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Dienstag, 10. September 2019

Die ungelösten Probleme des Impfwesens

In der Öffentlichkeit wird von Gesundheitspolitik und Medien die Ansicht verbreitet, dass es beim Impfen nur ein einziges Problem gibt: die Impfgegner. In Wahrheit sind die Verhältnisse deutlich komplexer. Fehlplanungen und systemimmanente Missstände werden seit Jahren verschleiert. Das Impfwesen entwickelt sich immer mehr zu einer abgeschotteten Community, die sich selbst mit alternativen Fakten versorgt. 


Gutes Image und fehlende Kontrolle - eine fatale Kombination

Die eigenen Entscheidungen einer strengen Prüfung zu unterziehen, die begangenen Fehler anschließend in einem öffentlichen Verfahren zu diskutieren und notfalls um 180 Grad zu korrigieren, so etwas klingt zwar edel - gehört aber im Normalfall nicht zu den vorherrschenden menschlichen Eigenschaften. Solche Prozesse mögen einzelne Individuen im Zuge von Lebenskrisen durchmachen - bei mächtigen Institutionen ist kritische Selbstreflexion hingegen unwahrscheinlich, speziell wenn die Angelegenheit kompliziert und schwierig ist.
Deshalb gibt es Kontrollinstanzen wie Rechnungshöfe. Niemand käme z.B. auf die Idee, dem Amt für Straßenbau die Aufgabe zu übertragen, den Bau einer Autobahn – von der Ausschreibung der Arbeiten bis zur Abrechnung – vollständig unabhängig durchzuführen und sich dann selbst zu prüfen. Zum einen würde das Korruption fördern, zum anderen den Lerneffekt verhindern, den die unabhängige Sicht fremder Fachleute immer bringt. Das Fehlen derartiger Kontroll-Instanzen führt zu institutionellem Selbstbetrug. Geduldet wird schließlich nur noch, was die zuvor getroffenen Entscheidungen rechtfertigt.


Ein System, das sich selbst kontrolliert

Auf das Impfwesen treffen viele dieser Beschreibungen zu. Dieselben Behörden, welche die Impfpläne erstellen und für eine möglichst hohe Impfquote werben, kontrollieren anschließend den Erfolg ihrer Empfehlungen. Das ist bereits insofern absurd, als es derzeit kaum Möglichkeiten gibt, die Resultate einer Impfempfehlung überhaupt seriös zu messen und zu bewerten. Die Behörden haben es nämlich bisher verabsäumt, ein elektronisches Impfregister einzuführen, bei dem die durchgeführten Impfungen mit den individuellen Gesundheitsdaten verknüpft werden können. Mit so einem Impfregister wäre es möglich, auf Knopfdruck den Erfolg vieler Impfungen zu messen und der Bevölkerung eine Schaden-Nutzen Abwägung zu präsentieren, welche für eine informierte Entscheidungsfindung notwendig wäre.

Am Beispiel der Influenza-Impfung könnte man damit etwa folgende Fragen beantworten:

  • Erspart man sich mit der Influenza-Impfung Krankenstände bzw. Pflegeurlaub - und falls ja, wie viele Tage? 
  • Welche Altersgruppen profitieren am meisten von der Impfung, welche am wenigsten?
  • Gibt es auffällige Nebenwirkungen der Impfung?
  • Welche Produkte sind nach diesen Kriterien die besten Impfungen, welche sollten vom Markt genommen werden?


In einem intelligent organisierten Gesundheitssystem sollten die Behörden für jede Impfung ein Anforderungsprofil schaffen mit bestimmten Zielen. Außerdem müssten Sicherheits-Standards festgelegt werden: Was ist an Nebenwirkungen tolerierbar, was wäre eine rote Linie, die nicht überschritten werden darf.
Weil die Daten von Millionen Menschen einfließen, wäre es möglich auch seltene Risiken statistisch zu klären. Und dann könnte mit Hilfe des Impfregisters jedes Jahr geprüft werden, ob die jeweilige Impfung die an sie gestellten Anforderungen erfüllt.
Ohne ein derartiges Impfregister ist hingegen jede Impfung aus wissenschaftlicher Sicht ein "Schuss ins Dunkle".  Wirkung und Sicherheit der Impfungen können derzeit nur über statistische Umwege abgeschätzt werden. Und damit ergibt sich ein Graubereich der Interpretation, der fehleranfällig ist und zu Beschönigungen einlädt.


Impfpflicht als Eigentor

Im Mittelpunkt der Diskussion steht derzeit meist die Masern. In Deutschland plant die schwarz-rote Koalition eine Impfpflicht. Seit Monaten überziehen die Medien - speziell auch die so genannten Qualitätsmedien – die Bevölkerung mit Fake News, in denen es beispielsweise heißt, dass die Masern in Deutschland laufend häufiger werden.
zum Impfpflicht Fakten-Check

Als Folge der medialen Fehlinformation stieg der Anteil der Befürworter einer gesetzlichen Impfpflicht laut Umfragen auf mehr als 70 Prozent an. Offenbar versucht die große Koalition, sich hier anzubiedern.

Die meisten Impfexperten warnen hingegen vor derartigen populistischen Aktionen. Schon jetzt sei die Impfquote bei Masern - speziell bei den Kindern - sehr hoch. (97 Prozent der Schulanfänger haben die erste MMR Impfung, 93 Prozent die zweite.) Mit Hilfe einer gesetzlichen Impfpflicht kann diese Quote kaum weiter erhöht werden. Im Gegenzug wächst hingegen die Gefahr, dass diese Aktion nach hinten los geht. Immerhin geschieht damit – erstmals seit der alten Pocken-Impfung – wieder ein tiefer Eingriff in zentrale Grundrechte unserer Verfassung wie z.B. das Recht auf körperliche Unversehrtheit und das Recht der Eltern, die Erziehung und Pflege ihrer Kinder selbst zu bestimmen. Wenn der Amtsarzt mit Polizeibegleitung zur Zwangsimpfung schreiten muss, ergibt sich eine dramatische Polarisierung, welche einer informierten Entscheidungsfindung nicht zuträglich ist.
In Frankreich stieg - nach der Ausweitung der Impfpflicht durch die Regierung Macron - die Zahl der Impfkritiker auf Rekordwerte. Laut aktueller Daten des britischen "Wellcome Trust" stufen 33 Prozent der befragten Franzosen Impfungen als "unsicher" ein. Ein absoluter Spitzenwert in Westeuropa.
Ob es gelingen kann, die Masern auszurotten, ist derzeit – mit oder ohne Impfpflicht – höchst zweifelhaft. Und mit jedem Jahr, das verstreicht, werden die Chancen geringer, weil bei einem Teil der geimpften Erwachsenen der Schutz schwindet.


Windpocken: Das programmierte Desaster

Anstatt nun von diesen Problemen zu lernen und neue Fehler möglichst zu vermeiden, sind die Behörden derzeit dabei, bei Windpocken dieselben Fehler zu machen. Bei dieser meist vollständig unkompliziert verlaufenden Kinderkrankheit wird seit 2004 die Impfung empfohlen. Im Vergleich zu Masern ist hier der Impfschutz mit rund 80 Prozent deutlich geringer. Außerdem besteht überhaupt keine Chance, die Windpocken-Viren jemals auszurotten. Diese Varizellen bleiben nämlich sowohl nach durchgemachter Krankheit als auch nach einer Impfung im Körper zurück und "schlafen" dort am Ende von Nervensträngen. Wenn wir Glück haben ein Leben lang.
Wenn wir kein Glück haben, brechen die Varizellen wieder aus - diesmal jedoch nicht in Form der Windpocken, sondern als Gürtelrose (Herpes zoster). Die Viren verbreiten sich entlang der Nervenstränge und lösen auf der Haut unangenehme, teils extrem schmerzhafte Ausschläge aus, die schwer zu behandeln sind.
In den USA wurde die Windpocken-Impfung zehn Jahre vor Deutschland eingeführt. Und seit langem wird dort von einer starken Zunahme der Fälle von Herpes zoster berichtet. Epidemiologische Studien zeigten einen überraschenden Zusammenhang: Das Risiko, an einer Gürtelrose zu erkranken war umso höher, je weniger Kontakt die betroffene Person mit windpocken-kranken Kindern hatte. Offenbar braucht das Immunsystem der Erwachsenen ab und zu diese Erinnerung, um auf die schlafenden Windpocken Viren besser acht zu geben. Heute gibt es in den USA bereits mehr Fälle von Gürtelrose als von Windpocken.
In Deutschland sind nach Angaben des Robert Koch Instituts (RKI) die Fälle von Windpocken seit 2005 um 71 bis 88 Prozent zurückgegangen. Eine erste Erhebung der Behörde zur Häufigkeit der Gürtelrose zeigt nun, dass die US-amerikanischen Verhältnisse auch hierzulande einkehren. Mit jedem Jahr nehmen die Krankenhaus-Einweisungen mit der Diagnose Herpes zoster zu. Lag die Zahl im Jahr 2005 noch bei 14.446 Fällen, mussten 2015 bereits 23.463 Personen deshalb in einer Klinik behandelt werden.
Dass die eigene Impfempfehlung dafür verantwortlich ist, will die Behörde aber nicht zugeben: "Ob die beobachtete ständige Zunahme der Inzidenz von Herpes zoster bei Erwachsenen mit der Windpocken-Impfung der Kinder zusammen hängt, bleibt unklar", heißt es im Bericht des RKI.

Die Zunahme der Gürtelrose ist allerdings nur eines der Probleme, welche durch das Impfprogramm ausgelöst wurde. Wie bei Masern entstehen auch bei Windpocken neue Risikogruppen. In den USA hat sich das durchschnittliche Alter in dem die Kinder erkranken von rund 4 bis 5 Jahren auf 11 bis 12 Jahre mehr als verdoppelt. Ähnlich wie bei Röteln bilden die Windpocken aber ein starkes Risiko für Schwangere, weil die Viren das ungeborene Kind angreifen und schwer schädigen kann. "In spätestens zehn Jahren wird dann die Windpocken-Impfpflicht gefordert werden, weil es mehr und mehr Schwangere geben wird, die - ob geimpft oder nicht - keine verlässliche Immunität haben", erklärt der Münchner Kinderarzt Martin Hirte. "Dann müssen entweder die Schwangeren oder die Ungeimpften in Dauer-Quarantäne. Was für ein selbsteingebrocktes Szenario!"


Befangene Impfexperten

Die Empfehlung zur Windpocken-Impfung abzuschaffen wäre wohl die sinnvollste Variante. Noch besteht dazu die Möglichkeit. Doch einmal getroffene Beschlüsse wieder zurück zu nehmen, das steht für die Behörde nicht zur Diskussion.
Die Impfempfehlungen erstellt die "Ständige Impfkommission (STIKO)" am Robert Koch Institut in Berlin. Ihr kommt eine gewaltige Verantwortung zu, indem hier entschieden wird, welche Impfstoffe die Mehrzahl der deutschen Kinder bekommt. In der STIKO wird aber auch entschieden, wie viel Steuergeld für das Impfen ausgegeben wird. Und das ist eine ganze Menge: Im Jahr 2017 belief sich der Aufwand der gesetzlichen Krankenversicherungen in Deutschland für Impfungen auf immerhin 1,23 Milliarden Euro.
Insofern wäre es eine Selbstverständlichkeit für ein zivilisiertes Land, dass die Auswahl der Mitglieder dieses Gremiums nach strengsten Kriterien der Transparenz und der wissenschaftlichen Objektivität stattfindet. Dass finanzielle Verbindungen mit Impfstoff-Herstellern nicht geduldet werden und auch von der intellektuellen Einstellung des jeweiligen Experten eine gewisse geistige Unabhängigkeit erwartet wird.
Seit langem gleicht die STIKO hingegen einem Club von Pharma-Lobbyisten, die neue Impfungen anstandslos durchwinkt. Speziell in der Ära ihres Langzeit-Vorsitzenden Heinz-Josef Schmitt wurden mit der Empfehlung der Immunisierung gegen Windpocken, Meningokokken oder Pneumokokken laufend neue Impfungen in den Impfkalender gehievt. Den Höhepunkt bildete im Jahr 2007 die Empfehlung der brandneuen, 450 Euro teuren Impfung gegen humane Papillomaviren (HPV), die als erstes Land Europas - kurz nach der Eilzulassung in den USA übernommen wurde.
Kurz davor hatte sich Schmitt noch mit einem Geldpreis für die "Förderung des Impfgedankens" auszeichnen lassen, der ausgerechnet vom Herstellerkonzern der HPV Impfung finanziert worden war. "Das sind öffentliche Bestechungen", schimpfte Wolfgang Becker-Brüser, der Herausgeber des unabhängigen "arznei-telegramm". Zahlreiche Medien schlossen sich der Kritik an. Heinz-Josef Schmitt war beleidigt und wechselte endgültig zur Industrie, wo er zuletzt als Direktor im Impfbereich des weltgrößten Pharmakonzerns Pfizer tätig war.

In der Folge wurde die Pflicht zur Offenlegung der finanziellen Interessenskonflikte der STIKO-Mitglieder eingeführt. Insofern hat sich eine gewisse Besserung der Zustände ergeben. Die Mehrzahl der 18 Mitglieder hat jedoch nach wie vor enge Beziehungen zur Industrie.
Im Bereich der Prävention sollte es eine strenge Trennung geben zwischen den Behörden, die Impfpläne erstellen - und einer unabhängigen Kontrollinstanz, welche mögliche unerwünschte Folgen sammeln und wissenschaftlich objektiv beurteilt.
Derzeit gibt es diese Trennung nicht: Die Behörden sind alles in einer Instanz. Im Wirtschaftsbereich ist es klar, dass Interessenskonflikte ein „No Go!“ darstellen und sich der zu Kontrollierende nicht selbst kontrollieren soll. Hier jedoch erwartet man plötzlich Wunder an Zivilcourage. Wunder, die nicht passieren.


Von Bert Ehgartner ist kürzlich der Ratgeber "Gute Impfung - Schlechte Impfung" erschienen (Verlag Ennsthaler). Darin wird für jede der gebräuchlichen Impfungen ein eigenes Nutzen-Risiko Profil erstellt. (siehe Bestell-Hinweise in der Spalte rechts)

Montag, 3. September 2018

Neues Buch: Gute Impfung - Schlechte Impfung

Während der letzten Monate habe ich an einem Buch zum Thema Impfen gearbeitet.
Das Manuskript ist nun fertig - und in der Druckerei. Journalisten, die sich für Rezensionsexemplare interessieren, können diese beim Verlag Ennsthaler bestellen.
Und so sieht das Buch aus:

Bert Ehgartners neues Buch kommt Anfang Oktober in den Buchhandel

Die Impfthematik interessiert mich seit langem und es ist sowas wie mein berufliches Spezialgebiet geworden. Ich hatte immer mal wieder Teilaspekte in meinen Filmen und Büchern und habe über die Jahre (u.a. hier im Blog) auch zahlreiche Artikel dazu geschrieben.
Doch ein monothematisches Buch zum Impfen gab es von mir noch nie. Nun ist es soweit: Ende September erscheint auf rund 400 Seiten „Gute Impfung - Schlechte Impfung“ im Verlag Ennsthaler.

Weil Impfungen immer auch "Kinder ihrer Zeit" sind, war es für die traditionsreichen älteren Impfungen notwendig, tief in die historischen Archive zu steigen. Ich habe dazu viele Wochen recherchiert und es war extrem spannend, die Hintergründe und die ersten Erfahrungen mit solchen legendären Impfstoffen wie jener gegen Kinderlähmung oder Tetanus aus der zeitgenössischen Sicht der damaligen wissenschaftlichen Debatte neu zu beleuchten.

Ich habe versucht, alle gebräuchlichen Impfungen - sowie auch das behördliche und wissenschaftliche Rundum - einer ebenso sorgfältigen wie kritischen Analyse zu unterziehen - so als wäre „das Impfen“ ein ganz normaler Teil der Wissenschaft – was es meiner Meinung nach auch sein sollte.
Das Impfwesen ist keine „Heilige Kuh“. Ich finde es gefährlich, wenn in der öffentlichen Diskussion immer so ein großer Respektabstand gehalten wird, um nur ja die „Impffreudigkeit der Bevölkerung“ nicht zu gefährden. Das fördert Trägheit bei den Behörden und Arroganz bei den Herstellern. Wohin das Gefühl, man werde nicht mehr kontrolliert, führen kann, haben wir zuletzt am Beispiel der deutschen Autoindustrie und dem Abgas-Skandal gesehen.

Persönlich stehe ich dem Impfen neutral gegenüber. Ich bin weder Impfgegner noch unkritischer Befürworter. Doch ich finde, dass bei Impfungen besonders hohe Ansprüche an deren Sicherheit zu stellen sind: Eben weil sie einen präventiven Eingriff an zumeist gesunden Menschen darstellen. Und deshalb sollten sie mit größtmöglicher Sorgfalt geprüft werden: damit die Geimpften nach dem Arzttermin genauso gesund sind wie davor.

Sie werden im Buch sehen, dass dies bei manchen Impfungen nicht der Fall ist und weder Wirksamkeit noch Sicherheit den Ansprüchen eines modernen Verbraucherschutzes genügen.
Bei anderen Impfungen - wie beispielsweise der Masernimpfung – gibt es hingegen zusätzliche positive Aspekte, die in der Öffentlichkeit kaum bekannt sind. Anstatt die Eltern mit Angstmache zum Arzt zu treiben, wäre es wohl für viele Eltern interessant, mehr von diesen positiven Eigenschaften zu erfahren.

Freut Euch also auf ein kritisches Buch, das zahlreiche Überraschungen birgt.

Rezensionswünsche bitte an Frau Mag. Ingrid Führer (e-mail). Bei Interesse an Veranstaltungen / Vorträgen / Diskussionsrunden zum Thema ist die Ansprechpartnerin Frau Geraldine Schirl-Ennsthaler (e-mail).

Montag, 27. Februar 2012

Feige "Kinderärzte im Netz"

Die Redakteure von Stiftung-Warentest haben sich über das Thema Impfen getraut und nun wird landauf landab in den Medien berichtet, dass die Windpocken-Impfung dabei gar nicht gut abgeschnitten hat. "Stiftung Warentest rät von Windpocken-impfung ab", stand beispielsweise in der Bild-Zeitung zu lesen.

Die Stiftung Warentest kritisiert an der Windpocken-Impfung unter anderem deren angeblich schlechte Wirksamkeit und die unsichere Dauer des Impfschutzes. Die Diskussion darüber reicht zurück bis zur Mitte der 90er Jahre, als in den USA die Massenimpfung gegen Windpocken eingeführt wurde. Damals herrschte die Meinung, dass eine Einzelimpfung für lebenslange Immunität sorgen würde. Die Strategen der US-Impfkampagne mussten ihren Irrtum spätestens dann eingestehen, als Windpocken an High-Schools ausbrachen, wo 100 Prozent der Schüler geimpft waren.
Die Wirksamkeit der Einmalimpfung wurde schließlich mit bestenfalls 70 Prozent bewertet. (Als Hauptargument für die Einführung der Impfung wurde übrigens damals kein gesundheitlicher Grund genannt sondern ein wirtschaftlicher: die Impfung könne mithelfen ein paar Pflegetage einzusparen.)

Seit einigen Jahren wird nun generell die zweimalige Impfung gegen Windpocken empfohlen. Und das gilt auch für Deutschland, das unter dem damaligen - bekannt Pharma-freudigen - STIKO Vorsitzenden HJ Schmitt als erstes Land der EU im Jahr 2004 den USA mit der Impfempfehlung hinterher gewieselt ist. Ob es, so wie bei der Einmalimpfung nun auch wieder einige Jahre braucht, bis die Wirkung nachlässt, oder ob die Zweimal-Impfung tatsächlich die lebenslange Immunität bringt, kann man derzeit noch nicht abschließend beurteilen. Die Impfexperten haben jedenfalls schon ein Argument auf Lager, falls die Wirksamkeit der Impfung wieder schwinden sollte: "Auch kein Problem, dann impfen wir halt dreimal!"

Höheres Gürtelrose-Risiko

Neben deren fraglicher Wirksamkeit gibt es aber noch andere bedeutsame Gründe, kritisch gegenüber der Windpocken-Impfung zu sein. Zum einen ist das die ungeklärte Frage, wie es nun mit den Gürtelrose-Erkrankungen weiter geht. Die Stiftung hatte gewarnt, dass die Impfkampagne zu einem Gürtelrose-Welle führen könnte.
Das ruft nun als Verteidiger der Impfpläne die Vereinigung der Kinder- und Jugendärzte im Netz auf den Plan. Sie sieht das nicht so - und wendet sich folgendermaßen gegen die Einschätzung der Konsumentenschützer:
Das Gürtelrosen-Risiko, das die Stiftung Warentest anspricht, ist hypothetisch, das heißt bisher noch nicht bewiesen. In den USA, wo bereits seit 1995 flächendeckend gegen Windpocken geimpft wird, hat sich die Zahl der Gürtelrosenerkrankungen bisher nicht erhöht.

In der Klarheit, wie das hier behauptet wird, beruht diese Darstellung entweder auf mangelnder Recherche oder es handelt sich um eine bewusste Fehlinformation. Es gibt - im Gegensatz zu dieser Meldung der "Kinderärzte im Netz" - sehr wohl eine Reihe seriöser Daten, die einen negativen Einfluss der Windpocken-Massenimpfung nahe legen. Anstatt ihre Beruhigungsfloskel abzulassen, hätten die Kinderärzte etwa in der internationalen Medizin-Datenbank "pubmed" nachschlagen können und wären dort auf folgende Studie von Wissenschaftlern der Harvard Medical School in Boston gestoßen. In dieser, Ende 2011 publizierten Arbeit kommt - anhand einer Analyse von 560.000 elektronischen Krankenakten - folgendes Ergebnis raus:
Between 1996 and 2008, the age- and sex-adjusted annual incidence of postherpetic neuralgia (PHN) rose from 0.18 to 0.47 cases per 1000 patients, and the proportion of herpes zoster patients progressing to PHN rose from 5.4% to 17.6%

Seit der breitflächigen Einführung der Windpocken-Impfung haben sich die gefürchteten chronischen Schmerzen nach Gürtelrose (postherpetische Neuralgie) also mehr als verdoppelt, der Anteil der Gürtelrose-Patienten, welche diese Spätfolgen erleiden mussten, verdreifachte sich.
Biologisch plausibel ist der Zusammenhang jedenfalls. Dass Wildviren, die von Windpocken-kranken Kindern ausgestreut werden, bei Erwachsenen einen Immunboost auslösen, der die eigenen "schlafenden" Viren in Schach hält, ist sein langem bekannt. Auf diesem Prinzip basiert auch die Gürtelrose-Impfung, die es seit einigen Jahren zu kaufen gibt. Sie enthält hochdosierte lebende Windpocken-Viren und imitiert den Kontakt mit einem Windpocken kranken Kind.
Dieser Immunboost ist in den USA auf Grund der Massenimpfung mittlerweile schon selten geworden. In Deutschland ist die Situation regional unterschiedlich. Während im Osten mehr als 50 Prozent der Kinder entsprechend der STIKO-Empfehlung geimpft sind, haben sich in Bayern bislang nur 15 Prozent der Eltern für die Windpocken-Impfung entschieden. Mit jedem Jahr steigt der Anteil jedoch ein wenig an. Und während die Haus- und Kinderärzte bei Einführung der Impfempfehlung im Jahr 2004 noch zu zwei Drittel skeptisch waren, hat heute nur noch jeder dritte Arzt Vorbehalte gegen die Windpocken-Impfung. - Und so werden wohl auch in Deutschland die Windpocken-Wellen bald seltener werden.

Wenn wir uns für eine großteils harmlose Kinderkrankheit das massenhafte Auftreten einer extrem unangenehmen, schwer und teuer zu behandelnden Erwachsenen-Krankheit eingehandelt haben, die ihre Opfer nicht selten in den Suizid treibt, so wäre das kein cleverer Deal gewesen, den uns die Impfexperten hier eingebrockt haben. 
Für die Impfstoff-Hersteller hingegen würde sich der Irrtum auszahlen. Denn wenn Gürtelrose zur Massenkrankheit des Erwachsenen-Alters werden sollte, steht über den Verkauf der hochpreisigen Gürtelrose Impfung ein weiterer ordentlicher Geldregen ins Haus.


"Deutlich erhöhtes Risiko schwererer Erkrankung" - durch Stiftung Warentest??

Was die Seriosität des "Kinderärzte im Netz" Artikels betrifft, ist allerdings noch nicht die Talsohle erreicht. Der endgültige Tiefpunkt folgt beim Versuch, der Stiftung Warentest die Verantwortung dafür unterzujubeln, dass die Windpocken weiter zirkulieren:
Zum jetzigen Zeitpunkt, wo die natürliche Infektion in Deutschland zurückgedrängt ist, Individuen zu empfehlen, nicht zu impfen, ist kein guter Rat. Das Risiko ist, dass bei zurückgedrängter Zirkulation der Windpocken-Viren die Erstinfektion in höhere Jahrgänge, die Pubertät und darüber hinaus verschoben wird mit deutlich erhöhtem Risiko schwererer Erkrankung.

Dieses Argument muss man sich auf der Zunge zergehen lassen, um dessen Hinterfotzigkeit in allen Nuancen auszukosten. Als wären die Krankheitswellen mit einem Schlag abgeebbt, seit die Impfung in Deutschland empfohlen ist - und die Radaubrüder von der Stiftung sorgen nun für ein Comeback.  Selbstverständlich zirkulieren bei Impfraten zwischen 15 und 70 Prozent die Viren aber nach wie vor. Erst wenn hier Durchimpfungsraten von über 90 Prozent - so wie bei Masern, Mumps und Röteln -  erreicht sind, könnten die Windpocken über längere Zeit zurückgedrängt werden.
Aber es stimmt schon, das Alter, in dem die Kinder in Deutschland mittlerweile erkranken, hat sich bereits erhöht und - wie die Kinderärzte auch richtig schreiben - geht es tendenziell in Richtung eines deutlich höhere Risikos von Komplikationen.
Wohin hier der Weg führt, haben ebenfalls die USA vorgeführt. Während in der Vorimpfära die Kinder im Schnitt mit fünf Jahren an Windpocken erkrankten, lag das Alter bei der letzten Untersuchung zu diesem Thema bereits bei rund elf Jahren. Es handelt sich um einen klaren Effekt der Massenimpfung.
Die Verantwortung dafür, liebe Kinderärzte im Netz, müsst also schon Ihr und die anderen Befürworter der Massenimpfung übernehmen.
Das auf die Stiftung Warentest abzuschieben ist schäbig und feig.

Samstag, 26. November 2011

Komplikationen bei Windpocken: eine These

Immer wieder ist von heftigen Windpocken die Rede, welche den Kindern wochenlang zu schaffen machen, die Kinder mit unglaublich vielen Pusteln am ganzen Körper entstellen und schwer abheilen. Möglicherweise haben diese Reaktionen eine Ursache, die bisher unbeachtet blieb.

Auffallend ist nämlich, dass viele dieser Kinder davor eine 6-fach oder sonstige Impfung mit den üblichen Adjuvantien erhalten haben. Diese Wirkverstärker sind in etwa zwei Drittel der Impfungen enthalten (z.B. FSME, Pneumokokken, Meningokokkem). Die geläufigsten Adjuvantien sind Aluminiumhydroxid und Aluminiumphosphat.
Bei Kindern, welche davor keine derartigen Impfungen erhalten haben, verlaufen die Windpocken normalerweise mild. Ich halte es deshalb für wahrscheinlich, dass das Risiko auf Komplikationen und ernsthafte Verläufe bei Windpocken ansteigt, wenn die Kinder davor adjuvierte Impfstoffe erhalten haben.

Falsche Reaktion des Immunsystems
Es ist bekannt, dass die üblichen Wirkverstärker die Immunantwort in Richtung einer Th2-Antwort manipulieren. - Windpocken-Viren werden vom Immunsystem, so wie zahlreiche andere Infekte, normalerweise jedoch mit einer Th1-Antwort bekämpft. Nach vorangegangener 6-fach Impfung ist aber nicht mehr gewiss, dass das Immunsystem den Viren mit der - im Lauf der Evolution eingespielten - besten Methode begegnet, sondern mit einer weniger gut geeigneten. Daraus folgt, dass sich die Viren über einen längeren Zeitraum vermehren können und größere Schäden anrichten.

Bei dieser Erklärung handelt es sich um eine These, die ich für recht wahrscheinlich halte und die durch zahlreiche Indizien gestützt wird. Dass Aluminium-haltige Adjuvantien die Immunantwort in Richtung einer Th2-Antwort manipulieren, kann in den meisten Immunologie-Lehrbüchern nachgelesen werden. Dass die Th2-Polung des Immunsystems nicht sofort nach der Impfung aufhört, sondern noch Wochen und Monate andauern kann, zeigen zahlreiche Studien z.B. (Aaby P., Boelen A. etc.)

Prof. Peter Aaby, der seit drei Jahrzehnten das Bandim Health Project in Guinea Bissau leitet, hat es in seinem Umfeld seit einigen Jahren zur Regel gemacht, dass alle Kinder zu ihrem Schutz - als letzte Impfung im Babyalter - eine Impfung erhalten sollten, welche das Immunsystem wieder Richtung Th1 Antwort zurück polt.
Diese Maßnahme hat einen sehr ernsthaften Hintergrund: Aaby und seine Mitarbeiter haben in zahlreichen Studien heraus gefunden, dass Kinder nach Tetanus-Diphtherie-Keuchhusten-Impfungen ein deutlich erhöhtes Krankheits- und Sterberisiko haben. Die geimpften Kinder erkranken danach wesentlich häufiger und ernsthafter an Tropenkrankheiten wie Malaria, oder an Infekten, die zu Lungenentzündungen oder Durchfall führen. Viele Jahre intensiver Forschung waren notwendig, bis Aaby entdeckte, welcher Mechanismus diese dramatischen Folgen erklären könnte. Als wahrscheinlichste Antwort kam er eben auf die Veränderung der Immunreaktion und die daraufhin geschwächte Abwehrkraft.

"Gute" Impfungen, welche die Abwehrkräfte stärken, gibt es jedoch auch. Dazu zählt z.B. die alte Tuberkulose-Impfung (BCG), die in Europa allerdings nicht mehr verwendet wird. Vor allem aber die Masern, bzw. die MMR Impfung. Diese Impfung ist imstande, neben ihrem Schutz vor Masern, Mumps und Röteln - auch die negativen Auswirkungen der vorangegangenen Impfungen auf das Immunsystem halbwegs zu neutralisieren.
Peter Aaby hat dazu nun einige Studien initiiert und erste Ergebnisse zeigen, dass negative Effekte deutlich verringert werden können.
Natürlich würde sich Prof. Aaby wünschen, dass das Impfkonzept der WHO, aber auch die immer größer werdenden Privat-Initiativen wie jene der Bill & Melinda Gates Stiftung, einmal grundsätzlich evaluieren würden, ob ihre Kampagnen beim Nutzen für die Gesundheit der Kinder überhaupt noch positiv bilanzieren, oder ob sie nicht eigentlich inzwischen mehr Schaden anrichten.
Bei diesen Organisationen besteht jedoch bislang keinerlei Bereitschaft, ihre Tätigkeit kritisch zu prüfen und schlechte Impfungen aus dem Programm zu eliminieren.

Wer prüft die langfristigen Impffolgen?
Empirisch überprüft wurde die These, dass Windpocken in zeitlicher Abfolge nach 6-fach Impfung komplikationsreicher verlaufen, meines Wissens bisher noch nicht. Dies liegt daran, dass diese Art von Forschung keinen kommerziellen Zwecken dient und sich von den Impfstoff-Herstellern nicht zu Geld machen ließe.
Im Gegenteil: wenn sich diese These bestätigt, würde das Unruhe auslösen und Geld kosten. Sechsfach- und sonstige adjuvierte Impfungen sowie die derzeit verwendeten Wirkverstärker würden in Verruf kommen. Die Hersteller wären gezwungen, viel Geld und Energie in die Forschung nach verträglicheren Adjuvantien zu investieren. Und das erscheint der Industrie wohl nicht gerade als eine lohnende Aussicht.

Wer darauf hofft, dass unsere Gesundheitsbehörden oder sonstige unabhängige Stellen einspringen, kann ebenso gut auf Godot warten. Von unabhängiger Seite wird leider nur sehr selten Geld in Impfstoff-Forschung und Impfstoff-Sicherheit investiert, da sich die Behörden eher als Bewahrer des "Impfgedankens" sehen. Die Abwicklung der Token-Studie zur Abklärung des Sterberisikos nach Sechsfachimpfung durch das Robert Koch Institut ist dafür ein gutes Beispiel.

Meist wird tunlichst alles unterlassen, was den Glorienschein des Impfens anpatzen könnte. Das ist - im Sinne der Impfstoffsicherheit - sehr ärgerlich und auch verantwortungslos, so ist es aber leider.

Montag, 13. Dezember 2010

Soll ich mein Kind gegen Windpocken impfen? Teil 3

In Teil 1 und Teil 2 dieser Artikelserie bin ich auf die gravierenden gesundheitlichen Probleme eingegangen, welche die Einführung der Windpocken-Impfung mit sich bringt: Für die geimpften Kinder, für die Babys geimpfter Mütter und – mit dem erhöhten Gürtelrose-Risiko – auch für die Gesamtbevölkerung. 
Diesmal gehe ich der Frage nach, wie es möglich ist, dass wir sehenden Auges so eine Richtung einschlagen und einen Weg gehen, der künftige Generationen, weitgehend ohne Umkehrmöglichkeit in Geiselhaft nimmt. Die Antwort ist ebenso banal wie unwürdig für eine Gesellschaft, die sich ihrer hohen demokratischen Reife rühmt: Im Impfwesen scheinen  entscheidende Grundregeln wissenschaftlichen Arbeitens außer Kraft gesetzt. Die Behörden versagen in ihrer Kontroll-Funktion und eine Lobby von Impfexperten kann schalten und walten wie es ihr beliebt. 


Argument 5: Die Empfehlung für die allgemeine Windpocken-Impfung wurde nicht aus gesundheitlichen Gründen, sondern zum Wohl der Impfstoff-Industrie und auf Initiative einer mit ihr eng verbundenen Experten-Lobby beschlossen

Nach dem offiziellen deutschen Impfplan bekommen Babys in den ersten beiden Lebensjahren heute elf Impfungen, die vor insgesamt zwölf Krankheiten schützen sollen, darunter vier Dosen einer Sechsfach und zwei Dosen einer Vierfachimpfung. Im Vergleich zu den Achtziger Jahren hat sich die Anzahl der Impfungen damit mehr als verdoppelt.
Was auf den Impfplan kommt, bestimmen die Experten der Ständigen Impfkommission (STIKO) am Berliner Robert Koch-Institut. Gerade in den letzten Jahren hat sich hier viel getan. Mit den Empfehlungen für die Windpocken-, Pneumokokken-, Meningokokken- und HPV-Impfung wurden gleich vier neue Produkte in den offiziellen Impfplan aufgenommen. Bis vor kurzem konnten die Krankenkassen selbst entscheiden, ob sie dafür die Kosten übernehmen. Seit einer Gesetzesänderung, die im Juli 2007 in Kraft trat, sind sie hingegen dazu verpflichtet: Was die STIKO empfiehlt und vom "Gemeinsamen Bundesausschuss (GBA)" abgesegnet wird,  muss von den Kassen bezahlt werden.

Für die Hersteller sind Impfungen ein weitgehend risikoloses Geschäft. Im Gegensatz zu anderen Arzneimitteln läuft hier der Patentschutz nicht ab. Es gibt deshalb keine billigen Nachahmer-Medikamente (Generika), die Preise können in beliebiger Höhe festgesetzt werden. Und wenn dann auch noch die Impfexperten mitspielen und eine Impfung allgemein empfehlen, so bricht überhaupt das Schlaraffenland für die Hersteller-Firmen aus: Durch die Massenimpfung eines ganzen Geburtsjahrganges ist für Absatz gesorgt, ohne dass die Marketing Abteilungen der Konzerne selbst noch aktiv werden müssten. Und seit für die moderneren Impfungen auch wesentlich höhere Preise gefordert und auch bezahlt werden, ist aus dem einstigen „Groscherlgeschäft“, das die Pharmaindustrie nebenher aus gutem Willen mitmachte, ein wirklicher finanzieller Hoffnungsmarkt geworden. Impfstoff-Hersteller gelten derzeit als lukrativste Sparte des gesamten Pharma-Marktes. Sogar die seltsamsten Konzepte wie eine Impfung gegen Karies, gegen Bluthochdruck oder gegen Alzheimer finden das Vertrauen der Investoren und an den Börsen gelten Startups mit derartigen Impfstoffen im Portfolio als Überflieger. Versprechen sie doch enorme Gewinnspannen, wenn es gelingt, sie auf den Markt zu bringen - vergleichbar höchstens mit neuartigen Arzneimitteln in der Krebs-Therapie.

Den Anstoß für den aktuellen Boom gab der US-Konzern Wyeth. Er stellte im Jahr 2001 mit „Prevenar“ seinen neuartigen Impfstoff gegen Pneumokokken vor und forderte dafür einen damals als vollständig verrückt angesehenen Preis von deutlich über 100 Euro. In der Folge kam es in vielen Ländern zu heftigen Debatten, ob dieser extrem teure Impfstoff von den Kassen bezahlt werden sollte oder nicht. „Dieser Impfstoff hätte die Kosten für die Kinderimpfungen mit einem Schlag verdoppelt“, erklärte mir der Mainzer Kinderarzt Heinz-Josef Schmitt, der damalige Langzeit-Vorsitzende der Ständigen Impfkommission (STIKO).

Die STIKO ist eine vom Gesundheitsministerium eingerichtete unabhängige Experten-Kommission, deren Empfehlungen in den Deutschen Impfplan umgesetzt werden. Wegen der engen finanziellen Beziehungen zu den Impfstoff-Herstellern gerieten die Impfexperten in den letzten Jahren ins Kreuzfeuer heftiger Kritik. Allen voran ihr Chef. "H.J." Schmitt (Foto), wie er sich gerne in seinen Stellungnahmen und Beiträgen bezeichnet, hatte jahrelang hoch dotierte Forschungs-Aufträge von den Impfstoff-Herstellern angenommen. Auch in die Studien zur Pneumokokken-Impfung war er involviert. Dennoch durfte er nach dem Statut der STIKO die Fachfragen zur Impfung mit diskutieren. Lediglich bei der Abstimmung selbst musste er draußen vor der Tür warten. Schmitt machte mir gegenüber gar kein Hehl daraus, dass er heftig für die Empfehlung zur Pneumokokken-Impfung geworben hat: „Das hat ordentlich Hirnschmalz erfordert, bis das empfohlen wurde“, sprach er mir im Interview aufs Band. „Dafür haben wir sechs Jahre gebraucht.“

Ein Pharma-Lobbyist als Vorsitzender einer sich unabhängig gebenden Experten-Kommission ist schon mal eine der Eigenheiten, die im Impfbereich viele Jahre lang in Deutschland geduldet wurden. Fast jährlich kamen in Schmitts Ägide neue Impfungen auf den Plan: Neben Pneumokokken noch Meningokokken und Windpocken. Den Abschluss bildete schließlich die Impfung gegen Humane Papillomaviren (HPV). Mittlerweile hatten sich die Kassen an die enormen Beträge für neue Impfungen scheinbar bereits gewöhnt. Der HPV-Impfstoff Gardasil stellte mit einem Preis von 450 Euro für die Grund-Immunisierung noch einmal einen spektakulären neuen Rekord auf. Bereits 2007 sprang Gardasil mit einem Umsatz von 267 Millionen Euro auf Platz eins der umsatzstärksten Arzneimittel. Und das obwohl es erst im Lauf des ersten Halbjahres überhaupt auf den Markt gekommen ist. Schmitt hatte die Blitz-Zulassung in der STIKO vehement forciert.

Wie sicher diese Herren sich fühlten und wie selbstverständlich sie sich in voller Öffentlichkeit mit der Industrie ins Bett legten, zeigt eine kleine Episode, die wohl in keiner anderen Sparte der Wissenschaft möglich wäre - und im Wirtschaftsleben wohl strafrechtlich verfolgt würde. So hatte H.J. Schmitt keinerlei Bedenken, kurz bevor die Empfehlung der HPV-Impfung durch die STIKO amtlich wurde, noch mal rasch einen Preis "zur Förderung des Impfgedankens" anzunehmen, der mit einer Summe von 10.000 Euro dotiert war. Gestiftet wurde die Summe vom Gardasil-Hersteller Sanofi-Pasteur MSD.
Wolfgang Becker-Brüser, der Herausgeber des Industrie-unabhängigen „Arznei-Telegramm“ empörte sich:
„Wie kann man als öffentlich bestellter Gutachter einen Preis von einer Pharmafirma annehmen, über deren Produkte ich zu befinden habe? – Das sind doch öffentliche Bestechungen!“

Für H.J. Schmitt mögen die 10.000 Euro Preisgeld im Vergleich zu seinen sonstigen Einkünften eine vergleichsweise lächerliche Summe gewesen sein, die Optik war dennoch verheerend. Diese Episode charakterisiert die Selbstwahrnehmung der Impfbranche aber hervorragend: Eine Clique von Experten in der Grauzone undurchsichtiger finanzieller Geflechte findet nicht das geringste dabei, sich gegenseitig in der Öffentlichkeit mit Industriegeldern zu beschenken: weil sie den Impfgedanken – auf Kosten der Beitragszahler – so schön fördern. Ein derartiger Mangel an Unrechtsbewusstsein zeigt, dass hier jahrelang wenig öffentliche Kritik und so gut wie gar keine Kontrolle von Seiten der zuständigen Behörden ausgeübt wurde.

Im Herbst desselben Jahres als Schmitt seinen Preis annahm und den Impfstoff-Herstellern mit dem Blanko-Abonnement der HPV Impfstoffe noch auf Jahre hin Milliarden Euro an Umsatz sicherte, dankte er plötzlich als Mainzer Professor und auch als STIKO-Vorsitzender ab und wechselte zur Gänze auf die Seite der Impfstoff-Hersteller. Schmitt ist heute Vorstand für „Global Medical Affairs“ bei Novartis Behring.

Doch auch nach Schmitts Abgang hat die Mehrzahl der STIKO-Mitglieder vielfältige Beziehungen zur Industrie. Nur fünf von 16 Mitgliedern des im Infektionsschutzgesetz verankerten „unabhängigen Gremiums“ zur Beratung des Ministeriums in Impffragen sind heute ganz oder weitgehend frei von finanziellen Verbindungen zu den Herstellern der Impfstoffe. Dabei entscheiden die Empfehlungen der STIKO darüber, welche Impfungen von den gesetzlichen Krankenkassen erstattet werden.

Wie sich derartige Interessenskonflikte in der gesundheitspolitischen Praxis auswirken können, schilderte mir einmal "off the records" ein hoher Beamter des österreichischen Gesundheitsministeriums, der mit den Vertretern einer US-Pharmafirma über die mögliche Kostenübernahme durch die Steuerzahler beriet. Bei den Verhandlungen waren auch einige - angeblich unabhängige - Impfexperten anwesend. "Die Stimmung war aufgeheizt und wurde immer aggressiver", erzählte mir der Beamte, "weil die Amerikaner unbedingt die Kostenübernahme durch die Krankenkassen durchsetzen wollten." Es wurde sogar mit einer öffentlichen Kampagne gedroht, welche die damalige Gesundheitsministerin als Schuldige am Tod von hunderten von Kindern hinstellen sollte. "Und das schlimmste dabei war, dass unsere Impfexperten sich noch ärger gebärdeten als die Amerikaner." Man habe absolut keinen Unterschied bemerkt, sagte der Beamte, wer nun Angestellter der Pharmafirma und wer ein angeblich unabhängiger Experte war.

In den Selbstauskünften der STIKO Mitglieder, die auf der Webseite des Robert Koch Institutes veröffentlicht wurde, findet sich häufig die Angabe, dass „Vorträge zu Impfthemen ohne Produktbezug“ gehalten werden, dessen „Honorare zum Teil durch Impfstoffhersteller (re)finanziert“ wurden. Das klingt zunächst relativ unverdächtig. In der Praxis verbergen sich hinter solchen Formulierungen jedoch häufig Auftritte auf Pharma-Werbeveranstaltungen. Ein typisches Beispiel ist etwa der Auftritt des Münsterer Stiko-Mitglieds Klaus Wahle auf einer Veranstaltung von Sanofi Pasteur MSD, dem Hersteller des Impfstoffes „Zostavax“ gegen Herpes Zoster (Gürtelrose). Nach einem Bericht der Ärzte-Zeitung zu dieser Veranstaltung trat Professor Wahle vehement dafür ein, Impfungen wie diese in den „gedeckelten Leistungskatalog der Gesetzlichen Krankenversicherung aufzunehmen“. Denn „die Zoster-Impfung ergänzt die jährliche Influenza-Impfung und die alle sechs Jahre empfohlene Pneumokokken-Impfung in idealer Weise und sollte deswegen zügig als Standardimpfung empfohlen werden.“
Das Robert Koch Institut macht keine Angaben über die Höhe der so erzielten Nebeneinkünfte. Honorare im deutlich vierstelligen Bereich sind jedoch für solche Auftritte durchaus marktkonform. Als kleine Ergänzung zum mageren Professorengehalt.
Auch der stellvertretende Vorsitzende der STIKO, Ulrich Heininger, hat von allen großen Impfstoffherstellern Vortragshonorare erhalten, für die Firmen als Berater fungiert und Einladungen zum Besuch wissenschaftlicher Treffen angenommen.

Fred Zepp (Foto), der ebenso wie Schmitt von der Uni Mainz stammt, hat ein ganzes Paket von Nebentätigkeiten für die Industrie. Er veröffentlichte Studien gemeinsam mit Angestellten von Pharmafirmen und hält auf wissenschaftlichen Veranstaltungen entsprechende Vorträge – etwa im Juni 2008 bei einem Kongress in Kuala Lumpur, wo er die Vorteile des Impfstoffes Cervarix des Konzerns GlaxoSmithKline (GSK) anpries. Die Veranstaltung wurde von GSK bezahlt, jenem Konzern, der auch zwei der drei Windpocken-Impfstoffe erzeugt. Der zweite Vorsitzende neben Zepp erwies sich im Hauptberuf gar als GSK-Angestellter und Produktmanager von Cervarix.
Wie sollen solche Personen fähig sein, eine von ihren eigenen finanziellen Verflechtungen unabhängige Expertise in die STIKO einzubringen? Als ich Fred Zepp auf diese Interessenskonflikte ansprach, entgegnete er mir unwirsch:
„Wenn Ihnen das nicht passt, so müssen Sie die STIKO eben mit Hausfrauen besetzen.“
Ein Argument, das wohl aussagen soll, dass die Wissenschaft vom Impfen so überaus kompliziert ist, dass nur Menschen mit engen Beziehungen zur Industrie überhaupt in der Lage sind, das zu verstehen.

Die weitgehend unkritische Nähe zur Industrie ist aber nicht nur ein Merkmal der Deutschen Impfexperten-Szene. Der Vorsitzende des österreichischen Impfausschusses im Obersten Sanitätsrat, Ingomar Mutz, ist sich beispielsweise nicht zu blöd dafür, gleichzeitig als ehrenamtlich tätiger Präsident des Österreichischen Grünen Kreuzes zu fungieren, eines Lobby-Vereines für Impfstoff-PR. Claire Anne Siegrist wiederum, die Präsidentin der Eidgenössischen Kommission für Impffragen steht auf der Honorarliste fast aller großen Impfstoff-Hersteller.
Ähnlich verhält es sich in nahezu allen anderen Ländern. Nirgendwo ist es gelungen, ein halbwegs sauberes, der Bevölkerung und nicht den Interessen der Pharmaindustrie verpflichtetes, Beratungswesen aufzubauen. Und auch für die internationalen Organisationen gilt dasselbe. Die Welt-Gesundheitsorganisation ist ebenso gesättigt mit Lobbyisten wie die Gesundheitsbehörden der USA oder die Europäische Arzneimittel-Zulassungsbehörde EMEA. Hier ergibt sich der Zugriff der Industrie allein schon aus der Tatsache, dass die „unabhängige“ Behörde dem Industrie-Kommissariat untersteht und deren Budget zu einem wesentlichen Teil von den Beiträgen der Pharmaindustrie finanziert wird.

Die Empfehlung zur Windpocken-Impfung erfolgte in Deutschland kurz vor der Zulassung des GSK-Produktes Priorix-Tetra eines Vierfach-Impfstoffes, der neben Masern-Mumps und Röteln nun auch die Windpocken-Komponente enthielt. Zuvor waren, wie schon bei der Einführung der Windpocken-Impfung in den USA, einige Kosten-Nutzen-Analysen erstellt, welche allesamt zeigten, dass sich die Öffentlichkeit Geld erspart, wenn die Windpocken-Impfung allgemein als Kinderimpfung eingesetzt wird. Fast alle dieser Studien waren von den Herstellern bezahlt. Umstrittene und teils manipulierte Daten wurden als Basis verwendet, negative Umstände - wie die zu erwartende Kostenexplosion bei der Behandlung von Gürtelrose - hingegen einfach ignoriert. Und solche Studien wurden dann - ohne jegliches Schamgefühl – von der STIKO in ihrer Begründung für die Einführung der Impfempfehlung genannt.

Sowohl in der Ärzteschaft als auch bei den Krankenkassen gab es zunächst wenig Verständnis für diesen Schritt. Waren die Krankenkassen bislang immer dem Expertenrat der STIKO gefolgt, erging bereits eine Woche später eine offizielle Verlautbarung der Spitzenverbände der Krankenkassen, worin die wissenschaftliche Basis der Entscheidung angezweifelt wurde. Weder die von der STIKO angegebenen Studiendaten noch die Erkenntnisse zu Komplikationsraten wären nachvollziehbar. Die vorhandenen Mittel sollten lieber verstärkt in die Ausrottung der Masern investiert werden, als eine neue Impfstrategie mit fragwürdigem Ausgang loszutreten. In 95 Prozent der Fälle verliefe die Krankheit völlig komplikationsfrei, so ihre Argumentation. Erst durch die Impfung stiege die Gefahr, dass die Windpocken zu einer schweren Krankheit gemacht werden.
Andere Kritiker, wie der Herausgeber des unabhängigen arznei-telegramms Wolfgang Becker-Brüser, warfen der STIKO eine allzu große Nähe zur Pharmaindustrie vor. Man habe häufig den Eindruck, so Becker-Brüser, dass hier eher die Rechte der Produzenten als jene der Geimpften gewahrt würden. „Mit diesen immer weiter ausufernden Empfehlungen tun die Behörden dem Impfgedanken sicher keinen Gefallen.“
Der Münchner Kinderarzt Martin Hirte warnte ebenfalls eindringlich vor diesem „unkontrollierten Menschenversuch“. Es wäre ein Irrtum, dass jede verhinderte Krankheit automatisch ein Gewinn ist. „Denn möglicherweise haben Infekte wie die Windpocken einen positiven Einfluss auf Krebs oder andere Krankheiten im späteren Leben“, sagte Hirte. „Man sollte das jedenfalls gründlich untersuchen, bevor man hier einen Sachzwang schafft, der nicht mehr umkehrbar ist.“
Ex-STIKO-Vorsitzender H.J. Schmitt verstand die Aufregung über die Entscheidung nicht im Geringsten. „Der wichtigste Grund für die generelle Windpockenempfehlung war, dass jährlich 750.000 Krankheitsfälle vermieden werden können“, erklärte er. „Jedes Kind profitiert individuell von der Windpockenimpfung, weil es nicht krank wird.“

Ebenso wie Schmitt bemühte auch der Wiener Impfexperte Wolfgang Maurer das bekannte Argument, dass jede vermiedene Krankheit schon an sich ein Gewinn ist. „Die Komplikationsrate bei Windpocken liegt bei 1 zu 4.000“, sagte Maurer. „Es ist einfach unfair, wenn man den Kindern unnötiges Leid nicht erspart.“

Der Münchner Epidemiologe und STIKO-Experte Rüdiger von Kries (Foto), gab auf meine Fragen gleich unumwunden zu, dass das Kombi-Präparat von GSK einer der Anlässe für die STIKO-Empfehlung war:
"Ich war lange gegenüber der Windpockenimpfung skeptisch. Muss man wirklich gegen Varizellen impfen? Die Varizellen Impfung macht in erster Linie das Leben einfacher – schwere Morbidität und Mortalität sind selten. Man wird darauf achten müssen, hohe Durchimpfungsraten zu erzielen um eine ausreichende Herdenimmunität zu erreichen. Das ist nur möglich, wenn es einen Kombi-Impfstoff gibt. Der ist jetzt am Markt. Und jetzt kann man sagen: why not? – Windpocken machen keinen Spass und manchmal auch noch lebensgefährliche Komplikationen. Punkt. Dass man zweimal impfen muss, ja so ist das Leben. Vielleicht wird man auch mal dreimal impfen müssen. Nichts ist umsonst."

Es lohnt sich genauer nachzusehen, wo die von den Experten zitierten hohen Risiken der Windpocken plötzlich her kommen. Zuvor hatte die STIKO ja mehr als zehn Jahre lang keinen Grund gesehen, dem Beispiel der USA zu folgen. Den Ausschlag gab demnach eine neue Studie, die zu dem Ergebnis kam, dass in Deutschland jährlich rund 5.700 schwere Komplikationen, darunter etwa 22 Todesfälle als Folge der Windpocken auftreten. Diese Zahlen liegen bei Weitem über dem, was bislang über die Gefährlichkeit der Windpocken bekannt war.
Doch wie kam die Studie zustande? Dafür wurde eine Telefonumfrage unter Ärzten durchgeführt. Von 3.500 angerufenen Ärzten erklärten sich 300 für ein Gespräch bereit. Sie wurden gebeten, aus ihrer Kartei einen beliebigen Patienten herauszufiltern, der unter Windpocken litt. "Nun verfügt kaum ein Arzt über ein Computersystem, bei dem er nach schlichtem Zufallsprinzip einen beliebigen Patienten herausfiltern kann, der unter Windpocken litt“, erklärte Medizinjournalist Michael Houben in einer WDR-Reportage den grundlegenden Fehler dieses Ansatzes. „Die Ärzte stehen in solch einem Fall normalerweise vor einer großen Kartei und versuchen sich zu erinnern, welcher Patient wegen Windpocken behandelt wurde. Logisch, dass vor allem schwere Fälle namentlich im Gedächtnis bleiben.“ Deren Komplikationsrate wurde von den Statistikern dann auf die Bevölkerung hochgerechnet. Eine Methodik, die nach den Kriterien der Evidenz-basierten Medizin als vollständig unseriös gilt.
Vielsagend ist ein Blick auf die Studienautoren. Darunter sind Mitarbeiter des Baseler Unternehmens Outcomes International, das auf seiner Homepage Folgendes als „Mission“ der Firma angibt:
„Wir unterstützen unsere Kunden der Pharma-, Biotech- und Medizingeräteindustrie in der Kommerzialisierung und Markteinführung ihrer Produkte.“
Demnach dürfte der Auftraggeber und Financier der Studie ja zufrieden gewesen sein. Es handelte sich um das Unternehmen GlaxoSmithKline (GSK), das kurz nach Erscheinen der Studie mit Priorix-Tetra als weltexklusive Deutschlandpremiere einen Kombinationsimpfstoff gegen Masern, Mumps, Röteln und Windpocken auf den Markt brachte.

Doch die Mission der Windpocken-Impfer ist noch nicht zu Ende. Gibt es doch immer noch Widerstands-Nester, die am alten über Jahrzehnte bewährten Impf-Schema festhalten: Nämlich nur jene Kinder und Jugendlichen im Alter ab neun Jahren zu impfen, welche die Krankheit bis dahin nicht auf natürlichem Wege durchgemacht haben. Ein derartiges Widerstandsnest in Europa ist beispielsweise die Schweiz.
Doch auch hier sind die Profis von "Outcomes International" im Auftrag von GSK wieder aktiv: Etwa mit einer aktuellen Berechnung, dass die Einführung der allgemeinen Windpocken-Impfung selbstverständlich auch für das Schweizer Gesundheitssystem Ersparungen bringen würde, "...auch wenn diese seit den Empfehlungen für ein Schema mit zwei Impfungen zur Grundimmunisierung nicht mehr ganz so eindrucksvoll ausfallen".
Wie wenig sich im Verhaltens-Codex der "unabhängigen" Impfexperten bezüglich ihrer finanziellen Beziehungen mit der Industrie geändert hat zeigt ein Blick auf die Autoren dieser Studie: Selbstverständlich ist auch diesmal wieder die STIKO im Boot. Und zwar in Person des stellvertretenden Vorsitzenden Ulrich Heininger, der keine Bedenken hatte, gemeinsam mit den Angestellten des Pharmaservice-Unternehmens als Studienautor aufzutreten.

Fazit: Es ist höchste Zeit, dass auch auf das Impfwesen Grundprinzipien wissenschaftlichen Arbeitens angewendet werden. Es kann nicht länger einer verschworenen Lobby von Impfexperten überlassen bleiben, Impfkampagnen für eine ganze Bevölkerung quasi aus dem Handgelenk zu schüttteln. Ohne systematische Aufarbeitung der vorhandenen Evidenz, ohne HTA, ohne gut organisiertes und unabhängig finanziertes Monitoring der Ergebnisse. 
So wie es derzeit aussieht, ist die allgemeine Windpocken-Impfung eine krasse Fehlentscheidung und muss so rasch wie möglich zurück genommen werden!
Andernfalls laufen wir Gefahr, dass sich das bisherige Erscheinungsbild der Windpocken als weitgehend harmlose Kinderkrankheit drastisch verändert und daraus eine schwere - für manche Altersgruppen - lebensgefährliche Krankheit wird - und nur jene davon profitieren, die hier Impfstoffe verkaufen oder mit ihren Expertisen dabei mithelfen.


Foto-Credits: sueddeutsche zeitung (H.J. Schmitt), helles-koepfchen.de (F. Zepp), Impfbrief.de (R.v. Kries)

Montag, 6. Dezember 2010

Soll ich mein Kind gegen Windpocken impfen? Teil 2

Im ersten Teil meines Artikels habe ich mich mit der Bedeutung der Windpocken für die Entwicklung des kindlichen Immunsystems, dem schwächeren Nestschutz der Babys geimpfter Mütter, die zunehmende Gefahr von Windpocken-Infektionen in der Schwangerschaft, sowie dem unsicheren Langzeit-Schutz der Windpocken-Impfung befasst. Hier widme ich mich nun einem Phänomen, an das bei Einführung der Impfung überhaupt niemand gedacht hat: Dass Erwachsene nämlich vom Kontakt mit Viren-schleudernden Kindern profitieren - und ohne diesen Kontakt leichter an der gefährlichen Gürtelrose erkranken.

Windpocken-kranke Kinder wirken auf Erwachsene wie eine Auffrischungs-Impfung. (Foto: Ehgartner)

Argument 4: Die Windpocken-Impfung erhöht das Risiko für ernsthafte Gürtelrose-Erkrankungen

Windpocken werden vom Varizella-Zoster-Virus aus der Familie der Herpesviren verursacht. Wenn die Windpocken überstanden sind, verbleiben die Viren ein ganzes Leben lang in unserem Organismus. Sie verkriechen sich über die Nervenbahnen und „schlafen“ in den Nervenknoten des Rückenmarks sowie der Hirnnerven. (Das haben sie übrigens mit den Herpes-Simplex-Viren, einem anderen Vertreter dieser Familie gemein. Wenn diese Herpesviren aus ihrem Dämmerzustand in den Nervenknoten aufwachen und aktiv werden, merken wir das beispielsweise an Fieberbläschen auf den Lippen.)
Windpockenviren haben normalerweise einen recht ausdauernden Schlaf und werden bei den meisten Menschen zeitlebens nie wieder aktiv. Falls aber doch, ist das Ergebnis wesentlich ernster als bei den lästigen, aber ansonsten nicht weiter gefährlichen Fieberbläschen: die Betroffenen erkranken dann nämlich an Gürtelrose (Herpes Zoster). Symptome sind Brennen und teils starke Schmerzen in jenem Hautareal, das durch den betroffenen Nervenstrang versorgt wird. Schließlich bilden sich Bläschen, die mit einer infektiösen Flüssigkeit gefüllt sind. Nun sind Gürtelrosepatienten ansteckend und der kranke Opa könnte beispielsweise das Enkelkind infizieren. Allerdings nicht mit Gürtelrose selbst, sondern mit Windpocken. Gürtelrose selbst ist nicht übertragbar.

In dieser Eigenheit der Windpocken-Viren liegt übrigens auch die Ursache, warum es hier - im Gegensatz etwa zu den Masern-Viren - vollständig unmöglich ist, diese Viren jemals auszurotten. Denn auch bei Geimpften setzen sich die dabei verwendeten Lebendviren in den Nerven fest.
Ob die abgeschwächten Viren aus der Impfung später auch eine schwächere Form der Gürtelrose auslösen, ist eine Frage, die derzeit noch schwer zu beantworten ist. Dazu gibt es bislang noch keine Studien, weil diese Effekte sehr langfristig wirken, die Kinder sehr früh geimpft werden und die Gürtelrose vorwiegend im höheren Lebensalter auftritt.

Dass jedenfalls auch Geimpfte an Gürtelrose erkranken können, weiß man jedoch bereits. Ein Team der Columbia University beobachtete Personen, die zu den ersten Windpocken-Impflingen in den USA zählten, über einen Zeitraum von zehn bis 26 Jahren auf das Auftreten von Gürtelrose. Tatsächlich erwies sich das Krankheitsrisiko bisher als gleich groß als in der Normal-Bevölkerung, die noch die normalen Windpocken durchgemacht haben.

Gürtelrose (Foto: Wikipedia Commons/Fisle) tritt oft im Bereich der Körpermitte, eben entlang des Gürtels, auf, kann aber auch viele andere Regionen befallen. Wenn Gesichtsnerven betroffen sind, kann es bei dieser schwer zu behandelnden Krankheit zu Lähmungen der Muskulatur oder Schädigungen der Sehkraft kommen. Lebensbedrohlich wird Gürtelrose, wenn das gesamte Nervensystem vom Wiederausbruch der Viren erfasst wird. Diese Sonderform tritt jedoch nur bei stark immungeschwächten Menschen auf. Relativ häufig sind demgegenüber Nervenschäden – sogenannte Post-Zoster-Neuralgien – die nach überstandener und ausgeheilter Gürtelrose bestehen bleiben. Die damit verbundenen Schmerzen können lebenslang andauern und so schwer sein, dass sie die Lebensqualität der Betroffenen ruinieren und manche von ihnen sogar in den Selbstmord treiben.

Bei Windpocken tritt nun das interessante Phänomen auf, dass der Kontakt mit kranken Kindern die „schlafenden“ Viren der Erwachsenen in Schach hält und diese damit vor Gürtelrose schützt. Eine englische Untersuchung konnte diesen Zusammenhang konkret messen. Die Wissenschaftler sammelten aus ärztlichen Praxen in London 244 Fälle von Gürtelrose und suchten dann für jeden gefundenen Patienten zwei Kontrollpersonen ohne Gürtelrose, dafür aber gleich alt und mit selbem Geschlecht. In der Folge wurden nun alle Studienteilnehmer genau darüber befragt, wie viel Umgang sie während der letzten zehn Jahre mit Kindern und speziell mit windpockenkranken Kindern hatten. In der Auswertung zeigte sich, dass gelegentlicher Kontakt mit frischen Viren das Gürtelroserisiko der Erwachsenen auf ein Fünftel reduzierte. Die Autoren warnen deshalb im Schlussabsatz ihrer Arbeit auch vor den Folgen, die eine Vermeidung der Windpocken für die Erwachsenen haben könnte: „Wenn die Krankheit bei Kindern durch die Einführung einer Windpockenimpfung reduziert wird, so könnte das zu einem Ansteigen der Gürtelrosefälle bei den Erwachsenen führen.“

Wie stark dieser Anstieg ausfallen könnte, zeigt die Studie eines Teams des "Überwachungszentrums für übertragbare Krankheiten" in London. Zunächst untersuchten sie, ob es beim Gürtelrose-Risiko einen Unterschied macht, wenn Erwachsene gleichen Alters im Haushalt zusammen mit Kindern leben. Dabei zeigte sich, dass der über die Kinder vermittelte Kontakt mit Windpocken-Viren die Häufigkeit von Gürtelrose um signifikante 25 Prozent reduziert. Diesen Wert nahmen die Briten nun als Basis für eine mathematische Modellrechnung. Und das Resultat sollte eigentlich alle Alarmglocken schallen lassen. Die Londoner Wissenschaftler schreiben nämlich:
Die Massen-Impfung gegen Windpocken wird eine größere Epidemie von Herpes zoster (Gürtelrose) verursachen. Mehr als 50 Prozent jener Menschen, die zum Zeitpunkt der Einführung der Impfung zehn bis 44 Jahre alt waren, werden von der Krankheit betroffen sein. 

Die Hälfte der Bevölkerung Gürtelrose-krank? Das wäre ein wirkliches Alptraum-Szenario. Doch die Beobachtungen in den USA zeigen bereits, dass die britische Berechnung durchaus zutreffen könnte.
In den USA werden die Kinder bereits seit Mitte der 90er Jahre gegen Windpocken geimpft. Und weil dort die Regel „no vaccination – no school“ („ohne Impfung kein Schulbesuch“) gilt, liegt die Impfrate der Kinder bei über 80 Prozent.
Wissenschaftler der Universität Harvard in Boston untersuchten nun den Verlauf der beiden Krankheiten in der jüngsten Vergangenheit. Dabei zeigte sich eine beunruhigende Entwicklung, die sich in den kommenden Jahren noch verschärfen könnte. Während die Windpocken im Zeitraum von 1998 bis 2003 nämlich von 16,5 jährlichen Fällen pro 1.000 Personen auf 3,5 Fälle zurückgingen, verdoppelte sich die Häufigkeit der Gürtelrose nahezu und stieg innerhalb dieser fünf Jahre von 2,8 Fällen auf 5,3 Fälle an. Damit gibt es jetzt in den USA schon deutlich mehr Fälle von Gürtelrose als von Windpocken. Am stärksten betroffen sind Menschen über 65 Jahren. Die höchste Steigerungsrate zeigte sich jedoch überraschenderweise bei jüngeren Erwachsenen in der Altersgruppe von 25 bis 44 Jahren. Hier stieg das Risiko, an Gürtelrose zu erkranken, um satte 161 Prozent an.

Wir dramatisch sich diese Zunahme auswirkt, belegt eine aktuelle Studie eines Teams der University of Michigan in Ann Arbor. Sie zeigte, dass es ab der allgemeinen Einführung der Windpocken-Impfung fünf Jahre dauerte, bis sich der erste Aufwärtstrend bei Gürtelrose bemerkbar machte. Seither aber geht es rasant aufwärts. Parallel dazu stiegen die Kosten für die Therapie der Gürtelrose. Im Jahr 2004 lagen sie bereits um 700 Mio. US Dollar über dem bisherigen Aufwand.
Dies ist umso bemerkenswerter, als die Einführung der Windpocken-Impfung ursprünglich gar nicht so sehr mit den mit Windpocken verbundenen Gesundheits-Gefahren begründet wurde, sondern vor allem mit der Ersparnis für die Volkswirtschaft. Wenn die Kinder nicht mehr erkranken, müssen die Eltern weniger Pflegetage nehmen und allein dieser Effekt mache die Impfung schon rentabel, hieß es in den ökonomischen Berechnungen.
Leider wurde dabei auf die Kosten vergessen, welche nun der Anstieg bei Gürtelrose verursacht. Und so klingt das Resumee der Studienautoren aus Michigan denn auch diesbezüglich recht ernüchternd:
"Die Windpocken-Impfung hat dazu geführt, dass die Kosten für die Behandlung der Windpocken von 1993 bis 2004 signifikant gesunken sind. Diese Ersparnis war jedoch geringer als der gleichzeitige Anstieg der Behandlungskosten für Gürtelrose."

Die Impfstoff-Hersteller reagierten rasch und brachten kürzlich auch eine Gürtelrose-Impfung auf den Mark. Sie imitiert den Kontakt mit Windpocken-kranken Kindern und enthält – wegen des schwächeren Immunsystems älterer Menschen – die Windpockenviren in 14-fach höherer Dosis als in der Kinderimpfung. Dieser pharmazeutische Schutz vor Gürtelrose kostet rund 200 Euro und ist seit 2006 in Europa zugelassen. Wegen der enormen Kosten, welche die Gürtelrose für die Gesundheitssysteme verursacht, gibt es nun bereits Studien, welche den ökonomischen Nutzen einer staatlich bezahlten Herpes Zoster Impfung für alle Personen ab einem Alter von 65 Jahren bestätigen. Speziell natürlich in jenen Ländern, wo zuvor mit der allgemeinen Varizellen-Impfung die Windpocken bei den Kindern bekämpft worden ist.
Insgesamt ist das Phänomen Windpocken somit ein gutes Beispiel, wie aus einer einst harmlosen Kinderkrankheit – wenn sie von der Pharmaindustrie und ihren Helfershelfern ordentlich unter die Fittiche genommen wird – ein höchst profitables Gesundheitsproblem für die gesamte Gesellschaft erzeugt werden kann.

Fazit: Die Einführung der Windpocken-Impfung hat in den USA zu einem vermehrten Auftreten von Gürtelrose geführt, einer Krankheit die schwer behandelbar ist und starke Schmerzen verursachen kann. Die Kosten für die Behandlung der Gürtelrose haben derart zugenommen, dass damit alle Einsparungen bei der Behandlung der Windpocken wieder zunichte gemacht sind.

Lesen Sie hier weiter mit Teil 3. Wenn Ihnen dieser Artikel gefallen hat, würden 
wir uns über einen kleinen Beitrag zu unserer Arbeit sehr freuen. 

Donnerstag, 2. Dezember 2010

Soll ich mein Kind gegen Windpocken impfen? Teil 1

Im Jahr 2004 empfahl die deutsche Impfkommission STIKO völlig überraschend und als erstes Land Europas die allgemeine Windpocken (Varizellen) Impfung der Kinder – nach dem Vorbild der USA – im Alter ab elf Monaten. 
Österreich ist diesem Beispiel kürzlich gefolgt. Im Impfplan für 2010 ist erstmals auch die frühe Windpocken-Impfung aller Kinder eingetragen – und zwar bereits ab einem Alter von neun Monaten, jedenfalls aber "vor dem Eintritt in Gemeinschafts-Einrichtungen". 
In der Schweiz gilt hingegen nach wie vor die alte Empfehlung, nur jene Jugendlichen und Erwachsenen zu impfen, welche die Windpocken nicht auf natürlichem Wege durchgemacht haben.
Der Druck, den Deutsch-Amerikanischen Weg bei der Bekämpfung der Windpocken einzuschlagen wird in der gesamten EU immer stärker. Mittlerweile sind bereits zwei Einzel- und ein Kombinations-Impfstoff gegen Windpocken am Markt. Die Mahnungen der Experten, die Kinder möglichst früh gegen diese überwiegend harmlos verlaufende Infektionskrankheit zu impfen, werden immer dringlicher. Als Grund wird angeführt, dass es in seltenen Fällen doch zu Komplikationen kommen kann, mit der Impfung Pflegetage bei berufstätigen Eltern reduziert werden und grundsätzlich jede vermiedene Krankheit der Gesundheit der Kinder nützt. Viele Eltern, aber auch zahlreiche Ärzte, fühlen sich nicht ausreichend informiert und wissen nicht, welchen Empfehlungen sie nun folgen sollen: Was spricht für – und was gegen die Windpocken Impfung?
Ich habe mich intensiv mit dieser Thematik befasst und möchte hier meine Argumente zur Diskussion stellen. 



Argument 1: Die Windpocken sind ein Trainingscamp für das reifende Immunsystem

Unser Immunsystem besteht aus zwei großen Teilen: dem angeborenen und dem erworbenen. Während das angeborene fix und fertig zur Verfügung steht und vor allem während der ersten Lebensmonate unentbehrlich ist, wächst die Bedeutung des erworbenen mit den im Lauf der Zeit erlernten Kompetenzen. Neben unserem Bewusstsein ist das Immunsystem unser zweites lernendes Ich. So individuell sich die Erfahrungen eines Menschen als spezielle Nerven-Netzwerke im Gehirn manifestieren, so tun sie das auch auf der Ebene unserer Immunabwehr.
Bereits während der Geburt beginnt das Immunsystem mit seiner Arbeit und hört damit - wenn wir Glück haben - ein ganzes Leben nicht mehr auf. Die wichtigsten Lerneffekte treten aber naturgemäß in den ersten Lebensjahren eines Kindes auf, wenn die Eindrücke frisch sind und das Immunsystem alle häufigen Viren und Bakterien der Umgebung kennen lernt.

Im Verlauf von Infekten erwirbt das Immunsystem schrittweise seine Kompetenzen. Dazu gehört die Interaktion von Immun- und Nervensystem, etwa bei der Regelung von Fieber, das Einleiten und Abstellen von Entzündungsprozessen, die molekulare Unterscheidung zwischen fremden und körpereigenen Proteinen,  die Beurteilung eines fremden Eiweißes als gefährlich oder ungefährlich und viele andere derartige Fähigkeiten, deren komplexe Abläufe die Wissenschaft derzeit gerade mal im Ansatz zu begreifen beginnt.
Wenn sich das Immunsystem ungestört entwickeln kann, gewinnen wir einen kompetenten Lebensbegleiter, der bis ins hohe Alter vor Infektionskrankheiten schützt. Eine zweite, wahrscheinlich noch wichtigere Funktion erfüllt das Immunsystem, wenn es während unseres Schlafes zu Höchstform aufläuft. Dabei unterzieht es den Organismus einem  regelmäßigen Service, bei dem kranke und krebsartig-wuchernde Zellen rechtzeitig entdeckt und gestoppt werden.
Das Immunsystem ist jedoch nicht nur ein Schutzengel des Menschen, es kann sich auch gegen den eigenen Organismus wenden und zum unberechenbaren Apparat werden, der das Leben zur Hölle macht: Wenn es etwa harmlose Blütenpollen für gefährliche Eindringlinge hält und über Entzündungen schwere Asthma-Schübe auslöst oder wenn es körpereigene Proteine nicht erkennt, die eigenen Darm- oder Nervenzellen attackiert und schwere irreparable Schäden anrichtet. Wo die Lernprozesse und der Reifungsprozess des Immunsystems nicht gelingen, drohen chronische Allergien und Autoimmun-Krankheiten.

Windpocken ist nun eine der typischen viralen Krankheiten, die bei praktisch allen Kindern ausbrechen und dem Immunsystem ein Trainingscamp bieten. Manche Mediziner argumentieren, dass jede vermiedene Krankheit prinzipiell schon einen Gewinn für die Menschen darstellt. Andere betonen, dass es die meist harmlos ablaufenden Kinderkrankheiten braucht, um die Reifung des Immunsystems zu sichern – und das erscheint mir wesentlich wahrscheinlicher.
Extreme Belege liefert hierfür der Tierversuch: Wenn Versuchstiere in keimfreier Umgebung aufwachsen, so gedeihen sie zwar prächtig - wenn sie dann allerdings einem noch so harmlosen Virus ausgesetzt werden, so sterben diese Versuchstieren auf der Stelle. Dies spricht gegen die These, dass jede vermiedene Krankheit ein Gewinn ist.
Die Windpocken-Impfung enthält abgeschwächte aber lebende Windpocken-Viren, die – im Gegensatz zu den Wildviren – nicht über die Schleimhäute "aus der Luft" aufgenommen, sondern vom Impfarzt unter die Haut injiziert werden. Die Verträglichkeit der Impfung wird als gut beschrieben, Fieber ist selten, die Reaktion des Immunsystems verläuft weitgehend unbemerkt. Wie sich der Lerneffekt der echten Viren von jenem der abgeschwächten Impfviren unterscheidet und welche Rolle Windpocken im Detail für die Reifung des Immunsystems spielen, ist unbekannt. Ungeklärt ist weiters, ob sich diese Lernprozesse von jenen unterscheiden, die das Immunsystem beispielsweise im Kontakt mit Erkältungsviren macht. Niemand weiß, wie viele banale Infekte für die Entwicklung eines reifen Immunsystems notwendig sind. Derzeit gleicht unser Wissen über die hoch komplexen Abläufe, nach denen das Immunsystem funktioniert, gerade mal der Spitze eines eben aufgetauchten Eisberges.

Dessen ungeachtet versucht die moderne Medizin - durchaus in guter Absicht - das Immunsystem über alle möglichen Hebel zu manipulieren und in eine gewünschte Richtung zu beeinflussen.
Etwa mit fiebersenkenden Arzneimitteln, welche die Absicht des Immunsystems - nämlich Fieber zu erzeugen und damit die eigenen Arbeitsbedingungen zu optimieren - sabotieren.
Oder mit Entzündung hemmenden Wirkstoffen wie Cortisol, das als Stresshormon Teil des wichtigsten Gegenspielers des Immunsystems ist.
Unmittelbare Auswirkungen haben auch Antibiotika, die im Darm, dem größten Teilorgan des Immunsystems, unter den hilfreichen Bakterien einen verheerenden Kahlschlag anrichten.
Weiters zählen dazu die vielen modernen Medikamente gegen Rheuma, Multiple Sklerose, Morbus Crohn und andere Autoimmunkrankheiten, die heute die "Blockbuster" unter den umsatzstärksten Arzneimitteln darstellen und die Krankenkassen in den finanziellen Abgrund treiben.
Und dazu gehören schließlich auch die Impfungen, wo dem Immunsystem - wieder in bester Absicht - die Erfahrungen durchgemachter Krankheiten vermittelt werden sollen - ohne diese Krankheiten tatsächlich selbst durch zu machen.
(Wer sich näher für die Entwicklung eines gesunden Immunsystems interessiert, sei auf mein Buch "Lob der Krankheit - Warum es gesund ist, ab und zu krank zu sein" verwiesen. Es wurde 2010 als Taschenbuch im Verlag Lübbe neu aufgelegt.)

Parallel zu diesen in den letzten Jahrzehnten immer häufiger gewordenen Eingriffen ins Immunsystem ist auch die Zahl der dauerhaften Störungen des Immunsystems sprunghaft angestiegen: Mehr als hundert Autoimmunkrankheiten sind mittlerweile bekannt, viele haben heute bereits den Rang von Volkskrankheiten. Dazu kommen die verschiedenen Allergien, von denen in den Industrieländern fast ein Drittel der Bevölkerung betroffen ist.
Doch so leicht es der Medizin fällt, ein gesundes Immunsystem in seinen Funktionen von außen zu beeinflussen, so hoffnungslos ist ihr Wissensstand, wenn es gilt ein gestörtes und aus der Bahn geworfenes Immunsystem wieder zu normalisieren.
Dass es einen Zusammenhang zwischen der Manipulation des Immunsystems und dessen Störungen geben könnte, wird entweder heftig bestritten oder stillschweigend ignoriert.

Fazit: Die Windpocken-Impfung bietet für die Reifung des Immunsystems im Vergleich zur natürlich ablaufenden Krankheit einen wahrscheinlich deutlich geringeren Lerneffekt. Zudem handelt es sich bei der Windpocken-Impfung um eine zusätzliche Manipulation des Immunsystems. Die Auswirkung dieser beiden Effekte sind unbekannt und nicht ausreichend erforscht.


Argument 2: Geimpfte Mütter geben ihren Babys weniger Nestschutz mit

Als Starthilfe für das bei Geburt noch unreife Immunsystem geben die Mütter ihren Babys einen Vorrat schützender Antikörper - den so genannten Nestschutz - mit.
Diese Antikörper vermitteln Schutz gegen jene Viren und Bakterien, mit denen das Immunsystem der Mutter im Lauf der Jahre Bekanntschaft gemacht und sich davon ein Immun-Gedächtnis in Form von Zellen und Antikörpern geschaffen hat. Mit diesem Nestschutz werden die ersten Wochen und Monate nach der Geburt überbrückt, in denen das Neugeborene gesundheitlich besonders gefährdet ist.

Windpocken-Geimpfte geben später ihren eigenen Kindern weniger "Nestschutz" in Form schützender Antikörper weiter, weil die Immunantwort nach einer Impfung schwächer ausfällt als nach durchgemachter Krankheit. Während Windpocken, das im üblichen Alter (etwa zwischen zwei und sechs Jahren) auftritt, meist vollkommen harmlos verläuft, ist das im Babyalter, sowie im Jugend- und Erwachsenenalter nicht der Fall. Die Komplikationsrate bei Windpocken verläuft in Form einer U-Kurve: zu Beginn des Lebens und im späteren Leben kommt der Organismus mit diesen Viren schlecht klar.

Dieses Problem gilt ebenso für andere virale Erkrankungen wie etwa die Masern. Weil hier bereits seit vielen Jahren geimpft wird, sind die Auswirkungen bereits besser erforscht.
Im einer methodisch sehr guten Arbeit, die im Mai 2010 im British Medical Journal veröffentlicht wurde, zeigten Elke Leuridan und Kollegen von der Universität Antwerpen wie enorm dieser Effekt ist. Sie untersuchten eine Gruppe von 207 Schwangeren, von denen etwa die Hälfte geimpft war und die andere Hälfte ihre Immunität über eine Masern-Erkrankung erhalten hatte.
Im Vergleich war bei den geimpften Frauen die Antikörperkonzentration, die an die Babys weiter gegeben wurde um das Dreieinhalbfache niedriger. Bereits nach einem Monat war deren "Nestschutz" aufgebraucht. Die Babys, deren Mütter noch die Masern durchgemacht hatten, waren hingegen über fast vier Monate vollständig vor Masern geschützt.
Das hier beobachtete Phänomen ist einer der Gründe, warum heute auch viele impfkritische Eltern ihre Kinder gegen Masern impfen lassen: Denn eine Masern-Welle würde für die neugeborenen Babys geimpfter Mütter eine enorme Gefahr bedeuten. Nur die Verhinderung einer Masern-Epidemie kann diese Babys schützen - zumal es auch nicht möglich ist, sie in diesem frühen Alter selbst zu impfen.
Über die allgemeine Masernimpfung ist also ein Zwang entstanden, der nun alle Menschen in die Pflicht nimmt, ihre Kinder ebenfalls impfen zu lassen. Andernfalls würden sie dazu beitragen, dass wieder neue Masern-Wellen auftreten können und dann für Babys geimpfter Mütter Lebensgefahr besteht.

Bei Windpocken stehen wir noch am Anfang dieser Entwicklung. Der Weg ist aber nun aber durch die Empfehlung der STIKO in Deutschland und die Nachfolger in anderen Ländern schon vorgezeichnet: Binnen weniger Jahre ergibt sich hier eine ähnliche, vielleicht sogar noch schlimmere Dynamik wie bei Masern. Denn während Windpocken in der bisher typischen Altersgruppe überwiegend harmlos verlaufen, ändert sich das radikal, wenn sie plötzlich vermehrt bei Neugeborenen, Erwachsenen oder Schwangeren auftreten. Hier kann Windpocken Lebensgefahr bedeuten.

Fazit: Wer seine Kinder gegen Windpocken impfen lässt, riskiert, dass später die eigenen Enkelkinder weniger Nestschutz von ihren geimpften Müttern mitbekommen und diese Babys in der besonders empfindlichen Phase nach der Geburt an einer lebensgefährlichen Infektion erkranken können.


Argument 3: Der Impfschutz ist unzuverlässig, das Erkrankungsalter steigt dramatisch an.

Je höher der Anteil der geimpften Kindern, desto seltener wird eine Windpocken-Welle durchs Land ziehen. Die Folge ist, dass die Krankheit im Schnitt später auftritt.
Sehr gut kann man dies in den USA beobachten, wo bereits seit Mitte der 90er Jahre die allgemeine Impfempfehlung ab dem ersten Lebenjahr gilt. Wie in Europa stand auch in den USA zunächst ein Großteil der Bevölkerung wie auch der Ärzte der Windpocken-Impfung skeptisch gegenüber. Schließlich verfügte jedoch ein Bundesstaat nach dem anderen die Impfpflicht, nach dem bekannten Motto "no vaccination - no school". Wer keine philosophischen oder religiösen Einwände geltend machen konnte, oder wem diese Prozedur zu kompliziert war, musste die Kinder also impfen lassen, weil sie sonst nicht in die Schule durften. Über diesen Zwang gelang es, die Impfquote von 27 Prozent im Jahr 1997 auf 88 Prozent im Jahr 2005 zu heben.
Parallel dazu - zeigen die Berichte der Gesundheits-Behörden - hat sich das durchschnittliche Erkrankungsalter von fünf Jahren auf elf Jahre mehr als verdoppelt. Wenn sich dieser Trend fort setzt, so werden künftig regelmäßig Fälle von Windpocken in der Schwangerschaft auftreten. Hier können die Viren – ähnlich wie bei Röteln – schwere Schäden am Ungeborenen anrichten, worauf es zu Totgeburten kommt oder die Babys mit Behinderungen zur Welt kommen.

Dieses über die Impf-Kampagne ausgelöste Risiko ist auch den Behörden bewusst. Untersuchungen zeigen, dass zu dem Zeitpunkt als die Massen-Impfung eingeführt wurde, 95,5 Prozent der 20-jährigen und 98,9 Prozent der 30-jährigen und 99,6 Prozent der Menschen über 40 immun gegen Windpocken waren(Quelle: NHANES III "Varicella in Americans" JMedVirol. 2003; 70:111-118). Doch anstatt diese hohen Schutzraten zu bewahren, indem eben nicht geimpft wird und dadurch nahezu alle Kinder bis zur Pubertät die Windpocken (Varizellen) durch machen und damit geschützt sind, muss den Frauen nun - z.B. im österreichischen Impfplan von 2010 - vor der Schwangerschaft eine zweimalige Sicherheits-Impfung und sogar eine serologische Abklärung (Prüfung des Antikörper-Titers im Blut) empfohlen werden:
Da Varizellen bei Erwachsenen eine schwere Erkrankung darstellen und bei Erkrankung in der Schwangerschaft erhebliche Komplikationen auftreten können, wird empfohlen, bei allen ungeimpften 9-17-Jährigen ohne Varizellenanamnese (oder mit negativer Serologie) die Impfung (2 Einzeldosen im Mindestintervall von 6 Wochen) zu verabreichen.
In seltenen Fällen kann eine Varizellen-Zoster-Virusinfektion innerhalb der ersten 20 Schwangerschaftswochen zu Fehlbildungen beim Feten führen.

Die Bilanz der US-Impfkampagne ist also zwiespältig. Es erkranken nun zwar wesentlich weniger Kinder an Windpocken, jene die es dennoch erwischt, sind aber deutlich älter und haben ein höheres Komplikationsrisiko. Und es sind gar nicht so wenige, die trotz Impfung erkranken. Sogar Schulen, wo nahezu 100 Prozent der Schüler geimpft waren, wurden von Windpocken-Epidemien erfasst. Es zeigte sich, dass die ursprünglich als sehr hoch angenommene Wirksamkeit der Impfung binnen weniger Jahre stark nach ließ. Die US-Behörden mussten die Schutzrate der Impfung nach unten revidieren und gaben die Wirksamkeit nunmehr mit 44 bis 86 Prozent an.
Der Münchner Epidemiologe Rüdiger von Kries analysierte mit seinem Team alle Windpocken-Ausbrüche des letzten Jahrzehnts und kam in dieser Metaanalyse auf eine durchschnittliche Schutzrate von 72,5 Prozent.  Während ein sattes Viertel der geimpften Kinder durch die Impfung also gar keinen Schutz erhält, ist es derzeit auch beim Rest noch nicht abzusehen, wie lange bei ihnen der Impfschutz anhält, zumal auch der "Booster-Effekt" durch Wildviren zunehmend aus bleibt: Damit ist die Auffrischung der Immunität gemeint, die sich früher regelmäßig beim Kontakt mit Windpocken-kranken Kindern einstellte.

Derzeit sind zwei Einzelimpfstoffe (Varilrix von GlaxoSmithKline-GSK, sowie Varivax von Sanofi Pasteur MSD) und eine Kombinationsimpfung am Markt (Priorix-Tetra von GSK). Es gibt zahlreiche Hinweise, dass die Einzelimpfstoffe eine etwas höhere Wirksamkeit haben und der Schutz bei der Kombi-Impfung noch etwas rascher nach lässt. Dennoch wird heute in Deutschland meist die Kombi-Impfung verwendet - wohl auch um die Anzahl der belastenden Impftermine die häufig in ein Heulkonzert ausarten, möglichst niedrig zu halten. Neben der schlechteren Wirksamkeit zeigen sich nach der Kombi-Impfung zudem auch mehr Nebenwirkungen. Eine kürzlich im Fachjournal Pediatrics publizierte Studie ergab ein doppelt so hohes Risiko von Fieberkrämpfen im Zeitraum nach der MMRV-Kombi-Impfung wie bei Einzelgabe von MMR plus Varizellen-Impfung.

Die deutsche "Arbeitsgemeinschaft Masern und Varizellen (AGMV)" betreibt ein Überwachungssystem, an dem etwa 600 Ärzte teilnehmen, die monatlich ihre Fälle melden. Die AGMV ist eine gemeinsame Initiative des Berliner Robert Koch Instituts (RKI) mit den Impfstoffherstellern. Die wissenschaftliche Federführung liegt zwar beim RKI, mit der Durchführung ist jedoch das Deutsche Grüne Kreuz beauftragt, die häufig als Lobbying- und PR-Agentur der Impfstoff-Industrie auftritt.
Es ist heutzutage längst Usus, dass sich die Behörden ihre Aktivitäten von der Industrie bezahlen lassen.
Diese investiert hier gerne. Erkauft sie sich doch mit derartigen Partnerschaften - neben dem Wohlwollen der Behörden - auch einen Erstzugriff auf die Daten. Daraus ergibt sich sowohl ein Informationsvorsprung als auch die Möglichkeit die Interpretation dieser Daten in der öffentlichen Kommunikation mit zu gestalten.

Bislang zeigen die Daten für Deutschland einen deutlichen Rückgang bei den Windpocken-Fällen. Im Zeitraum von 2006 bis 2008 stieg die Durchimpfungsrate bei Windpocken von 38% auf 53% an. Nahezu alle Befragten wissen bereits von der Windpocken-Impfung. Der wichtigste Einfluss-Faktor für oder gegen die Impfung war laut Elternbefragung der Rat der Ärzte. In der Regel folgten die Eltern der Arztempfehlung. Und die Ärzte sind dazu Jahr für Jahr stärker bereit. Von 2006 bis 2008 stieg deren Zustimmung zur Impfung von 48% auf 60% an. Das bedeutet jedoch, dass noch immer 40% der Ärzte der Windpocken-Impfung skeptisch bis ablehnend gegenüber stehen.
Bei den Eltern bislang ungeimpfter Kinder zeigt sich ein gegenläufiger Trend. Hier stieg der Anteil jener, die erklären, dass sie ihr Kind nicht gegen Windpocken impfen lassen im Zeitraum von 34% auf 40% an.

Beunruhigend erscheint den Autoren eines Münchner Varicellen-Beobachtungs-Systems die Tatsache, dass die Zahl der Durchbruchserkrankungen über die Beobachtungsjahre stark anstieg. Damit sind jene Geimpften gemeint, die dann trotzdem an Windpocken erkranken. Lag der Anteil in der ersten Saison (2006/07) bei 2,7%, stieg er in den Folge-Saisonen auf 5,2% und lag 2008/09 bei 7,9%.
Wohin der Trend hier geht, zeigen die aktuellen Zahlen vom Oktober 2010. In diesem Monat meldeten die Arztpraxen des AGMV- Überwachungssystems insgesamt 395 Neuerkrankungen an Windpocken. Der Anteil der Geimpften unter den Kranken lag nun bereits bei 30,6%.

In den USA wurde auf Basis ähnlicher Erfahrungen ab 2006 die Empfehlung für eine obligate zweite Windpocken-Impfung zur Grund-Immunisierung ausgegeben, eine Maßnahme die in der Folge von industrienahen deutschen Impfexperten forciert wurde und seit 2009 in Deutschland und inzwischen auch in Österreich im Impfplan steht. Die Gesundheits-Behörden hoffen, dass sich damit nun eine bessere Wirksamkeit ergibt, die halbwegs mit jener der Masern-Mumps-Röteln Impfung mithalten kann.
Die deutschen Autoren der zitierten Metaanalyse (darunter zwei Mitglieder der STIKO) zeigen sich diesbezüglich in ihrer Arbeit jedoch skeptisch, und äußern die Befürchtung, dass die Schutzrate im Lauf der Zeit abermals nachlassen könnte.

Fazit: Der Schutz der Windpocken-Impfung lässt relativ rasch nach, etwa ein Viertel der Geimpften erkrankt später trotzdem. Ob dieser Effekt von der kürzlich eingeführten zweiten Impfung gestoppt werden kann, wird von Experten bezweifelt. Erfahrungen aus den USA zeigen, dass sich seit Einführung der Massenimpfung das durchschnittliche Erkrankungsalter verdoppelt hat. Nun drohen vermehrt Fälle von Windpocken während der Schwangerschaft, die - ähnlich wie bei Röteln - zu schweren Komplikationen und Fehlbildungen beim Ungeborenen führen können.


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Mittwoch, 30. Juni 2010

Doppelt so viele Fieberkrämpfe bei Vierfachimpfung

Eine nun veröffentlichte Studie zeigt, dass die Kombi-Impfung gegen Masern, Mumps, Röteln und Windpocken das Risiko eines Fieberkrampfes verdoppelt. Damit ergibt sich die Chance, eine der unsinnigsten Entscheidungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) noch einmal zu überdenken.

Als eine der letzten Taten des im Jahr 2007 zur Impfindustrie übergewechselten berüchtigten Langzeit-Vorsitzenden der STIKO, HJ Schmitt, bleibt die Aufnahme der Windpocken-Impfung in den allgemeinen Impfplan in Erinnerung. Deutschland preschte mit dieser Empfehlung völlig überraschend und im Alleingang in Europa vor. Zumal die Erfahrungen, die in den USA zum Nutzen dieser Impfung vorlagen, alles andere als positiv waren.
Einer der Anlässe für die Empfehlung der STIKO war die gleichzeitige Markt-Einführung eines Vierfach-Impfstoffes gegen Masern, Mumps, Röteln und Windpocken (Varizellen). Dieser MMRV-Impfstoff "Priorix Tetra" des Konzerns GlaxoSmithKline  erlebte in Deutschland – wohl in Absprache mit den extrem Pharma-nahen Experten der STIKO – seine Europa-Premiere.
Nach wie vor wird Priorix Tetra außerhalb von Deutschland nur in wenigen Ländern Europas angeboten. Zum einen wegen Sorgen über eine geringere Wirksamkeit der Vierer-Kombo gegenüber der bisher üblichen Dreier-Kombo, Masern-Mumps-Röteln (MMR). Zum anderen wegen genereller Bedenken zur Sinnhaftigkeit einer Windpocken-Impfung.


Windpocken verlaufen meist komplikationslos und sind binnen weniger Tage ausgeheilt (Foto: B.E.)

Ich habe in meinem Buch "Lob der Krankheit - Warum es gesund ist, ab und zu krank zu sein", ausführlich über die Bedeutung von Krankheiten für die Reifung des Immunsystems geschrieben. Der Windpocken kommt hier als eine der letzten verbliebenen "Kinderkrankheiten" eine besondere Bedeutung im Sinne eines "Trainingscamps für ein starkes Immunsystem" zu. Die Komplikationsrate der Krankheit ist so gering, dass die meisten Kinderärzte dieser zusätzlichen Impfung skeptisch gegenüber stehen.

Seit diese Impfung mit der sinnvollen MMR-Impfung verknüpft wurde, ergaben sich damit zahlreiche fatale Konsequenzen, die nur noch schwer rückgängig zu machen sind:
Die Zirkulation der Viren geht zurück, ohne dass es eine reale Chance gibt, diese Viren auszurotten. Daraus folgt, dass Windpocken-Epidemien nach wie vor auftreten, allerdings nicht mehr jährlich, so wie bisher, sondern deutlich seltener. Damit infizieren sich die Kinder auch seltener und das durchschnittliche Erkrankungsalter steigt. In den USA, wo seit 1995 geimpft wird, hat sich das durchschnittliche Erkrankungsalter seither mehr als verdoppelt und liegt nun bereits bei elf Jahren.
Wenn das Alter weiter steigt, werden zunehmend Fälle von Windpocken bei schwangeren Frauen auftreten, was für die ungeborenen Babys ähnlich katastrophale Folgen haben kann wie bei Röteln. Wenn Jugendliche oder Erwachsene an Windpocken erkranken, so ist generell die Komplikationsrate wesentlich höher als bei Kindern, die im üblichen Alter (zwischen zwei und sechs Jahren) die Krankheit durchmachen und meist binnen weniger Tage wieder vollständig gesund sind.

Eine weiteres Folgeproblem der Impfung ist, dass geimpfte Mütter ihren Babys weniger schützende Antikörper weiter geben und diese daraufhin ein höheres Risiko haben, in den ersten Lebensmonaten zu erkranken. Bisher kamen solche frühen Erkrankungsfälle nur sehr selten vor. Man weiß jedoch vom selben Effket bei Masern, dass hier ein deutlich höheres Komplikationsrisiko besteht.

Bei Windpocken ist eine Ausrottung der Viren unmöglich, weil die Viren hier - im Gegensatz zu Masern - ein ganzes Leben lang im Körper bleiben: Sowohl nach einer Windpocken-Erkrankung als auch nach einer Windpocken-Impfung,  bei der Lebenviren verwendet werden, verschanzen sich diese Viren an den Enden von Nervenfasern und "schlafen" dort. Diese Viren können im späteren Leben – etwa in Zeiten von erhöhtem Stress oder Abwehrschwäche – noch einmal "aufwachen". Dann verursachen sie jedoch nicht mehr die Symptome der Windpocken, sondern manifestieren sich als so genannte Gürtelrose (Herpes zoster).
Nun weiß man, dass das Risiko einer Gürtelrose steigt, wenn Erwachsene wenig Kontakt mit Windpocken-kranken Kindern haben. Die Wildviren halten scheinbar die schlafenden Viren im Körper der Erwachsenen unter Kontrolle. Wenn nun keine Kinder mehr mit Windpocken erkranken, folgen vermehrte Ausbrüche von Gürtelrose bei den Erwachsenen mit dramatischen Folgen: Gürtelrose kann - je nach Nervenbeteiligung gefürchtete Schmerzen verursachen, die auch nach dem Abheilen der Krankheit bestehen bleiben und die Betroffenen quälen. Es gibt keine wirksame Therapie. Die Folgekosten wären enorm. In den USA haben sich die Fälle von Gürtelrose seit der Einführung der Windpocken-Impfung mehr als verdoppelt.
Die Impfstoff-Hersteller reagierten darauf mit der Einführung einer Gürtelrose-Impfung, bei der es sich im Prinzip um eine etwas höher dosierte Kinderimpfung handelt. Die Impfung versucht also den Kontakt mit Windpocken-kranken Kindern zu imitieren und hat - zumindest für die Hersteller - den Vorteil, dass damit mit der Krankheit doppelt verdient werden kann: bei den Kindern und bei den Älteren.

Insgesamt bringt die Einführung einer Windpocken-Impfung für die Gesamtbevölkerung zahlreiche Nachteile und ein enormes Gesundheits-Risiko mit sich. Und es bedarf einer wirklich genauen Befassung mit dieser Thematik, weil damit Fakten gesetzt werden, die nicht mehr - oder nur unter enormen Opfern - rückgängig gemacht werden können. Deswegen wäre es hoch an der Zeit, die Entscheidung der STIKO noch einmal zu überprüfen, oder die mittlerweile etwas weniger Pharma-lastige Experten-Kommission selbst mit der Evaluierung ihrer damaligen Entscheidung zu beauftragen.

Früher oder später könnte sich nämlich der Zwang ergeben, die Vierer-Kombo zu verwenden, wenn die Hersteller damit aufhören, die Einzelkomponenten anzubieten. So wie es ja auch bei den anderen Kinder-Impfstoffen extrem schwierig ist, die Tetanus-, Diphtherie- oder Keuchhusten Impfung einzeln in den Apotheken zu bekommen. Hier ist es die Sechsfach-Impfung Infanrix-Hexa, die eine Monopolstellung genießt und alle anderen Baby-Impfungen weitgehend verdrängt hat.
Wenn nun bei den Lebendimpfungen gegen die vier Kinderkrankheiten - früher oder später - nur noch eine Vierfach-Impfung am Markt erhältlich ist, so haben die Eltern ebenfalls nicht mehr die Möglichkeit zu wählen. Um ihren Kindern einen Schutz vor Masern, Mumps oder Röteln zu sichern, wären sie gezwungen, auch die Windpocken-Impfung mit zu nehmen.

Nun ist im Fachjournal Pediatrics eine Studie erschienen, die ein weiteres Argument dafür liefert, die Vierer-Kombi-Impfung nicht zu verwenden: Bereits im Jahr 2008 hatte eine Studie gezeigt, dass die MMRV-Impfung das Risiko auf nachfolgende schwere Fieberkrämpfe bei den Kindern verdoppelt. Nun hat sich dieser Verdacht in einer neuerlichen Untersuchung im Rahmen der groß angelegten "Vaccine Safety Datalink"-Studie bestätigt. Beim Vergleich von 83.107 Impflingen, die eine Vierer MMRV-Impfung erhielten, mit 376.354 Impflingen, welche die herkömmliche MMR-Impfung plus eine Einzelimpfung gegen Windpocken (Varizellen) erhielten, ergab sich neuerlich ein doppelt so hohes Krampfrisiko. Die MMRV-Impfung verursacht demnach einen zusätzlichen Fieberkrampf pro 2.300 Impfungen.
Fieberkrämpfe sind für alle Eltern, die so etwas mitmachen mussten, ein schockierendes Erlebnis. Ich habe selbst bei meinem Sohn so etwas mit gemacht und ich wünsche das niemandem. Auch wenn die objektive Gefahr, dass die Kinder sterben oder dauerhaften Schaden erleiden, gering ist, so ist allein der Anblick der bewusstlosen von Krämpfen geschüttelten Lieblinge, die zu ersticken scheinen, schrecklich.

Wenn nun das Fieberkrampf Risiko, ein Grund ist, die gesamte Politik bezüglich der Massen-Impfung gegen Windpocken noch einmal zu überdenken, so hat das zumindest etwas Gutes.