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Montag, 3. November 2025

Mehr Pneumokokken-Lungenentzündungen trotz gratis Pneumokokken-Impfungen

Personen ab 60 Jahren können sich in Deutschland und Österreich gratis gegen Pneumokokken impfen lassen. Die Ärztekammern kritisierten kürzlich, dass Menschen, die sich impfen lassen wollen, häufig abgewiesen werden müssen, weil die Impfstoffe nicht verfügbar sind. Andererseits verschafft das Zeit, sich die Sache zu überlegen. Denn obwohl seit vielen Jahren auf hohem Niveau geimpft wird, steigen die gemeldeten Pneumokokken-Fälle - sowohl bei Babys als auch bei älteren Menschen - massiv an.

Impfkampagnen bewerben die "Gratisimpfung"


Woran das liegen könnte, zeigt eine im Oktober 2025 erschienene Studie aus Spanien, die alle Fälle von Lungenentzündung während des Jahres 2019 in der Provinz Katalonien analysiert hat. Untersucht sollte werden, welchen Schutz die beiden angebotenen Pneumokokken-Impfstoffe geboten haben. Eingeschlossen waren die Daten von 2,2 Mio. Katalanen im Alter über 50 Jahren. Insgesamt waren hier im Jahr 2019 etwas mehr als 15.000 Fälle von Lungenentzündungen (Pneumonien) aufgetreten.
Wie im restlichen Europa standen damals zwei Pneumokokken-Impfungen zur Auswahl: Die altbekannte 23-valente Polysaccharid-Impfung (PPSV), sowie ein moderner Konjugat-Impfstoff (PCV). Dieser stammt meist von Pfizer und wird unter dem Namen 'Prevenar' vertrieben. 2019 gab es ihn noch in der 13-valenten Version, mittlerweile wirbt die Herstellerfirma Pfizer damit, dass Prevenar "Schutz" vor 20 Pneumokokken Typen bietet.
Die Anführungszeichen setze ich deshalb, weil sich der Begriff "Schutz" in dieser Studie als nicht wirklich zutreffend erwiesen hat.
Es zeigte sich nämlich, dass der alte 23er Impfstoff das Risiko einer Lungenentzündung nicht reduziert, sondern - im Gegenteil - erhöht hat. Wenn Pneumokokken die Auslöser der Pneumonie waren, so stieg das Risiko für geimpfte Personen um 21 Prozent, das Risiko für Pneumonien aller Erregertypen stieg um 24 Prozent.

Beinahe doppelt so viele Pneumokokken-Fälle bei Geimpften

Und wie schlug sich die moderne Pneumokokken-Impfung Prevenar, die der Herstellerfirma Pfizer verlässlich jedes Jahr Milliardenumsätze beschert und zu den 20 umsatzstärksten Arzneimitteln weltweit zählt?
Noch wesentlich schlechter.
Bei Pneumonien, die von Pneumokokken ausgelöst worden sind (also genau jenen Bakterien, vor denen die Impfung schützen sollte), stieg das Risiko für Geimpfte um 83 Prozent an. Bei Pneumonien aller Erregertypen stieg das Risiko um 55 Prozent.

Die Autoren der Studie waren einigermaßen erschrocken über diese Resultate. Als mögliche Ursache nannten sie die verbesserungsbedürftige Zulassungspraxis. Impfstoffe werden nur sehr selten in wirklich guten randomisierten kontrollierten Studien getestet. Üblich sind stattdessen Vergleichsstudien, wo speziell ausgesuchte – besonders gesunde – Teilnehmer die neue Impfung erhalten und diese mit einer Kontrollgruppe verglichen werden, welche zum Beispiel die Vorgänger-Impfung oder eine Impfung der Konkurrenz verabreicht bekommen.
Studien mit neutralen Salzwasser-Placeboimpfungen werden meist vermieden, um den Erfolg der neuen Impfung nicht zu gefährden. Wenn diese dann aber in der 'echten Welt' zum Einsatz kommt, können die artifiziellen Resultate aus den Zulassungsstudien oftmals nicht wiederholt werden.

Möglicherweise, so die Autoren, waren die geimpften Personen auch von Haus aus wesentlich kränker als die nicht geimpften Personen. Allerdings haben die Wissenschaftler natürlich versucht, diesen möglichen Fehler durch viele Adjustierungen in der statistischen Auswertung auszugleichen.
Es hat aber nicht wirklich etwas verändert am Ergebnis.
Die Autoren schreiben: "Zusammenfassend lässt sich sagen, dass weder PPSV23 noch PCV13 mit einem verringerten Risiko für Krankenhausaufenthalte oder Todesfälle aufgrund von Pneumokokken aller Art oder Lungenentzündung aller Ursachen in Verbindung gebracht werden konnten."


"Keine wirksame Vorbeugung"

Die alte Pneumokokken-Impfung PPSV23 gibt es schon seit den 1970er Jahren. Sie soll zwar gegen 23 von insgesamt mehr als 90 Pneumokokken Typen schützen. Ihre Wirksamkeit wurde aber schon oft bemängelt. Bereits 2009 war der Schweizer Epidemiologe Matthias Egger mit seinem Team der Universität Bern in einer Metaanalyse von 22 Einzelstudien zu einem ernüchternden Resultat gekommen: "Die Pneumokokken-Impfung scheint selbst bei Bevölkerungsgruppen, für die der Impfstoff derzeit empfohlen wird, keine wirksame Vorbeugung gegen Lungenentzündung zu sein."
Dennoch wurde munter weiter geimpft. Erst 2023 erneuerte die STIKO die allgemeine Impfempfehlung diesbezüglich nicht mehr.

Bei den Babys kam jedoch immer nur der moderne Konjugat-Impfstoff zum Einsatz. Den Beginn machte Prevenar-7, das 2001 zugelassen wurde. Als immer häufiger andere Erregertypen Krankheiten auslösten und ein "Verdrängungs-Effekt" nicht mehr zu leugnen war, wurde Prevenar 2009 auf 13 Typen, im Jahr 2024 sogar auf 20 Typen aufgerüstet. Die Konkurrenzfirma Merck brachte 2009 ihren Impfstoff Synflorix, der gegen 10 Typen wirken sollte, erhöhte später auf 15 Typen und brachte kürzlich sogar einen 21-valenten Impfstoff unter dem Namen 'Capvaxive' auf den europäischen Markt, der allerdings bislang nur für Erwachsene zugelassen ist.

Pneumokokken Impfstoffe werden bei Babys meist parallel zu den Sechsfach-Impfungen verabreicht. Die Basis-Immunisierung erfordert laut Impfplan drei Dosen.
Laut WHO ist in Europa in der Zeit von 2010 bis 2024 die Impfquote gegen Pneumokokken von 37% auf 86% gestiegen.

Melderekorde bei invasiven Erkrankungen

Ich habe die deutschen Meldezahlen für invasive Pneumokokken-Erkrankungen für diesen Zeitraum in der RKI-Datenbank SurvStat nachgesehen. Zu beachten ist, dass es sich dabei meist um schwere Krankheiten handelt. Zu rund 80% sind es Lungenentzündungen - oft noch in Verbindung mit einer Sepsis (Blutvergiftung). Ich betone das deshalb, weil diese Fälle sich massiv von den Meldungen unterscheiden, wie wir sie z.B. aus der Covid-Zeit kennen, wo vielfach gesunde Personen Antikörper- oder PCR-Tests machen mussten, die auch eine beträchtliche Fehlerquote haben. 
Bei Verdachtsfällen invasiver Pneumokokken-Erkrankungen sind die Patienten hingegen längst im Krankenhaus. Dort wird eine Blut- oder Liquor-Probe genommen und ins Labor geschickt. Und wenn der Befund positiv für Bakterien der Art 'Staphylokokkus pneumoniae' ist, besteht laut Infektionsschutzgesetz Meldepflicht. Hinter jeder Meldung steht also ein tatsächlicher schwerer Krankheitsfall.

Die Tendenz zeigte mehrere Jahre leicht nach oben. Ab 2021 begann ein massiver Anstieg mit jährlichen Melderekorden. Auch für 2025 liegen Anfang November die Fallzahlen bereits über der Gesamtzahl des Vorjahres. Wahrscheinlich wird heuer die Marke von 10.000 Meldungen deutlich überschritten.


Ab einem Alter von 55 Jahren steigen die Fallzahlen stark an und erreichen im Alter über 80 Jahren ihren Höhepunkt.

Sieht man sich die Situation bezogen auf die Babys und Kleinkinder im Alter unter fünf Jahren an, so zeigt sich eine beinahe idente Situation. Die Pneumokokken Impfung wurde von der STIKO im Jahr 2006 erstmals allgemein empfohlen. Ich wähle für die Grafik den Zeitraum von 2001 bis 2024 um auch ein Bild über die Lage vor der Impfempfehlung zu geben.


Beim RKI wird vermutet, dass die "Zunahme der Fälle unter anderem mit dem Rückgang von Impf- und Hygienemaßnahmen nach der Corona-Pandemie erklärt werden kann."
Dem widerspricht die Lage in Österreich, aus der klar ersichtlich ist, dass der Trend über die Jahre ziemlich linear nach oben zeigt. (Quelle AGES)



Schon wieder neue Bakterien-Typen

Die mit Abstand meisten Fälle wurden laut Pneumokokken Jahresbericht 2024 von Bakterien des Typs 3 verursacht. Dieser Typ ist jedoch bereits seit langem in den Impfstoffen (PCV13, PCV15) enthalten. Ebenso wie der häufig diagnostizierte Typ 19A.
Die Typen 8, 10A und 22F wurden jetzt in die neu entwickelten Impfstoffe aufgenommen. Doch das Verdrängungs-Spiel geht weiter. Denn mit 23A, 24F und 38 drängen sich – bei Babys wie bei Senioren – schon wieder neue Bakterientypen in den Vordergrund, die bisher von keiner Impfung abgedeckt werden.

So wie sich die Sache allerdings darstellt, sollte wohl erst mal die Frage beantwortet werden, ob das derzeitige Impfkonzept überhaupt in der Lage ist, das Problem zu lösen.


PS: Wenn Ihnen dieser Blog interessant erscheint, würde ich mich freuen, wenn Sie meine Arbeit unterstützen. Mit Ihrer Spende finanzieren Sie unbestechlichen Journalismus und Filmprojekte, die sonst niemand macht.



Montag, 3. September 2018

Neues Buch: Gute Impfung - Schlechte Impfung

Während der letzten Monate habe ich an einem Buch zum Thema Impfen gearbeitet.
Das Manuskript ist nun fertig - und in der Druckerei. Journalisten, die sich für Rezensionsexemplare interessieren, können diese beim Verlag Ennsthaler bestellen.
Und so sieht das Buch aus:

Bert Ehgartners neues Buch kommt Anfang Oktober in den Buchhandel

Die Impfthematik interessiert mich seit langem und es ist sowas wie mein berufliches Spezialgebiet geworden. Ich hatte immer mal wieder Teilaspekte in meinen Filmen und Büchern und habe über die Jahre (u.a. hier im Blog) auch zahlreiche Artikel dazu geschrieben.
Doch ein monothematisches Buch zum Impfen gab es von mir noch nie. Nun ist es soweit: Ende September erscheint auf rund 400 Seiten „Gute Impfung - Schlechte Impfung“ im Verlag Ennsthaler.

Weil Impfungen immer auch "Kinder ihrer Zeit" sind, war es für die traditionsreichen älteren Impfungen notwendig, tief in die historischen Archive zu steigen. Ich habe dazu viele Wochen recherchiert und es war extrem spannend, die Hintergründe und die ersten Erfahrungen mit solchen legendären Impfstoffen wie jener gegen Kinderlähmung oder Tetanus aus der zeitgenössischen Sicht der damaligen wissenschaftlichen Debatte neu zu beleuchten.

Ich habe versucht, alle gebräuchlichen Impfungen - sowie auch das behördliche und wissenschaftliche Rundum - einer ebenso sorgfältigen wie kritischen Analyse zu unterziehen - so als wäre „das Impfen“ ein ganz normaler Teil der Wissenschaft – was es meiner Meinung nach auch sein sollte.
Das Impfwesen ist keine „Heilige Kuh“. Ich finde es gefährlich, wenn in der öffentlichen Diskussion immer so ein großer Respektabstand gehalten wird, um nur ja die „Impffreudigkeit der Bevölkerung“ nicht zu gefährden. Das fördert Trägheit bei den Behörden und Arroganz bei den Herstellern. Wohin das Gefühl, man werde nicht mehr kontrolliert, führen kann, haben wir zuletzt am Beispiel der deutschen Autoindustrie und dem Abgas-Skandal gesehen.

Persönlich stehe ich dem Impfen neutral gegenüber. Ich bin weder Impfgegner noch unkritischer Befürworter. Doch ich finde, dass bei Impfungen besonders hohe Ansprüche an deren Sicherheit zu stellen sind: Eben weil sie einen präventiven Eingriff an zumeist gesunden Menschen darstellen. Und deshalb sollten sie mit größtmöglicher Sorgfalt geprüft werden: damit die Geimpften nach dem Arzttermin genauso gesund sind wie davor.

Sie werden im Buch sehen, dass dies bei manchen Impfungen nicht der Fall ist und weder Wirksamkeit noch Sicherheit den Ansprüchen eines modernen Verbraucherschutzes genügen.
Bei anderen Impfungen - wie beispielsweise der Masernimpfung – gibt es hingegen zusätzliche positive Aspekte, die in der Öffentlichkeit kaum bekannt sind. Anstatt die Eltern mit Angstmache zum Arzt zu treiben, wäre es wohl für viele Eltern interessant, mehr von diesen positiven Eigenschaften zu erfahren.

Freut Euch also auf ein kritisches Buch, das zahlreiche Überraschungen birgt.

Rezensionswünsche bitte an Frau Mag. Ingrid Führer (e-mail). Bei Interesse an Veranstaltungen / Vorträgen / Diskussionsrunden zum Thema ist die Ansprechpartnerin Frau Geraldine Schirl-Ennsthaler (e-mail).

Freitag, 16. Oktober 2015

Die Hygienefalle - Schluss mit dem Krieg gegen Viren und Bakterien

Wer wissen möchte, was genau mit der "Hygienefalle" und dem "Krieg gegen Viren und Bakterien" gemeint ist: Hier ist das Vorwort zu meinem neuen Buch. 


http://www.amazon.de/Die-Hygiene-Falle-Gesundheit-verspielen/dp/3850689468/ref=as_sl_pc_ss_ssw?&linkCode=wss&tag=ehgarinfo-21
Auf die Idee zu diesem Buch kam ich im Frühling 2014 während eines Gesprächs, das ich mit Erika von Mutius führte, der deutschen Allergieforscherin und Mitbegründerin der so genannten Hygiene-Hypothese. Wir sprachen über die Entdeckung des menschlichen Mikrobioms, jener unglaublich vielfältigen Gemeinschaft an Mikroben, die auf und in uns gedeiht und mit uns lebt.
Jeder Mensch ist ein riesiger Zoo und beherbergt eine Artenvielfalt, die an jene der Regenwälder des Amazonas erinnert. Wir wissen heute, dass wir in unserem eigenen Körper in der Minderzahl sind – und zwar gewaltig. Auf jede einzelne Zelle unseres Körpers kommen zehn Zellen von Mitbewohnern. Auf jedes einzelne Gen unseres Erbgutes kommen hundertfünfzig nicht menschliche Gene. Und sie alle spielen mit im Konzert unseres Lebens.
Wir setzen gerade die ersten Schritte in diesen neuen Kosmos, machen die ersten Entdeckungen und staunen wie bedeutsam der Einfluss der Mikroben für alles ist, was uns als Menschen ausmacht.
Im Laufe der Evolution haben sich unzählige Symbiosen zum gegenseitigen Vorteil entwickelt: Manche der Bakterien erzeugen lebenswichtige Vitamine, andere schließen die Nahrung auf und machen Spurenelemente verfügbar. Sie mischen kräftig mit bei der Steuerung unseres Essverhaltens und beeinflussen sogar unserer Laune, indem sie im Darm Glückshormone erzeugen. Wenn es unseren Bakterien gut geht, geht es auch uns gut.


Die drei Säulen der Gesundheit

Die Gemeinschaft dieser Mikroben steht zudem in enger Verbindung mit unserem Schutzengel, dem Immunsystem, mit dem es sich im Verlauf der Evolution des Lebens parallel entwickelt hat. Die beiden kennen sich aus Urzeiten als es noch keine Menschen, ja noch nicht einmal Säugetiere gab. Und beide zusammen, das Immunsystem und das Mikrobiom, beeinflussen unser Gehirn, unser Nervensystem – also das, was unser Ich und unsere Persönlichkeit ausmacht.
Auf diesen drei Säulen – Nervensystem, Immunsystem und Mikrobiom – beruht die Stabilität unserer Gesundheit. Sie sind alte Freunde und kommunizieren unentwegt – während wir essen, arbeiten oder lieben.  Speziell wenn wir lieben: Vom ersten Kuss, den Verliebte einander schenken, tauschen sie auch ihre Mikroben aus, passt sich ihr Immunsystem aneinander an, tauchen sie ein in den Geruch ihrer Körper, der auch wieder von Bakterien erzeugt wird. Mikroben schaffen Beziehungen.
„Bisher“, sagte Erika von Mutius in unserem Gespräch, „haben wir in der Medizin immer nach Risikofaktoren gesucht. Doch durch die Mikrobiomforschung sehen wir jetzt, dass es bei Gesundheit nicht um Risikovermeidung, sondern viel mehr um Gleichgewichte und Symbiosen geht.“
In diesem locker ausgesprochenen Gedanken, das wurde mir in dem Moment schlagartig klar, liegt ein Potenzial, das die Medizin und unser Verständnis von Gesundheit von Grund auf verändern kann. Sollte es möglich sein, dass wir lernen unseren Selbstheilungskräften zu vertrauen statt zu intervenieren? Dass wir unser Mikrobiom hegen und pflegen, statt es wahllos umzupflügen und zurechtzustutzen? Dass wir banale Infekte zulassen, ohne das Immunsystem mit allen möglichen Interventionen in seiner Arbeit zu behindern? Dass wir Symbiosen hüten und auf Gleichgewichte achten?

Sollte diese revolutionäre Umkehr möglich sein, so wäre das wie ein Tauwetter nach einer langen Phase des Krieges. Während des letzten Jahrhunderts haben wir vor allem gekämpft: gegen Infekte, gegen Krankheiten, gegen „feindliche Bakterien und Viren“.
Doch wohin hat uns dieser Kampf geführt? Viele Menschen müssen das gerade leidvoll erfahren:  
In den USA sind in der Generation der unter 18-jährigen die gesunden Kinder und Jugendlichen bereits in der Minderzahl. Und die Welle chronischer Krankheiten schwappt immer mehr auch nach Europa über. Alle zehn Jahre verdoppelt sich die Anzahl der Kinder, die an Diabetes leiden. Asthma ist bereits zur Volkskrankheit geworden. Jede dritte Familie hat mindestens ein Mitglied mit Allergien oder Nahrungsmittelunverträglichkeiten. Die Kurven bei Multipler Sklerose, chronisch entzündlichen Darmerkrankungen und Autismus – alles Störungen, die noch vor wenigen Jahrzehnten exotisch waren – zeigen steil nach oben. 
Und immer deutlicher zeigt sich, dass es nicht die Überalterung der Bevölkerung ist, welche die Budgets der Sozialstaaten an den Rand des Kollapses bringt, sondern die Last der chronischen, unheilbaren Krankheiten. Trotz aller Hygiene, trotz aller Arztbesuche, Früherkennungs- und Vorsorgeprogramme.


Gefangen in der Hygienefalle

Die Prinzipien der Hygiene umzusetzen, war eine der segensreichsten Leistungen unserer Zivilisation. Die Zeit der Seuchen war damit vorüber. Doch offenbar haben wir die Sache gewaltig übertrieben. Wir haben eine an sich hervorragende Idee derart auf die Spitze getrieben, dass sich der einstige positive Effekt in sein Gegenteil verkehrt hat.
 Moderne Hygienebestimmungen gefährden die Gesundheit, statt sie zu bewahren. Dank immer schärferer bürokratischer Vorschriften ist Hygiene heute in vielen Bereichen zu Sterilität pervertiert. Obst und Gemüse wird in Folien gepresst, Trinkwasser chloriert, Rohmilch gilt als gemeingefährlich, kein Stückchen Erde klebt an Radieschen oder den strahlend orangen Karotten im Supermarkt. Überall blitzt es vor Sauberkeit – man könnte vom Boden essen.
Stück für Stück hat sich bei uns ein Lebensstil durchgesetzt, der die biologischen Bedürfnisse unseres Körpers missachtet und der menschlichen Natur zuwiderläuft. Wir versuchen die Mikroben, die uns umgeben, zu beseitigen und auszurotten. Dabei übersehen wir, dass wir selbst aus Mikroben bestehen.
Das gilt auch für viele Interventionen der „modernen Medizin“. Statt Abläufe im Körper zu unterstützen, stören sie Symbiosen und gefährden das Gleichgewicht unserer drei Gesundheitssäulen.
Das beginnt bei der Geburt, die schon bei jeder dritten Schwangeren per Kaiserschnitt erfolgt – statt mit den guten Bakterien der Mutter werden diese Babys zuerst mit Keimen besiedelt, die sie wahllos im Kreißsaal auflesen
Weiter geht es beim Kinderarzt: Von Anfang an sind Babys und Kleinkinder während der sensibelsten Phase ihrer Entwicklung einer ganzen Lawine von Eingriffen ausgesetzt: Antibiotika-Kuren, die „zur Sicherheit“ verabreicht werden, die aber nicht nur krank machende Bakterien bekämpfen, sondern auch zu einem Kahlschlag im gerade entstehenden Mikrobiom führen. Fiebersenker und Entzündungshemmer, die die natürlichen Regulative des kindlichen Organismus aushebeln. Eine Unzahl von Impfungen, die das Immunsystem künstlich aggressiv machen – und all das während der sensibelsten Phase der kindlichen Entwicklung.


Strategien der Angstmacher

Prävention, wie wir sie heute verstehen, hat oft mehr mit Präventivschlag zu tun als mit achtsamer Vorsorge. Überall sind wir noch konfrontiert mit Denkmustern, die ihren Ursprung tief im finsteren 20. Jahrhundert haben: im allzu simplen, schwarz-weißen Weltbild der Mikrobenjäger, die im Endsieg gegen feindliche Keime die Voraussetzung für Gesundheit sahen.
Natürlich lässt sich ein simples Weltbild viel einfacher vermitteln als komplexe Zusammenhänge. Und es lässt sich auch viel besser vermarkten: Es müssen nur Ängste geschürt und dann einfache Lösungen angeboten werden. Für jedes Risiko gibt es einen Test, eine Therapie, eine Pille. Wir sind – inmitten der längsten Friedenszeiten, die wir jemals in Mitteleuropa erlebt haben – zu einer überängstlichen Gesellschaft geworden. Der Medizinmarkt gehört zu den mächtigsten Wirtschaftszweigen. Angefeuert von den Strategen der Pharmaindustrie, welche Gesundheitspolitik und Behörden hilflos vor sich her treiben.
Unsere Gesellschaft hat der Industrie die medizinische Wissenschaft überlassen und auf unabhängige öffentliche Kontrolle fast vollständig verzichtet. Heute sehen wir das Resultat dieser Politik: eine Bevölkerung, die auf die Bedürfnisse der Wirtschaft hin optimiert ist und von der Wiege bis zur Bahre Therapien braucht – vom Kaiserschnitt bis zur finalen Chemotherapie.

Ob es gelingt, dass wir uns aus diesem Geflecht an Interessen und fest gefahrenen Einstellungen befreien, ist eine spannende Frage.
Derzeit sieht es nicht so aus.

Aber machen Sie sich selbst ein Bild.


"Die Hygienefalle", das neue Buch von Bert Ehgartner ist ab 9. November 2015 im Buchhandel erhältlich. Besorgen Sie sich bitte das Buch in Ihrer Lieblingsbuchhandlung. Alternativ zu Amazon & Co. können Sie das Buch auch direkt beim Verlag Ennsthaler bestellen.  

Samstag, 25. August 2012

Notbremse bei Aluminium

Was meinen Sie, wo mehr Aluminium erlaubt ist: in Lebensmitteln oder in Impfstoffen?

Abschied von E-559, dem Aluminium-haltigen Lebensmittel-Zusatz Kaolin (Foto Chris73)
In besorgten Kreisen junger Eltern wird oft darüber diskutiert, ob eine Sechsfachimpfung nicht zu viel ist für so ein kleines Baby. Und viele überlegen, ob nicht zwei Dreifach-Impfungen - mit einem ordentlichen Abstand dazwischen - besser verträglich wären.
Bei derartigen Diskussionen wird meist übersehen, dass die Wirkstoff-Mengen in den Impfungen vernachlässigbar gering sind im Vergleich zum Gehalt der so genannten Adjuvantien. Der Hauptanteil am Volumen einer Impfung kommt - abgesehen von Wasser als Lösungsmittel - nämlich von diesen Hilfsstoffen, die als Wirkverstärker dienen. Ohne Adjuvantien würde der Großteil der Impfungen deutlich schlechter oder gar nicht wirken. Doch nicht nur der Anteil am Volumen ist bei den Hilfsstoffen größer, auch die Nebenwirkungen einer Impfung kommen meist von den Adjuvantien und nicht von den tatsächlichen Wirkstoffen (Antigene).

Als Adjuvantien verwendet werden im Normalfall Aluminiumverbindungen. Und Aluminium ist bekannt neurotoxisch - also giftig für das Nervensystem.
Erst vor kurzem, im Jahr 2008, hat die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA: European Food Safety Authority), die tolerierbare wöchentliche Aufnahme für Aluminium in Lebensmitteln von 7 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht auf 1 Milligramm pro Kilogramm radikal abgesenkt. Das wurde damit begründet, "dass Aluminium bereits in niedrigeren Dosen als bisher angenommen, toxisch auf das sich entwickelnde Nervensystem wirkt."


Der Vergleich: Lebensmittel gegen Babyimpfung

Rechnen wir das mal auf ein 5 kg schweres Baby um: Das wären also ein Höchstwert von 5 mg Aluminium pro Woche. Pro Tag sind das 0,71 mg.
Und nun sehen wir nach, was in Impfstoffen drin ist: Der einzige Sechsfach-Impfstoff am Markt, Infanrix hexa enthält sogar zwei Aluminiumverbindungen: Al-hydroxid und Al-phosphat. Das ergibt laut Produktinformation eine Menge von 0,82 Milligramm Aluminium-Ionen (Al3+).
Wenn die Babys beim Impfarzt - so wie üblich - auch gleich noch die Pneumokokken-Impfung dazu bekommen so erhöht sich die Aluminiummenge (jetzt am Beispiel von Synflorix gerechnet) nochmal um 0,5 mg.
Den Babys werden beim Impfarzt also 1,32 mg einer Substanz injiziert, welche nach Expertise der EFSA "toxisch auf das sich entwickelnde Nervensystem wirkt".
Das ist fast die doppelte Menge, welche für Lebensmittel als tolerierbarer Höchstwert gilt.

Und dann muss man noch wissen, dass in Lebensmitteln - über den mit Giften relativ gut geübten Magen-Darm-Trakt - kaum Aluminium im Körper aufgenommen wird.
Bei der Injektion ins Muskelgewebe verbleibt hingegen rund 100 Mal mehr Aluminium im Organismus.

Eine von der französischen Nationalversammlung eingesetzte Expertenkommission empfahl kürzlich, Aluminium aus Impfstoffen so rasch wie möglich zu entfernen und speziell für die Babys, welche am meisten geimpft werden, Aluminium-freie Alternativen anzubieten. - Mit gutem Grund!


EFSA greift durch

Den Lobbyisten der Aluminiumindustrie schmecken diese Aktivitäten gar nicht. Und so wurde rasch Druck aufgebaut, die Empfehlungen der EFSA zu unterlaufen. Einer der wichtigsten Anläufe war eine von der Industrie vorgelegte und finanzierte Studie, aus der hervorgehen sollte, wie gering die Gefahr einer Aufnahme von Aluminium aus Lebensmitteln ist. Die Experten der EFSA bezeichneten die neuen Informationen als ungenügend und hielten an den niedrigeren Grenzwerten fest.

Die EU-Behörde zur Lebensmittelsicherheit blieb auch weiter am Ball: Weil es schwer ist, unter den derzeitigen Bedingungen die niedrigen Empfehlungen zur Aufnahme von Aluminium aus Lebensmitteln einzuhalten, regten sie an, die Zulassung für einige Aluminium-haltige Lebensmittelzusätze zu streichen. Außerdem sollte eine Deklarierungspflicht eingeführt werden, damit die Konsumenten und auch die weiterverarbeitende Industrie überhaupt die Chance haben, den Gehalt an Aluminium zu bemerken.
Der Chef der EU-Kommission Jose Manuel Barroso unterzeichnete am 3. Mai 2012 eine entsprechende Verordnung, die nun bis spätestens 2014 von den Mitgliedsstaaten in Landesgesetze umgemünzt werden muss. Dabei geht es unter anderem den Aluminium-haltigen Zusätzen E-556 (Kalzium-Aluminium-Silikat), E-558 (Bentonit) und E-559 (Kaolin) an den Kragen.

Vielleicht sollte ich mal anfragen, ob die Lebensmittel-Experten der EFSA ihren Kollegen von der EMA (European Medicines Agency) nicht Aufklärungsunterricht erteilen könnten. Diese hätten es nämlich dringend nötig!



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wir uns über einen kleinen Beitrag zu unserer Arbeit sehr freuen. 

Samstag, 7. Januar 2012

Pneumokokken-Impfstudie: Sponsor und Studienleiter verurteilt

Immer öfter weichen Pharmakonzerne für teure und aufwändige Zulassungsstudien in Länder mit niedrigen Sozialstandards aus. Dort sind die Gesundheitsbehörden mit einfachen Mitteln freundlich zu stimmen, Teilnehmer lassen sich für einen Pappenstiel anwerben - und niemand redet dem Konzern bei der Abwicklung und Aufbereitung seiner Daten drein. Man kann es aber sogar in Entwicklungsländern zu bunt treiben.



GlaxoSmithKline (GSK), einer der weltgrößten Hersteller von Impfstoffen, wird die Strafe wohl aus der Portokasse bezahlen, der Image-Schaden wiegt hingegen schwer: Zu einer Million Pesos (rund 180.000 EUR) verurteilte ein argentinisches Gericht den multinationalen Konzern, sowie zwei Studienleiter, weil bei der Zulassungsstudie des Pneumokokken-Impfstoffes Synflorix Babys geimpft wurden, ohne dass gültige Einverständniserklärungen der Eltern vorlagen. Teilweise, stellte das Gericht fest, waren Unterschriften von Analphabeten eingeholt worden, die keine Ahnung hatten, worum es in der 28 Seiten umfassenden Erklärung eigentlich ging. Minderjährige Mütter wurden mit Drohungen zur Unterschrift genötigt. Manche der Unterschriften auf den Erklärungen stammten von Personen, die mit den Babys weitschichtig oder gar nicht verwandt - jedenfalls aber nicht erziehungsberechtigt - waren.

14 ungeklärte Todesfälle

In Argentinien hat der Prozess für ein gewaltiges mediales Echo gesorgt, zumal bekannt wurde, dass im Verlauf der Studie 14 Babys gestorben waren. Vermehrt gehen nun Verwandte an die Öffentlichkeit, die von einem arroganten und ignoranten Umgang der Studienleiter mit den Betroffenen berichten und den Verdacht äußern, dass die "experimentellen Impfstoffe" die Todesfälle verursacht haben.
Dieser Verdacht wird von GSK heftig zurück gewiesen, eine Konzern-Sprecherin kündigte volle Berufung gegen das Urteil an. Synflorix sei sicher, die Todesfall-Rate unter den rund 14.000 Studienteilnehmern deutlich geringer als in der Normalbevölkerung.
In einer am Dienstag veröffentlichten Erklärung heißt es, die Sicherheit des Impfstoffs werde durch das Urteil nicht in Frage gestellt. Auch die Nationale Verwaltung für Lebensmittel, Medikamente und Technologie in Argentinien (ANMAT) veröffentlichte am Dienstag eine Erklärung, dass der entwickelte Impfstoff "sicher" sei. ANMAT zufolge hatten "alle 14 verstorbenen Babys nicht den Wirkstoff, sondern ein Placebo erhalten, also ein Scheinmedikament".

Argentinische Behörden stehen GSK mit Falschmeldung bei

Ich habe zunächst an eine Falschmeldung von Spiegel online gedacht, als ich diese Mitteilung las. Tatsächlich fand ich die Aussage von ANMAT aber auch in anderen Quellen bestätigt. Die Mitteilung der argentinischen Behörden, dass alle Todesfälle nicht in der Wirkstoff-Gruppe, sondern in der Placebo-Gruppe aufgetreten sind, wo ein "Scheinmedikament" verabreicht worden sei, belegt, dass die ANMAT-Sprecher entweder keine Ahnung von der Studie hatten, oder absichtlich täuschen wollten.
Dass "alle Todesfälle in der Placebogruppe aufgetreten sind", sollte wohl suggerieren, dass Impfungen stets Todesfälle vermeiden - und jene Babys, die das Pech hatten, in die Scheinmedikamenten-Gruppe gelost zu werden, mit ihrem Leben dafür zahlen mussten.
Das ist aber insofern Schwachsinn, als bei nahezu allen Impfstoff-Studien als Placebos ebenfalls Impfungen verwendet werden.
Im Fall dieser - so genannten COMPAS-Studie (für "Clinical Otitis Media and Pneumonia Study") - sogar eine ganze Menge: Babys in der Synflorix-Gruppe bekamen im Studienzeitraum zehn Einzelimpfungen (darunter vier Mal die zu testende neue Impfung), die Kontrollgruppe erhielt keine Scheinmedikamente, sondern ebenfalls zehn Einzelimpfungen. Die "Placebos" waren eine Dosis der Hepatitis A und drei Injektionen der Hepatitis B Impfung.
Bei so einem Durcheinander an Impfungen ist es kaum noch möglich, die Verursacher einer Nebenwirkung zweifelsfrei zu identifizieren. Für die Pharmakonzerne ist das allerdings eine ideale Ausgangs-Situation für die Zulassung neuer Impfstoffe: je mehr Impfungen in der Placebogruppe, desto sicherer werden etwaige Nebenwirkungen in der Hauptgruppe maskiert und unsichtbar.
Falls die Aussage von ANMAT stimmen sollte, dass alle Todesfälle in der Kontrollgruppe aufgetreten sind, würde das allerdings ein ziemlich schlechtes Licht auf die Sicherheit der dort verwendeten Hepatitis-Impfstoffe werfen. Man kann aber getrost davon ausgehen, dass die ANMAT Aussage falsch ist und ihr einziger Zweck darin lag, GSK beizustehen und den Image-Schaden für den Pneumokokken-Impfstoff Synflorix einzugrenzen. 

In welchen Gruppen tatsächlich die Todesfälle aufgetreten sind und was die Ursachen waren, ist derzeit nicht zu eruieren. Hier werden wir wahrscheinlich auf die Publikation der GSK-Studie warten müssen, die für heuer angekündigt wurde. Dass in einer Studie, die von der Hersteller-Firma von Anfang bis zum Ende vollkommen kontrolliert wird, herauskommen würde, dass die Impfungen ursächlich an Nebenwirkungen oder am Tod der Babys beteiligt waren, käme allerdings einem Weltwunder gleich. Denn in derartigen Studien geht es um den Markteintritt eines potenziellen neuen Blockbusters. Und da sorgt schon die Marketing Abteilung des Konzerns dafür, dass nichts mehr schief geht.

Heftige Debatten um Pneumokokken-Impfung in Österreich

Viele Jahre hatte sich Österreich geweigert, den damaligen Pneumokokken-Monopol-Impfstoff Prevenar auf Staatskosten anzukaufen und gratis ins Impfprogramm aufzunehmen. Ich erinnere mich an wüste PR-Kampagnen der Impf-Lobby, in der die damalige Gesundheitsministerin Maria Rauch-Kallat quasi als Mörderin denunziert wurde, weil sie sich in den Verhandlungen quer gelegt hatte.
Später erzählte mir ein hoher Beamter von den damaligen heftigen Debatten, in denen sich die Impfexperten gegenseitig an Drohgebärden überboten und sogar aggressiver agierten hatten, als die Angestellten des US-Konzerns. "Man dachte wohl, es genügt, kräftig mit dem Leichentuch zu wacheln und wir zahlen den unverschämt hohen Preis, den die Amerikaner verlangten", sagte mir der damalige Chef-Verhandler von Seiten des Ministeriums. "Es handelte sich um pure Erpressung - und wir spielten nicht mit."
Weil die Impfexperten gar so solidarisch mit den US-Vertretern waren, wurde zudem eine öffentliche Erklärung von den Experten verlangt, dass sie nicht finanziell mitschneiden. Das empfanden die Herren Impfexperten dann als Provokation.
Diese Vorkommnisse sind einige Jahre her, die Minister kamen und gingen - die Vorstöße für die Gratisimpfung gegen Pneumokokken blieben jedoch eine fixe Konstante in der Community der Impfexperten. So musste etwa Herwig Kollartisch vom "Zentrum für Reisemedizin", der sich schon seit Jahrzehnten als eifriger Unterstützer aller möglichen Impfungen ausgezeichnet hat, "fast in Tränen ausbrechen", wenn er an die ungerechte und hartherzige Praxis im Lande denken musste.
Bei Gesundheitsminister Alois Stöger hatten die Impf-Lobbyisten schließlich Erfolg. Unter dem eifrigen Beifall des Grünen Gesundheitssprechers Kurt Grünewald kündigte der SPÖ-Politiker im Vorjahr an, dass nun auch in Österreich die Gratis-Pneumokokken-Impfung Realität wird.
Ab 1. Februar beginnt die Gratis-Impfaktion auf Kosten der Steuerzahler. Und zwar mit eben jenem experimentellen argentinischen Impfstoff, der mittlerweile unter dem Namen Synflorix in der EU zugelassen worden ist.

 Impfung bewirkt enormen Verdrängungs-Effekt unter Pneumokokken-Typen  

Der erste Pneumokokken-Konjugat-Impfstoff Prevenar kam zur Jahrtausendwende auf den Markt und wurde zu einem Milliarden-Blockbuster für den US-Konzern Wyeth (der daraufhin vom weltgrößten Pharmakonzern Pfizer um eine Rekordsumme aufgekauft wurde). Prevenar sollte gegen die sieben gefährlichsten der mehr als 90 verschiedenen Pneumokokken-Stämme wirken, versprach die Produktwerbung.
Als Folge der breiten Impfkampagnen ergab sich jedoch eine herbe Überraschung: Es kam zu einem gewaltigen, bisher noch nie registrierten Verdrängungs-Effekt. An Stelle einer dauerhaften Reduktion der Krankheitsfälle änderte sich nämlich bloß die Art der Bakterien, die als Verursacher von Gehirn-, Lungen oder Mittelohr-Entzündungen identifiziert wurden. Jene sieben Pneumokokken Stämme, die im Impfstoff enthalten waren, verloren zunehmend an Terrain, die anderen Pneumokokken-Stämme holten hingegen stark auf.
Dies führte - nach einem anfangs recht starken Rückgang invasiver Pneumokokken-Erkrankungen - zu deren massivem Comeback, die sich teilweise sogar auf einem höheren Niveau einpendelte als zu Beginn der weltweiten Impfaktionen.
Als besonderes Problem erwies sich die Ausbreitung des Stammes 19A, der überdurchschnittlich häufig gegen Antibiotika resistent ist. Viele Patienten starben an der Infektion, andere erlebten ein jahrelanges Martyrium mit unzähligen erfolglosen Therapie-Versuchen. Eine niederländische Studie ergab, dass geimpfte Kinder ein nahezu doppelt so hohes Risiko haben, dass ihre Nasen-Schleimhäute vom Serotyp 19A besiedelt werden, als Kinder einer ungeimpften Kontrollgruppe.

Hochrüstung am Pneumokokken-Markt

Der schleichende Austausch bei den Pneumokokken-Typen war auch in Ländern spürbar, in denen nur wenige Kinder geimpft wurden. Beispielsweise in Österreich, wo die Pneumokokken-Impfung bisher nur für Risikokinder gratis war. Einen Überblick dazu bietet der kürzlich veröffentlichte Bericht der Nationalen Referenzzentrale für das Jahr 2010: Trotz schlechter Impfrate sank der Anteil der von der alten 7-valenten Prevenar-Impfung abgedeckten Serotypen von 46 Prozent im Jahr 2005 auf nur noch 29 Prozent im Jahr 2010.
Mit dem, nun vom Gesundheitsministerium angeschafften Impfstoff Synflorix von GSK wird ein wenig aufgerüstet und der Schutz von 7 auf 10 Serotypen erweitert. Damit werden - zum derzeitigen Stand - 41 Prozent der von Pneumokokken insgesamt verursachten Krankheiten abgedeckt. Das heißt aber gleichzeitig, dass der vom Ministerium demnächst angebotene Gratis-Impfstoff gegen 59 Prozent der in Österreich grassierenden Pneumokokken-Infektionen keinen Schutz bietet. Ein Anteil, der sich - nach den Erfahrungen mit Prevenar - über die Jahre zweifellos noch deutlich erhöhen wird. Und somit rüsten die Impfstoff-Konzerne immer weiter auf und versuchen Varianten auf den Markt zu bringen, die gegen immer mehr Serotypen gerichtet sind.

Impfexperten sind dennoch voll des Lobes über Alois Stögers Initiative. Endlich ist es auch hierzulande möglich, aktiv und auf Kosten der Steuerzahler - also praktisch gratis - mit seinen Kindern am Verdrängungs-Wettkampf der Pneumokokken-Serotypen teilzunehmen.
Bleibt nur zu hoffen, dass der Druck nicht zur weiteren Ausbreitung des Horror-Typs 19A beiträgt. Genau gegen diesen hoch problematischen Serotyp schützt Synflorix - im Gegensatz zur neuen 13-valenten Prevenar Impfung - nämlich nicht.
Dafür war Synflorix in der Anschaffung deutlich preisgünstiger.

Dienstag, 23. August 2011

Grüne(wald) erfreut über Stögers Impfpläne

Sehr geehrter Herr Dr. Grünewald,


als Sympathisant und zeitweiliger Wähler der Grünen habe ich mich gestern geärgert, als ich Ihre APA-Aussendung zur Pneumokokken-Impfung gelesen habe, in der Sie Gesundheitsminister Stöger zur Ankündigung gratulieren, endlich die Gratis-Pneumokokken-Impfung einzuführen.
Weniger über die Tatsache, DASS Sie für diese Impfung eintreten, als vielmehr über die Art, WIE Sie diese Unterstützung argumentierten. Nämlich gar nicht.
Eine weitere Impfung scheint in Ihrem Weltbild ähnlich verankert wie ein zusätzliches Gratis-Kindergartenjahr oder eine Beschäftigungsoffensive für arbeitslose Jugendliche: Je mehr desto besser, der Nutzen steht von vornherein außer Frage.

Ihre Aussendung unterscheidet sich in ihrer Argumentationstiefe nur unwesentlich von dem, was man in den Stellungnahmen von BZÖ und FPÖ zum Thema Impfungen liest und erinnert eher an die Strategie eines Veterinärs, der für die "Gesundheit" der Tiere in einer Truthahn-Fabrik zuständig ist: Maximale Gesundheit durch maximalen Impfschutz!

Dass Sie neben der Forderung nach der allgemeinen Gratis-Pneumokokken und der Gratis-HPV Impfung ganz auf die Gratis-Meningokokken und die Gratis-Windpocken-Impfung vergessen haben, lag das an der Zeilenbeschränkung bei APA-Aussendungen?
Oder sparen Sie sich das für Ihre nächsten gesundheitspolitischen Initiativen auf?

Nach oben hin ist hier noch viel Platz, zumal Impfungen als das derzeit profitabelste Segment des Pharma-Marktes gelten und in den nächsten Jahren mit zahlreichen Neueinführungen zu rechnen ist.
Und wahrscheinlich teilen Sie ja die diesbezügliche Meinung des Vorsitzenden des Impfausschusses, Prof. Ingomar Mutz, der öffentlich verkündet hat, dass das Immunsystem der Kinder auch 10.000 Impfungen problemlos aushalten würde.

Seltsam nur, dass in allen Industrieländern gerade jene Krankheiten so steil ansteigen, die mit einem aus der Bahn geworfenen Immunsystem zu tun haben. Finden Sie nicht?
In den USA, wo bereits am ersten Lebenstag der Babys mit der Impfung gegen Hepatitis B der Impfreigen beginnt, erschien im Mai eine große Untersuchung zur Gesundheit der Kinder.
Wie hoch, denken Sie, ist dort mittlerweile der Anteil der chronisch kranken Kinder?
Er liegt bei 54 Prozent! Wenn man krankhaftes Übergewicht und Entwicklungsstörungen abzieht, bleiben noch immer 43 Prozent.

Ich behaupte jetzt nicht, dass das alles von Impfungen verursacht ist. Die Ursachen für diese ungeheure Krankheitslast, die hier auf die Gesellschaft zukommt, sind vielfältig.
Dennoch würde ich vorsichtig sein, jede neue Impfung, die aus den USA mit einem ungeheuren Marketing- und Lobbying-Aufwand in die ganze Welt verbreitet wird, sofort ungeschaut mit offenen Armen aufzunehmen.
Die Zeiten sind vorbei, als die Infektionskrankheiten an allen Ecken lauerten. Heute lauert etwas anderes. Bloß unsere Impfexperten - und Sie wohl auch - stecken mit ihrem diesbezüglichen Weltbild noch tief in der Ära von Pocken und Polio fest.

Haben Sie eigentlich schon mal Zeit gefunden, sich über seriöse Kritik am Nutzen der Pneumokokken-Impfung zu informieren?
Oder über die starken Replacement-Effekte im Zuge der Einführung dieser Impfstoffe?

Über aktuelle wissenschaftliche Fakten zur Problematik der Aluminium-haltigen Wirkverstärker?

Oder den möglichen Zusammenhang zwischen unspezifischer Alarmierung des Immunsystems und der ständigen Zunahme bei Asthma, Allergien und Autoimmunerkrankungen?

Über das kriminell-fahrlässige Studien-Design beim HPV-Impfstoff Gardasil, wo als Placebo-Impfung eine Aluminium-Adjuvantien-Lösung gespritzt wurde, um die Nebenwirkungen zu maskieren? Sagt Ihnen das etwas?

Oder haben Sie die Entscheidung der FDA verfolgt, wonach in der Patienteninformation der HPV Impfstoffe seit 2009 stehen muss, dass bei 2,3 Prozent der Studien-Teilnehmer im Studienzeitraum neue Krankheiten mit einem potenziell autoimmunen Hintergrund aufgetreten sind?

Von einem Mediziner und Gesundheitssprecher der Grünen hätte ich mir schon des öfteren kritische Stellungnahmen gewünscht. Beispielsweise zur nicht vorhandenen Forschung zur Impfstoff-Sicherheit in Österreich oder zum vollkommen unterentwickelten und intransparenten Meldewesen bei unerwünschten Arzneimittelwirkungen.
(Und wer prüft eigentlich die gesundheitlichen Auswirkungen von drei Jahrzehnten FSME-Impfkampagnen? Bei einer Weltrekord-Impfrate von über 90 Prozent entspricht dies einem nationalen medizinischen Selbstversuch, der völlig unkontrolliert abläuft. - Die Firmen werden hier sicher nicht in irgendwelche Sicherheits-Studien investieren. Die sind seit Immunos Zeiten einzig am Verkauf der Impfungen interessiert.)

Das Paul Ehrlich Institut hat zu den von Medizinern gemeldeten Nebenwirkungen immerhin vor einigen Jahren eine öffentlich zugängliche Datenbank auf seiner Website geschaffen. In Österreich wissen hingegen die meisten Ärzte noch gar nicht, dass es so etwas wie eine gesetzliche Meldepflicht bei unerwünschten Nebenwirkungen überhaupt gibt.

Bezeichnend für Ihre Haltung finde ich folgende Passage aus Ihrer Aussendung:
Die Kinderrechtskonvention wurde ratifiziert, wenn auch das Kindeswohl immer noch nicht im Verfassungsrang ist. Warum werden Kindern nach wie vor "state-of-the-art"- Behandlungen vorenthalten? Hier ist noch einiges zu tun", fordert Grünewald.

Was wäre denn der Effekt, wenn das "Kindeswohl" und das Recht auf "state-of-the-art-Behandlung" im Verfassungsrang wäre?
Erhoffen Sie sich damit eine klagsfähige "Impfpflicht durch die Hintertüre", getarnt als "Kinderrecht"?
Sie sollten wirklich die Qualität der Argumente Ihrer Einflüsterer prüfen, bevor Sie das rausposaunen. Oder ist Ihnen dieser gefährliche Schwachsinn selbst eingefallen?
Wollen Sie mit derartigen Vorstößen die Tierärzte der BZÖ rechts überholen?
Es würde mich sehr wundern, wenn der Ansatz, Eltern per Gesetz zur Impfung ihrer Kinder zwingen zu können, in Ihrer Partei mehrheitsfähig wäre. Soll ich mal nachfragen?

Ich verfolge als Journalist seit fast 20 Jahren die Impfdebatte und ich denke, dass es hoch an der Zeit wäre, dass dieser Bereich endlich zu einer "normalen" Wissenschaft mit nachvollziehbaren Grundsätzen wird. Stattdessen appelliert ein Klüngel verschworener Impfexperten noch immer ständig an den "hehren Impfgedanken" des vorigen Jahrhunderts und versucht alles abzublocken und zu vermeiden, was einer objektiven Prüfung der Sicherheit von Impfstoffen nahe kommen könnte.
Und alle sind sofort dabei, wenn auf Zuruf der Industrie die Impfpläne ständig weiter aufgestockt werden.

Dass gerade ein Gesundheitssprecher der Grünen sich hier so willfährig und argumentationslos einspannen lässt, finde ich beschämend,

einen schönen heißen Tag noch, BE

(Foto: www.gruene.at, CC)

Dienstag, 2. November 2010

Der Streptokokken-Kosmos

Einerseits harmlose und überall vorhandene Bakterien, andererseits gefährliche Krankheitserreger, die plötzlich Organe befallen und jährlich eine Million Kinder töten. Ein aktuelles GEN-AU Projekt befasst sich mit der geheimnisvollen Interaktion zwischen Streptokokken und Immunabwehr. Ziel sind leistbare Impfstoffe mit möglichst universeller Wirkung.

Als Bill Gates Mitte Juli anlässlich des internationalen AIDS-Kongresses in Wien war, fuhr er auch zum Campus Vienna Biocenter in den dritten Bezirk und stattete der Firma Intercell einen Besuch ab. Denn hier gedeiht eines der viel versprechendsten Impfstoff-Projekte für Entwicklungsländer, welches der Microsoft-Gründer mit seiner Bill & Melinda Gates Foundation kräftig unterstützt. „Es handelt sich um eine universelle Pneumokokken-Impfung“, sagt Eszter Nagy, die Chefin des Forschungs-Departments bei Intercell. „Im Gegensatz zu den derzeit am Markt befindlichen Produkten soll unser Impfstoff gegen alle Serotypen gleichermaßen wirken und das bei wesentlich niedrigeren Herstellungskosten.“
Pneumokokken zählen zu den Streptokokken und zeigen die "dunkle Seite" dieser normalerweise harmlosen Bakterienart. Pneumokokken-Infektionen verursachen jährlich etwa eine Million Todesfälle bei Kindern, mehr als 90 Prozent davon in den Entwicklungsländern. Über die Organisation „PATH“ finanziert die Gates-Foundation 60 Prozent der Entwicklungskosten, sowohl in der präklinischen Forschung wie auch der vor wenigen Monaten absolvierten "Phase-1-Studie". Hier wurde zum ersten Mal die Sicherheit und Verträglichkeit des neuen Impfstoffes am am Menschen getestet, und zwar an dreißig gesunden Männern. Die Daten sind noch nicht publiziert. Laut Nagy waren die Resultate jedoch sehr ermutigend. „Der Impfstoff erwies sich bislang als sicher und immunogen.“ Nun wird bereits der Fahrplan für die weitere Vorgangsweise – von der Organisation der großen Zulassungsstudien in Afrika bis zur Markteinführung diskutiert. Bis zum fertigen Produkt ist es allerdings noch ein weiter Weg.

Zum Know-How, das die vor zehn Jahren gegründete Intercell in dieses Vorhaben einbrachte und laufend einbringt, trägt ein im Rahmen von GEN-AU unterstütztes experimentelles Forschungsprojekt kräftig bei, das die Erkundung der Mechanismen und der Modulation des Immunsystems beim Kontakt mit verschiedenen Streptokokkentypen zum Ziel hat. Das mit knapp 250.000 Euro geförderte Programm startete vor zwei Jahren und läuft noch bis Anfang 2012. Wichtige Partner von Intercell sind zwei weitere Institute am Campus, die zu den Max F. Perutz Laboratories gehören, sowie das Team von Beatrix Grubeck-Löwenstein vom Institut für biomedizinische Altersforschung in Innsbruck. Bislang haben sich bereits mehrere interessante Publikationen aus der Kooperation ergeben.
Nagy sieht die Förderung der Grundlagenforschung als Basis für viele weitere Programme, die künftig aus den generierten Daten entstehen werden. Vor allem soll versucht werden, die vielen Details der zellulären Immunantwort beim Kontakt mit den Pneumokokken-Antigenen im Impfstoff zu erklären.
Der Intercell Impfstoff unterscheidet sich von den herkömmlichen Produkten gleich mehrfach. Die derzeit am Markt befindlichen Impfstoffe schützen gegen 10, bzw. 13 der insgesamt 90 Pneumokokken-Serotypen. Weil die Bakterien aber ständig trachten, der Immunabwehr zu entkommen, variierien sie den Code ihrer Virulenz-Faktoren. Sobald es einen Immun-Response gibt, ist das Bakterium in der Lage, die Sequenz dieses Antigens zu verändern und sie können in der Folge der Immunabwehr entkommen. Aus dem Druck der Impfungen über das Immunsystem entwickelt sich hier ein Replacement Effekt, der jene Bakterien begünstigt, die ihren Code ändern. Und das passiert bereits. Tatsächlich sind bereits wieder neue Impfstoffe gegen 15 und noch mehr Serotypen in Entwicklung. „Es wäre jedoch viel zu komplex, mehr als 20 Antigene an Proteine zu koppeln“, sagt Nagy. „Bei diesem Ansatz gibt es also ein gewisses technologisches Limit.“

Ein Impfstoff gegen alle Pneumokokken

Mit einer im eigenen Haus entwickelten Genom-Technologie zur Identifizierung geeigneter Impfstoff-Antigene scannte sie mit ihrem Team deshalb alle 2000 Proteine der Pneumokokken auf ihre Eignung als Angriffspunkt für den Impfstoff. Dazu wurde zunächst Serum von Patienten gesammelt, die sich gerade von einer Pneumokokken-Krankheit erholten. „Wir isolierten die Antikörper aus dem Serum und sahen, welche Antigene der Pneumokokken das Immunsystem während der Krankheit ansteuerte“, erklärt Nagy. Nach diesem Vorbild wurden auch die Antigene für den Impfstoff ausgesucht. Am Ende blieben drei übrig.
Diese drei Proteine spielen eine wichtige Rolle in der Vervielfältigung der Bakterien. Sie werden dafür gebraucht, die Zellwand der Bakterien während der Teilung wieder neu aufzubauen. „Damit haben wir einen vollkommen neuen Typus von Impf-Antigenen gefunden“, freut sich Nagy. Damit war man auch nicht mehr, so wie bei den herkömmlichen Pneumokokken-Impfstoffen, auf die Virulenz-Faktoren angewiesen. „Wir haben also ein Ziel ausgewählt, das sehr stabil ist und gleichzeitig im Lebenszyklus der Bakterien eine Schlüsselrolle spielt.“ Damit ergibt sich eine theoretische Wirksamkeit gegen alle Pneumokokken-Serotypen und damit auch eine ideale Eignung für Entwicklungsländer, wo ganz andere Serotypen vorherrschen als in Europa oder den USA.

Neuartiger Wirkverstärker "IC-31"

Wesentlich für die Wirksamkeit ist bei Impfstoffen stets das verwendete Adjuvans, ein Wirkverstärker, der die Immunreaktion auf die Antigene steigert. Auch hier baut Intercell mit dem neuartigen vollsynthetischen Adjuvans IC-31 auf eine neue Technologie, die gegenüber den bisher hauptsächlich verwendeten Aluminium-haltigen Adjuvantien deutliche Vorteile hat. Während diese seit Jahrzehnten verwendeten Hilfsstoffe eher die Bildung von Antikörpern forcieren, induziert IC-31 vor allem eine zelluläre Immunität. „Wir wissen aus der klinischen Forschung, dass bei Krankheiten im Zusammenhang mit Pneumokokken dieser T-Zell-Response speziell in Form der Th17 Zellen von vordringlicher Bedeutung ist“, sagt Nagy. „Das Adjuvant IC-31 löst in der Tat eine so starke Immunantwort aus, dass es vielleicht sogar möglich wird, einen Befall mit Pneumokokken zu eliminieren und die Kolonisierung rückgängig zu machen.“ Im Vergleich dazu ist die Funktionsweise über die Antikörper-Antwort deutlich langsamer, weil es mehrere Tage dauert, bis hier die Produktion in Schwung kommt. Bei einer heftigen Infektionslage wie in manchen Ländern Afrikas, könnte das aber eine Frage von Leben oder Tod sein.

Ob der Impfstoff sogar therapeutisch eingesetzt werden kann, ist derzeit laut Nagy noch ungewiss. „Wir werden prüfen, ob es möglich ist, die Bakterien zu eliminieren, wenn die Kinder bereits kolonisiert sind.“ Davon hängt es auch ab, ob es theoretisch möglich wäre, den Organismus komplett zu sterilisieren und die Pneumokokken dauerhaft abzuwehren. „Aber es kann sein, dass das gar nicht erstrebenswert ist“, sagt Nagy, „denn sie gehören schon zur kindlichen Flora.“ Ein Möglichkeit wäre es, die Bakterien-Anzahl, zu reduzieren und auf einem niedrigeren Level zu halten. „Dann wäre die Wahrscheinlichkeit, dass sie ausschwärmen und z.B. Mittelohrentzündungen, Lungenentzündungen oder Meningitis machen, verringert.“

Antibiotika machen Pneumokokken aggressiver

Bleibt die Grundsatz-Frage bei allen diesen Krankheiten: Warum schwärmen diese Bakterien überhaupt aus und befallen plötzlich Organe oder gehen ins Blut?
Dazu gibt es noch keine gesicherten Antworten aber immerhin einige Theorien, erklärt Nagy. Demnach spiele die Bakterienlast eine Rolle, die ein Mensch abbekommt. Je mehr Bakterien, desto schwieriger sei es für die Immunabwehr, das zu kontrollieren. Wenn dazu noch eine virale Koinfektion auftritt, wie das speziell bei Kindern sehr häufig ist, können die Bakterien leichter in normalerweise steriles Gewebe vordringen.
„Und schließlich“, erklärt Nagy, „gibt es bestimmte Stränge, die virulenter sind als andere.“ Dazu tragen auch Antibiotika ihr Teil bei. Sie erhöhen den Virulenz-Faktor der Bakterien und diese werden in der Folge aggressiver. Man kann, warnt Nagy, die Pneumokokken also auch über eine eigentlich gut gemeinte Therapie aufwecken und von friedlichen Besiedlern zu bösartigen Krankheits-Erregern machen. Der Grat ist schmal.
Und dieses Phänomen gilt es auch bei den zukünftigen Impfstoffen zu beachten. Denn so gefährlich die Bakterien wüten können, so verheerend kann auch der Gegenschlag des Immunsystems sein. Von der großen Grippe-Pandemie im Nachkriegswinter 1918/19 weiß man, dass die meisten Todesfälle nicht von den Viren- und den nachfolgenden Bakterien-Infektionen ausgelöst wurden, sondern von einer atypisch heftigen Reaktion des Immunsystems. Eine Impfung darf also keinesfalls diese Geister wecken. „Bislang sahen wir jedoch nur sehr milde Verläufe“, gibt sich Nagy optimistisch.

Dieser Artikel erschien in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift genosphären. Siehe auch das zugehörige Interview mit Eszter Nagy.

Montag, 1. November 2010

"Vakzinologie ist kein Penny Markt"

Eigentlich sind Streptokokken ganz normale Mitbewohner am Menschen: rundliche, grampositive Bakterien, die etwa ein Tausendstel Millimeter messen und sich bevorzugt in Ketten anordnen. Zum Beispiel in der Mundhöhle, auf den Schleimhäuten des Rachens oder in der Flora des Darms. Solange die Streptokokken an ihrem Platz bleiben sind sie nützliche Mitglieder der Bakteriengesellschaft. Medizinisch werden sie etwa zur Vorsorge gegen Paradontose eingesetzt oder als Kultur zum Wiederaufbau der Darmflora nach Antibiotika- oder Pilzbehandlung. Böse können die Folgen jedoch sein, wenn Streptokokken zu wandern beginnen und Organe befallen. Berühmt-berüchtigt ist die etwa 90 Serotypen zählende Untergruppe S. pneumoniae. Diese "Pneumokokken" gehören zu den bedeutsamsten Krankheitserregern des Menschen. Sie verursachen unter anderem Pneumonie (Lungenentzündung), Otitis Media (Mittelohrentzündung) und Meningitis (Gehirnhautentzündung). Bereits vor mehr als 60 Jahren wurde ein Polysaccharid-Impfstoff auf den Markt gebracht, der auch heute noch für ältere Menschen empfohlen wird. Er besteht aus den unveränderten Zuckermolekülen der Kapsel und richtet sich gegen 23 Pneumokokken-Typen. Damit sollte er 90 Prozent der Erkrankungen abdecken. Bei Kindern, die noch keine Kontakte mit Pneumokokken hatten, ist der 23-valente Impfstoff jedoch unwirksam und auch sonst gilt er nicht gerade als Highlight. Erst im Vorjahr bescheinigte ihm eine Meta Analyse der vorhandenen Literatur, die von Wissenschaftlern der Universität Bern durchgeführt wurde „keinen Schutz vor Lungenentzündung“ und auch „keinen nachweisbaren Überlebensvorteil“ für die Geimpften.
Deutlich besser ist die Bilanz eines im Jahr 2000 in den USA (und 2001 in der EU) zugelassenen 7-valenten Konjugat-Impfstoffes, der für Säuglinge ab zwei Monaten, sowie Erwachsene ab 60 Jahren empfohlen wurde und heute in den meisten Ländern zu den obligaten Kinderimpfungen zählt. Bei diesem Impfstoff ist die Wirksamkeit verstärkt worden, indem die Polysaccharide der Bakterienkapsel an eine entgiftete Variante des Diphtherie-Proteins konjugiert wurden. Damit ließ sich nun auch bei Steptokokken-naiven Säuglingen eine Immunantwort auslösen. Bereits kurz nach der Einführung der Impfung in den USA zeigte sich eine Reduktion der invasiven Pneumokokken-Erkrankungen bei den Kindern um zwei Drittel.
Dieser Effekt hat sich in den letzten Jahren allerdings deutlich abgeschwächt, weil Erkrankungen durch nicht in der Impfung enthaltene Serotypen stark zugenommen haben. Diesem so genannten „Replacement-Effekt“ versuchen die Impfstoff-Hersteller nun damit zu begegnen, dass sie neue Produkte auf den Markt brachten, die nun gegen zehn, bzw. dreizehn Serotypen Schutz bieten. Für breite Impfkampagnen in Entwicklungsländern, wo Pneumokokken zu den häufigsten Todesursachen bei Kindern zählen, sind diese Impfstoffe mit Verkaufspreisen jenseits von 200 US-Dollar jedoch viel zu teuer. Zudem unterscheiden sich die dort grassierenden Serotypen deutlich von der Verteilung in den Industrieländern.
Das Wiener Unternehmen Intercell, das sich - laut Firmen-Slogan auf die Entwicklung von "smart vaccines" spezialisiert hat, hat nun einen Impfstoff in Entwicklung, der gegen alle Pneumokokken-Stämme wirken soll.
Ich sprach darüber mit Intercell-Forschungsleiterin Eszter Nagy.


Bei Pneumokokken gibt es bereits einige Impfstoffe am Markt, die soeben noch einmal in einer verbesserten Version neu aufgelegt wurden. Was war für Sie als Forschungsleiterin von Intercell der Grund, ebenfalls auf diese Indikation zu setzen?

Nagy: An Pneumokokken Infektionen stirbt in Entwicklungsländer jedes sechste Kind. Diese Krankheit hat ein Ausmaß – vergleichbar der Malaria. Die bisherigen Impfstoffe schützen nur vor einem kleinen Teil dieser Bakterien. Wir haben eine Technologie entwickelt, mit deren Hilfe wir andere Angriffspunkte bei den Bakterien ausgewählt haben. Antigene, die vom Bakterium nicht verändert werden konnten, weil sie für den Lebenszyklus der Pneumokokken unbedingt notwendig sind. Deshalb sollte unser Impfstofff – von seinem Wirkprinzip her – vor allen 90 Pneumokokken-Typen schützen.

Wissen Sie bereits, ob er das auch tatsächlich tut?

Nagy: Bislang haben wir die Ergebnisse der ersten Studienphase. Bei Tests an 32 gesunden Erwachsenen erwies sich unser Impfstoff bislang als sicher und immunogen. Nun werden die größeren Zulassungsstudien in Afrika organisiert, in denen konkret die Wirksamkeit in Kindern getestet wird.

Die in Europa erhältlichen Impfstoffe sind unglaublich teuer. Der Marktführer ‚Prevenar 13’ kommt für die Grund-Immunisierung auf einen Preis von mehr als 300 Euro.

Nagy: Derzeit machen wir im Bereich der Vaccinologie gerade eine Revolution durch. Das war früher ein Penny-Markt, wo eine Impfung 50 Cents gekostet hat. Es kommen laufend unkonventionelle Produkte auf den Markt, allen voran die hochpreisige Impfung gegen Humane Papillomaviren, die Auslöser des Zervix-Karzinoms. Prevenar ist ebenso erfolgreich und enorm teuer.

Sollten diese Impfungen nicht vorwiegend in Entwicklungländern eingesetzt werden, wo die Krankheiten viel schwerwiegender sind?

Nagy: Ja, aber sie benötigen eine wesentlich billigere Alternative, sonst können das Entwicklungländer überhaupt nicht einsetzen. Der Impfstoff, den wir derzeit entwickeln wird billiger sein. Das heißt jetzt nicht, dass wir ihn in den Industrieländern um 50 Cents verkaufen. Die Produktionskosten liegen aber deutlich unter jenen der anderen Impfstoffe.

Wie sieht es denn mit Ihrem Zeitplan aus?

Nagy: Hier hängt vieles von unseren Partnern, etwa der internationalen Nonprofit-Organisation PATH, die durch die Bill Gates Foundation finanziert wird, ab. Es müssen Studien in Afrika organisiert werden um die Wirksamkeit bei einer hohen Erkrankungswahrscheinlichkeit zu messen. Nachdem wir die Sicherheitsdaten haben, können wir hier näheres sagen.

Auch einige andere Streptokokken können Krankheiten auslösen. Sind hier auch Impfstoffe in Arbeit?

Nagy: Ja, wir haben ein Projekt mit Streptokokkus pyogenes, das beim Menschen Scharlach und Mandelentzündungen auslösen kann. Mandelentzündungen sind keine tödliche Krankheit, aber die Ursache für 70 Prozent der Antibiotika-Verschreibungen bei Kindern, was in der Folge wieder zu Resistenzen führt. Ein anderes Streptokokken Projekt bezieht sich auf S. agalactiae, welches Sepsis in Neugeborenen verursachen kann, speziell bei Frühgeborenen. Hier wollen wir eine passive Immuntherapie entwickeln, wo wir frühgeborenen Babys monoklonale Antikörper verabreichen, präventiv.

Das klingt nach Produkten mit guten Marktchancen. Wozu braucht es da noch öffentliche Forschungs-Gelder wie im Rahmen des GEN-AU Projektes?

Nagy: Das Gen-AU Projekt war sehr experimentell als wir damit vor zwei Jahren begonnen haben. Wir hatten auch noch keine Partner an Bord. Dieses Förderungsprojekt half, die zelluläre Immunantwort auf die Pneumokokken-Antigene im Impfstoff zu erklären, und hat zahllose Daten generiert, die nun auf andere Programme angewendet werden können.

Sie sind im Jahr 1999 einer Einladung des Intercell Gründers Alexander von Gabain gefolgt und aus den USA nach Wien übersiedelt. Vermissen Sie die USA manchmal?

Nagy: Nein, gar nicht. Ich wollte mit meiner Familie immer in Europa leben. Außerdem haben wir bei Intercell ein sehr internationales Flair, der Job wirklich aufregend. Ich lebe wirklich gerne in Wien, liebe die sehr kosmopolitische Atmosphäre hier. Und nicht zuletzt freut es mich natürlich, dass mein Heimatland Ungarn so nahe gelegen ist.

Sie haben die Arbeit in der Impfstoff-Industrie einer universitären Karriere vorgezogen. Passierte das durch Zufall oder geplant?

Nagy: Es war wirklich eher Zufall. Aber ich profitiere sehr von meiner medizinischen und wissenschaftlichen Ausbildung. Die Vorteile, für ein privates Unternehmen zu arbeiten, liegen in der Chance, neue wissenschaftliche Erkenntnisse sehr rasch praktisch umzusetzen. Es ist für mich sehr motivierend, wenn ich über die Entwicklung neuer Medizinprodukte persönlich zur Verbesserung der Gesundheit der Menschen beitragen kann.

Eszter Nagy, MD, PhD,absolvierte ihr Studium der Medizin und der Molekularbiologie an der Universtiät Pecs und verbrachte fünf Jahre an verschiedenen Universitäten der USA. Zu Intercell kam sie 1999 auf Einladung des Intercell Gründers Alexander von Gabain. Seit 2005 leitet sie den gesamten Forschungsbereich mit derzeit rund 45 Wissenschaftlern. Eszter Nagy lebt mit Ihrer Familien in Wien. Ihr Sohn Bence, 18, beginnt gerade sein Medizin-Studium, Tochter Fanni, 15, besucht das Akademische Gymnasium. Ehemann Tamas Henics ist ebenfalls Mediziner und Wissenschaftler und wechselte im Juni von den Max Perutz Laboratories in Wien zu einem ungarischen Biotech-Unternehmen im Grenzbereich zu Österreich.

Dieses Interview erschien im Rahmen der "Serie Projektleiter" auf der Webseite von "GEN-AU" - Genomforschung in Österreich.