Montag, 13. Dezember 2010

Soll ich mein Kind gegen Windpocken impfen? Teil 3

In Teil 1 und Teil 2 dieser Artikelserie bin ich auf die gravierenden gesundheitlichen Probleme eingegangen, welche die Einführung der Windpocken-Impfung mit sich bringt: Für die geimpften Kinder, für die Babys geimpfter Mütter und – mit dem erhöhten Gürtelrose-Risiko – auch für die Gesamtbevölkerung. 
Diesmal gehe ich der Frage nach, wie es möglich ist, dass wir sehenden Auges so eine Richtung einschlagen und einen Weg gehen, der künftige Generationen, weitgehend ohne Umkehrmöglichkeit in Geiselhaft nimmt. Die Antwort ist ebenso banal wie unwürdig für eine Gesellschaft, die sich ihrer hohen demokratischen Reife rühmt: Im Impfwesen scheinen  entscheidende Grundregeln wissenschaftlichen Arbeitens außer Kraft gesetzt. Die Behörden versagen in ihrer Kontroll-Funktion und eine Lobby von Impfexperten kann schalten und walten wie es ihr beliebt. 


Argument 5: Die Empfehlung für die allgemeine Windpocken-Impfung wurde nicht aus gesundheitlichen Gründen, sondern zum Wohl der Impfstoff-Industrie und auf Initiative einer mit ihr eng verbundenen Experten-Lobby beschlossen

Nach dem offiziellen deutschen Impfplan bekommen Babys in den ersten beiden Lebensjahren heute elf Impfungen, die vor insgesamt zwölf Krankheiten schützen sollen, darunter vier Dosen einer Sechsfach und zwei Dosen einer Vierfachimpfung. Im Vergleich zu den Achtziger Jahren hat sich die Anzahl der Impfungen damit mehr als verdoppelt.
Was auf den Impfplan kommt, bestimmen die Experten der Ständigen Impfkommission (STIKO) am Berliner Robert Koch-Institut. Gerade in den letzten Jahren hat sich hier viel getan. Mit den Empfehlungen für die Windpocken-, Pneumokokken-, Meningokokken- und HPV-Impfung wurden gleich vier neue Produkte in den offiziellen Impfplan aufgenommen. Bis vor kurzem konnten die Krankenkassen selbst entscheiden, ob sie dafür die Kosten übernehmen. Seit einer Gesetzesänderung, die im Juli 2007 in Kraft trat, sind sie hingegen dazu verpflichtet: Was die STIKO empfiehlt und vom "Gemeinsamen Bundesausschuss (GBA)" abgesegnet wird,  muss von den Kassen bezahlt werden.

Für die Hersteller sind Impfungen ein weitgehend risikoloses Geschäft. Im Gegensatz zu anderen Arzneimitteln läuft hier der Patentschutz nicht ab. Es gibt deshalb keine billigen Nachahmer-Medikamente (Generika), die Preise können in beliebiger Höhe festgesetzt werden. Und wenn dann auch noch die Impfexperten mitspielen und eine Impfung allgemein empfehlen, so bricht überhaupt das Schlaraffenland für die Hersteller-Firmen aus: Durch die Massenimpfung eines ganzen Geburtsjahrganges ist für Absatz gesorgt, ohne dass die Marketing Abteilungen der Konzerne selbst noch aktiv werden müssten. Und seit für die moderneren Impfungen auch wesentlich höhere Preise gefordert und auch bezahlt werden, ist aus dem einstigen „Groscherlgeschäft“, das die Pharmaindustrie nebenher aus gutem Willen mitmachte, ein wirklicher finanzieller Hoffnungsmarkt geworden. Impfstoff-Hersteller gelten derzeit als lukrativste Sparte des gesamten Pharma-Marktes. Sogar die seltsamsten Konzepte wie eine Impfung gegen Karies, gegen Bluthochdruck oder gegen Alzheimer finden das Vertrauen der Investoren und an den Börsen gelten Startups mit derartigen Impfstoffen im Portfolio als Überflieger. Versprechen sie doch enorme Gewinnspannen, wenn es gelingt, sie auf den Markt zu bringen - vergleichbar höchstens mit neuartigen Arzneimitteln in der Krebs-Therapie.

Den Anstoß für den aktuellen Boom gab der US-Konzern Wyeth. Er stellte im Jahr 2001 mit „Prevenar“ seinen neuartigen Impfstoff gegen Pneumokokken vor und forderte dafür einen damals als vollständig verrückt angesehenen Preis von deutlich über 100 Euro. In der Folge kam es in vielen Ländern zu heftigen Debatten, ob dieser extrem teure Impfstoff von den Kassen bezahlt werden sollte oder nicht. „Dieser Impfstoff hätte die Kosten für die Kinderimpfungen mit einem Schlag verdoppelt“, erklärte mir der Mainzer Kinderarzt Heinz-Josef Schmitt, der damalige Langzeit-Vorsitzende der Ständigen Impfkommission (STIKO).

Die STIKO ist eine vom Gesundheitsministerium eingerichtete unabhängige Experten-Kommission, deren Empfehlungen in den Deutschen Impfplan umgesetzt werden. Wegen der engen finanziellen Beziehungen zu den Impfstoff-Herstellern gerieten die Impfexperten in den letzten Jahren ins Kreuzfeuer heftiger Kritik. Allen voran ihr Chef. "H.J." Schmitt (Foto), wie er sich gerne in seinen Stellungnahmen und Beiträgen bezeichnet, hatte jahrelang hoch dotierte Forschungs-Aufträge von den Impfstoff-Herstellern angenommen. Auch in die Studien zur Pneumokokken-Impfung war er involviert. Dennoch durfte er nach dem Statut der STIKO die Fachfragen zur Impfung mit diskutieren. Lediglich bei der Abstimmung selbst musste er draußen vor der Tür warten. Schmitt machte mir gegenüber gar kein Hehl daraus, dass er heftig für die Empfehlung zur Pneumokokken-Impfung geworben hat: „Das hat ordentlich Hirnschmalz erfordert, bis das empfohlen wurde“, sprach er mir im Interview aufs Band. „Dafür haben wir sechs Jahre gebraucht.“

Ein Pharma-Lobbyist als Vorsitzender einer sich unabhängig gebenden Experten-Kommission ist schon mal eine der Eigenheiten, die im Impfbereich viele Jahre lang in Deutschland geduldet wurden. Fast jährlich kamen in Schmitts Ägide neue Impfungen auf den Plan: Neben Pneumokokken noch Meningokokken und Windpocken. Den Abschluss bildete schließlich die Impfung gegen Humane Papillomaviren (HPV). Mittlerweile hatten sich die Kassen an die enormen Beträge für neue Impfungen scheinbar bereits gewöhnt. Der HPV-Impfstoff Gardasil stellte mit einem Preis von 450 Euro für die Grund-Immunisierung noch einmal einen spektakulären neuen Rekord auf. Bereits 2007 sprang Gardasil mit einem Umsatz von 267 Millionen Euro auf Platz eins der umsatzstärksten Arzneimittel. Und das obwohl es erst im Lauf des ersten Halbjahres überhaupt auf den Markt gekommen ist. Schmitt hatte die Blitz-Zulassung in der STIKO vehement forciert.

Wie sicher diese Herren sich fühlten und wie selbstverständlich sie sich in voller Öffentlichkeit mit der Industrie ins Bett legten, zeigt eine kleine Episode, die wohl in keiner anderen Sparte der Wissenschaft möglich wäre - und im Wirtschaftsleben wohl strafrechtlich verfolgt würde. So hatte H.J. Schmitt keinerlei Bedenken, kurz bevor die Empfehlung der HPV-Impfung durch die STIKO amtlich wurde, noch mal rasch einen Preis "zur Förderung des Impfgedankens" anzunehmen, der mit einer Summe von 10.000 Euro dotiert war. Gestiftet wurde die Summe vom Gardasil-Hersteller Sanofi-Pasteur MSD.
Wolfgang Becker-Brüser, der Herausgeber des Industrie-unabhängigen „Arznei-Telegramm“ empörte sich:
„Wie kann man als öffentlich bestellter Gutachter einen Preis von einer Pharmafirma annehmen, über deren Produkte ich zu befinden habe? – Das sind doch öffentliche Bestechungen!“

Für H.J. Schmitt mögen die 10.000 Euro Preisgeld im Vergleich zu seinen sonstigen Einkünften eine vergleichsweise lächerliche Summe gewesen sein, die Optik war dennoch verheerend. Diese Episode charakterisiert die Selbstwahrnehmung der Impfbranche aber hervorragend: Eine Clique von Experten in der Grauzone undurchsichtiger finanzieller Geflechte findet nicht das geringste dabei, sich gegenseitig in der Öffentlichkeit mit Industriegeldern zu beschenken: weil sie den Impfgedanken – auf Kosten der Beitragszahler – so schön fördern. Ein derartiger Mangel an Unrechtsbewusstsein zeigt, dass hier jahrelang wenig öffentliche Kritik und so gut wie gar keine Kontrolle von Seiten der zuständigen Behörden ausgeübt wurde.

Im Herbst desselben Jahres als Schmitt seinen Preis annahm und den Impfstoff-Herstellern mit dem Blanko-Abonnement der HPV Impfstoffe noch auf Jahre hin Milliarden Euro an Umsatz sicherte, dankte er plötzlich als Mainzer Professor und auch als STIKO-Vorsitzender ab und wechselte zur Gänze auf die Seite der Impfstoff-Hersteller. Schmitt ist heute Vorstand für „Global Medical Affairs“ bei Novartis Behring.

Doch auch nach Schmitts Abgang hat die Mehrzahl der STIKO-Mitglieder vielfältige Beziehungen zur Industrie. Nur fünf von 16 Mitgliedern des im Infektionsschutzgesetz verankerten „unabhängigen Gremiums“ zur Beratung des Ministeriums in Impffragen sind heute ganz oder weitgehend frei von finanziellen Verbindungen zu den Herstellern der Impfstoffe. Dabei entscheiden die Empfehlungen der STIKO darüber, welche Impfungen von den gesetzlichen Krankenkassen erstattet werden.

Wie sich derartige Interessenskonflikte in der gesundheitspolitischen Praxis auswirken können, schilderte mir einmal "off the records" ein hoher Beamter des österreichischen Gesundheitsministeriums, der mit den Vertretern einer US-Pharmafirma über die mögliche Kostenübernahme durch die Steuerzahler beriet. Bei den Verhandlungen waren auch einige - angeblich unabhängige - Impfexperten anwesend. "Die Stimmung war aufgeheizt und wurde immer aggressiver", erzählte mir der Beamte, "weil die Amerikaner unbedingt die Kostenübernahme durch die Krankenkassen durchsetzen wollten." Es wurde sogar mit einer öffentlichen Kampagne gedroht, welche die damalige Gesundheitsministerin als Schuldige am Tod von hunderten von Kindern hinstellen sollte. "Und das schlimmste dabei war, dass unsere Impfexperten sich noch ärger gebärdeten als die Amerikaner." Man habe absolut keinen Unterschied bemerkt, sagte der Beamte, wer nun Angestellter der Pharmafirma und wer ein angeblich unabhängiger Experte war.

In den Selbstauskünften der STIKO Mitglieder, die auf der Webseite des Robert Koch Institutes veröffentlicht wurde, findet sich häufig die Angabe, dass „Vorträge zu Impfthemen ohne Produktbezug“ gehalten werden, dessen „Honorare zum Teil durch Impfstoffhersteller (re)finanziert“ wurden. Das klingt zunächst relativ unverdächtig. In der Praxis verbergen sich hinter solchen Formulierungen jedoch häufig Auftritte auf Pharma-Werbeveranstaltungen. Ein typisches Beispiel ist etwa der Auftritt des Münsterer Stiko-Mitglieds Klaus Wahle auf einer Veranstaltung von Sanofi Pasteur MSD, dem Hersteller des Impfstoffes „Zostavax“ gegen Herpes Zoster (Gürtelrose). Nach einem Bericht der Ärzte-Zeitung zu dieser Veranstaltung trat Professor Wahle vehement dafür ein, Impfungen wie diese in den „gedeckelten Leistungskatalog der Gesetzlichen Krankenversicherung aufzunehmen“. Denn „die Zoster-Impfung ergänzt die jährliche Influenza-Impfung und die alle sechs Jahre empfohlene Pneumokokken-Impfung in idealer Weise und sollte deswegen zügig als Standardimpfung empfohlen werden.“
Das Robert Koch Institut macht keine Angaben über die Höhe der so erzielten Nebeneinkünfte. Honorare im deutlich vierstelligen Bereich sind jedoch für solche Auftritte durchaus marktkonform. Als kleine Ergänzung zum mageren Professorengehalt.
Auch der stellvertretende Vorsitzende der STIKO, Ulrich Heininger, hat von allen großen Impfstoffherstellern Vortragshonorare erhalten, für die Firmen als Berater fungiert und Einladungen zum Besuch wissenschaftlicher Treffen angenommen.

Fred Zepp (Foto), der ebenso wie Schmitt von der Uni Mainz stammt, hat ein ganzes Paket von Nebentätigkeiten für die Industrie. Er veröffentlichte Studien gemeinsam mit Angestellten von Pharmafirmen und hält auf wissenschaftlichen Veranstaltungen entsprechende Vorträge – etwa im Juni 2008 bei einem Kongress in Kuala Lumpur, wo er die Vorteile des Impfstoffes Cervarix des Konzerns GlaxoSmithKline (GSK) anpries. Die Veranstaltung wurde von GSK bezahlt, jenem Konzern, der auch zwei der drei Windpocken-Impfstoffe erzeugt. Der zweite Vorsitzende neben Zepp erwies sich im Hauptberuf gar als GSK-Angestellter und Produktmanager von Cervarix.
Wie sollen solche Personen fähig sein, eine von ihren eigenen finanziellen Verflechtungen unabhängige Expertise in die STIKO einzubringen? Als ich Fred Zepp auf diese Interessenskonflikte ansprach, entgegnete er mir unwirsch:
„Wenn Ihnen das nicht passt, so müssen Sie die STIKO eben mit Hausfrauen besetzen.“
Ein Argument, das wohl aussagen soll, dass die Wissenschaft vom Impfen so überaus kompliziert ist, dass nur Menschen mit engen Beziehungen zur Industrie überhaupt in der Lage sind, das zu verstehen.

Die weitgehend unkritische Nähe zur Industrie ist aber nicht nur ein Merkmal der Deutschen Impfexperten-Szene. Der Vorsitzende des österreichischen Impfausschusses im Obersten Sanitätsrat, Ingomar Mutz, ist sich beispielsweise nicht zu blöd dafür, gleichzeitig als ehrenamtlich tätiger Präsident des Österreichischen Grünen Kreuzes zu fungieren, eines Lobby-Vereines für Impfstoff-PR. Claire Anne Siegrist wiederum, die Präsidentin der Eidgenössischen Kommission für Impffragen steht auf der Honorarliste fast aller großen Impfstoff-Hersteller.
Ähnlich verhält es sich in nahezu allen anderen Ländern. Nirgendwo ist es gelungen, ein halbwegs sauberes, der Bevölkerung und nicht den Interessen der Pharmaindustrie verpflichtetes, Beratungswesen aufzubauen. Und auch für die internationalen Organisationen gilt dasselbe. Die Welt-Gesundheitsorganisation ist ebenso gesättigt mit Lobbyisten wie die Gesundheitsbehörden der USA oder die Europäische Arzneimittel-Zulassungsbehörde EMEA. Hier ergibt sich der Zugriff der Industrie allein schon aus der Tatsache, dass die „unabhängige“ Behörde dem Industrie-Kommissariat untersteht und deren Budget zu einem wesentlichen Teil von den Beiträgen der Pharmaindustrie finanziert wird.

Die Empfehlung zur Windpocken-Impfung erfolgte in Deutschland kurz vor der Zulassung des GSK-Produktes Priorix-Tetra eines Vierfach-Impfstoffes, der neben Masern-Mumps und Röteln nun auch die Windpocken-Komponente enthielt. Zuvor waren, wie schon bei der Einführung der Windpocken-Impfung in den USA, einige Kosten-Nutzen-Analysen erstellt, welche allesamt zeigten, dass sich die Öffentlichkeit Geld erspart, wenn die Windpocken-Impfung allgemein als Kinderimpfung eingesetzt wird. Fast alle dieser Studien waren von den Herstellern bezahlt. Umstrittene und teils manipulierte Daten wurden als Basis verwendet, negative Umstände - wie die zu erwartende Kostenexplosion bei der Behandlung von Gürtelrose - hingegen einfach ignoriert. Und solche Studien wurden dann - ohne jegliches Schamgefühl – von der STIKO in ihrer Begründung für die Einführung der Impfempfehlung genannt.

Sowohl in der Ärzteschaft als auch bei den Krankenkassen gab es zunächst wenig Verständnis für diesen Schritt. Waren die Krankenkassen bislang immer dem Expertenrat der STIKO gefolgt, erging bereits eine Woche später eine offizielle Verlautbarung der Spitzenverbände der Krankenkassen, worin die wissenschaftliche Basis der Entscheidung angezweifelt wurde. Weder die von der STIKO angegebenen Studiendaten noch die Erkenntnisse zu Komplikationsraten wären nachvollziehbar. Die vorhandenen Mittel sollten lieber verstärkt in die Ausrottung der Masern investiert werden, als eine neue Impfstrategie mit fragwürdigem Ausgang loszutreten. In 95 Prozent der Fälle verliefe die Krankheit völlig komplikationsfrei, so ihre Argumentation. Erst durch die Impfung stiege die Gefahr, dass die Windpocken zu einer schweren Krankheit gemacht werden.
Andere Kritiker, wie der Herausgeber des unabhängigen arznei-telegramms Wolfgang Becker-Brüser, warfen der STIKO eine allzu große Nähe zur Pharmaindustrie vor. Man habe häufig den Eindruck, so Becker-Brüser, dass hier eher die Rechte der Produzenten als jene der Geimpften gewahrt würden. „Mit diesen immer weiter ausufernden Empfehlungen tun die Behörden dem Impfgedanken sicher keinen Gefallen.“
Der Münchner Kinderarzt Martin Hirte warnte ebenfalls eindringlich vor diesem „unkontrollierten Menschenversuch“. Es wäre ein Irrtum, dass jede verhinderte Krankheit automatisch ein Gewinn ist. „Denn möglicherweise haben Infekte wie die Windpocken einen positiven Einfluss auf Krebs oder andere Krankheiten im späteren Leben“, sagte Hirte. „Man sollte das jedenfalls gründlich untersuchen, bevor man hier einen Sachzwang schafft, der nicht mehr umkehrbar ist.“
Ex-STIKO-Vorsitzender H.J. Schmitt verstand die Aufregung über die Entscheidung nicht im Geringsten. „Der wichtigste Grund für die generelle Windpockenempfehlung war, dass jährlich 750.000 Krankheitsfälle vermieden werden können“, erklärte er. „Jedes Kind profitiert individuell von der Windpockenimpfung, weil es nicht krank wird.“

Ebenso wie Schmitt bemühte auch der Wiener Impfexperte Wolfgang Maurer das bekannte Argument, dass jede vermiedene Krankheit schon an sich ein Gewinn ist. „Die Komplikationsrate bei Windpocken liegt bei 1 zu 4.000“, sagte Maurer. „Es ist einfach unfair, wenn man den Kindern unnötiges Leid nicht erspart.“

Der Münchner Epidemiologe und STIKO-Experte Rüdiger von Kries (Foto), gab auf meine Fragen gleich unumwunden zu, dass das Kombi-Präparat von GSK einer der Anlässe für die STIKO-Empfehlung war:
"Ich war lange gegenüber der Windpockenimpfung skeptisch. Muss man wirklich gegen Varizellen impfen? Die Varizellen Impfung macht in erster Linie das Leben einfacher – schwere Morbidität und Mortalität sind selten. Man wird darauf achten müssen, hohe Durchimpfungsraten zu erzielen um eine ausreichende Herdenimmunität zu erreichen. Das ist nur möglich, wenn es einen Kombi-Impfstoff gibt. Der ist jetzt am Markt. Und jetzt kann man sagen: why not? – Windpocken machen keinen Spass und manchmal auch noch lebensgefährliche Komplikationen. Punkt. Dass man zweimal impfen muss, ja so ist das Leben. Vielleicht wird man auch mal dreimal impfen müssen. Nichts ist umsonst."

Es lohnt sich genauer nachzusehen, wo die von den Experten zitierten hohen Risiken der Windpocken plötzlich her kommen. Zuvor hatte die STIKO ja mehr als zehn Jahre lang keinen Grund gesehen, dem Beispiel der USA zu folgen. Den Ausschlag gab demnach eine neue Studie, die zu dem Ergebnis kam, dass in Deutschland jährlich rund 5.700 schwere Komplikationen, darunter etwa 22 Todesfälle als Folge der Windpocken auftreten. Diese Zahlen liegen bei Weitem über dem, was bislang über die Gefährlichkeit der Windpocken bekannt war.
Doch wie kam die Studie zustande? Dafür wurde eine Telefonumfrage unter Ärzten durchgeführt. Von 3.500 angerufenen Ärzten erklärten sich 300 für ein Gespräch bereit. Sie wurden gebeten, aus ihrer Kartei einen beliebigen Patienten herauszufiltern, der unter Windpocken litt. "Nun verfügt kaum ein Arzt über ein Computersystem, bei dem er nach schlichtem Zufallsprinzip einen beliebigen Patienten herausfiltern kann, der unter Windpocken litt“, erklärte Medizinjournalist Michael Houben in einer WDR-Reportage den grundlegenden Fehler dieses Ansatzes. „Die Ärzte stehen in solch einem Fall normalerweise vor einer großen Kartei und versuchen sich zu erinnern, welcher Patient wegen Windpocken behandelt wurde. Logisch, dass vor allem schwere Fälle namentlich im Gedächtnis bleiben.“ Deren Komplikationsrate wurde von den Statistikern dann auf die Bevölkerung hochgerechnet. Eine Methodik, die nach den Kriterien der Evidenz-basierten Medizin als vollständig unseriös gilt.
Vielsagend ist ein Blick auf die Studienautoren. Darunter sind Mitarbeiter des Baseler Unternehmens Outcomes International, das auf seiner Homepage Folgendes als „Mission“ der Firma angibt:
„Wir unterstützen unsere Kunden der Pharma-, Biotech- und Medizingeräteindustrie in der Kommerzialisierung und Markteinführung ihrer Produkte.“
Demnach dürfte der Auftraggeber und Financier der Studie ja zufrieden gewesen sein. Es handelte sich um das Unternehmen GlaxoSmithKline (GSK), das kurz nach Erscheinen der Studie mit Priorix-Tetra als weltexklusive Deutschlandpremiere einen Kombinationsimpfstoff gegen Masern, Mumps, Röteln und Windpocken auf den Markt brachte.

Doch die Mission der Windpocken-Impfer ist noch nicht zu Ende. Gibt es doch immer noch Widerstands-Nester, die am alten über Jahrzehnte bewährten Impf-Schema festhalten: Nämlich nur jene Kinder und Jugendlichen im Alter ab neun Jahren zu impfen, welche die Krankheit bis dahin nicht auf natürlichem Wege durchgemacht haben. Ein derartiges Widerstandsnest in Europa ist beispielsweise die Schweiz.
Doch auch hier sind die Profis von "Outcomes International" im Auftrag von GSK wieder aktiv: Etwa mit einer aktuellen Berechnung, dass die Einführung der allgemeinen Windpocken-Impfung selbstverständlich auch für das Schweizer Gesundheitssystem Ersparungen bringen würde, "...auch wenn diese seit den Empfehlungen für ein Schema mit zwei Impfungen zur Grundimmunisierung nicht mehr ganz so eindrucksvoll ausfallen".
Wie wenig sich im Verhaltens-Codex der "unabhängigen" Impfexperten bezüglich ihrer finanziellen Beziehungen mit der Industrie geändert hat zeigt ein Blick auf die Autoren dieser Studie: Selbstverständlich ist auch diesmal wieder die STIKO im Boot. Und zwar in Person des stellvertretenden Vorsitzenden Ulrich Heininger, der keine Bedenken hatte, gemeinsam mit den Angestellten des Pharmaservice-Unternehmens als Studienautor aufzutreten.

Fazit: Es ist höchste Zeit, dass auch auf das Impfwesen Grundprinzipien wissenschaftlichen Arbeitens angewendet werden. Es kann nicht länger einer verschworenen Lobby von Impfexperten überlassen bleiben, Impfkampagnen für eine ganze Bevölkerung quasi aus dem Handgelenk zu schüttteln. Ohne systematische Aufarbeitung der vorhandenen Evidenz, ohne HTA, ohne gut organisiertes und unabhängig finanziertes Monitoring der Ergebnisse. 
So wie es derzeit aussieht, ist die allgemeine Windpocken-Impfung eine krasse Fehlentscheidung und muss so rasch wie möglich zurück genommen werden!
Andernfalls laufen wir Gefahr, dass sich das bisherige Erscheinungsbild der Windpocken als weitgehend harmlose Kinderkrankheit drastisch verändert und daraus eine schwere - für manche Altersgruppen - lebensgefährliche Krankheit wird - und nur jene davon profitieren, die hier Impfstoffe verkaufen oder mit ihren Expertisen dabei mithelfen.


Foto-Credits: sueddeutsche zeitung (H.J. Schmitt), helles-koepfchen.de (F. Zepp), Impfbrief.de (R.v. Kries)

Kommentare:

  1. Today, the spectrum of antivaccinationists ranges from people who are simply ignorant about science (or “innumerate” — unable to understand and incorporate concepts of risk and probability into science-grounded decision making) to a radical fringe element who use deliberate mistruths, intimidation, falsified data, and threats of violence in efforts to prevent the use of vaccines and to silence critics. Antivaccinationists tend toward complete mistrust of government and manufacturers, conspiratorial thinking, denialism, low cognitive complexity in thinking patterns, reasoning flaws, and a habit of substituting emotional anecdotes for data.5 Their efforts have had disruptive and costly effects, including damage to individual and community well-being from outbreaks of previously controlled diseases, withdrawal of vaccine manufacturers from the market, compromising of national security (in the case of anthrax and smallpox vaccines), and lost productivity.
    Gregory A. Poland, M.D., and Robert M. Jacobson, M.D.
    N Engl J Med 2011; 364:97-99

    AntwortenLöschen
  2. Evidence based medicine:

    Aus dem öst. Impfplan 2011

    Varizellen (Windpocken, Feuchtblattern)
    Varizellen sind keine harmlose Infektionserkrankung, da schwere Komplikationen vorkommen können. Daher gehört diese Impfung z.B. in den USA bereits zu den allgemein empfohlenen Impfungen. In Europa ist vorgesehen, die Impfung gegen Varizellen mit Verfügbarkeit eines Kombinationsimpfstoffes Masern-Mumps-Röteln-Varizellen (MMR-V) allgemein zu empfehlen.

    AntwortenLöschen
  3. aus einem letter zum oben zitierten NEJM-article:

    The Perspective article by Drs. Poland and Jacobson contains a number of unsupported allegations and frank misrepresentations that would be shocking to see in any medical journal, let alone in NEJM.
    Science, including medical science, is not a religion in which dogmatic statements of faith can replace adequately powered, controlled, longitudinal vaccine safety studies in animals and people. Until the medical community provides the critical experiments that still need to be done, no amount of berating those who the authors snidely refer to as being “on a range of reading levels” will convince the general public or independent scientists that the issue is resolved. Indeed, anyone who understands the scientific process at all realizes that no issue is ever closed to further scrutiny.

    AntwortenLöschen
  4. Hallo Bert,

    Wie die STIKO-Protokolle zeigen (http://www.impfkritik.de/stiko-protokolle), diskutierte die STIKO über Jahre hinweg über die Varizellenimpfung auf der Grundlage eines Positionspapiers der DVV von 1998/1999.
    (http://tinyurl.com/3pkucvs)
    Dort heißt es unter anderem: "Die VZV-spezifische zelluläre Immunität kann durch die Impfung geboostert werden." Es ist keine Quelle angegeben. Offenbar kann man, wenn man dem Zitat glauben schenken kann, die spezifische zelluläre Immunität gegen das VZV messen. Kennst Du Studien, die zeigen, ob die humane und die zelluläre (spezifische) Immunität (mit oder ohne Impfung) korrelieren?
    lg
    Hans

    AntwortenLöschen
  5. Hallo,
    alles sehr logisch und schlüssig. Noch ein Zusatz vielleicht. Zu der Tatsache, dass es für die Pharmaindurstrie bei Impfstoffen keinen Patentschutz gibt und die Preise frei bestimmt werden können, kommt noch hinzu, dass als potentieller Markt die gesamte Bevölkerung angenommen werden kann, nicht nur erkrankte Personen einer bestimmter Krankheit. Da wird es natürlich lukrativer

    AntwortenLöschen