Montag, 6. Dezember 2010

Soll ich mein Kind gegen Windpocken impfen? Teil 2

Im ersten Teil meines Artikels habe ich mich mit der Bedeutung der Windpocken für die Entwicklung des kindlichen Immunsystems, dem schwächeren Nestschutz der Babys geimpfter Mütter, die zunehmende Gefahr von Windpocken-Infektionen in der Schwangerschaft, sowie dem unsicheren Langzeit-Schutz der Windpocken-Impfung befasst. Hier widme ich mich nun einem Phänomen, an das bei Einführung der Impfung überhaupt niemand gedacht hat: Dass Erwachsene nämlich vom Kontakt mit Viren-schleudernden Kindern profitieren - und ohne diesen Kontakt leichter an der gefährlichen Gürtelrose erkranken.

Windpocken-kranke Kinder wirken auf Erwachsene wie eine Auffrischungs-Impfung. (Foto: Ehgartner)

Argument 4: Die Windpocken-Impfung erhöht das Risiko für ernsthafte Gürtelrose-Erkrankungen

Windpocken werden vom Varizella-Zoster-Virus aus der Familie der Herpesviren verursacht. Wenn die Windpocken überstanden sind, verbleiben die Viren ein ganzes Leben lang in unserem Organismus. Sie verkriechen sich über die Nervenbahnen und „schlafen“ in den Nervenknoten des Rückenmarks sowie der Hirnnerven. (Das haben sie übrigens mit den Herpes-Simplex-Viren, einem anderen Vertreter dieser Familie gemein. Wenn diese Herpesviren aus ihrem Dämmerzustand in den Nervenknoten aufwachen und aktiv werden, merken wir das beispielsweise an Fieberbläschen auf den Lippen.)
Windpockenviren haben normalerweise einen recht ausdauernden Schlaf und werden bei den meisten Menschen zeitlebens nie wieder aktiv. Falls aber doch, ist das Ergebnis wesentlich ernster als bei den lästigen, aber ansonsten nicht weiter gefährlichen Fieberbläschen: die Betroffenen erkranken dann nämlich an Gürtelrose (Herpes Zoster). Symptome sind Brennen und teils starke Schmerzen in jenem Hautareal, das durch den betroffenen Nervenstrang versorgt wird. Schließlich bilden sich Bläschen, die mit einer infektiösen Flüssigkeit gefüllt sind. Nun sind Gürtelrosepatienten ansteckend und der kranke Opa könnte beispielsweise das Enkelkind infizieren. Allerdings nicht mit Gürtelrose selbst, sondern mit Windpocken. Gürtelrose selbst ist nicht übertragbar.

In dieser Eigenheit der Windpocken-Viren liegt übrigens auch die Ursache, warum es hier - im Gegensatz etwa zu den Masern-Viren - vollständig unmöglich ist, diese Viren jemals auszurotten. Denn auch bei Geimpften setzen sich die dabei verwendeten Lebendviren in den Nerven fest.
Ob die abgeschwächten Viren aus der Impfung später auch eine schwächere Form der Gürtelrose auslösen, ist eine Frage, die derzeit noch schwer zu beantworten ist. Dazu gibt es bislang noch keine Studien, weil diese Effekte sehr langfristig wirken, die Kinder sehr früh geimpft werden und die Gürtelrose vorwiegend im höheren Lebensalter auftritt.

Dass jedenfalls auch Geimpfte an Gürtelrose erkranken können, weiß man jedoch bereits. Ein Team der Columbia University beobachtete Personen, die zu den ersten Windpocken-Impflingen in den USA zählten, über einen Zeitraum von zehn bis 26 Jahren auf das Auftreten von Gürtelrose. Tatsächlich erwies sich das Krankheitsrisiko bisher als gleich groß als in der Normal-Bevölkerung, die noch die normalen Windpocken durchgemacht haben.

Gürtelrose (Foto: Wikipedia Commons/Fisle) tritt oft im Bereich der Körpermitte, eben entlang des Gürtels, auf, kann aber auch viele andere Regionen befallen. Wenn Gesichtsnerven betroffen sind, kann es bei dieser schwer zu behandelnden Krankheit zu Lähmungen der Muskulatur oder Schädigungen der Sehkraft kommen. Lebensbedrohlich wird Gürtelrose, wenn das gesamte Nervensystem vom Wiederausbruch der Viren erfasst wird. Diese Sonderform tritt jedoch nur bei stark immungeschwächten Menschen auf. Relativ häufig sind demgegenüber Nervenschäden – sogenannte Post-Zoster-Neuralgien – die nach überstandener und ausgeheilter Gürtelrose bestehen bleiben. Die damit verbundenen Schmerzen können lebenslang andauern und so schwer sein, dass sie die Lebensqualität der Betroffenen ruinieren und manche von ihnen sogar in den Selbstmord treiben.

Bei Windpocken tritt nun das interessante Phänomen auf, dass der Kontakt mit kranken Kindern die „schlafenden“ Viren der Erwachsenen in Schach hält und diese damit vor Gürtelrose schützt. Eine englische Untersuchung konnte diesen Zusammenhang konkret messen. Die Wissenschaftler sammelten aus ärztlichen Praxen in London 244 Fälle von Gürtelrose und suchten dann für jeden gefundenen Patienten zwei Kontrollpersonen ohne Gürtelrose, dafür aber gleich alt und mit selbem Geschlecht. In der Folge wurden nun alle Studienteilnehmer genau darüber befragt, wie viel Umgang sie während der letzten zehn Jahre mit Kindern und speziell mit windpockenkranken Kindern hatten. In der Auswertung zeigte sich, dass gelegentlicher Kontakt mit frischen Viren das Gürtelroserisiko der Erwachsenen auf ein Fünftel reduzierte. Die Autoren warnen deshalb im Schlussabsatz ihrer Arbeit auch vor den Folgen, die eine Vermeidung der Windpocken für die Erwachsenen haben könnte: „Wenn die Krankheit bei Kindern durch die Einführung einer Windpockenimpfung reduziert wird, so könnte das zu einem Ansteigen der Gürtelrosefälle bei den Erwachsenen führen.“

Wie stark dieser Anstieg ausfallen könnte, zeigt die Studie eines Teams des "Überwachungszentrums für übertragbare Krankheiten" in London. Zunächst untersuchten sie, ob es beim Gürtelrose-Risiko einen Unterschied macht, wenn Erwachsene gleichen Alters im Haushalt zusammen mit Kindern leben. Dabei zeigte sich, dass der über die Kinder vermittelte Kontakt mit Windpocken-Viren die Häufigkeit von Gürtelrose um signifikante 25 Prozent reduziert. Diesen Wert nahmen die Briten nun als Basis für eine mathematische Modellrechnung. Und das Resultat sollte eigentlich alle Alarmglocken schallen lassen. Die Londoner Wissenschaftler schreiben nämlich:
Die Massen-Impfung gegen Windpocken wird eine größere Epidemie von Herpes zoster (Gürtelrose) verursachen. Mehr als 50 Prozent jener Menschen, die zum Zeitpunkt der Einführung der Impfung zehn bis 44 Jahre alt waren, werden von der Krankheit betroffen sein. 

Die Hälfte der Bevölkerung Gürtelrose-krank? Das wäre ein wirkliches Alptraum-Szenario. Doch die Beobachtungen in den USA zeigen bereits, dass die britische Berechnung durchaus zutreffen könnte.
In den USA werden die Kinder bereits seit Mitte der 90er Jahre gegen Windpocken geimpft. Und weil dort die Regel „no vaccination – no school“ („ohne Impfung kein Schulbesuch“) gilt, liegt die Impfrate der Kinder bei über 80 Prozent.
Wissenschaftler der Universität Harvard in Boston untersuchten nun den Verlauf der beiden Krankheiten in der jüngsten Vergangenheit. Dabei zeigte sich eine beunruhigende Entwicklung, die sich in den kommenden Jahren noch verschärfen könnte. Während die Windpocken im Zeitraum von 1998 bis 2003 nämlich von 16,5 jährlichen Fällen pro 1.000 Personen auf 3,5 Fälle zurückgingen, verdoppelte sich die Häufigkeit der Gürtelrose nahezu und stieg innerhalb dieser fünf Jahre von 2,8 Fällen auf 5,3 Fälle an. Damit gibt es jetzt in den USA schon deutlich mehr Fälle von Gürtelrose als von Windpocken. Am stärksten betroffen sind Menschen über 65 Jahren. Die höchste Steigerungsrate zeigte sich jedoch überraschenderweise bei jüngeren Erwachsenen in der Altersgruppe von 25 bis 44 Jahren. Hier stieg das Risiko, an Gürtelrose zu erkranken, um satte 161 Prozent an.

Wir dramatisch sich diese Zunahme auswirkt, belegt eine aktuelle Studie eines Teams der University of Michigan in Ann Arbor. Sie zeigte, dass es ab der allgemeinen Einführung der Windpocken-Impfung fünf Jahre dauerte, bis sich der erste Aufwärtstrend bei Gürtelrose bemerkbar machte. Seither aber geht es rasant aufwärts. Parallel dazu stiegen die Kosten für die Therapie der Gürtelrose. Im Jahr 2004 lagen sie bereits um 700 Mio. US Dollar über dem bisherigen Aufwand.
Dies ist umso bemerkenswerter, als die Einführung der Windpocken-Impfung ursprünglich gar nicht so sehr mit den mit Windpocken verbundenen Gesundheits-Gefahren begründet wurde, sondern vor allem mit der Ersparnis für die Volkswirtschaft. Wenn die Kinder nicht mehr erkranken, müssen die Eltern weniger Pflegetage nehmen und allein dieser Effekt mache die Impfung schon rentabel, hieß es in den ökonomischen Berechnungen.
Leider wurde dabei auf die Kosten vergessen, welche nun der Anstieg bei Gürtelrose verursacht. Und so klingt das Resumee der Studienautoren aus Michigan denn auch diesbezüglich recht ernüchternd:
"Die Windpocken-Impfung hat dazu geführt, dass die Kosten für die Behandlung der Windpocken von 1993 bis 2004 signifikant gesunken sind. Diese Ersparnis war jedoch geringer als der gleichzeitige Anstieg der Behandlungskosten für Gürtelrose."

Die Impfstoff-Hersteller reagierten rasch und brachten kürzlich auch eine Gürtelrose-Impfung auf den Mark. Sie imitiert den Kontakt mit Windpocken-kranken Kindern und enthält – wegen des schwächeren Immunsystems älterer Menschen – die Windpockenviren in 14-fach höherer Dosis als in der Kinderimpfung. Dieser pharmazeutische Schutz vor Gürtelrose kostet rund 200 Euro und ist seit 2006 in Europa zugelassen. Wegen der enormen Kosten, welche die Gürtelrose für die Gesundheitssysteme verursacht, gibt es nun bereits Studien, welche den ökonomischen Nutzen einer staatlich bezahlten Herpes Zoster Impfung für alle Personen ab einem Alter von 65 Jahren bestätigen. Speziell natürlich in jenen Ländern, wo zuvor mit der allgemeinen Varizellen-Impfung die Windpocken bei den Kindern bekämpft worden ist.
Insgesamt ist das Phänomen Windpocken somit ein gutes Beispiel, wie aus einer einst harmlosen Kinderkrankheit – wenn sie von der Pharmaindustrie und ihren Helfershelfern ordentlich unter die Fittiche genommen wird – ein höchst profitables Gesundheitsproblem für die gesamte Gesellschaft erzeugt werden kann.

Fazit: Die Einführung der Windpocken-Impfung hat in den USA zu einem vermehrten Auftreten von Gürtelrose geführt, einer Krankheit die schwer behandelbar ist und starke Schmerzen verursachen kann. Die Kosten für die Behandlung der Gürtelrose haben derart zugenommen, dass damit alle Einsparungen bei der Behandlung der Windpocken wieder zunichte gemacht sind.

Lesen Sie hier weiter mit Teil 3. Wenn Ihnen dieser Artikel gefallen hat, würden 
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1 Kommentar:

  1. Masern ausrottbar? Widerspruch: Es gibt canine Masern, auch Staupe genannt, feline M., hippe Masern, und voe allen Dingen wurde kürzlich festgestellt, daß Fledermäuse ein natürliches Reservoir für humane Masern sind. Fazit der Forschungsgruppe, die das veröffentlicht hat: Von dem Gedanken der Ausrottung der Masern müssen wir uns endgültig verabschieden. Gruß KWK

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