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Montag, 24. Februar 2020

Infektion mit neuen Coronaviren verläuft großteils harmlos

Das neuartige Coronavirus ist in Europa gelandet und breitet sich aus. Tausende Verdachtsfälle werden geprüft. Und ständig steigt die Zahl der Infizierten. Ein Land nach dem anderen meldet Ausbrüche. Je mehr in den Medien berichtet wird, desto stärker fühlen sich viele Menschen bedroht. Daraus entsteht wiederum das Bedürfnis nach Aktionen. Und somit werden die Quarantäne-Maßnahmen laufend ausgedehnt, Veranstaltungen abgesagt und eine allgemeine Katastrophenstimmung vermittelt. 
Doch welche Gefahr geht tatsächlich von diesen Viren aus? Wie hoch ist das Risiko ernsthafter Verläufe von Lungenentzündung und sonstiger Komplikationen? Und wie könnte ein rationaler Umgang mit der weltweiten Verbreitung dieser Viren aussehen?


Coronaviren sind die häufigsten Auslöser von Erkältungen (Foto:CDC/Dr. Fred Murphy)

Im Journal der US-Ärztegesellschaft ist die bislang größte Übersichtsarbeit zur Covid19-Epidemie erschienen. Bei 72.314 bestätigten Infektionen ist der bisherige Verlauf der Krankheit bei 81% der Betroffenen mild - vergleichbar einem grippalen Infekt. 14% hatten einen schweren Verlauf, bei 5% bestand bzw. besteht Lebensgefahr. Das Sterberisiko wird mit 2,3% angegeben.
Bei den Ausbrüchen in der Provinz Hubei mit dem Zentrum in der Stadt Wuhan lag die Sterblichkeit bei 2,9%, außerhalb der Provinz Hubei nur noch bei 0,4%.

Dies ist damit zu erklären, dass zu Beginn hauptsächlich die schwer Erkrankten getestet wurden. Später jedoch viel mehr leichte Fälle - und damit sank auch das Sterberisiko. Die Wahrscheinlichkeit, dass es eine hohe Dunkelziffer an leicht erkrankten ohne besondere Symptome gibt, ist hoch. Insofern ist die zweite Zahl mit dem niedrigen Sterberisiko eher die obere Grenze. Das höhere Sterberisiko gilt speziell für Risikogruppen, wie ältere Menschen mit angeschlagener Immunabwehr.
Im Schnitt ergibt sich für die Bevölkerung ein ähnliches Szenario wie bei einer normalen Grippewelle mit einem durchschnittlichen Sterberisiko von 0,1 - 0,4%. Das besondere ist bloß, dass diese Epidemie sozusagen unter dem Vergrößerungsglas stattfindet, wo jeder neue Fall für Aufregung sorgt.
Man kann nur hoffen, in dieser überhitzten Stimmung nicht selbst involviert zu werden. Das größte Risiko dieser Coronavirus-Epidemie ist es wohl, positiv getestet, dann wochenlang in Quarantäne genommen und von Ärzten in Seuchenschutz-Montur mit antiviralen Medikamenten traktiert zu werden.


UPDATE 29.2. - Großveranstaltungen absagen, Grenzen schließen, Quarantäne ausdehnen?

Mehrere Länder haben bekannt gegeben, dass sie ihre Quarantäne-Maßnahmen ausdehnen, um die weitere Verbreitung der Covid-19-Epidemie möglichst zu verhindern. Weltweit werden ganze Krankenhaus-Abteilungen gesperrt und für die exklusive Behandlung infizierter Menschen reserviert. Das zieht enorme Ressourcen aus einem ohnehin bereits überlasteten Gesundheitssystem ab.

Hier ein Zitat aus dem Kommentar des Epidemiologen John Watkins aus der aktuellen Ausgabe des British Medical Journal:

Die Schweinegrippe-Pandemie von 2009 hat uns gelehrt, dass die Eindämmung einer weltweit verbreiteten Krankheit sinnlos ist. Angesichts der Tatsache, dass die meisten der aus China (und anderen Ländern) exportierten Fälle von Covid-19 unentdeckt bleiben, wäre es an der Zeit zuzugeben, dass eine globale Pandemie auf uns zukommt. Die WHO zögert noch. Doch sobald die Krankheit als globale Pandemie anerkannt ist, können die Nationen, der Handel und das Gesundheitswesen in eine rationalere Phase eintreten, in der die Ressourcen auf die Bedürftigsten ausgerichtet werden.
Das Gesundheitssystem in Großbritannien ist, wie das in vielen Ländern, bereits für die routinemäßigen Anforderungen an der Belastungsgrenze. Es ist daher von entscheidender Bedeutung, wie wir die Leistungen neu organisieren, um sie zu bewältigen. Wir sollten von der Annahme ausgehen, dass sich der Großteil der Bevölkerung mit wenigen oder gar keinen ernsthaften Folgen an dem Virus ansteckt. Achten wir deshalb darauf, medizinische Ressourcen für die Behandlung des kleinen Prozentsatzes von Menschen zu reservieren, die ernsthaft erkranken.


UPDATE 27.2. - Wie wird auf die Viren getestet? 

Spezifische Antikörper-Tests gibt es noch keine. Die sind in Entwicklung. Derzeit werden Schnelltests durchgeführt. Bei den Virus-verdächtigen Personen werden meist zwei Verfahren nacheinander angewandt: Zum einen wird ein Nasen-Abstrich genommen bzw. die Nase ausgewaschen. Recht unangenehm kann die zweite Methode sein. Bei der Bronchoalveolären Lavage wird über eine Bronchoskopie (Schlauch durch die Luftröhre in die Lunge) Salzwasser in die Lunge gegeben und dann wieder abgesaugt. Wenn man Glück hat, reicht den Ärzten aber ein ordentlicher Husten-Auswurf (Sputum).
Die Proben werden dann mit Schnelltests untersucht. Dafür wird RT-PCR eingesetzt, um genetische Kopien der Corona-Virensequenz zu finden. Je nach Qualität der Abstrich-Entnahme oder auch durch Zufall kann Virus-Erbgut übersehen werden.
Deshalb wären Antikörper-Tests zuverlässiger. Doch dazu müssen die Patienten die Krankheit bereits durchgemacht haben. Derzeit sind diese Tests noch zu ungenau, weil man ja immunologisch bereits Kontakt mit anderen Coronaviren hatte - und die spezifische Unterscheidung fehlt.

Wie sinnvoll sind die Quarantäne Maßnahmen?

Die ergebnislose Suche nach dem "Patienten Null" in Italien hat deutlich gemacht, dass es wahrscheinlich "subklinische" Verläufe gibt von Menschen, die infiziert sind, aber keine Symptome haben.
Die enorme Letalität von mehr als 2%, die am Anfang der Epidemie aus China gemeldet wurde, ist mittlerweile deutlich gesunken. Neue Angaben aus China nennen eine Quote von 0,4%. Und auch das ist wohl deutlich zu hoch gegriffen. Denn 80% der Verläufe sind mild oder sogar sehr mild. Das heißt die meisten dieser Personen werden überhaupt nicht getestet werden. Sie können aber natürlich die Viren weiter geben.
Die Quarantäne ist extrem aufwändig und bringt in dieser Situation gar nichts. Es handelt sich dabei eher um eine politisch motivierte Maßnahme, um den Eindruck zu erwecken, es werde alles nötige getan.
Wenn sich die Infektion - wie zu erwarten ist - weiter ausbreitet und alle Leute, die positiv getestet werden in die Krankenhäuser aufgenommen werden, so wird das dazu führen, dass junge Menschen mit milden Symptomen, die gut genug zu Hause bleiben könnten, den älteren Infizierten, die wirklich Hilfe brauchen, die Betten weg nehmen.


UPDATE 26.2. - Todesfälle in Italien

Bis zum 26. 2. sind die Todesfälle in Italien auf zwölf gestiegen. Was weiß man über diese Personen?
Gemeinsam ist ihnen, dass alle Todesfälle bei älteren Menschen aufgetreten sind, die meisten mit Begleitkrankheiten. Bei einigen ist es nicht gewiss, ob die Infektion oder die Begleitkrankheit die Todesursache darstellen.
Hier eine Übersicht zu dem, was über diese Menschen bekannt ist:
  • Der erste italienische Todesfall wurde am Freitag, dem 21. 2. gemeldet. Er betraf einen 78-jährigen Pensionisten aus der Region Padua. Der Mann lag bereits aus anderen Gründen im Krankenhaus und war offenbar dort infiziert worden.
  • Am Samstag starb eine 75-jährige Frau aus Codogno. 
  • Am Sonntag starb ein älterer Krebspatient, bei dem es unsicher ist, ob die Infektion die Todesursache war.
  • Am Montag starb ein 62-jähriger Dialyse-Patient aus Castiglione d'Adda, ebenfalls Lombardei. 
  • Aus derselben Stadt stammte ein 80-jähriger, der in einem Krankenhaus in Mailand verstarb. Dort war er allerdings nicht wegen der Virus-Infektion, sondern wegen eines Herzinfarktes eingewiesen worden.
  • Weiters starben am Montag ein 88-jähriger Mann aus Caselle Landi und ein 84-jähriger aus Bergamo. 
  • Am Dienstag traten weitere drei Todesfälle in der Lombardei auf, die Personen waren 83, 84 und 91 Jahre alt. 

Erste Übersichtsarbeit aus Wuhan 

Bisher gibt es relativ wenige genauere Übersichtsarbeiten.
Eine erschien am 20. 1. 2020: Chinesische Wissenschaftler veröffentlichten eine erste Übersicht zum damaligen Stand. Fast alle Betroffenen stammten aus der Provinz Wuhan.
291 Patienten waren infiziert - beim Großteil verlief die Erkrankung mild, heißt es im Bericht. Nur 63 dieser Patienten hatten ernsthafte Verläufe von Lungenentzündung.
6 Personen sind gestorben - alle älter als 60 Jahre. Sie hatten bereits vor der Infektion mit den neuartigen Coronaviren schwere Begleiterkrankungen. Zitiert werden im Bericht: Darmkrebs, chronische Lebererkrankung, Nierenversagen, Herzmuskelentzündung sowie andere Herz-Kreislauf-Erkrankungen.


Fieber, Husten, Heiserkeit

Vergangene Woche erschien im British Medical Journal ein weiterer Bericht aus China, in dem eine Gruppe von Patienten (N=62) analysiert wurde, die außerhalb der Provinz Wuhan leben, sich aber von Kontaktpersonen aus oder in Wuhan infiziert haben. Es waren keine Original-Fälle jener Patienten dabei, die sich in der Nähe des berüchtigten Fischmarktes infiziert haben.
Diese Gruppe entspricht also viel mehr dem Risiko, welches auch Europäer erwartet, wenn sie sich infizieren sollten.

Die Patienten waren im Mittel 41 Jahre alt. Nur ein einziger Patient musste auf einer Intensivstation behandelt werden. Gestorben ist niemand.
Zwei Patienten entwickelten im Verlauf der Krankheit Atemnot.
Die häufigsten Symptome waren Fieber (77% der Patienten), Husten (81%), Kopfschmerzen (34%), Muskelschmerzen und allgemeine Schwäche (52%) sowie Durchfall (8%).
Bei mehr als der Hälfte der Patienten stieg das Fieber nicht über 38 Grad. Nur 8 der 62 Patienten hatten Fieber über 39 Grad.


Wie kann man sich schützen?

Coronaviren sind normale Erkältungsviren, welche eine große Bandbreite von Symptomen auslösen können. Und so wie es aussieht, unterscheiden sich die neuen Viren nur unwesentlich von jenen Coronaviren, die bereits seit mindestens hundert Jahren hier heimisch sind. Die Verläufe von Lungenentzündung sind großteils unkompliziert. Risikogruppen sind - so wie auch bei Influenza und anderen Erkältungsviren - ältere Personen mit Vorerkrankungen.

Als geeignete Vorsorge gilt - wie auch bei den meisten anderen Erkältungsviren:
  • Öfter mal Hände waschen, wenn man an öffentlichen Orten unterwegs ist. Von den eigenen Händen geht (nach dem angenießt werden) das größte Infektionsrisiko aus.
  • Warme bzw. heiße Getränke trinken - kalte Limos meiden (Viren halten Wärme über Körpertemperatur schlecht aus)
  • Ab in die Sonne - wenn sie mal scheint. Sonnenstrahlen stärken die Abwehrkräfte

Mittwoch, 14. März 2018

Fieber macht Sinn

Wer fiebert braucht Bettruhe, fühlt sich abgeschlagen, erschöpft und „richtig krank“. Dennoch ist das Fieber selbst keine Krankheit. Ganz im Gegenteil. Fieber wird vom Organismus im Rahmen des Heilungsprozesses eingesetzt, um dem eigenen Immunsystem die besten Arbeitsbedingungen zu schaffen. Dessen ungeachtet lebt eine ganze Industrie davon, Fieber zu senken. Mit teils gravierenden Folgen für die Gesundheit.



„Mütter nehmen sich nicht frei“, heißt es in der TV-Werbung für Wick – DayMed. Und statt sich mit Schüttelfrost und Gliederschmerzen ins Bett zu legen, sieht man die spontan genesene Mama, wie sie fröhlich mit ihrer Tochter einen Schneemann baut. Aspirin Complex wirbt mit 94% zufriedenen Kunden, Grippostad C mit gleich vier Wirkstoffen. Und überall wird suggeriert, dass die Medikamente das Fieber anstandslos beseitigen – und damit die Heilung beschleunigt wird. Tatsächlich stehen zahlreiche Medikamente zu Verfügung, mit denen sich die erhöhte Körpertemperatur rasch wieder auf ein normales Niveau bringen lässt. So wirft man schnell ein Thomapyrin oder Fibrex ein oder gibt dem Kleinkind ein Nurofen-Zäpfchen. Die Frage ist bloß, ob das auch tatsächlich eine gute Idee ist.

Auch bei gesunden Menschen schwankt die Körpertemperatur teils beträchtlich – meist im Bereich zwischen 35,8 und 37,2 Grad. Allein die Stelle, wo gemessen wird, kann einen Unterschied von rund einem Grad ausmachen. Am niedrigsten sind die Werte unter der Achsel, etwas höher bei oraler und deutlich höher bei rektaler Messung. Auch der Zeitpunkt spielt eine Rolle. Am frühen Morgen kann die Temperatur um ein Grad unter den Messwerten des Abends liegen, ohne dass eine Krankheit vorliegt. Gutes Essen treibt die Körperwärme ebenso in die Höhe wie bei Frauen der Eisprung. Doch ohne Vorliegen einer Krankheit ist spätestens bei 38 Grad (rektal gemessen) Schluss – und erst darüber spricht man von Fieber.


Das Immunsystem verschafft sich bessere Arbeitbedingungen

Fieber ist nicht selbst die Krankheit, sondern ein Symptom, eine Reaktion auf interne Abläufe im Organismus: Den konkreten Anlass geben Aktivitäten des Immunsystems, die auf äußere Einflüsse – etwa eine Infektion mit Viren oder Bakterien, oder interne Signale auf Krankheitsherde reagieren.

Im Zuge der Heilungsreaktion wird unter anderem die Bildung von Prostaglandinen angekurbelt. Prostaglandine sind hormonelle Wirkstoffe und erfüllen im Organismus zahlreiche lebensnotwendige Aufgaben – unter anderem fungieren sie auch als Botenstoffe. Sie vermitteln dem im Zwischenhirn angesiedelten Hypothalamus, der als „Thermostat unseres Körpers“ fungiert, dass eine Erhöhung der Temperatur notwendig ist. Dadurch werden die Arbeitsbedingungen des Immunsystems in wesentlichen Bereichen verbessert. Fieber steigert die Tätigkeit des Abwehrsystems, indem es die Ausschüttung verschiedener Botenstoffe und Hormone forciert, die am Immungeschehen beteiligt sind. Dieser Prozess ist hochkomplex, im Detail noch nicht gänzlich erforscht. Dass Fieber auch Bakterien und Viren abtötet ist jedoch falsch.

Die Wirkung des Fiebers auf Mikroorganismen ist eine indirekte und basiert auf der Aktivierung des Immunsystems. Der Hitze selbst halten die meisten Keime dagegen problemlos stand.

Dass gerade eine Heilung im Gange ist, bemerken die Betroffenen nicht. Im Gegenteil: Fiebern ist anstrengend, denn das Aufheizen des Organismus verbraucht eine Menge Energie. Die Herzfrequenz steigt, die Durchblutung in der Haut erhöht sich und der Organismus gerät kräftig ins Schwitzen. Ein schweres Krankheitsgefühl setzt ein. Nebenher verstärken die dabei involvierten Nerven das Schwäche- und Schmerzempfinden. Das stärkt natürlich den Wunsch, dass die Krise mit medikamentöser Hilfe rasch wieder vorbei geht.

Doch diese heftige Reaktion macht schon Sinn. Dabei handelt es sich um eine im Lauf der Evolution eingeführte Rückkoppelung, welche dazu führt, dass kranke Lebewesen mit akuter Entzündung sich zurückziehen und ruhen, damit dem Heilungsverlauf nicht unnötig Energie entzogen wird.


Fiebersenker stören interne Kommunikation

Interessant ist nun die Wirkungsweise der Fiebersenker. Fiebersenker und Schmerzmittel aus der Klasse der nicht-steroidalen Entzündungshemmer wie Acetylsalicylsäure (Aspirin), Ibuprofen oder Diclofenac greifen in diesen wichtigen Reparaturmechanismus ein. Die Medikamente stören für einige Stunden die Herstellung aller Prostaglandine, nicht nur jener die für die als negativ empfundenen Symptome zuständig sind. Dadurch ergibt sich das Risiko zahlreicher Nebenwirkungen, speziell bei Überdosierung oder chronischem Missbrauch.

Interessante Resultate brachte auch eine im Oktober 2017 veröffentlichte Studie, die in der Notfall-Ambulanz der Kinderklinik Philadelphia durchgeführt wurde. Eingeschlossen waren etwas mehr als 22.000 Patienten mit nicht ernsthaftem Fieber. Etwas mehr als die Hälfte der Kinder erhielt – bei ansonsten weitgehend gleichem Krankheitsbild – fiebersenkende Mittel, entweder Paracetamol (38%), Ibuprofen (19%) oder beides. Die andere Hälfte erhielt keine Fiebersenker.

Unterschiede im Behandlungsablauf wie Röntgenaufnahmen und ähnliches wurden in der Auswertung berücksichtigt. Auch auf Alter, Antibiotika, etc. wurde kontrolliert, so dass in den Resultaten möglichst der pure Effekt der Fiebersenkung übrigblieb. Und der war enorm:

Kinder, deren Fieber gesenkt wurde, hatten einen signifikant längeren Aufenthalt in der Klinik. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie mehr als zwei Stunden bleiben mussten, lag beim Doppelten der unbehandelten Kinder. Den mit Abstand längsten Aufenthalt hatten jene Kinder, die beide Medikamente bekamen.

Fiebersenker sind jene Medikamente, die in Kinderkliniken am raschesten gegeben werden. Im Schnitt dauert es 54 Minuten von der Aufnahme bis zur Verabreichung des ersten Fiebersenkers. Wenn die Kinder unter Schmerzen leiden, aber keine erhöhte Temperatur haben, müssen sie hingegen deutlich länger – nämlich durchschnittlich 83 Minuten – warten, bis sie ein Medikament bekommen. „Dass Fieber so deutlich rascher behandelt wird als Schmerz hat mit den vorherrschenden Meinungen der Ärzte zu tun, dass es sich bei Fieber um das deutlich ernsthaftere Symptom handelt“, erklären die Studienautoren und fügen hinzu: „Medizinisch ist dieses Vorgehen unbegründet.“

Wenn schon Fiebersenker, so die aktuellen medizinischen Leitlinien zum Fieber-Management, so sollten diese oral gegeben werden. Bei der rektalen Gabe kommt es häufiger zur Überdosierung. Verschiedene Wirkstoffe sollten nicht kombiniert werden. Gänzlich verworfen wird die Praxis mancher Ärzte, den Eltern nach einem Impftermin Fiebersenker vorsorglich mitzugeben. Diese sind, wie zahlreiche Studien belegen, auch ungeeignet, um Fieberkrämpfen vorzubeugen.

Siegeszug von Paracetamol

In den 1960er Jahren berichtete der australische Mediziner Ralph D.K. Reye über Kinder, die nach der Gabe von Aspirin eine akute Schädigung von Gehirn und Leber erlitten haben.

Diese Problematik ging als „Reye Syndrom“ in die Medizinliteratur ein. Die Zusammenhänge wurden nie wirklich im Detail aufgeklärt und auch über die Häufigkeit des Auftretens dieses Syndroms herrscht Unklarheit. In Deutschland gab es während der letzten Jahrzehnte nur eine Handvoll gesicherter Fälle. Dennoch führten diese Warnungen dazu, dass bei Kindern massiv von der Gabe von Aspirin abgeraten wurde. Speziell im angloamerikanischen Raum wird bis heute vorwiegend Paracetamol verwendet.

Anders als Aspirin oder Ibuprofen wirkt Paracetamol nicht über die Hemmung der Prostaglandine, sondern über direkte Zugänge zu Gehirn und Rückenmark. Wie das jedoch im Detail abläuft, ist bis heute nicht bekannt. Länder mit dem höchsten Verbrauch von Paracetamol wie Australien, die USA oder Großbritannien führen auch die internationalen Rankings bei der Häufigkeit von Asthma, Neurodermitis und Heuschnupfen an. Daraus entstand die Frage, ob möglicherweise Paracetamol hier beteiligt sein könnte.

Allergien und Asthma

Zahlreiche Studien zeigten, dass Kinder, die im ersten Lebensjahr Fiebersenker erhalten, später ein deutlich höheres Allergie-Risiko haben. Die Frage, ob der Einsatz der Fiebersenker ein unmittelbarer Auslöser von Asthma sein könnte, wird kontrovers diskutiert. Während große epidemiologische Arbeiten einen Zusammenhang nahelegen, warnen andere Wissenschaftler vor möglichen Fehlschlüssen. Joanne E. Sordillo, Medizineren in der Harvard Medical School in Boston, präsentierte dazu kürzlich eine Arbeit, in der 1490 Mütter mit ihren Kindern sowohl während der Schwangerschaft als auch während des ersten Lebensjahres auf die Verwendung von Fiebersenkern kontrolliert wurden. Wie weit verbreitet die Anwendung ist, zeigen die Resultate: Nur 30% der Frauen gaben an, dass sie während der Schwangerschaft niemals Paracetamol eingenommen haben. Während des ersten Lebensjahres des Kindes waren es sogar nur 4,5%.

Kinder die besonders häufig Fiebersenker bekamen, hatten ein um ein Drittel höheres Asthmarisiko. „Möglicherweise kommt das Asthma aber auch von den Infekten und nicht von den Medikamenten“, erklärt Studienautorin Sordillo. Gegen diese These spricht allerdings, dass die Kinder von Frauen, die während der ersten Phase der Schwangerschaft Paracetamol eingenommen haben, später ebenfalls ein um ein Drittel höheres Asthmarisiko hatten – unabhängig von jeglichen Infekten beim Kind.


Wer fiebert wird schneller gesund

Dass Fieber selbst lebensgefährlich wird – und speziell ab 41 Grad unmittelbar zum Tod führt, ist ein hartnäckig verbreitetes Märchen. Fieber ist selbst limitierend. Wenn es zu hoch steigt, setzt eine Gegenregulation ein.

Richtig ist hingegen: Wer fiebert wird schneller und nachhaltiger gesund. Die Gesamtüberlebenschance einer Infektion ist bei Fieber deutlich erhöht. Schwerkranke Menschen, die nicht fiebern, haben demnach nicht nur einen verlangsamten Heilungsprozess, sondern auch eine deutlich schlechtere Prognose.

Dieser Effekt wird von manchen Krebstherapeuten eingesetzt, indem Fieber mit Hilfe der Injektion bakterieller Toxine aktiv erzeugt wird. Hohes Fieber kann das Immunsystem zu einer besseren Krebsabwehr stimulieren. Doch obwohl diese Tatsache unstrittig ist, wird der Ansatz in der Onkologie nach wie vor zu wenig erforscht. Zu stark scheint die Abneigung Fieber therapeutisch einzusetzen. Dabei wäre das nichts anderes als ein Nachahmen erfolgreicher Heilungstaktiken der Natur.

Bei diesem Artikel handelt es sich um die leicht gekürzte Version eines Berichts der in der März -Ausgabe der Zeitschrift "Naturarzt" erschienen ist. 

Donnerstag, 19. November 2009

Sehnsucht nach der Pandemie

Rinderwahn, SARS, Vogelgrippe, Schweinegrippe: So lauteten einige der Schreckgespenster, die uns in den letzten Jahren heimsuchten. Wenn wir keine Probleme haben, so scheint es, dann machen wir uns eben welche. Die Bilder in den TV-Nachrichten zeigen Schreckensbilder von Rindern oder Hühnern, die vorsichtshalber verbrannt werden. Einsatzkräfte mit Ganzkörper-Schutzanzügen verrichten ihr abartiges Handwerk. Auf den Flughäfen, in den U-Bahnen und sogar in Schulklassen sehen wir Menschen mit Mundmasken. Die Bedrohung ist unsichtbar und gerade deshalb allgegenwärtig.
Und irgendwann ist dann plötzlich Schluss. Die fetten Schlagzeilen werden schlanker und verschwinden von den Titelseiten. So als hätte irgendwo im Hintergrund jemand – verborgen vor der Öffentlichkeit – die Zielflagge geschwenkt: Genug jetzt, es ist vorbei. Eben so schnell, wie der Spuk aufgezogen ist, verschwindet er wieder.
Am Höhepunkt der Vogelgrippe-Hysterie,  im Herbst 2005, hatte noch  jeder altersschwache Schwan die Chance, zur Spitzenmeldung der Tagesschau zu werden. Zwei Jahre später wurden auf bayrischen Mastbetrieben fast 450.000 Enten getötet, weil einige von ihnen mit dem Vogelgrippe-Virus H5N1 infiziert waren. Die Berichte darüber schafften es nicht mal mehr in die überregionalen Nachrichten. Und heute denkt man an einen Druckfehler, wenn noch irgendwo von H5N1 die Rede ist. Denn jetzt ist Schweinegrippe-Saison: H1N1!
Fast scheint es, als hätte die Menschheit eine tiefe Sehnsucht nach Seuchen gepackt. Eine Sehnsucht nach der Pandemie, nach einer tödlichen Gefahr, die aus dem Nichts auftaucht und uns allen kollektiv an den Kragen will. Uns gleich macht in unserer Hilflosigkeit und unserem Schutzbedürfnis.
Und als ob es eine Inszenierung wäre, treten sofort auch die Retter auf den Plan. Experten stellen sich souverän den Kameras und wissen, was zu tun wäre: Millionen Todesfälle, das Ende des Tourismus und des freien Warenverkehrs, der endgültige Einbruch der Weltwirtschaft, das alles wäre zu vermeiden. Aber nur, wenn jetzt sofort in die Vorsorge investiert würde. Das dürften aber keine Kinkerlitzchen sein, mahnen die Experten. Da bräuchte es schon eine gemeinsame weltweite Kraftanstrengung der besten Geister. So etwas kostet. – Misstrauen ist nicht angebracht, denn die Experten genießen den besten Ruf. Zudem sind sie offensichtlich unabhängig, gehören der Welt-Gesundheits-Organisation, angesehenen Universitäten oder staatlichen Behörden an. Ihr Wort wiegt schwer.
Als nächstes treten jetzt die Volksvertreter auf. Eingeschüchtert von diesem apokalyptischen Szenario greift ein Politiker nach dem anderen mit vollen Händen in die Steuertöpfe und investiert in die Pandemie-Polizze. Barack Obama, Nicolas Sarkozy, Angela Merkel: Gleichsam im Dominotakt folgt im Sommer 2009 ein Industrieland dem nächsten. Sie stellen Milliarden bereit für den Ankauf von Medikamenten und die Neuentwicklung von Impfstoffen. Jeder einzelne Staatsbürger soll geschützt werden vor der heimtückischen Gefahr. Nicht zuletzt nützt dieses Investment auch ihrer eigenen Wiederwahl. Denn was würde wohl die Opposition trompeten, wenn ausgerechnet das Land, in dem sie die Verantwortung tragen, ausschert aus dem Gleichklang der internationalen Selbstverteidigung: unverantwortlich wäre das!
Von Kritikern hört man vereinzelt den Vorwurf, die Medien würden hier ohne wissenschaftliche Basis eine Hysterie schüren und mit den Ängsten der Menschen Geschäfte machen. Ich denke jedoch nicht, dass dieser Vorwurf berechtigt ist. Pressevertreter gehen nun mal auf Pressekonferenzen. Und sie berichten, was dort gesagt wird. Das ist ihr Job. Im Gegenteil – wenn ab und zu Kritik aufkam an dieser allumfassenden Mobilmachung, dann kam diese von den Medien. Dann waren es Journalisten, die ihrer Verwunderung Ausdruck verliehen, warum bei einer derart minimalen Bedrohung, derart martialische Maßnahmen gesetzt werden müssen: Eine ganze Bevölkerung durchzuimpfen, wie es manche Gesundheitspolitiker ankündigten, wurde als „unkontrollierter Menschenversuch“ bezeichnet. Und das Vorhaben, allein in Deutschland rund eine Milliarde Euro an Steuergeldern zu investieren für eine Infektion, die mildes Fieber und ein wenig Halsschmerzen verursacht, als hoffnungslos überzogen.
Derartige Vorstöße blieben aber selten. Denn die Medien sind ein Spiegel eines kollektiven Bewusstseins. Und dieses erwies sich als ungemein empfänglich für die Kampagne. Dazu trug sicher auch die unappetitliche Assoziation bei, dass hier ein Virus vom Schwein auf den Menschen gehüpft ist. Einst aus dem ekligen Rüssel der Sau entkommen, mutiert und milliardenfach vervielfacht, verbreiten sich diese Keime in allen möglichen Menschen und springen vielleicht auch auf die eigene Familie über: in die Nase meines Babys. Diese Vorstellung schockt und verängstigt. Und auf diesen Ängsten, auf diesem unguten Gefühl, lässt sich eine Marketing-Kampagne schon aufbauen.
Zumal ja auch genug investiert wurde. Schon vor fünf Jahren, als die Viren noch von den Vögeln kamen und H5N1 hießen, waren neue Technologien entwickelt worden für den Ernstfall. Erstmals wurden die Viren nicht mehr nur auf den Embryos von befruchteten Hühnereiern vermehrt, sondern es wurden richtiggehende Impfstoff-Fabriken geschaffen. Anstelle der unsicheren und komplizierten Eier-Technologie konnten die Viren nun auf robusten Zellkulturen wachsen. Auf theoretisch unsterblichen Zelllinien von Affennieren, die immer weiter wuchern, solange sie mit Nährlösung versorgt werden und in Fermentern bei der idealen Temperatur gehalten werden. Hier wurden von den Konzernen große Summen investiert. H5N1-Impfstoffe gingen in die klinischen Tests. Tausende von Studien-Teilnehmer wurden angeworben und mussten auch entlohnt werden für ihren Mut, sich unbekannte Arzneimittel injizieren zu lassen. Sollte diese Investition vergebens gewesen sein, jetzt wo kein Hahn mehr nach der Vogelgrippe kräht?
Tausende von Experten sind Teil eines mit Milliardenaufwand geschaffenen, weltweiten Influenza-Netzwerkes. Sie werden dafür bezahlt, die Augen offen zu halten und bei allen erkrankten Menschen nach den Verursachern zu fahnden. Im Auftrag der WHO, im Auftrag der Nationalen Zentren zur Infektionskontrolle. Diese Experten wollen ihre Arbeit erfüllen. Und sie wollen zeigen, dass das investierte Geld, gut investiert ist. Sie finden die Viren, sie analysieren sie mit immer moderneren Methoden. Und sie können nun sagen, dass bestimmte Gen-Sequenzen im Erbgut der Viren sie an jene von Vögeln oder von Schweinen erinnern. Mit jeder Schlagzeile sichern sie die eigenen Budgets – und damit ihre Jobs. Und so halten sie die Medienkampagnen in Gang und verleihen den Angstparolen mit ihren grauen Schläfen, der hohen Stirn und dem weißen Arztkittel den nötigen Anstrich von Seriosität. Und sie posaunen es auch nicht allzu laut hinaus, dass sie nebenher recht schön mitverdienen über ihre Beraterverträge mit der Industrie und die neuen, von der Politik erpressten Forschungsgelder.


Die neuen Brahmanen
Im alten Indien – an der Wiege der meschlichen Zivilisation – liefen die Brahmanen in ihrer Funktion als Priester, Heiler und Propheten, immer wieder Gefahr, dass die herrschende Kaste der Krieger den Respekt verliert. Dass sie selbst als Schmarotzer entlarvt werden, als unnütze Anhängsel, deren Rituale leer sind und deren Vorhersagen wertlos. Sie mussten teuflisch aufpassen, ihren hohen Status in der Gesellschaft und ihre Privilegien nicht zu verlieren und von verärgerten oder gelangweilten Fürsten davon gejagt zu werden. Deshalb war es die oberste Kunst der Brahmanen, ihr Geheimwissen so auszuspielen, dass die Mächtigen in beständiger Furcht gehalten wurden, und sich nie ganz sicher sein konnten, ob sie nicht schon morgen den Beistand der Priester gegenüber einer entfesselten rasenden Gottheit dringend benötigen würden.
Um diesen Nimbus abzusichern, entwickelten die Brahmanen ein ganzes Arsenal an hilfreichen Techniken. Sie erfanden eine Schrift, schufen Verse, Zaubersprüche und die ältesten Lehrbücher der Menschheitsgeschichte. Geheime Kenntnisse, die nur innerhalb der eigenen Kaste gelehrt und weiter gegeben werden durften. Um die Altare exakt nach den Himmelsrichtungen auszurichten, erlernten sie die Astronomie. Sie entwickelten ausgefeilte Opfer-Rituale, die so kompliziert und so eindrucksvoll waren, dass sie jahrelang geübt werden mussten. Beim großen Pferdeopfer beispielsweise – mussten mehrere Tiere gleichzeitig getötet werden. Sie mussten in derselben Sekunde sterben – andernfalls galt das Opfer als misslungen – mit schrecklichen Konsequenzen für den Herrscher. In einer über Tage laufenden Zeremonie wurden die Tiere zum Höhepunkt gemeinsam geopfert. Wenn alles erfolgreich nach Plan lief, warf der oberste Priester das Herz des besten Pferdes ins Feuer, so dass seine „göttlichen Dämpfe“ vom König und dessen Frauen eingeatmet werden konnten. Dadurch waren sie dann immun gegen jegliche Gefahren, die Götter versöhnt.
Gerade bei der Schweinegrippe drängt sich nun der Verdacht auf, dass diese Urzeiten der Medizin noch nicht gänzlich überwunden sind. Eine mythisch überhöhte Gefahr – die Jahrhundert-Pandemie des Nachkriegswinters 1918/19 – wird seit Jahren regelmäßig heraufbeschworen, um ein jederzeit wieder mögliches Horrorszenario mit Abermillionen von Todesopfern an die Wand zu malen. Ein angesichts der realen Bedrohung durch die läppische Gripperl-Welle geradezu absurd überzogener Vergleich. Die theatralische Ausrufung der Pandemie durch die WHO im Juni 2009 gleicht demnach einem modernen „Pferdeopfer“. Und es verfehlt noch immer nicht seine einschüchternde Wirkung auf die Kaste der Krieger und Fürsten, die sich heute Politiker und Volksvertreter nennen. Zum einen sichert das die Budgets der modernen Brahmanen, zum anderen den Absatz der bereits im Testlauf erprobten Impfstoffe, die nun nur noch rasch von der H5N1-Basis auf H1N1 umgebaut werden mussten.
Um die Aktion nicht zu gefährden, änderte die WHO sogar noch die Definition für eine Pandemie. Sie wurde von der WHO bis Anfang Mai noch als weltweite Infektion bezeichnet, die „eine enorme Zahl von Todesfällen und Krankheiten“ verursacht. Dieser Passus verschwand spurlos und übrig blieb die schnelle Ausbreitung über ein großes Gebiet. Dabei fällt es selbst den Experten schwer, zu erklären, warum wir nach dieser geografischen Definition nicht jedes Jahr die Pandemie ausrufen. Wo doch in jedem Jahr eine mehr oder weniger starke saisonale Influenza-Welle abläuft.
Ebenso schwer fällt die Erklärung, warum wir die Pandemie eigentlich auf die Influenza beschränken. Sind doch die Grippeviren nur ein kleiner Teil der mehrere hundert Unterarten umfassenden Viren, die über den Atmungstrakt übertragen werden und recht ähnliche Symptome auslösen. Untersuchungen zeigen, dass sie nur für sieben Prozent dieser Erkrankungen verantwortlich sind. Sie sind auch bei weitem nicht die gefährlichsten Erkältungsviren. Die so genannten RS Viren verursachen – speziell bei den Kindern – etwa wesentlich ernsthaftere Symptome. Rhinoviren und Coronaviren, die den Großteil der Infektionen ausmachen, können sich bei den älteren Menschen ebenfalls zu lebensgefährlichen Lungenentzündungen „auswachsen“. Objektiv gesehen besteht also der einzige Unterschied darin, dass es für Influenza spezielle Medikamente (z.B. Tamiflu), Impfstoffe und ein eigenes weltumspannendes Experten-Netzwerk gibt. Bei Rhino-, Corona- und RS-Viren hingegen nicht.
Ich schreibe dieses Vorwort im September 2009. Ich weiß noch nicht, wie dieses Spektakel endet. Die Gefahr, dass die – über Abermilliarden von Steuergeld finanzierte – Pandemie-Vorsorge mehr gesundheitlichen Schaden anrichtet, als die Schweinegrippe jemals vermocht hätte, ist jedoch groß. Wir wissen seit langem, dass die antiviralen Medikamente, die meist beim ersten Kratzen im Hals verordnet werden, schwere Nebenwirkungen haben. Speziell bei den Kindern. Wir haben zudem nichts aus dem Schweinegrippe-Debakel der USA von 1976 gelernt, wo Millionen von Amerikanern mit im Eilverfahren entwickelten Impfstoffen geschützt werden sollten. Am Ende dieses hysterischen Feldzuges standen Tausende von Impfopfern, viel davon tot oder mit bleibenden Schäden. Das einzige was damals ausblieb – ja sogar spurlos vom Erdboden verschwand – war die gefürchtete Epidemie. Diesen Effekt dem gewaltigen Rasseln der Influenza-Brahmanen zuzuschreiben, traute sich dann aber doch niemand mehr.

Die Erblast aus der Seuchenzeit
Viele dieser Haltungen im Umgang mit Infektionskrankheiten sind nur aus der kollektiven, Generationen überdauernden Erinnerung an die traumatischen Zeiten der Cholera und der Tuberkulose zu erklären. Speziell die Amerikaner, die weltweit den Takt in der Medizin vorgeben, sind noch tief in dieser historischen Erblast verfangen. Und heute werden von hier aus die Strategien gegen die neuen Weltseuchen organisiert: Das West-Nile Virus, ein Virus, das in anderen Ländern kaum beachtet wurde, war inneramerikanisch mehrere Jahre lang ein Dauerthema. Hier gelang es noch nicht, die eigene Paranoia weltweit zu exportieren. Bei SARS, Vogelgrippe und nun bei der Schweinegrippe lief hingegen bereits alles nach den Regeln der USA.
Es ist in der Tat verblüffend, wie gut der Angstknüppel noch immer wirkt. Wie leicht eine Gesellschaft durch die Androhung von Krankheit einzuschüchtern ist. Es genügt, ein paar spektakuläre Einzelfälle in den Medien groß aufzublasen und wir denken sofort, die Gefahr lauere um die nächste Ecke. Auch wenn es in Wahrheit wesentlich wahrscheinlicher ist, von einem Blitz oder einem Dachziegel erschlagen zu werden, als ernsthaft zu erkranken. Allzu viele in unserer Gesellschaft haben das Selbstvertrauen eingebüßt, mit einer Krankheit – und sei sie auch noch so banal – selbst fertig zu werden. Für die Krankheiten der Kinder gilt das noch viel mehr.
Kein Wunder, sind wir doch einer täglichen unsäglichen Massenpropaganda ausgesetzt, die uns einredet, dass alle Hilfe von außen kommt. Dass wir nur dann geschützt sind, wenn wir vorsorgen. Dass wir nichts dem Zufall überlassen sollen. Und so wird vorgesorgt: Mit den Jahr für Jahr immer zahlreicher werdenden Impfungen gegen alles und jedes. Mit Antibiotika, Cortison und fiebersenkenden Medikamenten, sobald die Stirn heiß wird.
Und das obwohl wir längst wissen, dass die Verhinderung von Krankheiten selbst ein Krankheitsrisiko darstellt. Kinder, die in ihren ersten Lebensjahren häufig Antibiotika oder fiebersenkende Medikamente verschrieben bekommen, haben ein deutlich höheres Allergierisiko. Die vielen Impfungen – von ihrem Grundkonzept her eigentlich gut gemeinte Manipulationen des Immunsystems – tragen das ihre dazu bei, ein kindliches Immunsystem in seiner Reifephase zu stören. Dazu fällt – mit dem Wegfall der meisten Kinderkrankheiten und einer immer hygienischer werdenden Umwelt – das Trainingscamp aus, das die Natur bisher für Kinder in ihren ersten Lebensjahren eingerichtet hatte. Ein Trainingscamp, das dem Immunsystem in diesen frühen Jahren das Rüstzeug mitgab, ein ganzes langes Leben lang seine vielfältigen Funktionen der Infektionsabwehr oder der Krebsbekämpfung zu erfüllen.
In den Industrieländern leidet heute bereits mehr als ein Drittel der Bevölkerung an irgendeiner Form von Allergie. Das sei gar nichts im Vergleich zu einer Lungenentzündung oder einer Diphtherie, sagen die Statistiker der Massentherapie. Jede vermiedene schwere Krankheit, sagen sie, sei ein Erfolg. Und wo die Medizin die Möglichkeit hätte, müsse jede Chance ergriffen werden, die Menschen prophylaktisch zu schützen oder am besten die Krankheitserreger gänzlich auszurotten. Als Traum von der möglichst keimfreien, hygienisch reinen Umgebung und einem über medizinisches Geschick hochgerüsteten Immunabwehr.
Doch immer mehr Menschen zweifeln insgeheim an der Wahrheit dieser Thesen. Immer mehr Menschen merken schon jetzt die Schwächung und Irritation ihres Immunsystems und haben dadurch gewaltige Einbußen in ihrer persönlichen Lebensqualität: mit bedrohlichen Asthma-Attacken, verunstaltenden Neurodermitis-Schüben oder chronischen entzündlichen Krankheiten, welche eine dauernde Einnahme cortisonhaltiger Medikamente erfordern.
Immer mehr Menschen sind nicht mehr in der Lage, im Krankheitsfall richtiges Fieber mit Temperaturen über 38 Grad zu entwickeln. Fieber, das die Keime schwächt und gleichzeitig dafür sorgt, dass ein starkes reaktionsfähiges Immunsystem nun die idealen „Arbeitbedingungen“ vorfindet. Stattdessen fühlen sie sich wochenlang schlapp und angeschlagen, kämpfen sich zum Arbeitsplatz und wissen, dass sie eigentlich zu Hause bleiben sollten – wenn sie bloß richtig krank sein könnten.
In fast jeder Schulklasse gibt es heute ein Kind, das an Hyperaktivität leidet, Kinder mit unerklärlichen Aufmerksamkeitsstörungen oder Lerndefiziten. Wir sehen immer mehr Jugendliche und junge Erwachsene, die täglich Medikamente nehmen müssen, um ihr überschießendes Immunsystem zu dämpfen, Menschen die an unerklärlichen Darmentzündungen leiden oder kein Insulin bilden können, weil ihr eigener Körper die hormonbildenden Zellen der Bauchspeicheldrüse attackiert und irreversibel geschädigt hat.
Wir wissen heute, dass viele diese Schädigungen hausgemacht sind. Dass die hoch gepriesene Prävention und der damit einhergehende vorsorgliche Eingriff ins Immunsystem bei vielen Menschen nach hinten losgeht und chronische, nicht mehr heilbare, sondern bestenfalls kontrollierbare Krankheiten die Folge sind. Unser Problem sind nicht die banalen Infekte, vor denen uns die Pandemiker schützen wollen. Gerade in einer Epoche des materiellen Wohlstandes, wie sie nie zuvor in der Menschheitsgeschichte möglich war, halten wir heute bei einem Anteil von unheilbar Kranken, der sich kaum von jenem in der Seuchenzeit unterscheidet. Bloß dass sich die Namen geändert haben. Asthma ersetzte die Schwindsucht, Rheuma die Rachitis und Multiple Sklerose die Syphilis. Wir stecken inmitten einer tatsächlichen Pandemie von schwersten Störungen des Immunsystems.
Doch wer sollte diese Fehlentwicklung korrigieren, wer sollte sie überhaupt aufklären und öffentlich machen? Wenn doch die Mediziner als allein befugten Kontrolleure des Systems selbst den Löwenanteil zu der Katastrophe beigetragen haben, in der wir uns heute befinden. Wer nimmt den modernen Brahmanen den Zauberstab aus der Hand?

Ein neues Selbstbewusstsein
Es wird uns nichts übrig bleiben als das selbst zu versuchen. Für unseren persönlichen Lebensbereich, für das Wohl unserer Kinder und unser eigenes. Was es dafür in erster Linie braucht, ist ein neues Selbstbewusstsein, das aus dem Wissen um den biologischen Zweck entstehen kann, den Krankheiten für unser Wohlergehen haben.
Und dieses Buch kann dazu eine, wie ich hoffe, wertvolle Hilfestellung geben und einen Gegenentwurf ermöglichen zu dem Bild von Krankheit, wie es uns heute vermittelt wird. Ich habe dazu mit zahlreichen hervorragenden Wissenschaftlern gesprochen. Ich habe hoch interessante Literatur zur Entwicklung und den Funktionen unseres Immunsystems studiert, die mir selbst auch eine völlig neue Sicht auf diesen erstaunlichen Lebensbegleiter und Schutzengel offenbarte.  Und schlussendlich habe ich – als Vater von fünf Kindern – auch viele persönliche Erfahrungen bei der Begleitung von Krankheiten einfließen lassen.
Erst das Wissen um den biologischen Zweck von Krankheit, verschafft uns die Möglichkeit, uns aus dem Kreislauf aus Angstmache und Versicherungsdenken, der uns permanent in Abhängigkeit halten will, zu befreien. Und es ist erstaunlich, wir rasch daraus ein völlig neues Selbstbewusstsein entsteht.
Wer ab und zu krank ist, bleibt auf lange Sicht gesund. Wir sollten diese kleinen Auszeiten willkommen heißen, so wie alle anderen Bestandteile eines gesunden Lebens: Gutes Essen, Bewegung, Humor und Liebe.
Und darum geht es in diesem Buch: Um das Selbstbewusstsein, Krankheiten zuzulassen. Im Vertrauen auf ein gesundes, kompetentes Immunsystem, das uns begleitet und beschützt und auf das wir stolz sein können. Ein ganzes Leben lang.

(dieser Text ist das aktualisierte Vorwort für das Taschenbuch von "Lob der Krankheit", das im Januar erscheint und jetzt schon vorbestellbar ist)