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Montag, 3. November 2025

Mehr Pneumokokken-Lungenentzündungen trotz gratis Pneumokokken-Impfungen

Personen ab 60 Jahren können sich in Deutschland und Österreich gratis gegen Pneumokokken impfen lassen. Die Ärztekammern kritisierten kürzlich, dass Menschen, die sich impfen lassen wollen, häufig abgewiesen werden müssen, weil die Impfstoffe nicht verfügbar sind. Andererseits verschafft das Zeit, sich die Sache zu überlegen. Denn obwohl seit vielen Jahren auf hohem Niveau geimpft wird, steigen die gemeldeten Pneumokokken-Fälle - sowohl bei Babys als auch bei älteren Menschen - massiv an.

Impfkampagnen bewerben die "Gratisimpfung"


Woran das liegen könnte, zeigt eine im Oktober 2025 erschienene Studie aus Spanien, die alle Fälle von Lungenentzündung während des Jahres 2019 in der Provinz Katalonien analysiert hat. Untersucht sollte werden, welchen Schutz die beiden angebotenen Pneumokokken-Impfstoffe geboten haben. Eingeschlossen waren die Daten von 2,2 Mio. Katalanen im Alter über 50 Jahren. Insgesamt waren hier im Jahr 2019 etwas mehr als 15.000 Fälle von Lungenentzündungen (Pneumonien) aufgetreten.
Wie im restlichen Europa standen damals zwei Pneumokokken-Impfungen zur Auswahl: Die altbekannte 23-valente Polysaccharid-Impfung (PPSV), sowie ein moderner Konjugat-Impfstoff (PCV). Dieser stammt meist von Pfizer und wird unter dem Namen 'Prevenar' vertrieben. 2019 gab es ihn noch in der 13-valenten Version, mittlerweile wirbt die Herstellerfirma Pfizer damit, dass Prevenar "Schutz" vor 20 Pneumokokken Typen bietet.
Die Anführungszeichen setze ich deshalb, weil sich der Begriff "Schutz" in dieser Studie als nicht wirklich zutreffend erwiesen hat.
Es zeigte sich nämlich, dass der alte 23er Impfstoff das Risiko einer Lungenentzündung nicht reduziert, sondern - im Gegenteil - erhöht hat. Wenn Pneumokokken die Auslöser der Pneumonie waren, so stieg das Risiko für geimpfte Personen um 21 Prozent, das Risiko für Pneumonien aller Erregertypen stieg um 24 Prozent.

Beinahe doppelt so viele Pneumokokken-Fälle bei Geimpften

Und wie schlug sich die moderne Pneumokokken-Impfung Prevenar, die der Herstellerfirma Pfizer verlässlich jedes Jahr Milliardenumsätze beschert und zu den 20 umsatzstärksten Arzneimitteln weltweit zählt?
Noch wesentlich schlechter.
Bei Pneumonien, die von Pneumokokken ausgelöst worden sind (also genau jenen Bakterien, vor denen die Impfung schützen sollte), stieg das Risiko für Geimpfte um 83 Prozent an. Bei Pneumonien aller Erregertypen stieg das Risiko um 55 Prozent.

Die Autoren der Studie waren einigermaßen erschrocken über diese Resultate. Als mögliche Ursache nannten sie die verbesserungsbedürftige Zulassungspraxis. Impfstoffe werden nur sehr selten in wirklich guten randomisierten kontrollierten Studien getestet. Üblich sind stattdessen Vergleichsstudien, wo speziell ausgesuchte – besonders gesunde – Teilnehmer die neue Impfung erhalten und diese mit einer Kontrollgruppe verglichen werden, welche zum Beispiel die Vorgänger-Impfung oder eine Impfung der Konkurrenz verabreicht bekommen.
Studien mit neutralen Salzwasser-Placeboimpfungen werden meist vermieden, um den Erfolg der neuen Impfung nicht zu gefährden. Wenn diese dann aber in der 'echten Welt' zum Einsatz kommt, können die artifiziellen Resultate aus den Zulassungsstudien oftmals nicht wiederholt werden.

Möglicherweise, so die Autoren, waren die geimpften Personen auch von Haus aus wesentlich kränker als die nicht geimpften Personen. Allerdings haben die Wissenschaftler natürlich versucht, diesen möglichen Fehler durch viele Adjustierungen in der statistischen Auswertung auszugleichen.
Es hat aber nicht wirklich etwas verändert am Ergebnis.
Die Autoren schreiben: "Zusammenfassend lässt sich sagen, dass weder PPSV23 noch PCV13 mit einem verringerten Risiko für Krankenhausaufenthalte oder Todesfälle aufgrund von Pneumokokken aller Art oder Lungenentzündung aller Ursachen in Verbindung gebracht werden konnten."


"Keine wirksame Vorbeugung"

Die alte Pneumokokken-Impfung PPSV23 gibt es schon seit den 1970er Jahren. Sie soll zwar gegen 23 von insgesamt mehr als 90 Pneumokokken Typen schützen. Ihre Wirksamkeit wurde aber schon oft bemängelt. Bereits 2009 war der Schweizer Epidemiologe Matthias Egger mit seinem Team der Universität Bern in einer Metaanalyse von 22 Einzelstudien zu einem ernüchternden Resultat gekommen: "Die Pneumokokken-Impfung scheint selbst bei Bevölkerungsgruppen, für die der Impfstoff derzeit empfohlen wird, keine wirksame Vorbeugung gegen Lungenentzündung zu sein."
Dennoch wurde munter weiter geimpft. Erst 2023 erneuerte die STIKO die allgemeine Impfempfehlung diesbezüglich nicht mehr.

Bei den Babys kam jedoch immer nur der moderne Konjugat-Impfstoff zum Einsatz. Den Beginn machte Prevenar-7, das 2001 zugelassen wurde. Als immer häufiger andere Erregertypen Krankheiten auslösten und ein "Verdrängungs-Effekt" nicht mehr zu leugnen war, wurde Prevenar 2009 auf 13 Typen, im Jahr 2024 sogar auf 20 Typen aufgerüstet. Die Konkurrenzfirma Merck brachte 2009 ihren Impfstoff Synflorix, der gegen 10 Typen wirken sollte, erhöhte später auf 15 Typen und brachte kürzlich sogar einen 21-valenten Impfstoff unter dem Namen 'Capvaxive' auf den europäischen Markt, der allerdings bislang nur für Erwachsene zugelassen ist.

Pneumokokken Impfstoffe werden bei Babys meist parallel zu den Sechsfach-Impfungen verabreicht. Die Basis-Immunisierung erfordert laut Impfplan drei Dosen.
Laut WHO ist in Europa in der Zeit von 2010 bis 2024 die Impfquote gegen Pneumokokken von 37% auf 86% gestiegen.

Melderekorde bei invasiven Erkrankungen

Ich habe die deutschen Meldezahlen für invasive Pneumokokken-Erkrankungen für diesen Zeitraum in der RKI-Datenbank SurvStat nachgesehen. Zu beachten ist, dass es sich dabei meist um schwere Krankheiten handelt. Zu rund 80% sind es Lungenentzündungen - oft noch in Verbindung mit einer Sepsis (Blutvergiftung). Ich betone das deshalb, weil diese Fälle sich massiv von den Meldungen unterscheiden, wie wir sie z.B. aus der Covid-Zeit kennen, wo vielfach gesunde Personen Antikörper- oder PCR-Tests machen mussten, die auch eine beträchtliche Fehlerquote haben. 
Bei Verdachtsfällen invasiver Pneumokokken-Erkrankungen sind die Patienten hingegen längst im Krankenhaus. Dort wird eine Blut- oder Liquor-Probe genommen und ins Labor geschickt. Und wenn der Befund positiv für Bakterien der Art 'Staphylokokkus pneumoniae' ist, besteht laut Infektionsschutzgesetz Meldepflicht. Hinter jeder Meldung steht also ein tatsächlicher schwerer Krankheitsfall.

Die Tendenz zeigte mehrere Jahre leicht nach oben. Ab 2021 begann ein massiver Anstieg mit jährlichen Melderekorden. Auch für 2025 liegen Anfang November die Fallzahlen bereits über der Gesamtzahl des Vorjahres. Wahrscheinlich wird heuer die Marke von 10.000 Meldungen deutlich überschritten.


Ab einem Alter von 55 Jahren steigen die Fallzahlen stark an und erreichen im Alter über 80 Jahren ihren Höhepunkt.

Sieht man sich die Situation bezogen auf die Babys und Kleinkinder im Alter unter fünf Jahren an, so zeigt sich eine beinahe idente Situation. Die Pneumokokken Impfung wurde von der STIKO im Jahr 2006 erstmals allgemein empfohlen. Ich wähle für die Grafik den Zeitraum von 2001 bis 2024 um auch ein Bild über die Lage vor der Impfempfehlung zu geben.


Beim RKI wird vermutet, dass die "Zunahme der Fälle unter anderem mit dem Rückgang von Impf- und Hygienemaßnahmen nach der Corona-Pandemie erklärt werden kann."
Dem widerspricht die Lage in Österreich, aus der klar ersichtlich ist, dass der Trend über die Jahre ziemlich linear nach oben zeigt. (Quelle AGES)



Schon wieder neue Bakterien-Typen

Die mit Abstand meisten Fälle wurden laut Pneumokokken Jahresbericht 2024 von Bakterien des Typs 3 verursacht. Dieser Typ ist jedoch bereits seit langem in den Impfstoffen (PCV13, PCV15) enthalten. Ebenso wie der häufig diagnostizierte Typ 19A.
Die Typen 8, 10A und 22F wurden jetzt in die neu entwickelten Impfstoffe aufgenommen. Doch das Verdrängungs-Spiel geht weiter. Denn mit 23A, 24F und 38 drängen sich – bei Babys wie bei Senioren – schon wieder neue Bakterientypen in den Vordergrund, die bisher von keiner Impfung abgedeckt werden.

So wie sich die Sache allerdings darstellt, sollte wohl erst mal die Frage beantwortet werden, ob das derzeitige Impfkonzept überhaupt in der Lage ist, das Problem zu lösen.


PS: Wenn Ihnen dieser Blog interessant erscheint, würde ich mich freuen, wenn Sie meine Arbeit unterstützen. Mit Ihrer Spende finanzieren Sie unbestechlichen Journalismus und Filmprojekte, die sonst niemand macht.



Samstag, 6. Juni 2009

Paul Ehrlich Institut - den Herstellern verpflichtet oder dem Verbraucherschutz?

Wer als Folgerung meines Beitrags vom Donnerstag meint, die Willfährigkeit der Zulassungsbehörden gegenüber den Impfstoffherstellern, sowie das offenkundige Unwissen über die Zusammensetzung der zugelassenen Impfstoffe, beschränke sich auf Österreich, sei gleich auf das deutsche Paul Ehrlich Institut verwiesen.
Auf deren Webseite werden kritische "Behauptungen" zu den klinischen Studien und zur Zulassung der HPV Impfstoffe unter die Lupe genommen und widerlegt.

Beispielsweise die auch von mir geteilte Ansicht, "die Zusammensetzung der Placebos sei für die Untersuchung von Nebenwirkungen nicht geeignet".

Dies wird folgendermaßen "entkräftet":

Stellungnahme des PEI:

Ein Placebo ist ein Scheinmedikament, das einem echten Arzneimittel gleicht. Es wird z.B. als Kontrollmittel in klinischen Studien gegeben, um die echte Arzneiwirkung von den psychischen Wirkungen einer Heilmittelgabe auf den Patienten unterscheiden zu können.

Bei einer placebokontrollierten Impfstoff-Studie gibt es zwei Möglichkeiten, wie das Placebo aufgebaut sein kann:

Entweder erhält eine Teilnehmergruppe den zu testenden Impfstoff, die Vergleichsgruppe dagegen einen 'Scheinimpfstoff', dem das Impfantigen (der Wirkstoff) fehlt, der ansonsten aber von der Zusammensetzung her mit dem Testimpfstoff identisch ist. Dies erfordert natürlich unter anderem auch die Verwendung von Adjuvanzsystemen wie zum Beispiel Aluminiumhydroxid (Al(OH)3), wenn diese im Testimpfstoff verwendet werden. Dies war bei Gardasil der Fall.

Oder eine Teilnehmergruppe erhält den zu testenden Impfstoff, die andere Gruppe einen bereits zugelassenen Impfstoff, der ein anderes Impfantigen enthält. Das hat den Vorteil, dass die Placebogruppe ebenfalls einen Nutzen von der Teilnahme an der Studie hat.

Beide Ansätze erlauben es, den Anteil an Nebenwirkungen, der auf das Impfantigen zurückzuführen ist, zu ermitteln, da das Impfantigen der einzige Unterschied in der Zusammensetzung von Testimpfstoff und Placebo ist.


Diese meiner Ansicht nach vollständig absurde Argumentation klingt so, als sei sie wortwörtlich von den PR-Aussendungen der Herstellerfirmen abgeschrieben.

Zum einen unterschlägt sie die sinnvollste und aussagekräftigste Placebo-Impfung, nämlich die Injektion einer physiologischen Salzwasser-Lösung (wie sie sogar in einer der kleineren Gardasil-Studien eingesetzt wurde).

Zum anderen verblüfft das PEI mit der Rechtfertigung, dass es nur durch dieses Studiendesign möglich sei, die Nebenwirkungen herauszufiltern, die speziell auf die Impfantigene zurückzuführen sind.
Das ist unbestritten. Doch wen interessiert dieser Bruchteil an Nebenwirkungen? Was ist mit den Nebenwirkungen, die von den Adjuvantien und den anderen Inhaltsstoffen verursacht werden?
Die Mädchen, die geimpft werden und deren Eltern interessiert nicht dieser spezielle Anteil der Nebenwirkungen, sondern das gesamte Nebenwirkungs-Spektrum mit dem sie konfrontiert sind. Sie bekommen ja die gesamte Impfung und nicht bloß die Impfantigene gespritzt.

Noch falscher wird die Aussage des PEI, wenn in der Kontrollgruppe als Placebo eine andere Impfung verwendet wird. Im konkreten Fall von Cervarix, dem neben Gardasil zweiten zugelassenen HPV-Impfstoff, war das die Hepatitis A Impfung "Havrix". Sowohl Cervarix als auch Havrix sind Impfstoffe von GlaxoSmithKline (GSK).
Damit endet aber auch schon die Gemeinsamkeit. Denn selbstverständlich verwenden die beiden Impfungen unterschiedliche Antigene.
Sie verwenden außerdem auch vollständig unterschiedliche Adjuvantien. In Havrix, das bereits 1995 zugelassen wurde, wird das seit vielen Jahrzehnten gebräuchliche Aluminiumhydroxid eingesetzt. Im Fall von Cervarix handelt es sich um AS04 eine brandneue Kombination von Aluminiumhydroxid mit Monophospholipid A, einer Substanz die aus der Oberfläche von Salmonellen isoliert wurde und das Immunsystem wohl an eine massive Salmonellen-Infektion erinnern soll. Dementsprechend heftig fällt auch die Immunreaktion aus. Cervarix erreichte im direkten Vergleich mit Gardasil eine um das zwei- bis sechsfache stärkere Bildung neutralierender Antikörper und nahezu dreimal so viele Gedächtniszellen.

Havrix als Placebo von Cervarix einzusetzen ist also etwa so sinnvoll, wie ein Blutdruck-Medikament gegen einen Cholesterin-Senker zu testen. Damit werden die Nebenwirkungen die Cervarix macht, von jenen die Havrix macht, überlagert. Das Ergebnis ist eine unbrauchbare Melange, die keine klaren Aussagen zur Sicherheit des neuen Arzneimittels erlauben.

Das Paul Ehrlich schreibt hingegen ungeniert:

Beide Ansätze erlauben es, den Anteil an Nebenwirkungen, der auf das Impfantigen zurückzuführen ist, zu ermitteln, da das Impfantigen der einzige Unterschied in der Zusammensetzung von Testimpfstoff und Placebo ist.


Wie schlampig und oberflächlich die Mitarbeiter des PEI sich diesen speziellen Fachfragen stellen, zeigt abschließend noch der Hinweis auf das in Gardasil eingesetzte Adjuvans.
Es handelt sich dabei nicht, wie hier behauptet, um Aluminiumhydroxid, sondern um AAHS (Amorphous Aluminum Hydroxyphosphate Sulfate), das von Merck entwickelt wurde und sich laut Firmen-eigenem Forschungsbericht auf Grund seiner verstärkten immunogenen Eigenschaften speziell für die „Virus like particles“ des HPV-Impfstoffes eignet und sich sowohl physikalisch als auch funktionell von den traditionell verwendeten Adjuvantien unterscheidet..
Zitat aus dieser Arbeit:
Merck Aluminum Adjuvant (AAHS) is a proprietary aluminum hydroxyphosphate sulfate formulation that is both physically and functionally distinct from traditional aluminum phosphate and aluminum hydroxide adjuvants.


Wem, frage ich, dient eine Behörde, die für die Sicherheit von Impfstoffen zuständig ist, aber nicht einmal um elementare Details dieser Arzneimittel bescheid weiß und im übrigen einer vollständig abgehobenen Argumentation der Pharmaindustrie folgt.

Fühlen sich öffentliche Agenturen wie das Paul Ehrlich Institut oder die AGES-PharmMed überhaupt noch dem Verbraucherschutz verpflichtet, oder sind sie längst den Herstellern hörig?

Donnerstag, 4. Juni 2009

Sichere Impfstoffe, unsichere Behörden

"Impfstoffe sind sicherer als 'normale' Arzneimittel", lautete der Titel einer APA Meldung, die unter anderem vom online-standard übernommen wurde. Der Artikel bezieht sich auf eine Veranstaltung der österr. Arzneimittel-Behörde AGES PharmMed, zu der gestern die Presse geladen war. Ich war auch dort.

Anlass für die Einladung war die Renovierung und Wiedereröffnung des OMC-Labors (Official Medicines Control Laboratory) in der Wiener Possingergasse. Der Titel der APA-Meldung ergab sich als Antwort auf die Frage des APA Redakteurs Wolfgang Wagner an Gerhard Beck, den Leiter der AGES PharmMed-Zweigstelle.

Hier die entsprechende Passage:
"Schwere Nebenwirkungen, abgesehen von Rötungen oder Schwellungen an der Impfstelle oder Fieberreaktionen, treten bei der Gabe von Impfstoffen seltener als bei synthetischen Arzneimitteln auf. Synthetisch hergestellte Arzneimittel wirken systemisch (im ganzen Körper, Anm.) und haben viel mehr Nebenwirkungen. Impfstoffe werden lokal gegeben, mit Antigenen haben wir ja täglich Kontakt. Sie imitieren im Grunde einen natürlichen Vorgang", sagte Gerhard Beck


Ich halte das für eine höchst erstaunliche Aussage, die fachlich unhaltbar ist.

Ein synthetisches Arzneimittel - sagen wir ein Schmerzmittel oder eine Blutdruck-Pille - wirkt also systemisch (im ganzen Körper).
Ein Impfstoff hingegen nur lokal?

Ist es nicht die Aufgabe eines Impfstoffes, einen bleibenden Eindruck im Immunsystem zu hinterlassen, der im Idealfall ein ganzes Leben lang andauert?

Wie lange hält im Vergleich dazu die Wirkung eines Aspirins an?

Oder um es umzudrehen: Wie lange kann die Nebenwirkung eines Aspirins anhalten - verglichen mit der Nebenwirkung einer Impfung?

Ein Arzneimittel, das keine Nebenwirkung hat, sagte AGES-PharmMed Chef Marcus Müllner, hat auch keine Wirkung.

Das Ziel einer Impfung ist die günstige Beeinflussung des Immunsystems. Eine wesentlich problematischere Nebenwirkung als die simple "Rötung an der Impfstelle" wäre die ungünstige Beeinflussung des Immunsystems. Beispielsweise in Richtung einer dauerhaft falschen Immunreaktion.


Allergien und Autoimmunkrankheiten

Wir leben inmitten einer weltweiten "Pandemie" von Krankheiten des Immunsystems. Etwa ein Drittel der Bevölkerung in den Industrieländern ist beeits von Allergien oder Autoimmunkrankheiten betroffen.
Befragt nach den Gründen für diesen rasanten Anstieg innerhalb weniger Jahrzehnte, nennen die Experten "unbekannte Umwelteinflüsse" oder diffuse "genetische Ursachen".
Man weiß es also nicht.

Kommt die Rede jedoch auf die - parallel zu dieser Krankheitswelle - ebenso rasant gestiegene Anzahl von Impfungen, so heißt es sofort: Das hat damit nichts zu tun, das sei doch erwiesen.

Ich würde mir hier etwas mehr Vorsicht wünschen. Denn geimpft werden im Regelfall vollständig gesunde Menschen. Babys und Kleinkinder, deren Eltern voller Vertrauen zum Impfarzt gehen, und sich von dieser Maßnahme ein Mehr an Gesundheit und Sicherheit erwarten. Und die ein Recht darauf haben, dass Risiken auf das nicht mehr vermeidbare unterste Limit reduziert werden.

Von Seiten der Behörden ist deshalb ein Höchstmaß an Aufmerksamkeit gefordert. Eine vorsorglich kritische - besser sogar eine überkritische Einstellung, die sich auch nicht vom – in der fernen Vergangenheit unter gänzlich anderen Umständen erworbenen – guten Image der Impfungen blenden und lähmen lässt.

Denn machen wir uns nichts vor: Es gibt zwar eine große Zahl von Indizien dafür, dass Impfungen nichts mit dem beschriebenen Anstieg von Krankheiten des Immunsystems zu tun haben, es gibt aber keine Beweise. Denn Beweise sind schwer zu beschaffen. Das würde bedeuten, dass man Studien unternehmen müsste, in der das Los entscheidet, ob ein Mensch geimpft wird oder nicht.
Und solche Studien sind zurecht ethisch nicht verantwortbar.

Es gibt im Gegenteil aber auch eine Reihe von Hinweisen, dass Impfungen - etwa bei genetisch empfänglichen Menschen - dauerhafte Schädigungen des Immunsystems auslösen können. Dass so etwas möglich ist, streitet kein ernst zu nehmender Immunologe ab. Umstritten ist bloß, wie groß dieses Risiko ist.


Wenn das Potenzial von Nebenwirkungen so pauschal verniedlicht und abgetan wird, wie von Gerhard Beck, so stellt sich die Frage, ob hier mit dem nötigen Verantwortungsgefühl gearbeitet wird. Wer keine Gefahr vermutet, wird auch keine Gefahr entdecken.


Erschreckender Wissensstand

Unter den Bestandteilen einer Impfung machen die Adjuvantien den massivsten Eingriff ins Immunsystem. Dies ist auch ihre Aufgabe, weil die Antigene - also die wesentlichen Bestandteile der Impfung - ohne diese Hilfsstoffe vom Immunsystem meist gar nicht wahr genommen würden. Dazu fehlt es den ausgehöhlten Viren oder den abgetöteten Bakterienteilen einfach an Gefährlichkeit. Sie würden bloß von den körperinternen Putztrupps gesammelt, in die Einzelteile zerlegt und recycled oder beseitigt und ausgeschieden. Also braucht es ein Signal, der das Immunsystem täuscht, einen Schock, der so eindrucksvoll ausfällt, dass eine Alarmaktion ausgelöst wird. Derart aufgescheucht finden die Zellen der Immunabwehr dann die Antigene der Impfung, halten diese für die Auslöser der Aufregung, verhaften diese und schleppen sie in die zentralen Sammelstellen - z.B. die Lymphknoten, wo dann der bekannte immunologische Lerneffekt stattfindet.

Soweit die Theorie.
Doch jeder Feuerwehrmann weiß, dass bei einer Alarmübung etwas schief gehen kann. Und auch Immunologen finden zunehmend heraus, was an unerwünschten Reaktionen möglich ist.
Die aufgescheuchten Kämpfer der Immunabwehr können sich beispielsweise irren und körpereigene Proteine für die Übeltäter halten. Für diese Fehlreaktion wurde der Ausdruck „molecular mimicry“ geprägt. Ergebnis der Verwechslung wäre eine Autoimmunkrankheit. Zum Beispiel eine chronische Uveitis - eine oft folgenschwere Entzündung der Regenbogenhaut des Auges - in der Literatur beispielsweise nach BCG-Impfung beschrieben. Oder eine systematische Schädigung der Nervenzellen durch Angriff des Immunsystems auf deren Myelinschichten, wie sie etwa nach Heptatis-B-Impfungen beobachtet und heftig pro und contra debattiert wurden.

Jedenfalls sollte es sich schon bis zu den Behörden durchgesprochen haben, dass Adjuvantien durchaus ein potenzielles Risiko darstellen und besonders penibel auf ihre Sicherheit geprüft werden sollten.

Ich habe also ein paar Zwischenfragen zur Sicherheit der Adjuvantien gestellt, und wählte als aktuelle Beispiele die derzeit so heftig beworbenen und heiß diskutierten HPV-Impfstoffe Gardasil und Cervarix.

Ich wollte wissen, ob den Mitarbeitern der AGES PharmMed Studien bekannt sind, in denen die Sicherheit dieser beiden - im Vergleich zum traditionell verwendeten Aluminiumhydroxid - recht neuartigen Aluminium-Verbindungen geprüft und bestätigt wurde.

Die Antwort war nein.

Ich wollte wissen, warum die Europäische Arzneimittelbhörde EMEA kein Problem darin sah, Cervarix zuzulassen, während die US-amerikanische FDA das - wegen kolportierter ungenügender Sicherheitsdaten des darin verwendeten neuartigen Adjuvantiensystems - abgelehnt hatte.

Die Experten waren sichtlich verwundert zu erfahren, dass Cervarix in den USA nicht zugelassen war.

Ich fragte weiter, ob es ihrer Meinung nach in Ordnung sei, dass in den Zulassungsstudien von Cervarix und Gardasil die Adjuvantien nicht nur in den Impfstoff-Gruppen, sondern gleich auch in den Placebogruppen verimpft worden waren.

Selbstversändlich nicht, sagte Gerhard Beck. Das wäre höchstens dann zu verantworten gewesen, wenn es sich dabei um das altbekannte Aluminiumhydroxid gehandelt hätte. "Hat es aber scheinbar nicht", fragte er zurück. Ich verneinte.

Ich stellte die abschließende Frage, ob es nicht die Aufgabe einer Arzneimittel-Behörde sei, sich über derartige Risiken zu informieren und diese penibel zu prüfen, zumal ich dieselben Fragen auch schon zwei Wochen vor der gestrigen Veranstaltung schriftlich an die Leiter der AGES PharmMed gestellt habe.

Die Antwort darauf fiel etwas kleinlaut aus.

Und jedenfalls deutlich unklarer als die Blanko-Unbedenklichkeits-Erklärung welche die APA-Aussendung zierte.