Jetzt beginnt wieder die Zeit des Eincremens. Speziell Kinder gelten als Hochrisikogruppe für Sonnenbrand – und jeder dieser Brände, so warnen Experten, erhöht das spätere Hautkrebsrisiko. Wer jedoch die aktuelle Studienlage betrachtet, entdeckt ein deutlich nuancierteres Bild: Strahlung ist nicht gleich Strahlung, Krebs nicht gleich Krebs - und das Cremen hat auch negative Seiten. Vernünftiger Umgang mit der Sonne ist jedenfalls gesünder als Sonne zu meiden.
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| Das Risiko, an Hautkrebs zu erkranken ist breit gestreut: In der Türkei zählt man 10 Fälle pro 100.000 Einwohner, in Norwegen sind es 200 |
Die Grafik stammt von 2019 und hat schon einige Jahre am Buckel, aber tendenziell stimmt sie bis heute. Die Länder Nordeuropas haben das höchste Hautkrebs-Risiko. Gefolgt von Westeuropa. Das geringste Risiko bestehen in Süd- und Osteuropa.
Eindeutig gesichert ist der Einfluss starker Sonneneinstrahlung und häufiger Sonnenbrände (speziell bei hellen Haupttypen) für weißen Hautkrebs. Der verläuft aber meist mild. Eine dänische Studie zeigte, dass Menschen, die mit der häufigsten Variante, dem Basalzellkarzinom, diagnostiziert werden, sogar ein höheres Lebensalter erreichen als der Durchschnitt der Bevölkerung.
Problematisch ist vor allem das maligne Melanom (schwarzer Hautkrebs). In zwei Drittel der Fälle wird es früh erkannt und kann fast immer entfernt und damit geheilt werden. Problematisch ist das dritte Drittel, wenn der Tumor bereits dicker ist und weiter ins Gewebe reicht - oder bereits Metastasen gebildet hat. In Deutschland treten pro Jahr knapp 30.000 Neuerkrankungen auf, mehr als 3.000 Patienten sterben daran.
Melanome zeigen in Europa eine ähnliche geografische Verteilung wie oben - aber auf deutlich niedrigerem Niveau. In West- und Nordeuropa hat man ein Risiko von rund 2% im Lauf des Lebens an einem Melanom zu erkranken. In Südeuropa beträgt es 1% in Osteuropa nur 0,65%.
Am höchsten ist das Risiko in Australien mit 4,7%.
Massiv ist der Unterschied zu ärmeren Ländern. In niedrig bis mittel entwickelten Staaten liegt das Melanomrisiko unter 0,08%. Nur in Ländern mit dem höchsten Entwicklungs-Level klettert das Risiko über 1%.
Risikofaktoren - jenseits von Sonnenbrand
Interessant ist die Frage, ob häufiges Eincremen und die Vermeidung von Sonnenbränden - speziell auch bei Kindern - das lebenslange Risiko von Melanomen reduziert.
Dazu ist im Vorjahr eine systematische Übersichtsarbeit der medizinischen Universität Saarland (Brunner, 2025) erschienen, in der die Resultate von 23 Studien kombiniert wurden. Bei der Auswertung der Teilnehmer, die "meist oder immer" Sonnencreme verwendet haben ergab sich gegenüber der Gruppe, die "nie oder wenig" geschmiert hatte, kein signifikanter Unterschied im Melanom Risiko.
Die Autoren schreiben: "Ein Melanom kann überall auf der Haut auftreten – nicht nur an sonnenexponierten Stellen – und auch in anderen Organen. Das lässt auf das Vorliegen weiterer Risikofaktoren schließen, die ermittelt werden müssen."
Eine andere aktuelle Studie aus den USA (Cahoon, 2024) untersuchte den Einfluss von UVA und UVB Strahlung. Langwellige UVA Starhlung macht den Großteil der ultravioletten Strahlung aus und ist relativ konstant hoch – auch im Winter und bei bewölktem Himmel.
Die kurzwellige UVB Strahlung ist speziell zur Mittagszeit und im Sommer präsent. Das Sonnenbrand-Risiko geht vor allem von UVB aus.
Unter den rund 63.000 Teilnehmern der Studie traten 837 Fälle von Melanomen auf. Die Gruppe der Teilnehmer, die während der Kindheit den höchsten Anteil an UVA abbekommen hatten, zeigte ein beinahe dreifach höheres Krebsrisiko. UVB-Strahlung in der Kindheit war jedoch kein Einflussfaktor für Melanome.
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| Manche Sonnencremes enthalten problematische toxische Substanzen |
Negative Effekte von Sonnencreme
Auch hier ergab sich demnach kein messbarer Einfluss von Sonnenbränden. Bleibt demnach die Frage, warum von Behörden und Medien überall verbreitet wird, dass Sonnenschutz die wichtigste Hautkrebs-Prävention ist. Kann es eventuell sogar sein, dass zu häufiges Schmieren einen negativen Effekt hat?
Darauf deuten tatsächlich einige Daten hin.
Frauen schmieren deutlich häufiger als Männer und haben bis zum Alter von 50 Jahren ein höheres Risiko am Schwarzen Hautkrebs zu erkranken. Die Melanome bilden sich speziell auf Armen und Beinen.
Bei Männer treten Melanome meist im höheren Alter auf - und eher am Torso - speziell am Rücken. Weil die Stellen eher versteckt sind - und Männer auch weniger zum Arzt gehen, sind die Krebs-Fälle meist weiter fortgeschritten.
Sonnenschutz-Muffel
Interessant ist die unterschiedliche Krebs-Prävalenz in Nachbarstaaten mit nahezu gleichen klimatischen und sozialen Verhältnissen, beispielsweise zwischen Deutschland und Polen.
Laut einer repräsentativen Umfrage (BfS/Forsa, 2024) nutzen 77% der Deutschen Sonnencreme.
Polen sind laut einer ebenfalls 2024 veröffentlichten Umfrage (Allegro/Danae) hingegen eher Sonnencreme-Muffel: Fast die Hälfte der befragten Männer und etwa ein Drittel der Frauen gaben an, dass sie wenig oder gar keinen Sonnenschutz benutzen.
Auf ihr Melanom Risiko hat das keinen Einfluss. Zumindest keinen negativen: Im Vergleich haben Deutsche ein mehr als doppelt so hohes Melanom-Risiko als Polen.
Problematische Inhaltsstoffe
Das sind - wie gesagt - alles nur Indizien. Ob von Sonnencreme tatsächlich ein Krebsrisiko ausgeht, ist nicht bewiesen. Ein kritischer Blick auf die Inhaltsstoffe des Produkts ist beim Einkauf aber zu empfehlen. Als problematisch gelten speziell chemische, hormonell aktive UV-Filter, Parabene, Aluminiumverbindungen und Nanopartikel in mineralischen Filtern. Mineralische, nano-freie Produkte gelten derzeit als die toxikologisch unbedenklichste Variante.
Die Recherche zeigt, dass es noch beträchtliche Wissenslücken bei der Entstehung von Hautkrebs gibt. Kinder nicht in die Sonne zu lassen, oder den ganzen Tag über massiv einzucremen, scheint das Risiko nicht wirklich zu mindern - zumal das auch die Aufnahme von gesundem Vitamin D behindern kann.
Insofern ist Gelassenheit im Umgang mit der Sonne keine schlechte Empfehlung. Alles Leben auf unserem Planeten geht von der Sonne aus. Sie vorwiegend als Gefahr zu betrachten nützt zwar der Kosmetikindustrie, schadet aber wahrscheinlich der Gesundheit - und ganz sicher der eigenen Psyche.
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