noch aktiv werden müssten. Und seit für die moderneren Impfungen auch wesentlich höhere Preise gefordert und auch bezahlt werden, ist aus dem einstigen „Groscherlgeschäft“, das die Pharmaindustrie nebenher aus gutem Willen mitmachte, ein wirklicher finanzieller Hoffnungsmarkt geworden. Impfstoff-Hersteller gelten derzeit als lukrativste Sparte des gesamten Pharma-Marktes. Sogar die seltsamsten Konzepte wie eine Impfung gegen Karies, gegen Bluthochdruck oder gegen Alzheimer finden das Vertrauen der Investoren und an den Börsen gelten Startups mit derartigen Impfstoffen im Portfolio als Überflieger. Versprechen sie doch enorme Gewinnspannen, wenn es gelingt, sie auf den Markt zu bringen - vergleichbar höchstens mit neuartigen Arzneimitteln in der Krebs-Therapie.

Den Anstoß für den aktuellen Boom gab der US-Konzern Wyeth. Er stellte im Jahr 2001 mit „Prevenar“ seinen neuartigen Impfstoff gegen Pneumokokken vor und forderte dafür einen damals als vollständig verrückt angesehenen Preis von deutlich über 100 Euro. In der Folge kam es in vielen Ländern zu heftigen Debatten, ob dieser extrem teure Impfstoff von den Kassen bezahlt werden sollte oder nicht. „Dieser Impfstoff hätte die Kosten für die Kinderimpfungen mit einem Schlag verdoppelt“, erklärte mir der Mainzer Kinderarzt Heinz-Josef Schmitt, der damalige Langzeit-Vorsitzende der Ständigen Impfkommission (STIKO).

Die STIKO ist eine vom Gesundheitsministerium eingerichtete unabhängige Experten-Kommission, deren Empfehlungen in den Deutschen Impfplan umgesetzt werden. Wegen der engen finanziellen Beziehungen zu den Impfstoff-Herstellern gerieten die Impfexperten in den letzten Jahren ins Kreuzfeuer heftiger Kritik. Allen voran ihr Chef. "H.J." Schmitt (Foto), wie er sich gerne in seinen Stellungnahmen und Beiträgen bezeichnet, hatte jahrelang hoch dotierte Forschungs-Aufträge von den Impfstoff-Herstellern angenommen. Auch in die Studien zur Pneumokokken-Impfung war er involviert. Dennoch durfte er nach dem Statut der STIKO die Fachfragen zur Impfung mit diskutieren. Lediglich bei der Abstimmung selbst musste er draußen vor der Tür warten. Schmitt machte mir gegenüber gar kein Hehl daraus, dass er heftig für die Empfehlung zur Pneumokokken-Impfung geworben hat: „Das hat ordentlich Hirnschmalz erfordert, bis das empfohlen wurde“, sprach er mir im Interview aufs Band. „Dafür haben wir sechs Jahre gebraucht.“

Ein Pharma-Lobbyist als Vorsitzender einer sich unabhängig gebenden Experten-Kommission ist schon mal eine der Eigenheiten, die im Impfbereich viele Jahre lang in Deutschland geduldet wurden. Fast jährlich kamen in Schmitts Ägide neue Impfungen auf den Plan: Neben Pneumokokken noch Meningokokken und Windpocken. Den Abschluss bildete schließlich die Impfung gegen Humane Papillomaviren (HPV). Mittlerweile hatten sich die Kassen an die enormen Beträge für neue Impfungen scheinbar bereits gewöhnt. Der HPV-Impfstoff Gardasil stellte mit einem Preis von 450 Euro für die Grund-Immunisierung noch einmal einen spektakulären neuen Rekord auf. Bereits 2007 sprang Gardasil mit einem Umsatz von 267 Millionen Euro auf Platz eins der umsatzstärksten Arzneimittel. Und das obwohl es erst im Lauf des ersten Halbjahres überhaupt auf den Markt gekommen ist. Schmitt hatte die Blitz-Zulassung in der STIKO vehement forciert.

Wie sicher diese Herren sich fühlten und wie selbstverständlich sie sich in voller Öffentlichkeit mit der Industrie ins Bett legten, zeigt eine kleine Episode, die wohl in keiner anderen Sparte der Wissenschaft möglich wäre - und im Wirtschaftsleben wohl strafrechtlich verfolgt würde. So hatte H.J. Schmitt keinerlei Bedenken, kurz bevor die Empfehlung der HPV-Impfung durch die STIKO amtlich wurde, noch mal rasch einen Preis "zur Förderung des Impfgedankens" anzunehmen, der mit einer Summe von 10.000 Euro dotiert war. Gestiftet wurde die Summe vom Gardasil-Hersteller Sanofi-Pasteur MSD.
Wolfgang Becker-Brüser, der Herausgeber des Industrie-unabhängigen „Arznei-Telegramm“ empörte sich:
„Wie kann man als öffentlich bestellter Gutachter einen Preis von einer Pharmafirma annehmen, über deren Produkte ich zu befinden habe? – Das sind doch öffentliche Bestechungen!“

Für H.J. Schmitt mögen die 10.000 Euro Preisgeld im Vergleich zu seinen sonstigen Einkünften eine vergleichsweise lächerliche Summe gewesen sein, die Optik war dennoch verheerend. Diese Episode charakterisiert die Selbstwahrnehmung der Impfbranche aber hervorragend: Eine Clique von Experten in der Grauzone undurchsichtiger finanzieller Geflechte findet nicht das geringste dabei, sich gegenseitig in der Öffentlichkeit mit Industriegeldern zu beschenken: weil sie den Impfgedanken – auf Kosten der Beitragszahler – so schön fördern. Ein derartiger Mangel an Unrechtsbewusstsein zeigt, dass hier jahrelang wenig öffentliche Kritik und so gut wie gar keine Kontrolle von Seiten der zuständigen Behörden ausgeübt wurde.

Im Herbst desselben Jahres als Schmitt seinen Preis annahm und den Impfstoff-Herstellern mit dem Blanko-Abonnement der HPV Impfstoffe noch auf Jahre hin Milliarden Euro an Umsatz sicherte, dankte er plötzlich als Mainzer Professor und auch als STIKO-Vorsitzender ab und wechselte zur Gänze auf die Seite der Impfstoff-Hersteller. Schmitt ist heute Vorstand für „Global Medical Affairs“ bei Novartis Behring.

Doch auch nach Schmitts Abgang hat die Mehrzahl der STIKO-Mitglieder vielfältige Beziehungen zur Industrie. Nur fünf von 16 Mitgliedern des im Infektionsschutzgesetz verankerten „unabhängigen Gremiums“ zur Beratung des Ministeriums in Impffragen sind heute ganz oder weitgehend frei von finanziellen Verbindungen zu den Herstellern der Impfstoffe. Dabei entscheiden die Empfehlungen der STIKO darüber, welche Impfungen von den gesetzlichen Krankenkassen erstattet werden.

Wie sich derartige Interessenskonflikte in der gesundheitspolitischen Praxis auswirken können, schilderte mir einmal "off the records" ein hoher Beamter des österreichischen Gesundheitsministeriums, der mit den Vertretern einer US-Pharmafirma über die mögliche Kostenübernahme durch die Steuerzahler beriet. Bei den Verhandlungen waren auch einige - angeblich unabhängige - Impfexperten anwesend. "Die Stimmung war aufgeheizt und wurde immer aggressiver", erzählte mir der Beamte, "weil die Amerikaner unbedingt die Kostenübernahme durch die Krankenkassen durchsetzen wollten." Es wurde sogar mit einer öffentlichen Kampagne gedroht, welche die damalige Gesundheitsministerin als Schuldige am Tod von hunderten von Kindern hinstellen sollte. "Und das schlimmste dabei war, dass unsere Impfexperten sich noch ärger gebärdeten als die Amerikaner." Man habe absolut keinen Unterschied bemerkt, sagte der Beamte, wer nun Angestellter der Pharmafirma und wer ein angeblich unabhängiger Experte war.

In den Selbstauskünften der STIKO Mitglieder, die auf der Webseite des Robert Koch Institutes veröffentlicht wurde, findet sich häufig die Angabe, dass „Vorträge zu Impfthemen ohne Produktbezug“ gehalten werden, dessen „Honorare zum Teil durch Impfstoffhersteller (re)finanziert“ wurden. Das klingt zunächst relativ unverdächtig. In der Praxis verbergen sich hinter solchen Formulierungen jedoch häufig Auftritte auf Pharma-Werbeveranstaltungen. Ein typisches Beispiel ist etwa der Auftritt des Münsterer Stiko-Mitglieds Klaus Wahle auf einer Veranstaltung von Sanofi Pasteur MSD, dem Hersteller des Impfstoffes „Zostavax“ gegen Herpes Zoster (Gürtelrose). Nach einem Bericht der Ärzte-Zeitung zu dieser Veranstaltung trat Professor Wahle vehement dafür ein, Impfungen wie diese in den „gedeckelten Leistungskatalog der Gesetzlichen Krankenversicherung aufzunehmen“. Denn „die Zoster-Impfung ergänzt die jährliche Influenza-Impfung und die alle sechs Jahre empfohlene Pneumokokken-Impfung in idealer Weise und sollte deswegen zügig als Standardimpfung empfohlen werden.“
Das Robert Koch Institut macht keine Angaben über die Höhe der so erzielten Nebeneinkünfte. Honorare im deutlich vierstelligen Bereich sind jedoch für solche Auftritte durchaus marktkonform. Als kleine Ergänzung zum mageren Professorengehalt.
Auch der stellvertretende Vorsitzende der STIKO, Ulrich Heininger, hat von allen großen Impfstoffherstellern Vortragshonorare erhalten, für die Firmen als Berater fungiert und Einladungen zum Besuch wissenschaftlicher Treffen angenommen.

Fred Zepp (Foto), der ebenso wie Schmitt von der Uni Mainz stammt, hat ein ganzes Paket von Nebentätigkeiten für die Industrie. Er veröffentlichte Studien gemeinsam mit Angestellten von Pharmafirmen und hält auf wissenschaftlichen Veranstaltungen entsprechende Vorträge – etwa im Juni 2008 bei einem Kongress in Kuala Lumpur, wo er die Vorteile des Impfstoffes Cervarix des Konzerns GlaxoSmithKline (GSK) anpries. Die Veranstaltung wurde von GSK bezahlt, jenem Konzern, der auch zwei der drei Windpocken-Impfstoffe erzeugt. Der zweite Vorsitzende neben Zepp erwies sich im Hauptberuf gar als GSK-Angestellter und Produktmanager von Cervarix.
Wie sollen solche Personen fähig sein, eine von ihren eigenen finanziellen Verflechtungen unabhängige Expertise in die STIKO einzubringen? Als ich Fred Zepp auf diese Interessenskonflikte ansprach, entgegnete er mir unwirsch:
„Wenn Ihnen das nicht passt, so müssen Sie die STIKO eben mit Hausfrauen besetzen.“
Ein Argument, das wohl aussagen soll, dass die Wissenschaft vom Impfen so überaus kompliziert ist, dass nur Menschen mit engen Beziehungen zur Industrie überhaupt in der Lage sind, das zu verstehen.

Die weitgehend unkritische Nähe zur Industrie ist aber nicht nur ein Merkmal der Deutschen Impfexperten-Szene. Der Vorsitzende des österreichischen Impfausschusses im Obersten Sanitätsrat, Ingomar Mutz, ist sich beispielsweise nicht zu blöd dafür, gleichzeitig als ehrenamtlich tätiger Präsident des Österreichischen Grünen Kreuzes zu fungieren, eines Lobby-Vereines für Impfstoff-PR. Claire Anne Siegrist wiederum, die Präsidentin der Eidgenössischen Kommission für Impffragen steht auf der Honorarliste fast aller großen Impfstoff-Hersteller.
Ähnlich verhält es sich in nahezu allen anderen Ländern. Nirgendwo ist es gelungen, ein halbwegs sauberes, der Bevölkerung und nicht den Interessen der Pharmaindustrie verpflichtetes, Beratungswesen aufzubauen. Und auch für die internationalen Organisationen gilt dasselbe. Die Welt-Gesundheitsorganisation ist ebenso gesättigt mit Lobbyisten wie die Gesundheitsbehörden der USA oder die Europäische Arzneimittel-Zulassungsbehörde EMEA. Hier ergibt sich der Zugriff der Industrie allein schon aus der Tatsache, dass die „unabhängige“ Behörde dem Industrie-Kommissariat untersteht und deren Budget zu einem wesentlichen Teil von den Beiträgen der Pharmaindustrie finanziert wird.

Die Empfehlung zur Windpocken-Impfung erfolgte in Deutschland kurz vor der Zulassung des GSK-Produktes Priorix-Tetra eines Vierfach-Impfstoffes, der neben Masern-Mumps und Röteln nun auch die Windpocken-Komponente enthielt. Zuvor waren, wie schon bei der Einführung der Windpocken-Impfung in den USA, einige Kosten-Nutzen-Analysen erstellt, welche allesamt zeigten, dass sich die Öffentlichkeit Geld erspart, wenn die Windpocken-Impfung allgemein als Kinderimpfung eingesetzt wird. Fast alle dieser Studien waren von den Herstellern bezahlt. Umstrittene und teils manipulierte Daten wurden als Basis verwendet, negative Umstände - wie die zu erwartende Kostenexplosion bei der Behandlung von Gürtelrose - hingegen einfach ignoriert. Und solche Studien wurden dann - ohne jegliches Schamgefühl – von der STIKO in ihrer Begründung für die Einführung der Impfempfehlung genannt.

Sowohl in der Ärzteschaft als auch bei den Krankenkassen gab es zunächst wenig Verständnis für diesen Schritt. Waren die Krankenkassen bislang immer dem Expertenrat der STIKO gefolgt, erging bereits eine Woche später eine offizielle Verlautbarung der Spitzenverbände der Krankenkassen, worin die wissenschaftliche Basis der Entscheidung angezweifelt wurde. Weder die von der STIKO angegebenen Studiendaten noch die Erkenntnisse zu Komplikationsraten wären nachvollziehbar. Die vorhandenen Mittel sollten lieber verstärkt in die Ausrottung der Masern investiert werden, als eine neue Impfstrategie mit fragwürdigem Ausgang loszutreten. In 95 Prozent der Fälle verliefe die Krankheit völlig komplikationsfrei, so ihre Argumentation. Erst durch die Impfung stiege die Gefahr, dass die Windpocken zu einer schweren Krankheit gemacht werden.
Andere Kritiker, wie der Herausgeber des unabhängigen arznei-telegramms Wolfgang Becker-Brüser, warfen der STIKO eine allzu große Nähe zur Pharmaindustrie vor. Man habe häufig den Eindruck, so Becker-Brüser, dass hier eher die Rechte der Produzenten als jene der Geimpften gewahrt würden. „Mit diesen immer weiter ausufernden Empfehlungen tun die Behörden dem Impfgedanken sicher keinen Gefallen.“
Der Münchner Kinderarzt Martin Hirte warnte ebenfalls eindringlich vor diesem „unkontrollierten Menschenversuch“. Es wäre ein Irrtum, dass jede verhinderte Krankheit automatisch ein Gewinn ist. „Denn möglicherweise haben Infekte wie die Windpocken einen positiven Einfluss auf Krebs oder andere Krankheiten im späteren Leben“, sagte Hirte. „Man sollte das jedenfalls gründlich untersuchen, bevor man hier einen Sachzwang schafft, der nicht mehr umkehrbar ist.“
Ex-STIKO-Vorsitzender H.J. Schmitt verstand die Aufregung über die Entscheidung nicht im Geringsten. „Der wichtigste Grund für die generelle Windpockenempfehlung war, dass jährlich 750.000 Krankheitsfälle vermieden werden können“, erklärte er. „Jedes Kind profitiert individuell von der Windpockenimpfung, weil es nicht krank wird.“

Ebenso wie Schmitt bemühte auch der Wiener Impfexperte Wolfgang Maurer das bekannte Argument, dass jede vermiedene Krankheit schon an sich ein Gewinn ist. „Die Komplikationsrate bei Windpocken liegt bei 1 zu 4.000“, sagte Maurer. „Es ist einfach unfair, wenn man den Kindern unnötiges Leid nicht erspart.“

Der Münchner Epidemiologe und STIKO-Experte Rüdiger von Kries (Foto), gab auf meine Fragen gleich unumwunden zu, dass das Kombi-Präparat von GSK einer der Anlässe für die STIKO-Empfehlung war:
"Ich war lange gegenüber der Windpockenimpfung skeptisch. Muss man wirklich gegen Varizellen impfen? Die Varizellen Impfung macht in erster Linie das Leben einfacher – schwere Morbidität und Mortalität sind selten. Man wird darauf achten müssen, hohe Durchimpfungsraten zu erzielen um eine ausreichende Herdenimmunität zu erreichen. Das ist nur möglich, wenn es einen Kombi-Impfstoff gibt. Der ist jetzt am Markt. Und jetzt kann man sagen: why not? – Windpocken machen keinen Spass und manchmal auch noch lebensgefährliche Komplikationen. Punkt. Dass man zweimal impfen muss, ja so ist das Leben. Vielleicht wird man auch mal dreimal impfen müssen. Nichts ist umsonst."

Es lohnt sich genauer nachzusehen, wo die von den Experten zitierten hohen Risiken der Windpocken plötzlich her kommen. Zuvor hatte die STIKO ja mehr als zehn Jahre lang keinen Grund gesehen, dem Beispiel der USA zu folgen. Den Ausschlag gab demnach eine neue Studie, die zu dem Ergebnis kam, dass in Deutschland jährlich rund 5.700 schwere Komplikationen, darunter etwa 22 Todesfälle als Folge der Windpocken auftreten. Diese Zahlen liegen bei Weitem über dem, was bislang über die Gefährlichkeit der Windpocken bekannt war.
Doch wie kam die Studie zustande? Dafür wurde eine Telefonumfrage unter Ärzten durchgeführt. Von 3.500 angerufenen Ärzten erklärten sich 300 für ein Gespräch bereit. Sie wurden gebeten, aus ihrer Kartei einen beliebigen Patienten herauszufiltern, der unter Windpocken litt. "Nun verfügt kaum ein Arzt über ein Computersystem, bei dem er nach schlichtem Zufallsprinzip einen beliebigen Patienten herausfiltern kann, der unter Windpocken litt“, erklärte Medizinjournalist Michael Houben in einer WDR-Reportage den grundlegenden Fehler dieses Ansatzes. „Die Ärzte stehen in solch einem Fall normalerweise vor einer großen Kartei und versuchen sich zu erinnern, welcher Patient wegen Windpocken behandelt wurde. Logisch, dass vor allem schwere Fälle namentlich im Gedächtnis bleiben.“ Deren Komplikationsrate wurde von den Statistikern dann auf die Bevölkerung hochgerechnet. Eine Methodik, die nach den Kriterien der Evidenz-basierten Medizin als vollständig unseriös gilt.
Vielsagend ist ein Blick auf die Studienautoren. Darunter sind Mitarbeiter des Baseler Unternehmens Outcomes International, das auf seiner Homepage Folgendes als „Mission“ der Firma angibt:
„Wir unterstützen unsere Kunden der Pharma-, Biotech- und Medizingeräteindustrie in der Kommerzialisierung und Markteinführung ihrer Produkte.“
Demnach dürfte der Auftraggeber und Financier der Studie ja zufrieden gewesen sein. Es handelte sich um das Unternehmen GlaxoSmithKline (GSK), das kurz nach Erscheinen der Studie mit Priorix-Tetra als weltexklusive Deutschlandpremiere einen Kombinationsimpfstoff gegen Masern, Mumps, Röteln und Windpocken auf den Markt brachte.

Doch die Mission der Windpocken-Impfer ist noch nicht zu Ende. Gibt es doch immer noch Widerstands-Nester, die am alten über Jahrzehnte bewährten Impf-Schema festhalten: Nämlich nur jene Kinder und Jugendlichen im Alter ab neun Jahren zu impfen, welche die Krankheit bis dahin nicht auf natürlichem Wege durchgemacht haben. Ein derartiges Widerstandsnest in Europa ist beispielsweise die Schweiz.
Doch auch hier sind die Profis von "Outcomes International" im Auftrag von GSK wieder aktiv: Etwa mit einer aktuellen Berechnung, dass die Einführung der allgemeinen Windpocken-Impfung selbstverständlich auch für das Schweizer Gesundheitssystem Ersparungen bringen würde, "...auch wenn diese seit den Empfehlungen für ein Schema mit zwei Impfungen zur Grundimmunisierung nicht mehr ganz so eindrucksvoll ausfallen".
Wie wenig sich im Verhaltens-Codex der "unabhängigen" Impfexperten bezüglich ihrer finanziellen Beziehungen mit der Industrie geändert hat zeigt ein Blick auf die Autoren dieser Studie: Selbstverständlich ist auch diesmal wieder die STIKO im Boot. Und zwar in Person des stellvertretenden Vorsitzenden Ulrich Heininger, der keine Bedenken hatte, gemeinsam mit den Angestellten des Pharmaservice-Unternehmens als Studienautor aufzutreten.

Fazit: Es ist höchste Zeit, dass auch auf das Impfwesen Grundprinzipien wissenschaftlichen Arbeitens angewendet werden. Es kann nicht länger einer verschworenen Lobby von Impfexperten überlassen bleiben, Impfkampagnen für eine ganze Bevölkerung quasi aus dem Handgelenk zu schüttteln. Ohne systematische Aufarbeitung der vorhandenen Evidenz, ohne HTA, ohne gut organisiertes und unabhängig finanziertes Monitoring der Ergebnisse. 
So wie es derzeit aussieht, ist die allgemeine Windpocken-Impfung eine krasse Fehlentscheidung und muss so rasch wie möglich zurück genommen werden!
Andernfalls laufen wir Gefahr, dass sich das bisherige Erscheinungsbild der Windpocken als weitgehend harmlose Kinderkrankheit drastisch verändert und daraus eine schwere - für manche Altersgruppen - lebensgefährliche Krankheit wird - und nur jene davon profitieren, die hier Impfstoffe verkaufen oder mit ihren Expertisen dabei mithelfen.


Foto-Credits: sueddeutsche zeitung (H.J. Schmitt), helles-koepfchen.de (F. Zepp), Impfbrief.de (R.v. Kries)

Mittwoch, 30. September 2009

14-jährige starb nach HPV-Schulimpfung

In Großbritannien ist eine heftige Diskussion über die Gefährlichkeit der HPV-Impfung ausgebrochen, nachdem am Montag, unmittelbar nach dem Impftermin in einer Schule in Coventry, ein 14-jähriges Mädchen gestorben ist. Eine weitere Schülerin musste ärztlich versorgt werden und ist - laut Auskunft ihrer Mutter - in nach wie vor schlechtem Zustand. Die Behörden unterbrachen die Impfkampagne und die Herstellerfirma GlaxoSmithKline zog die betroffenen Impf-Chargen - insgesamt 200.000 Dosen - ein.

Die 14-jährige Natalie Morton (Foto: Daily Mail) wurde Montag vormittag, im Rahmen einer Impfaktion in ihrer Schule, gegen Humane Papilloma Viren (HPV) geimpft. Binnen kurzem wurde sie blass. Sie sagte, ihr ist schlecht und sie kollabierte im Klassenzimmer. Der Notarzt wurde gerufen, sie wurde in die Klinik gebracht, ihr Zustand verschlechterte sich rapide. Bereits wenige Stunden nach dem Impftermin mussten die Ärzte den Kampf um das Leben des Mädchens verloren geben.
In einer ersten Untersuchung der Todesursache verlautbarte eine Sprecherin der staatlichen Gesundheitsbehörden, dass es einen Verdacht auf eine vorhandene schwere Gesundheitsstörung bei Natalie gebe, die für den Tod des Mädchens verantwortlich sein könnte. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Impfung den Tod unmittelbar ausgelöst hatte, sei gering. Nähere Angaben zu dieser Gesundheitsstörung wollten die Behörden aber derzeit noch nicht machen.

Die Tageszeitung Daily Mail berichtet über eine zweite Schülerin, die nach der Impfung zusammen brach und medizinisch behandelt werden musste. Nach Auskunft der Mutter liegt das Mädchen derzeit mit starken Brust- und Rückenschmerzen zu Hause.
In den 18 Monaten, die nun in Großbritannien gegen HPV geimpft wird, sind 1,4 Millionen Impfstoff-Dosen verimpft worden. In 4.557 Fällen wurden Nebenwirkungen an die Behörden gemeldet. Vor allem handelte es sich dabei um Kopfschmerzen, Übelkeit und Schwindel. Dass Mädchen nach der HPV-Impfungen häufig ohnmächtig werden, ist bekannt. Es wurden aber auch schwerere Verdachtsfälle gemeldet. Ein Mädchen aus Liverpool litt etwa an Lähmungen und war für sechs Monate auf einen Rollstuhl angewiesen.

Die in Großbritannien von den Behörden aufgekaufte und gratis angebotene HPV Impfung ist Cervarix vom europäischen Hersteller GlaxoSmithKline. Im Gegensatz zum Marktführer Gardasil ist Cervarix von der US-Arzneimittelbehörde FDA bisher noch immer nicht für den US-amerikanischen Markt zugelassen. Als Ursache dafür werden Sicherheitsbedenken der US-Behörden genannt, weil Cervarix mit seinem Adjuvantiensystem "AS04" einen neuartigen Hilfsstoff enthält, der bisher noch nie in einer Massenimpfung enthalten war.
Bei AS04 handelt es sich um eine Verbindung aus Aluminiumhydroxid und einem Protein, das der Hülle von Salmonellen entnommen wurde. Es verstärkt die Immunreaktion auf die in Cervarix enthaltenen Wirkstoffe. Dabei handelt es sich um die abgetöteten und ausgehölten Hüllen der HPV-Typen 16 und 18, so genannte "virus-like particles".
Cervarix stellt die stärkere Immunreaktion, die es auslöst, in den Mittelpunkt seiner "Aufholjagd" gegenüber dem Konkurrenten Gardasil. Dass mit der biochemisch verstärkten Immunreaktion immer auch eine gewisse Gefahr einher geht, dass diese Reaktion "entgleist" und gesundheitlichen Schaden anrichtet, ist bekannt - und auch einer der Gründe für die bisherige Vorsicht der FDA.

Wie sich Cervarix konkret gesundheitslich auswirkt, und wie breit sein Nebenwirkungs-Spektrum ist, ist schwer zu beurteilen, weil es in den großen klinischen Tests, wo dies geprüft hätte werden können, jeweils nur gegen andere - ebenfalls über Aluminiumsalze verstärkte - Impfstoffe getestet wurde. Die von den Hilfsstoffen ausgehenden Nebenwirkungen waren damit maskiert, weil sie ja sowohl in der Cervarix- als auch in der Kontrollgruppe enthalten waren.
Für das neuartige Adjuvantiensystem selbst sind keine eigenen Sicherheits-Tests am Menschen vorgesehen. Hier genügen den Behörden Ergebnisse aus Tierversuchen.
Immer mehr Mediziner und Wissenschaftler kritisieren diese Vorgangsweise als verantwortungslos und fordern eine wissenschaftliche Klärung des Risikos, das von diesen Impfverstärkern ausgeht. Und zwar in eigenen Sicherheits-Studien unter Verwendung wirklicher Placebo-Impfstoffe - etwa eine physiologisch neutrale Salzwasser-Lösung - in den Kontrollgruppen.

Mittwoch, 3. Juni 2009

Cervarix vs. Gardasil: "Stärker und länger"

Bei der derzeit laufenden "25. Internationalen Papillomaviren Konferenz" in Malmö präsentierte GlaxoSmithKline erstmals einen direkten Vergleich zwischen dem eigenen HPV-Impfstoff Cervarix und dem Konkurrenzprodukt und Marktführer Gardasil von Merck. Ergebnis: Cervarix erzeugt deutlich mehr neutralisierende Antikörper und auch wesentlich mehr Gedächtniszellen. Mit der Botschaft "stärker und länger" will der Europäische Konzern mit Hauptsitz in Belgien nun gegen den US-Multi eine Aufholjagd um den Milliardenmarkt starten.



An der bislang noch unveröffentlichten Studie nahmen 1000 Frauen im Alter von 18 bis 45 Jahren teil. Im Zentrum der Untersuchung stand die Frage, wie stark der immunogene Effekt der beiden Impfungen ist. Davon, so die These, hängt die Wirkdauer wesentlich ab, und damit auch unmittelbar die Frage, ob die HPV-Impfung überhaupt in der Lage ist, den in der Werbung vermittelten Schutz vor der Ausbildung eines Zervix-Karzinoms zu bieten. Schließlich ist die Impfung derzeit für 12 bis 17 jährige Mädchen empfohlen, die Mehrzahl der tödlichen Krebsfälle tritt hingegen erst im Alter über 60 Jahren auf.

Gemessen an diesen Kriterien, ist Cervarix deutlich überlegen. Gegen HPV-16, den mit Abstand häufigsten Virentyp bilden sich mehr als doppelt so viele neutralisierende Antikörper wie in der Gardasil-Kontrollgruppe, gegen HPV-18 sogar sechsmal so viele. Zudem finden sich nahezu dreimal so viele Gedächtniszellen, die bei neuerlichem Kontakt mit den Viren die Antikörperproduktion gleich wieder starten könnten.

"Diese Studie liefert erstmals Beweise dafür, dass die beiden Impfstoffe nicht dieselbe Immun-Antwort erzeugen", freute sich GSK-Sprecher Thomas Breuer in der Presse-Aussendung und ist nun "zuversichtlich dass diese Resultate nun das Potenzial von Cervarix demonstrieren."

Nachdem beide Produkte auf der Antigen-Technologie der "virus-like-particles" basieren, muss dieser Unterschied durch einen anderen Bestandteil der Impfung bewirkt werden: die unterschiedlichen Adjuvantien.

Mehr als zwei Drittel aller Impfungen benötigen Adjuvantien, um überhaupt eine relevante Wirkung zu erzielen, weil das menschliche Immunsystem die abgetöteten Viren- oder Bakterienteile ansonsten gar nicht als Bedrohung auffassen, sondern folgenlos entsorgen würde. Wenn diese Antigene jedoch zusammen mit einem Hilfsstoff gegeben werden, der dem Immunsystem einen Schock versetzt, so werden im Zug der Alarmaktion auch die harmlosen Antigene für Täter gehalten - und über sie eine "immunologische Akte angelegt".

Doch Adjuvantien sind nicht unproblematisch. Um eine Immunreaktion auszulösen, müssen sie immer auch eine Gefahr darstellen. Aluminiumhydroxid, das bislang häufigste und am längsten verwendete Adjuvans sorgt an der Einstichstelle für einen begrenzten Gewebeschaden. Die geschädigten und sterbenden Zellen setzen Harnsäure frei, das als internes Alarmsignal die Immunreaktion auslöst.
Problematisch ist, dass Aluminium-haltige Adjuvantien immer auch die Art der Immunreaktion beeinflussen und - manchmal sogar nachhaltig - verändern. Aluminiumhydroxid manipuliert das Immunsystem in eine eher Th2-dominierte Richtung. Es forciert also eher die Antikörper-Bildung und nicht die Th1-gesteuerte zelluläre Immunität. Derzeit sind aber auch eine ganze Reihe neuer Adjuvantien in der Entwicklungs-Pipeline, die dem entgegen steuern sollen. Je nach Einsatzziel soll damit künftig das geeignete Adjuvans zur Verfügung stehen.

Merck verwendet als Gardasil-Adjuvans eine verstärkte Version von Aluminiumhydroxid. Cervarix ist hier schon einen gewaltigen Schritt voraus. Ihr Adjuvant System 04 (AS04) benötigt das Aluminium nur noch als eine Art biochemischen "Klebstoff", der das Antigen an Ort und Stelle hält, bis die Immunzellen kommen. Angelockt werden diese aber von einem Bestandteil, der aus der Hülle von Salmonellen isoliert wurde. Diese neue Komponente nennt sich chemisch Monophospholipid A und erinnert das Immunsystem wohl an eine massive Salmonellen-Invasion.
Demnach heftig erfolgt die Reaktion. Die GSK-Techniker mussten ihr Wundermolekül sogar künstlich kappen, weil es sonst zu toxisch gewesen wäre.

Haben wir es also mit einer medizinischen Erfolgsgeschichte zu tun?
Nicht unbedingt. Denn weder bei Gardasil noch bei Cervarix gibt es ausreichend veröffentlichte Daten zur Sicherheit ihrer Adjuvantien. Dies ist insofern unverständlich, weil es ja gerade diese Substanzen sind, die viel mehr noch als die Impf-Antigene selbst, massiv ins Immunsystem eingreifen, und sowohl Allergien als auch Autoimmunreaktionen auslösen, oder dieses Risiko zumindest verstärken können.

In den USA ist die Gesundheitsbehörde FDA bei Cervarix kräftig auf die Bremse gestiegen. In der Branche wird gemunkelt, dass AS04, das neuartige Adjuvantien-System der FDA suspekt war. GSK bestreitet jeglichen Zusammenhang, hält sich über die wahre Ursache aber bedeckt. Das vor mehr als zwei Jahren eingereichte Ersuchen um Zulassung ist jedenfalls noch immer nicht bewilligt. Erst mit Ende 2009, hofft GSK, soll nun mit den ebenfalls in Malmö präsentierten Phase III Daten über einen Beobachtungszeitraum von mehr als sieben Jahren, endlich der Markteintritt in den USA - und damit die ganz große Aufholjagd möglich werden.

In Europa gab es weder für Gardasil noch für Cervarix Probleme mit der Zulassung. Und wer hier im blog bereits etwas länger mitliest, weiß auch um meinen Ärger darüber, dass die Behörden keinerlei Einwände hatten, als in den großen Zulassungsstudien sowohl die Impfgruppen, als auch die "Placebogruppen" mit den potenziell problematischen Adjuvantien geimpft wurden. Damit war es natürlich unmöglich, sich zur Sicherheit und Verträglichkeit der Adjuvantien ein halbwegs objektives Bild zu machen.

Ist schon klar, dass manche Fakten nicht in die aufwändigen Werbe-Kampagnen passen könnten. Doch warum die Behörden dabei mitspielen ist mir ein Rätsel. Das Gesundheitsrisiko tragen nun die jungen Mädchen und Frauen, die sich vertrauensvoll impfen lassen.