Montag, 6. April 2020

Coronaviren: Langsame Rückkehr zur Normalität

Die Zeichen mehren sich, dass der Höhepunkt der Corona-Krise überschritten ist. Deutlich früher als von vielen akademischen Reitern der Apokalypse erwartet, weisen die Zahlen der Neuinfektionen und Verstorbenen in Richtung eines Abklingens der Epidemie. Nun bleibt die Frage zu klären, was eigentlich konkret passiert ist. 
Und somit rückt die Frage in den Mittelpunkt, wie hoch der Beitrag der Isolations-Maßnahmen zur Bewältigung der Krise war und wie rasch diese nun aufgehoben werden können.  

Handelte es sich - wie Kritiker der "Corona-Hysterie" meinen, um ein neuartiges aber ansonsten ganz normales Virus, das unter dem Vergrößerungsglas der PCR-Tests und der enormen medialen Aufmerksamkeit zu einem Gespenst aufgeblasen wurde? - Oder war es tatsächlich eine unabwendbare Natur-Katastrophe, die ähnlich einem Tsunami die Welt überrollte - und damit den größten Einbruch der Weltwirtschaft seit 1945 ausgelöst hat.
Dies wäre unbedingt und ohne Rücksichten aufzuklären. Denn davon hängt es auch ab, ob wir in Zeiten des immer intensiver werdenden Viren-Trackings künftig alle paar Jahre ähnliche Zustände erleben.



Accessoir des Jahres 2020: Schutzmasken (c: FolsomNatural)
Millionenfach wurden in den letzten Wochen Artikel des Bloggers Tomas Pueyo geteilt, in denen er den Politikern nahelegt zu handeln. Sie müssten, schreibt er, den Hammer drastischer Maßnahmen schwingen, damit wir danach den Tanz der Erleichterung zelebrieren können ("Der Hammer und der Tanz"). Pueyo beschreibt, dass die Länder genau eine einzige Möglichkeit haben, um den Zusammenbruch der Gesundheitssysteme zu verhindern: "Entweder kämpfen sie jetzt hart, oder sie werden eine massive Epidemie erleiden." Wenn sie nicht drastische Maßnahmen setzen, "werden Hunderttausende sterben. In einigen Ländern Millionen."

Er argumentiert, dass es in China durch massive Maßnahmen zur Unterdrückung der Virus-Weitergabe gelungen ist, die Epidemie in den Griff zu bekommen. Es wäre demnach heller Wahnsinn, diesem Beispiel nicht zu folgen.
Sein Szenario für die USA klingt wie die Apokalypse: 75% der Bevölkerung infizieren sich, von ihnen sterben 4%, weil das Gesundheitssystem überfordert ist. "Das ist ungefähr das 25-fache der Zahl der US-Toten im 2. Weltkrieg."
Falls die Sterberate nur bei 0,6% liegen sollte - weil 75% der Infizierten keine Symptome zeigen und deshalb von den Tests nicht erfasst würden - ginge die Sache etwas glimpflicher aus - dennoch wären immer noch 500.000 Todesfälle zu erwarten.
Ähnliche Zahlen gelten für Europa.
Natürlich hat Pueyo – ein erfolgreicher Software-Entwickler und Unternehmer – diese Zahlen nicht selbst erfunden. Er zitiert zur Untermauerung seiner Angaben die Arbeiten angesehener Experten. Um dieses Horrorszenario zu verhindern, gäbe es nur einen einzigen Weg: Jenen der bestmöglichen Unterdrückung ("Suppression") der Weitergabe der Viren.


Wer bekämpft die Viren richtig hart?

Pueyo skizzierte mit seinen Artikeln eine "neue Normalität", die nach und nach umgesetzt wurde: Mit den bekannten Einschränkungen des Privat- und Berufslebens: mit "Homeoffice", Ausgeh- und Versammlungs-Verboten, geschlossenen Schulen und Geschäften. Die Länder überboten sich gegenseitig in der Schärfe ihrer Maßnahmen.
Doch einige Länder wie Großbritannien, die Niederlande oder Schweden versuchten zunächst den weniger strikten Weg der "Mitigation". Damit ist die Minderung der Viren-Übertragung gemeint - im Wesentlichen durch den Schutz bzw. die Isolation der Risikogruppen sowie den freiwilligen Hausarrest von Menschen mit Krankheitssymptomen. Gleichzeitig sollten nach dieser Strategie aber Schulen und Kindergärten sowie die meisten Geschäfte offenbleiben, damit jene, die ein geringes Risiko haben, sich infizieren und in der Folge immun werden. Solcherart wäre dann auf Dauer ein Großteil der Bevölkerung immun - und damit auch die Risikogruppen in Sicherheit.

Großbritannien stand von Beginn an unter heftiger Kritik. Mehr als 200 Wissenschaftler unterzeichneten einen Appell, schleunigst auf den Weg der "Suppression" umzusteigen. Ein Bericht des Imperial College London prognostizierte eine halbe Million Todesopfer. Als dann auch noch die Fallzahlen kräftig anstiegen, wurde es Boris Johnson zu heiß und er änderte radikal die britische Corona-Strategie. Die Fallzahlen stiegen zwar auch in anderen Ländern, wo die "Suppression" durchgesetzt wurde, doch Johnson kämpfte hier bereits um sein politisches Überleben und hielt dem Druck nicht mehr stand.
Dasselbe geschah - mit Abstrichen - in den Niederlanden, obwohl hier im Vergleich zum extrem strengen Nachbarland Belgien viele Geschäfte offen blieben.
In Schweden sind - zumindest zum heutigen Tag - hingegen noch immer fast alle Schulen (für Schüler unter 16 Jahren) und Kindergärten, sowie Gasthäuser, Geschäfte und Grenzen offen. Damit steht Schweden nun exponiert mit seiner Strategie und allein unter heftiger Kritik. Laufend müssen sich schwedische Politiker und Behörden den teils recht aggressiv vorgetragenen Fragen der Weltpresse - sowie der internationalen Virologen-Community stellen.
Am Sonntag sagte Schwedens führender Epidemiologe Anders Tegnell, dass es Zeichen gebe, dass der Ausbruch bald den Höhepunkt erreicht hat und die Kurve der Neuinfektionen flacher wird - speziell in der Hauptstadt-Region um Stockholm.


Spielen die Maßnahmen überhaupt eine Rolle?

Ich habe hier einige europäische Länder mit ähnlicher Bevölkerungsgröße verglichen. Obwohl die Schweiz eines der ersten Länder war, das Veranstaltungen abgesagt und Schulen geschlossen hat, führt es die Liste der COVID-19 Fälle an. Belgien und die Niederlande - Nachbarn, die sich für unterschiedliche Strategien entschieden hatten, unterscheiden sich in den Auswirkungen kaum. Und das "offene" Schweden liegt ebenso weit unten, wie Tschechien, das in der EU als eines der ersten die Grenzen zu Nachbarländern geschlossen hat.  Österreich, das eine sehr restriktive Politik fährt, rangiert im Mittelfeld.
Bei derartigen Kurven ist immer mit zu bedenken, dass die Kurve gar nicht fallen kann, weil die Zahlen hier kumulativ angegeben werden.



Auch wenn die Zahlen nicht kumulativ angeführt werden, sondern nach neuen Fällen pro Tag, ergibt sich ein ähnliches Bild. 



Und hier nun die aktuellen Zahlen, die Hoffnung machen, dass der Spuk bald ein Ende hat.
Die weltweit erhobene Zahl der Todesfälle mit positivem Corona-Befund scheint den Gipfel erreicht zu haben.

Hier die Trends aus den am stärksten betroffenen Ländern Europas: Spanien, Italien und Frankreich: 



Der Wachstums-Faktor schwächt sich deutlich ab. Ein Wert unter eins bedeutet ein Schrumpfen der Fallzahlen. 

Natürlich bedeutet das noch nicht die endgültige Entwarnung. Es ist ein Hoffnungs-Schimmer. Doch allemal geben diese Zahlen weitere Rätsel auf. Denn was ist nun eigentlich passiert?
Wie war es möglich, dass in Italien, Frankreich und Spanien so derart katastrophale Zustände herrschen, während andere Länder offenbar glimpflicher davon kommen. Und zwar weitgehend unabhängig davon, ob aggressive oder weniger aggressive Maßnahmen verhängt werden.
Die Aufklärung dieses Rätsels ist von immenser Bedeutung. Denn eines ist klar: Wenn die aggressive Unterdrückung der Infektion sich als Königsweg erweist, so wird der öffentliche Druck groß sein, bei nächster Gelegenheit dieselben – oder noch drakonischere – Maßnahmen einzusetzen.

"Wenn die Epidemie abgeklungen ist, wird sich eine Schlange von Menschen bilden, die dafür die Lorbeeren einstreifen wollen. – Aber vergessen Sie dabei nicht den Witz über die Tiger", schreibt der dänische Wissenschaftler Peter Gøtzsche in seinem Artikel "Eine Epidemie der Massen-Panik".
Der Tiger-Witz geht so:
"Warum bläst du denn ständig in die Trompete?" – "Um die Tiger fernzuhalten." – "Aber hier sind doch gar keine Tiger" – "Na, siehts du, es wirkt!"


Die Sache mit den Schutzmasken

Unbestritten ist die Gefährlichkeit der neuartigen Coronaviren für ältere Personen mit Vorerkrankungen. Eine von den italienischen Behörden kürzlich veröffentlichte Analyse der Todesfälle ergab ein Durchschnittsalter von 79,5 Jahren. Nur fünf Menschen waren unter 40 Jahre, alle waren krank, ehe sie sich mit dem Virus infizierten. 70 Prozent der Opfer sind Männer. Drei Personen ( 0,8 Prozent) starben offenbar ausschließlich "am" Coronavirus - "ohne wenn und aber", wie die Italiener sagen. Alle anderen litten an mindestens einer schweren Vorerkrankung.

Die Risikogruppe war also von Beginn an klar definiert. Es galt in erster Linie die Alten- und Pflegeheime, sowie die mit alten Patienten frequentierten Krankenhaus-Abteilungen zu schützen. Denn dort sind die Hotspots, aus denen die Überlastung des Gesundheitssystems resultiert. Wenn sich in diesen Einrichtungen die Infektion verbreitet, beginnt der Zustrom zu den Intensivstationen. Von dort kommen die Patienten, die den Betrieb lahm legen. Dort besteht das höchste Sterberisiko.

Zu einem Zeitpunkt, als Länder wie Österreich oder Deutschland ihr Sozial- und Wirtschaftsleben weitgehend still legten, fehlte es aber vollständig an einer klaren Strategie zum Schutz dieser Risikogruppen. Es gab weder genug Schutzkleidung noch Masken, noch einheitliche Richtlinien für deren Anwendung. Weder wurden die Angestellten routinemäßig getestet, noch funktionierte die Isolation der infizierten Senioren. Viele der Schutzmasken waren zudem vor allem darauf ausgerichtet, jene zu schützen, die sie trugen. Die Atemluft der Ärzte und Pfleger strömte ungefiltert in die Umgebung.
Es ist also weitgehend ein Wunder, dass sich bisher keine größeren Epidemien in diesen Einrichtungen ausgebreitet haben und für ähnliche Sterbezahlen sorgen wie in Italien oder Spanien.

Von einem Tag auf den anderen wurde die Wirtschaft lahm gelegt. Es bildete sich ein Heer von Arbeitslosen, unzählige Menschen sind in ihrer Existenz bedroht. Viele Milliarden Euro müssen aus dem Steuertopf bezahlt werden. Was hier angerichtet wurde, ist in den Konsequenzen überhaupt noch nicht absehbar.
Doch ob sich die Pflegeheime und Krankenanstalten in tödliche Infektionsherde verwandeln, das war mehr oder weniger Glückssache. Opa und Oma, für deren Schutz das Katastrophen-Szenario in erster Linie veranstaltet wurde, waren dem vollen Infektionsrisiko ausgesetzt.


Lehren aus der Krise

Nun verhält sich die Epidemie also, wie sich Epidemien verhalten. Solange empfängliche Personen rundum sind, breiten sich die Viren mit enormer Geschwindigkeit aus. Wenn dann in den Zentren der Infektion die Zahl der immunen Menschen steigt, wirkt das wie eine unsichtbare Mauer und die Epidemie stürzt - so schnell wie sie gekommen ist - in sich zusammen.

Das Immunsystem der weitaus meisten Menschen hatte keine Probleme mit den Viren. Ein Teil entwickelte die üblichen Symptome eines grippalen Infekts, die Mehrzahl wurde immun - ohne jegliche Anzeichen von Krankheit. Doch die Viren gaben sie weiter. Und eine spezielle Risikogruppe – eben die viel zitierten alten Menschen mit Vorerkrankungen – war besonders gefährdet. "Bei diesen Patienten scheint die Krankheit eine zweite Phase einzulegen", beschrieb das Phänomen ein italienischer Intensivmediziner, dessen Namen ich mir leider nicht gemerkt habe. "Während die einen über dem Berg sind, gibt es hier eine zweite Phase, in der das Immunsystem massiv die Lungen attackiert."

Wir haben diese neuartigen Coronaviren erst am Höhepunkt der Epidemie in Wuhan bemerkt. Mit großer Wahrscheinlichkeit waren sie aber bereits Monate davor in Umlauf. Auch aus Oberitalien gab es laut Giuseppe Remuzzi, Direktor des Mario-Negri-Instituts für Pharmakologische Forschung in Mailand, bereits im November 2019 Berichte über "eine Häufung von ungewöhnlich verlaufenden Lungenentzündungen".
Es fällt uns generell schwer, eine solche Krankheit mit dem Verstand zu begreifen, weil wir den Viren immer hinterher sind. Es dauert im Schnitt drei bis vier Wochen von der Infektion bis zu den Spätfolgen mit Lungenentzündung und Lebensgefahr. Deshalb erleben wir die Sterbezahlen, die viele von uns gebannt auf Worldometers.info , ourworldindata.org oder euromomo.eu verfolgen, mit einer enormen Verzögerung. Diese Zahlen haben jedoch wenig zu tun mit den aktuellen Quarantäne-Maßnahmen, weil ihr Ursprung großteils in der Zeit vor dem Lockdown liegt.

Was nehmen wir nun mit aus diesem "Corona-Frühling" und seinem Wahrzeichen, der Schutzmaske?
"Das Wort von jedem Menschenleben, das zählt, ist ja sehr freundlich und human und im Prinzip stimme ich dem zu", schreibt der deutsche Psychologe, Philosoph und Gesundheitswissenschaftler Harald Walach. "Aber im Moment wird es so interpretiert, als müsse man jeden Tod immer und um jeden Preis vermeiden."
Walach kritisiert die unbedingte Konzentration auf das eine Virus - als gebe es plötzlich keine anderen gesundheitlichen Probleme oder Todesfälle mehr. "Man sollte den Leuten sagen: Ja, es werden Leute an dieser Infektion sterben. Das ist gar nicht vermeidbar. Sie sterben auch an Grippe, an gebrochenen Herzen, an Einsamkeit, an Verzweiflung, nur findet man dann keinen Virus und zählt sie nicht jeden Tag im Fernsehen. Aber man sollte auch sagen, daß das höchstwahrscheinlich nicht mehr sein werden, als wir es von anderen Infektionskrankheiten kennen."




Kommentare:

  1. DANKE wieder einmal für Deine klare, übersichtliche und mutige Arbeit!

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  2. Eine mutige Zusammenfassung! Ich bin wirklich gespannt, wie das noch weiter geht.

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  3. Vielen Dank für Ihre Analyse! Ich hoffe die Herde beruhigt sich bald wieder und genießt zur Immunstärkung die Frühjahrssonne. :-)

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