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Sonntag, 30. November 2014

"Die chronische Aufnahme von Aluminium führt zu Alzheimer"

Mittwoch und Donnerstag fand in Berlin eine Konferenz des Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) zum Thema Aluminium statt, an der ich teilgenommen habe. Die weiteste Anreise hatte die Alzheimer-Expertin Judie R. Walton, Professorin an der University of New South Wales in Sydney. Sie präsentierte in ihrem Vortrag 20 Belege für die These, dass Aluminium die Alzheimer Krankheit auslöst. Basis ihres Vortrages ist ihr "Opus Magnum", ein Übersichtsartikel, der kürzlich im Journal of Alzheimer's Disease publiziert wurde. Die Arbeit ist 74 Seiten lang, bietet 488 Quellverweise in die wissenschaftliche Literatur und lässt im Titel keinen Raum für Zweifel: "Chronic Aluminium Intake Causes Alzheimer's Disease".
Walton JR BfR
Prof. JR Walton (r.) mit Moderatorin Dr. Adelheid Müller-Lissner vom Tagesspiegel, Foto: Ehgartner
Während ihres Vortrags zeigte Walton ein acht Minuten langes Video, in dem sie eine über drei Jahre geführte Fütterungsstudie mit Ratten dokumentierte. Die 30 Tiere erhielten drei verschiedene Dosierungen von Aluminium ins Trinkwasser gemischt, wie sie der unteren, der mittleren und der oberen Belastung entsprechen, welche US-Amerikaner über Nahrungsmittel aufnehmen. Einmal wöchentlich machte sie mit den Tieren einen standardisierten Gedächtnistest. Die Ratten mit der geringsten Alu-Dosis schnitten dabei im höheren Alter genauso gut ab, wie im mittleren. Das älteste Tier aus dieser Gruppe erreichte ein auf Menschenzeit umgerechnetes Alter von 105 Jahren. Im Video sieht man, wie die greise Ratte - obwohl an den Hinterbeinen bereits lahm - noch immer die richtige Stelle für das Futter findet. In der mittleren Gruppe versagten 20 Prozent beim Gedächtnistest, in der höheren Alu-Dosis waren es 70 Prozent.
Hier ein Interview mit Prof. Judie R. Walton zu ihren Thesen.
(Bert Ehgartner vom BfR Forum in Berlin)
Was ist Ihrer Ansicht nach die Ursache der Alzheimer Krankheit?
JR Walton: Die Ursache der Alzheimer Krankheit liegt in der chronischen Aufnahme von Aluminium. Das kann über Nahrungsmittel passieren, über Trinkwasser, über Kosmetikprodukte wie etwa die Antitranspirantien, über Impfungen die Aluminium-haltige Hilfsstoffe enthalten und  zahlreiche andere Produkte. Erwähnen möchte ich auch kontaminierte Luft in der Wohnumgebung oder einen Arbeitsplatz, wo man mit Aluminiumdämpfen oder Stäuben konfrontiert ist. Aluminium ist ein Nervengift und wir kennen ja bereits eine andere Form der Demenz - die so genannte Dialyse-Demenz – wo Aluminium eindeutig als Verursacher überführt worden ist.
Wie konkret kann man sich das vorstellen?
JR Walton: Sehr geringe Mengen von Aluminium reichern sich laufend im Hirngewebe an, speziell in jenen Regionen, wo auch die Gedächtnis-Verarbeitung passiert. Wenn das Gehirn diesem Neurotoxin 40 bis 50 Jahre ausgesetzt ist und dazu noch die normalen biologischen Alterungsprozesse greifen, so kann das in jene Veränderungen münden, welche wir als Alzheimer-Krankheit bezeichnen.
Kann der Anstieg nicht eine Folge dessen sein, dass die Menschen früher einfach nicht alt genug wurden, um überhaupt an Alzheimer zu erkranken?
JR Walton: Immer mehr ältere Menschen haben diese durchschnittliche Aluminium-Zeitspanne von 40 bis 50 Jahren mit erlebt. Bei genetisch empfänglichen Personen kann auch eine kürzere Periode ausreichen, um die Krankheit zu entwickeln. Doch wenn die Aluminiumdosis niedrig genug ist – auf einem Level wie in der vorindustriellen Zeit – so erreichen die Menschen ein hohes Alter ohne Anzeichen von Demenz.
Was sind die wichtigsten Resultate Ihrer Studien mit Ratten?
JR Walton: Ratten altern 35 mal schneller als Menschen. Wir sind also in der Lage, die Alzheimer entsprechende Demenz in Ratten binnen zwei bis drei Jahren zu erforschen, wofür wir beim Menschen viele Jahrzehnte brauchen würden. Wenn man es von der anderen Seite betrachtet, so leben wir alle inmitten eines Belastungs-Experiments, wo wir etwa über die Nahrungsmittel einer täglichen Dosis von 0,4 bis 1,6 Milligramm Aluminium pro Kilogramm Körpergewicht ausgesetzt sind. Die Rattenstudien zeigen uns, dass die Sicherheitszone sehr eng ist. Eine fiktive Person, die als Baby Muttermilch erhalten hat anstelle der Aluminium-belasteten Ersatzmilch, die keine Alu-haltigen Impfungen bekommen hat, keine Alu-haltigen Medikamente nimmt, deren Trinkwasser-Belastung unter 0,02 mg pro Liter liegt, die sich von frischen Nahrungsmitteln ernährt, welche selbst zubereitet oder gekocht werden, die keine Alufolie verwendet und auch keine Alu-Deos – so eine Person wird mit hoher Wahrscheinlichkeit niemals an Alzheimer erkranken. Menschen, welche diese Regeln brechen – und das sind fast alle hier unter uns – entwickeln hingegen nach einigen Jahrzehnten ein konkretes Alzheimerrisiko.
Wie ist ihr Ratten-Experiment im Detail abgelaufen?
JR Walton: Das erste Jahr über haben wir alle Tiere mit einer Aluminium-armen Diät gefüttert, damit sich ihr Gehirn normal entwickeln konnte. In dieser Zeit trainierten wir sie mit einem der üblichen Standard-Gedächtnistests. Als die Tiere ein Jahr alt waren, haben wir sie verschiedenen Gruppen zugelost, die fortan mit dem Trinkwasser Aluminium in drei Dosierungen aufnahmen. Die Menge haben wir nach dem unteren, dem mittleren und dem oberen Gehalt bemessen, wie es der durchschnittlichen menschlichen Ernährung entspricht. Das haben wir bis zum Lebensende der Ratten so beibehalten.
Und was waren die Unterschiede?
JR Walton: Körperlich blieben die meisten Tiere gesund, aber die Mehrzahl der Tiere in der Gruppe mit der höchsten Aluminium-Dosis verloren ihr Kurzzeit-Gedächtnis. Ab einem Alter von 28 Monaten war kein einziges Tier aus dieser Gruppe mehr in der Lage, den Gedächtnistest zu machen. Langzeit-Experimente mit Ratten werden oft im Alter von 23 Monaten – das entspricht einem Menschenalter von 70 Jahren – abgebrochen. Unsere Laborratten starben meist an Altersschwäche. Das älteste Tier wurde 36 Monate alt, was einem Menschenalter von 105 Jahren entspricht.
Die Resultate Ihrer Studien stimmen nicht mit anderen Studien überein, wo teils viel höhere Dosen an Aluminium verwendet wurden.
JR Walton: Das liegt daran, dass sich Aluminium unterschiedlich auswirkt, je nachdem ob sie hohe oder niedrige Dosen einsetzen. Es kommt sehr auf die Dauer einer Exposition an, weil sich die Konsequenzen gegenseitig verstärken können. Wenn sie den Tieren höhere Dosen geben, so haben sie den kognitiven Schaden schon im jungen Alter. Das gleicht eher einer Vergiftung. Bei einer niedrigen Aluminiumdosis beobachten wir hingegen eine lange Vorlaufphase, die weitgehend symptomfrei ist. Unsere Arbeit gleicht eher den epidemiologischen Studien beim Menschen, die gezeigt haben, dass die Bevölkerung in einem Trinkwasser-Gebiet mit hohem Aluminiumgehalt ein höheres Alzheimerrisiko hat.
Allgemein heißt es, dass die Ansicht vor 20 Jahren widerlegt worden ist, dass Aluminium die Alzheimer Krankheit verursacht.
JR Walton: Dieses Statement wird heute noch genauso verbreitet wie vor 20 Jahren. Ich lade alle ein, meine 16 publizierten Studien zu diesem Thema zu lesen, dann können Sie ja entscheiden, ob Sie das noch immer glauben.
Erst kürzlich sind zwei Übersichtsartikel publiziert worden, welche behaupten, dass die Aluminiumhypothese zur Erklärung der Alzheimer-Erkrankung tot ist.
JR Walton: In meiner aktuellen Übersichtsstudie gehe ich derselben Frage nach und komme zu einem diametral gegensätzlichen Resultat. In meiner Arbeit zitiere ich beinahe 500 wissenschaftliche Quellen zur Neurotoxizität von Aluminium und seinen Effekten. Ich fühle mich recht sicher mit meiner Position, dass die Aluminiumhypothese mehr denn je am Leben ist und die Waagschale der Evidenz ein recht eindeutiges Ergebnis liefert.
Es heißt, dass sich Aluminium erst später im Gehirn anreichert, nachdem der Schaden schon angerichtet ist.
JR Walton: Diese Ansicht ist extrem fadenscheinig.  Aluminium gelangt auf verschiedene Arten in Nervenzellen des Gehirns, wo es sich akkumuliert und die Zellfunktion stört. Ich habe diesen Vorgang in sechs Stadien eingeteilt, die einen zeitlichen Verlauf haben und in verschiedenen Zellen ähnlich ablaufen. Irgendwann ist aber immer der Punkt erreicht, wo die zellulären Reparaturmechanismen und deren  Fähigkeit zur Kompensation den angerichteten Schaden nicht mehr ausgleichen kann und die Zelle ihre Funktion verliert.
Kupfer und Eisen werden ebenfalls als mögliche Auslöser der Alzheimer-Krankheit diskutiert. Was halten Sie davon?
JR Walton: Kupfer und Eisen sind essentielle Spurenelemente, die im Organismus die verschiedensten wichtigen Funktionen erfüllen. Diese Metalle unterliegen strengen Kontrollmechanismen. Es gibt Proteine, welche die Aufgabe haben, sie einzufangen und an sicheren Orten zu lagern, wenn sie einen bestimmten Grenzwert übersteigen. Aluminium ist nicht essentiell. Es wird für gar nichts im Körper gebraucht – und sowohl bei der Alzheimer Krankheit als auch bei Dialysedemenz oder der Knochenerweichung finden sie stets hohe Aluminiumspiegel im Serum.
JR Walton  Don Bryson-Taylor
Prof. Judie R. Walton mit Partner Don Bryson-Taylor, Foto: B. Ehgartner

Das Interview ist auf der Seite des Al-ex Institut erschienen wo auch noch eine Reihe anderer Artikel zum BfR Forum zu lesen sind.
Wenn Ihnen dieser Artikel gefallen hat, würden 
wir uns über einen kleinen Beitrag zu unserer Arbeit sehr freuen. 

Dienstag, 16. April 2013

Aluminium - Die geheime Gefahr


Der Greenpeace Aktivist Bernd Schaudinnus war als einer der ersten ausländischen Helfer vor Ort, als im Jahr 2010 in Ungarn ein Becken mit giftigem Rotschlamm aus der Aluminium-Produktion einstürzte. Die Katastrophe war für ihn Anlass, die Spur aufzunehmen und sich intensiv mit dem Leichtmetall zu befassen. 
Am 21. April wurde in der Sendereihe "planet e" des ZDF ein neuer, 30 Minuten langer Film zur Problematik von Aluminium gezeigt. Er kann in der Mediathek des ZDF jederzeit angesehen werden. 

Greenpeace Aktionskoordinator Bernd Schaudinnus 
Es war eine der größten Umweltkatastrophen Europas. Am 4. Oktober 2010 zur Mittagszeit bricht in Ungarn der Damm eines Deponiebeckens einer Aluminiumfabrik, in dem toxischer Rotschlamm gelagert war. Die Folge: Eine meterhohe Flutwelle verwüstet angrenzende Dörfer und die Kleinstadt Devecser.

Bernd Schaudinnus, Aktionskoordinator bei Greenpeace reist mit seinem Team sofort aus Wien an, als er von dem Unglück erfährt. "Bis dahin habe ich kaum etwas über die Gefährlichkeit von Aluminium gewusst", sagt Schaudinnus. Er wird Zeuge unglaublicher Szenen: „Es war wie ein Waten in Blut, die Menschen waren vollständig uninformiert und haben mit bloßen Händen in den ätzenden Schlamm gegriffen.“

Istvan Benkö

Schaudinnus trifft den ungarischen Kameramann Istvan Benkö, dessen dramatischen Live-Bilder von der Katastrophe damals um die Welt gegangen sind. Benkö kämpfte wochenlang um sein Leben. Heute kann er keine Kamera mehr tragen, seine Gesundheit ist ruiniert. Das Viertel, in dem sein Haus stand, ist heute vollkommen abgerissen.

Giftbrühe aus dem Sperrgebiet

Während die ungarischen Behörden den Fall für beendet erklären, dringt Schaudinnus in das Sperrgebiet unmittelbar unterhalb der Bruchstelle vor: Hier liegt der Schutt von den abgerissenen Häusern – ohne irgendwelche Sicherheitsvorkehrungen. Er wurde einfach auf das ehemalige Ackerland gekippt. Mitten durch fließt ein Bach. Schaudinnus nimmt daraus eine Wasserprobe.
Im Sperrgebiet unterhalb der Bruchstelle des ungarischen Rotschlamm-Beckens
Die Analyse im Umweltbundesamt Wien ergibt alarmierende Werte des toxischen Aluminiums. Jungfische sterben bei einem Wert von 0,2 Milligramm pro Liter, erwachsene Fische halten etwa 1,5 Milligramm aus. Hier ergibt die Analyse einen Wert von 39 Milligramm Aluminium pro Liter. Damit liegt das Wasser des Baches um das fast 200-fache über dem Grenzwert für Trinkwasser.
„Das geht natürlich auch ins Grundwasser. Diese Giftbrühe schädigt die Menschen und auch die Fische bis runter in die Donau“, sagt Schaudinnus.

Bauxit aus dem Regenwald

Ungarn war einst der größte Aluminium-Produzent Europas. Mittlerweile sind die Konzerne weiter gezogen – etwa in den Norden Brasiliens, wo mitten im Regenwald große Mengen von Bauxit gefunden wurden. Das einzige Erz aus dem Aluminium profitabel erzeugt werden kann liegt hier in dicken Schichten unmittelbar unter dem Erdboden. Vorher muss allerdings der bislang von Menschen unberührte Regenwald großflächig abgeräumt werden. Die Gebiete gleichen Marslandschaften.

Die Bauxitmine Trombetas im brasilianischen Regenwald

„Wasser brennt auf der Haut wie Pfeffer“

Das Bauxit wird anschließend gemahlen und mit Natronlauge behandelt, um die Aluminiumanteile aus dem Erz zu lösen. Mindestens die Hälfte des Ausgangsmaterials bleibt als unbrauchbarer Rotschlamm zurück, der als Sondermüll auf riesige Deponien geschüttet wird.


Silvania Maria dos Santos mit ihren Kindern
Für die Menschen in Brasilien, welche im Umfeld der Aluminium-Raffinerien leben, sind die Zustände verheerend. Das Wasser in ihren Bächen und Brunnen ist kontaminiert. „Wenn wir uns baden, beginnt der ganze Körper zu jucken und es brennt wie Pfeffer“, sagt Silvania Maria dos Santos, welche in einer nahe gelegenen Indio-Siedlung wohnt. „Bei den Kindern platzt die Haut auf.“


Brustkrebs Risiko durch Alu-Deos?

Bernd Schaudinnus vertieft sich in die wissenschaftliche Literatur zu Aluminium und entdeckt, dass Alu-Verbindungen heute in den sensibelsten Lebensbereichen eingesetzt werden. Immer mehr wissenschaftliche Studien stützen den Verdacht, dass sie auch beim Menschen bei der Entstehung verheerender Krankheiten wie Alzheimer oder Brustkrebs beteiligt sein könnten.


Hebamme Eva Glave während der Brustkrebs-Therapie
Die Frankfurter Hebamme Eva Glave hat jahrelang intensiv Deos verwendet. Kürzlich ist sie – im Alter von 32 Jahren – an Brustkrebs erkrankt. Erst im Nachhinein erfährt sie von dem Risiko, dem sie sich über die Deos ausgesetzt hat: Viele Produkte enthalten Alu-Chlor Verbindungen als Wirkstoff. 
Auf einer internationalen Konferenz im englischen Winchester trifft Schaudinnus Wissenschaftler, die seit Jahren zu Aluminium forschen. Etwa die Onkologin Philippa Darbre, welche zahlreiche Studien zum Risiko von Alu-haltigen Kosmetikprodukten veröffentlicht hat. „Das Aluminium scheint in der Lage zu sein, eine gesunde Brustzelle in eine Krebszelle umzuwandeln“, warnt sie.

Neue Krankheiten im Zeitalter des Aluminiums

Christopher Exley, Professor für bioanorganische Chemie an der britischen Keele University gilt in der Wissenschafts-Community als „Mr. Aluminium“. Seit 30 Jahren forscht er zu allen Eigenheiten dieses Elements. 
„Für das Leben auf der Erde ist Aluminium so etwas wie ein Alien“, sagt Exley. „Denn über Milliarden Jahre war es tief in der Erdkruste gefangen – in festen Verbindungen zu Silizium, Sauerstoff und anderen Elementen.“ Erst seit etwas mehr als hundert Jahren, erklärt Exley, beherrschen wir die Technik, das Aluminium mit ungeheurem Einsatz an Chemie und elektrischer Energie aus der Erde zu holen. Möglicherweise, so Exley, haben wir damit eine moderne ‚Büchse der Pandora’ geöffnet: „Mehr als 20 Krankheiten werden heute in der wissenschaftlichen Literatur mit Aluminium in Verbindung gebracht.“

"Mr. Aluminium" Prof. Christopher Exley
Bei einigen Krankheiten ist der Zusammenhang bereits bewiesen – etwa bei der Dialyse-Demenz, bei Anämie oder Knochenerweichung. Bei der Mehrzahl ist es derzeit noch beim Verdacht geblieben. Die Beweise reichen nicht aus, um Aluminium eindeutig als Verursacher zu identifizieren, erklärt Exley. Andererseits fehlen jedoch auch eindeutige Belege für einen Freispruch des Leichtmetalls.
„Wir leben im Zeitalter des Aluminiums und wir werden dieses Element auch nicht so schnell wieder los“, sagt Exley. „Deshalb ist es fahrlässig, das Problem klein zu reden, wie das von diversen Lobbys gemacht wird. Es ist unbedingt nötig, dass wir die Forschung intensivieren und uns dem Problem endlich stellen. Schließlich haben sich viele der mit Aluminium assoziierten Krankheiten – wie Alzheimer, Allergien oder Autoimmunerkrankungen – in den letzten Jahrzehnten sehr stark ausgebreitet.“

Mittwoch, 27. März 2013

Maalox: Miss Wormwoods Sorgendrink

Gerade bin ich auf Facebook über diesen Calvin & Hobbes Cartoon gestolpert:



Seine Lehrerin, Miss Wormwood reagiert auf Calvins flammende Anklage mit einer Geste stiller Verzweiflung: "She drinks Maalox straight from the bottle"

Wisst Ihr was "Maalox" ist?

Ein Mittel gegen Sodbrennen, das scheinbar in den USA so bekannt ist, dass Bill Watterson gar nicht mehr eigens dazu sagen muss, worum es sich handelt. Eine Marke, so wie "Coke" oder "Aspirin", die man im Drugstore in allen möglichen Größen und Sorten frei erwerben kann.

Firmenwebsite: Maalox gibt es als Kaugummi-Tabs oder flüssig

Das Mittel hilft rasch gegen Sodbrennen, heißt es auf der Firmen-Website. Die "antacid suspension" neutralisiert die Magensäure, ein "anti-gas" Zusatz reduziert außerdem störende Gase und damit den "Druck" im Magen.


Demenz-Epidemie bei Nierenkranken

Wichtigster Inhaltsstoff vieler derartiger Medikamente (Antazida), welche häufig auch zum "Magenschutz" verschrieben werden, ist Aluminiumhydroxid. Dieser Wirkstoff hatte bereits in den 1970er Jahren in Dialyse-Stationen weltweit für einen Skandal gesorgt. Damals waren ähnliche Mittel wie Maalox & Co. den Nierenkranken verschrieben worden, weil Aluminium als probater "Phosphatbinder" galt. Phosphate können von Nierenkranken nur schlecht abgebaut werden und sorgen im Stoffwechsel von Dialyse-Patienten auf längere Sicht für Probleme. Aluminium bindet im Verdauungstrakt die Phosphationen und führt sie einer Ausscheidung über den Stuhl zu.
Soweit die Theorie.
In der Praxis hat dann das als Medikament verabreichte Aluminium allerdings den wesentlich größeren Schaden angerichtet, als das die Phosphate jemals vermocht hätten. "Besonders bei jungen Menschen sind Schlaganfall-ähnliche, Alzheimer-ähnliche Bilder entstanden", erinnert sich Univ.-Prof. Herwig Holzer der an der Medizinischen Universität Graz viele Jahre die Abteilung für Nierenerkrankungen geleitet hat. Als Auslöser dieser Probleme wurden schließlich die neuen"Phosphatbinder" identifiziert. "Wir haben dann, wie wir das Problem erkannt haben, Aluminiumhydroxid sofort abgesetzt", erzählt Holzer. In der Folge traten keine Neuerkrankungen mehr auf. Den Patienten, die bereits geschädigt waren, half das jedoch nicht mehr: "Es ist eben das Problem gewesen, dass das Aluminium schon im Gehirn war und dort seine toxische Wirkung dann weiter verbreitet hat." Eine Besserung der Defizite, so Holzer, sei leider nicht mehr beobachtet worden.

Derselbe Wirkstoff, welcher das Phosphat der Nierenkranken binden sollte, kann auch den pH-Wert im Magen neutralisieren. Doch ist es nun nicht mehr gefährlich?

Die Herstellerfirma "Winthrop Arzneimittel GmbH" erinnert sich scheinbar noch recht gut an die Zeiten der Dialyse-Demenz. Zur Absicherung steht es in der Patienteninformation auch deutlich drin: Das Mittel sollte nicht über längere Zeit eingenommen werden. Speziell nicht wenn man nierenkrank ist. Denn dann könnte Demenz auftreten. Wer es über längere Zeit nimmt, sollte jedenfalls seine Aluminiumspiegel im Blut kontrollieren lassen.


Lachse verlieren Orientierung

In unserem Film "Die Akte Aluminium" bringen wir eine Passage mit dem englischen Alu-Experten Chris Exley, der Anfang der 1980er Jahre über das Phänomen des "Sauren Regens" zum Thema Aluminium kam. Damals entdeckte er, dass eine Menge von 0,2 Milligramm gelöstes Aluminium pro Liter Wasser genügt, um Jungfische zu töten. Erwachsene Fische gingen bei Werten über 1,5 Milligramm zu Grunde. "Aluminium ist ein bekanntes Neurotoxin, es setzt sich an den Kiemen der Fische fest und macht, dass die Tiere ersticken", erzählte mir Exley. Bei geringeren - nicht tödlichen Dosierungen von Aluminium konnte er beobachten, dass die Lachse zunehmend ihren geographischen Sinn verloren. Mit dramatischen Konsequenzen: "Die Lachse finden dann vom Meer nicht mehr zurück in ihre Herkunft-Gewässer, die sie normalerweise am Ende ihres Lebens aufsuchen, um dort abzulaichen." Möglicherweise, so Exley, ist dieser Orientierungsverlust in Folge der Aluminiumvergiftung ein ähnliches Symptom wie die Dialysedemenz beim Menschen.

Ein Teelöffel mit Maalox (das entspricht 5 Milliliter) enthält laut Hersteller-Info 153 Milligramm Aluminiumhydroxid. Nun weiß man, dass bei oraler Einnahme nur sehr wenig Aluminium im Körper verbleibt. "Der Großteil, mehr als 99 Prozent, wird über die Nieren ausgeschieden", demonstrierte der Toxikologe Nicholas Priest in Studien.
Doch auch wenn man das berücksichtigt, kann das nicht wirklich beruhigen. Denn was, wenn man unter einer bislang nicht bekannten Nierenschwäche leidet?

Oder wenn man sich bedenkenlos an die Ratschläge der Hersteller hält?
Man soll binnen 24 Stunden nicht mehr als 16 Löffel konsumieren, heißt es auf der Maalox-Website.

Das entspräche dann schon 2448 Milligramm Aluminiumhydroxid. Und wenn - nach Priests Faustregel  - davon ein Prozent im Organismus verbleibt, dann wären das 24,5 Milligramm. Damit könnte man schon ein mittelgroßes Aquarium mit Jungfischen ausrotten.
Der Grenzwert für Aluminium im Trinkwasser liegt EU-weit übrigens bei 0,2 Milligramm pro Liter.

PS: Auch bei uns ist das Mittel rezeptfrei in den Apotheken erhältlich. (In Österreich ebenfalls als "Maalox", in Deutschalnd als "Maaloxan") Die Gesundheitsbehörden sehen darin kein Problem.



Mittwoch, 22. September 2010

Dement durch Psychopillen

Ein Knochenbruch ist bei älteren Menschen oft der Anfang vom Ende. Bei der Entlassung aus dem Spital sind sie dement.

Im Juni 2009 geschah das erste Verhängnis. Die 88-jährige Antonia Geier* stürzte unglücklich und brach sich den Oberschenkelhals. Die pensionierte Zahnärztin aus Wien-Hiezing wurde ins Wiener AKH eingeliefert. Nach der Operation wollte sie ständig aus dem Bett steigen und musste angebunden werden. Sie randalierte, bekam schließlich verschiedene Psychopharmaka. Entlassen wurde sie mit der Diagnose „Senile Demenz“.
„Für die ganze Familie war das ein Schock“, erzählt die Tochter Evelyn Bohrn*, „vor dem Sturz war Mutter geistig vollständig klar. Sie besorgte für sich und meinen Vater selbstständig den Haushalt.“
An Dauer-Medikamenten hatte sie nur ein Blutdruck-Mittel und gelegentlich ein Schlafmittel genommen. Nun wurde sie mit einem Arztbrief entlassen, in dem empfohlen wurde, folgende Therapie einzuhalten: „Norvasc, Concor, Citalopram, Pantoloc, Ebrantil, Iterium, ACC, Haldol, Furon, Mexalen, Dominal und Risperdol.“
Vier dieser zwölf Medikamente sind Psychopharmaka, die bei Depressionen, schweren Psychosen oder Schizophrenie angewendet werden. Die betagte Frau sollte diese Mittel jeweils viermal täglich einnehmen. „Sie torkelte durch die Wohnung, konnte nicht normal reden und war komplett inkontinent“, berichtet die Tochter. „Wenn sie einmal zu einem Satz ansetzte, schlief sie mitten drin ein“. Evelyn Bohrn beriet sich mit einer Fachärztin. Flüssigkeitsmangel, einer der Hauptgründe für Demenz, konnte ausgeschlossen werden. Blieben die Pillen. Unter Anleitung begann nun der schrittweise Entzug der Medikamente.
Langsam wurde ihre Mutter wieder klarer. „Sie fragte plötzlich, warum wir sie frisieren – und warum wir sie nicht selbst anziehen lassen.“ Nach drei Monaten war sie annähernd wieder so, wie vor dem Unfall. An Klinik und Rehabilitation hatte sie keinerlei Erinnerung zurück behalten.
Im Oktober passierte dann das nächste Maleur. Antonia Geier stürzte wieder und brach sich den zweiten Oberschenkel. Diesmal wurde sie in das Wilheminenspital eingeliefert. Binnen kurzem gab man ihr wieder alle Medikamente, die auf dem Arztbrief angeführt waren. Der darüber sehr besorgten Tochter erklärten Ärzte und Pfleger, dass ihre Mutter die Mittel braucht, um nachts zu schlafen. Das sei für den Heilungsprozess unbedingt nötig.
Wieder wurde Frau Geier mit der Diagnose „Senile Demenz“ entlassen. Der Arztbrief umfasste mit 14 Medikamenten noch um zwei Präparate mehr als beim letzten Mal. Diesmal schaffte es die Tochter nicht, den Entzug ihrer Mutter allein zu begleiten. Sie musste zwei Pfleger engagieren, die rund um die Uhr im Haus waren. „Es dauerte acht harte Wochen bis meine Mutter nicht mehr verwirrt und inkontinent war“, erzählt Evelyn Bohrn. „Am schlimmsten war der Entzug von Dominal. Da litt sie zwei Wochen an ständigem Schüttelfrost.“
Mittlerweile ist Frau Geier wieder „fast die Alte“. Lediglich das Kurzzeit-Gedächtnis kehrte nicht mehr vollständig zurück. Wenn die alte Dame kocht, vergisst sie, die Platte abzuschalten. Die Eltern sind deshalb zur Tochter gezogen. Eins hat Frau Bohrn aber mittlerweile gelernt: Dass das Schicksal ihrer Mutter bei weitem kein Einzelfall ist. „Seit uns das passiert ist, berichten rundum im Bekanntenkreis die Leute von ähnlichen Geschichten. Einen halbwegs glücklichen Ausgang, so wie bei uns, gab es da jedoch nirgends.“

* Name auf Wunsch geändert