Vergangenen Freitag brachte die ARD Sendung 'Panorama' einen 12 Minuten langen Beitrag mit dem Titel "Masern: Wie Impfgegner die Impfpflicht boykottieren". Der frühere 'Correctiv' Chefredakteur und nunmehrige 'Investigativ-Chefreporter' Markus Grill rückte mit seinem Team aus, um ärztliche Impfgegner an den Pranger zu stellen. - Dies eröffnet die Frage, ob sich Journalisten heute in erster Linie als Hilfssheriffs und Claqueure der Regierenden verstehen - und damit die Gesellschaft weiter spalten. Anstatt den Unsinn der Impfpflicht darzustellen.
Als erster Fall wurde die Praxis des Allgemeinmediziners Volkhard P. in der Stadt Vilsbiburg im bayrischen Landkreis Landshut besucht. Kein Schild, keine Patienten. Grill klopfte an die Tür. Die Praxis war - offenbar dauerhaft - geschlossen.
Die Reporter fuhren weiter zum Kinderarzt Matthias Hartig, der in derselben Stadt praktiziert. Hartig hatte sich gewundert, dass impfkritische Eltern, die sich vehement gegen die Masernimpfung gewehrt hatten, nun plötzlich Impfeinträge von Volkhard P. im Impfpass ihrer Kinder hatten. Genau dieser Kollege hatte sich während der Pandemie nämlich als großer Kritiker der Covid-Impfungen geoutet: Sollte der nun tatsächlich regelmäßig Masern-Impfungen durchführen? Ausgerechnet bei den Kindern impfkritischer Eltern?Die Gesundheitsämter wurden informiert. Der Verdacht verdichtete sich. Irgendwie gelangte Hartig an Blutproben dieser Kinder. Und bald stellte sich heraus, dass deren Masern-Titer negativ waren. Volltreffer! Die Staatsanwaltschaft stellte einen Haftbefehl gegen Volkhard P. aus. Ein Strafverfahren wurde eingeleitet. Volkhart P., der mittlerweile wieder auf freiem Fuß ist, verweigerte den ARD-Reportern ein Interview vor der Kamera.
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| ARD-Chefreporter Grill auf Impfgegner-Jagd |
Als nächstes fuhren die Reporter nach Salzburg, wo Andreas Sönnichsen, Facharzt für Innere Medizin, seine Praxis betreibt. Der gebürtige Hamburger war vorher Professor an verschiedenen Universitäten. Zuletzt als Leiter der Abteilung für Allgemein- und Familienmedizin am Zentrum für Public Health der Universität Wien.
Medial hochgepushte und tatsächliche Gesundheits-Risiken
Ich kenne und schätze Dr. Sönnichsen seit vielen Jahren. Besonders wichtig fand ich sein Engagement im Bereich der Polypharmazie. Darunter versteht man die gleichzeitige, routinemäßige Einnahme von 5 oder mehr Medikamenten. "Ab diesem Pensum kann man davon ausgehen, dass die Nebenwirkungen gravierender sind, als der Nutzen", erklärte mir Sönnichsen. "Wir haben hier gesellschaftlich ein Riesenproblem, aber kaum jemand, der den Menschen Hilfestellung bietet."
Spätestens ab einem Alter von 75 Jahren ist Polypharmazie nicht die Ausnahme, sondern der Normalfall. Sie gilt als eine der Hauptursachen für Stürze, Knochenbrüche, akutes Nierenversagen, Verwirrtheitszustände und Magenblutungen. Laut Schätzungen sterben jährlich 20.000 bis 50.000 Deutsche an den Folgen.
Als ich Prof. Sönnichsen im Mai 2020 anlässlich einer 'Talk im Hangar' Sendung in Salzburg traf, erzählte er mir, dass sie diesbezüglich nun einen Durchbruch erzielt haben. Ein patientenfreundliches Tool sei fertig, wo man seine Medikamente eintragen kann - und anschließend automatisiertes fachliches Feedback über Unverträglichkeiten oder Mehrfach-Verschreibungen erhält. Da erfährt man zum Beispiel - bei der Analyse der Medikamente älterer Angehöriger - dass gleich mehrere Blutdruck-Senker oder Diabetes Präparate darunter sind. "Solche Fälle sind häufig", erzählte mir Sönnichsen. "Der Hausarzt verschreibt etwas, bei einem Krankenhaus- oder Facharzt-Termin kommt noch etwas dazu und niemand fühlt sich dafür zuständig, ein Medikament auch wieder abzusetzen."
Man merkte Sönnichsen damals an, dass er gerne weiter in Ruhe an diesem Thema gearbeitet hätte - statt sich mit der Pandemie und den immer gravierender werdenden Auswüchsen der Covid-Maßnahmen oder einer drohenden Impfpflicht zu befassen. Aber natürlich mischte er sich ein, debattierte öffentlich und geriet in Widerspruch zur Phalanx der Medien-Experten, die ihre Weisheit mit Kochlöffeln gefressen hatten und über alle Kanäle verbreiteten.
Es war die große Zeit der Hardliner. Die Zeit der Mitläufer. Und die Zeit der akademischen Halsabschneider.
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| Geriet ins Visier der Impf-Hardliner: Mediziner Andreas Sönnichsen |
Und so musste Sönnichsen 2021 als Vorsitzender des Deutschen Netzwerks Evidenzbasierter Medizin zurücktreten. Und verlor 2022 seine Professoren-Stelle an der Uni Wien. Die Uni Wien verlor das Interesse am Projekt der Polypharmazie-Aufklärung. Und Sönnichsen ist wieder einfacher niedergelassener Arzt. Saboteur der Impfpflicht
Und jetzt stand der vielfach ausgezeichnete Aufdeckerjournalist Markus Grill mit seinem investigativen TV-Team vor der Tür seiner Salzburger Praxis. Denn Sönnichsen hatte etlichen seiner kindlichen Patienten sogenannte "Impfunfähigkeits-Bescheinigungen" ausgeschrieben. Im Beitrag werden sie als "FakeAtteste" bezeichnet, denn natürlich kommen die meisten Eltern aus Deutschland und legen diese Bescheinigungen später in deutschen Kitas und Schulen vor. Und dort gilt bei Masern die Impfpflicht.
Sönnichsen wird im Beitrag als prominenter Impfgegner vorgestellt, der "von der AfD sogar in den Bundestag eingeladen wurde". Im Beitrag wird aus Sönnichsens Vortrag genau ein Satz mit Bezug auf die Corona-Pandemie zitiert, nämlich dieser: "Das ganze war inszeniert und es ist seit Jahrzehnten vorbereitet, uns zu willfährigen Patienten zu machen, die diesem System dienen."
- "Inszeniert" - "seit Jahrzehnten vorbereitet" - "willfährige Patienten, die dem System dienen" - Das klingt genug nach Verschwörungsideologie, um Sönnichsen einen Stempel aufzudrücken. Und das gut geschulte ARD Publikum in seinen Sofasesseln weiß fortan, was von dem Mann zu halten ist.
Schließlich kommt es noch tiefer: Sönnichsen lebe nicht ohne Grund in Salzburg, erfahren wir. "Denn in Deutschland wäre es strafbar, so pauschale Impfunfähigkeits-Bescheinigungen auszustellen." Man unterstellte ihm demnach, dass er nach Salzburg übersiedelt ist, um aus dem Hinterhalt die Impfpflicht auszutrixen.
Als aufrechter globaler Kämpfer gegen Masern - und offensichtlich krasser Gegensatz zu Sönnichsen, wird im Beitrag der damalige Gesundheitsminister Jens Spahn anmoderiert, der die Impfpflicht gegen Masern durchgesetzt hatte. "Wir wollen dass niemand mehr an Masern erkranken muss, dass es diese Erkrankung auf der Welt nicht mehr gibt und dafür braucht es dieses Gesetz", sagte Spahn.
Damals waren 96% der Kinder gegen Masern geschützt. Die Offensive Spahns war eine reine Alibiaktion. Er lief - unterstützt von den Medien und dem Fall eines angeblich an Masern verstorbenen Berliner Kleinkinds - offene Türen ein. Schaffte es, die 'Impfgegner' als Feindbild zu benutzen uns sich selbst als Saubermann darzustellen.
Im Jahr 2020 - kurz vor Einbruch des Covid-Chaos - wurde das Gesetz im Bundestag beschlossen. 30 Jahre nach Abschaffung der DDR hatte Deutschland wieder eine Impfpflicht. Und der ehemalige Pharmalobbyist Spahn grinste feist.
Nebenbei bemerkt: Seit Impfpflicht herrscht ist die Impfbereitschaft der Deutschen drastisch gesunken.
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| Jens Spahn: Vom Pharmalobbyisten zum Gesundheitsminister |
Wo sind die Zeiten hin, wo es noch als journalistische Tugend galt, für die Schwächeren einzutreten? Wo ist der Geist der "Bittere Pillen" Ära mit ihrem Bestreben, vor Missbrauch zu warnen und über Nebenwirkungen aufzuklären?
Nun gilt als erste journalistische Tugend, Vorurteile zu bedienen, staatliche Propaganda zu unterstützen und auf keinen Fall die Marketing Abteilung des eigenen Medien-Unternehmens zu verärgern.
Masern Sterberisiko vor und nach Einführung der Impfung
Man hätte dem hysterischen Geschrei über die "lebensgefährliche Masern" auch Fakten gegenüberstellen können, die nicht zum Kanon der Impfpropaganda passen, dafür aber die Realität abbilden.
Atmen wir also tief durch, lassen wir die Hysterie hinter uns und schauen wir uns einige Informationen an, die in der Diskussion über Masern selten zur Sprache kommen.
Aus den USA gibt es von Seiten der Behörden Sterbezahlen für Masern, die bis an den Beginn des 20. Jahrhunderts reichen. Die Sterbekurve fällt von 1900 bis 1920 von etwa 20 Masern-Todesfällen pro 100.000 Einwohner auf etwa 10 Todesfälle ab. Mit den besser werdenden sozialen Verhältnissen, besserer Ernährung und medizinischer Versorgung brechen die Todesfälle bis zum Beginn der 1960er Jahre regelrecht ein auf 0,2 Fälle pro 100.000 Einwohner, das entsprach etwa 400 bis 500 Todesfällen. Oder anders ausgedrückt: einem Todesfall pro 10.000 Masern-Erkrankungen.
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| Rückgang der Masern Mortalität in den USA: Erfolg sozialer und hygienischer Verbesserungen |
1963 kam der erste Masern Impfstoff in den USA und anschließend auch in Europa auf den Markt. Es handelte sich um einen inaktivierten Impfstoff, der abgetötete Masernviren enthielt. Er erwies sich später als großteils unwirksam und wurde wieder vom Markt genommen. Trotzdem fiel die Sterbekurve weiter ab, wie man in der Nahaufnahme der Kurve (unten) sehen kann.
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1967 wurde die wesentlich wirksamere Lebendimpfung eingeführt. Die Impfquote kletterte jedoch nur langsam über 50%. Ab 1972 zählten die US-Behörden jährlich rund 20 Masern-Todesfälle - bei rund 3,5 Millionen Kindern pro Jahrgang.
Schwung in die Impfkampagne kam erst mit der Präsidentschaft von Jimmy Carter. Er gab das Ziel aus, bis zum Jahr 1979 eine Impfquote von 90% zu erreichen. Was dann auch gelang.
In der Folge reduzierten sich die Masern-Erkrankungen dramatisch. Bei den Masern-Sterbefällen ging es zwar auch weiter runter. Doch war hier schon seit längerer Zeit die Talsohle erreicht. Seit den 1980er Jahren traten nur noch vereinzelt Todesfälle auf - und das blieb so bis heute.
Die Reduktion der Masern-Erkrankungen ist demnach eindeutig eine Folge der wirksamen Lebendimpfung. Die Reduktion der Masern-Todesfälle jedoch nicht auf die Impfung, sondern in erster Linie auf die sozialen und hygienischen Verbesserungen im Lauf des 20. Jahrhunderts zurückzuführen.
In Europa war der Verlauf der Masern nahezu ident, wie diese Graphik mit Daten der französischen Behörden zeigt.
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| Masern in Frankreich: als die Impfung kommt, ist das Sterberisiko bereits nahe null |
Ähnlich entwickelte sich die Lage in Deutschland. Nach
Daten des Robert Koch Instituts starben im Jahr 1961 0,33 von 100.000 Westdeutschen an Masern, 1962 waren es 0,25, 1963 dann 0,2 pro 100.000.
Tod durch Masern zählte demnach bereits vor Einführung der Impfung zu den extrem seltenen Todesfällen. Das Risiko in der Badewanne zu ertrinken, war dreimal so hoch. Das Risiko eines tödlichen Verkehrsunfalls hundert mal höher.
Die Masern-Impfung war zwar schon ab den 1960er Jahren verfügbar, setzte sich aber erst während der 1980er Jahre bei der Mehrheit der Bevölkerung durch. Als das Sterberisiko beinahe nicht mehr existent war.
Die traurigen Fälle, die trotzdem alle paar Jahre passieren, wurden dafür medial aufgeblasen und durch alle Gazetten getrieben. Etwa wenn ein Kind an der tödlichen SSPE erkrankte, einer extrem seltenen Komplikation, die angeblich nur nach Ansteckung aber nie nach Impfung auftritt. Obwohl hier wie dort dieselben Viren vorkommen.
Oder der tragische Fall eines 18 Monate alten Jungen, der 2015 in der Berliner Charite an Masern verstorben ist. Aus dem Umfeld der behandelnden Ärzte drang bald nach außen, dass der Bub einen schweren angeborenen Herzfehler hatte. Ein Sprecher der Klinik bestätigte das nach der erfolgten Obduktion. Der Fall lieferte dennoch die mediale Steilvorlage für die Impfpflicht.
Teil 2 des Artikels folgt in kürze
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