Mittwoch, 16. Februar 2011

"Was kümmert uns Australien..."


Der Pharmakologe Hartmut Glossmann warnt vor den Auwirkungen von Sonnenmangel und fordert, dass bei Gesunden-Untersuchungen routinemäßig der Vitamin D Wert gemessen wird.

Ehgartner: Die bedeutendste Vitamin D Quelle ist die Sonne. Kann man diesen Effekt durch Vitamin D Tropfen aus der Apotheke ersetzen?

Glossmann: Wenn man experimentell Menschen ähnlichen Alters, Gewichtes, und Hauttyps mit einer definierten Dosis UV-B bestrahlt, so finden Sie zwischen den einzelnen Personen nur geringe Unterschiede in der erzeugten Menge von Vitamin D. Wenn ich derselben Gruppe Vitamin D oral gebe, stellt man fest, dass die einzelnen Individuen sich bis zum Faktor acht unterscheiden: Einige nehmen das Vitamin D fast gar nicht im Kreislauf auf, andere hingegen sehr gut. Das heißt, der mit Abstand zuverlässigste Weg für Menschen, Vitamin D zu erhalten, geht über die Sonne.

Ehgartner: Das wird aber jene Hautärzte nicht freuen, die bei Sonne in erster Linie an Hautkrebs denken und beständig davor warnen.

Glossmann: Ja, es ist ein Fehler, wenn man glaubt, Sonne auf der Haut ließe sich so einfach durch Arzneimittel ersetzen.

Ehgartner: Was bedeutet das für den Winter, wo die UV-B Strahlen in unserer Region kaum bis gar nicht durch die Atmosphäre dringen? Empfehlen Sie den Weg ins Solarium?

Glossmann: Wenn das ein zertifiziertes Solarium ist wo Lampen einen entsprechenden Anteil von UV-B Strahlen abgeben, spricht bei Erwachsenen, speziell bei älteren Menschen, nichts dagegen. Wichtig dabei ist jedoch, dass man nicht braun wird, sondern gerade mal eine leichte Tönung abbekommt. Dann können Sie sehen, wie der Vitamin D Spiegel ansteigt. Überaschenderweise umso mehr je niedriger der Ausgangswert war.

Ehgartner: Wie lange soll man bleiben?

Glossmann: Je nach Hauttyp genügen etwa sechs bis acht Minuten ein- bis zweimal pro Woche. Gesicht, Augen und bestimmte Körperregionen sollten bedeckt bleiben.

Ehgartner: Die WHO stuft Solarien seit 2009 offiziell als krebserregend ein. Haben Sie keine Bedenken, dass damit Hautkrebs gefördert wird?

Glossmann: Wissenschaftlich gesichert ist der Zusammenhang von Sonne und Hautkrebs zum Beispiel beim Basalzellkarzinom, das ist der häufigste Typ. Dieser Hautkrebs entwickelt sich meist gut sichtbar im Kopf-Halsbereich, kann entfernt werden und damit hat es sich in den allermeisten Fällen. Kürzlich ist dazu eine sehr interessante dänische Studie erschienen, die zeigte, dass Patienten mit Basalzellkarzinom im Schnitt länger leben als die Durchschnittsbevölkerung. Natürlich ist es nicht der Krebs, der diesen Überlebensvorteil bewirkt, sondern der Zusammenhang mit Sonne und dem höheren Vitamin D Spiegel.

Ehgartner: Wie konkret sorgt Vitamin D für ein längeres Leben?

Glossmann: Studien zeigen den Einfluss auf die Skelettgesundheit. Dass ein Spiegel über 75 nmol/l fatale Hüftfrakturen mit hoher Sicherheit verhindern kann.

Ehgartner: Die meisten kennen aber ihren Vitamin-D Spiegel gar nicht.

Glossmann: Deswegen dränge ich gemeinsam mit Kollegen darauf, dass zu einer normalen Gesundenuntersuchung auch die Bestimmung des Vitamin-D Wertes gehören muss. Mehrere Medizinstudenten in Innsbruck haben ihre Werte aus Interesse bestimmen lassen. Das Ergebnis war so dramatisch, dass die Gesundheitspolitik gefordert ist.

Ehgartner: Sitzen die Jungen zu viel vorm Computer?

Glossmann: Ja sicher. Und wenn sie ins Freie –in die Sonne- gehen, so verhüllt man sich, als wären sie Nonnen oder strenggläubige Moslems. Das betrifft weniger die Mädels, die ja noch Haut zeigen. Aber sehen sie sich mal an, wie sich die Jungen nach aktueller Mode kleiden. Viele von denen haben katastophale Knochenwerte, manche können gar keinen Sport mehr machen. Ich habe kürzlich mal Fotos aus meiner Jugend angeschaut: Wir haben von Frühjahr bis Herbst kurze Hosen getragen – sowas finden Sie heute nirgendwo: Alle sind total zugedeckt. Die können nicht mal im Sommer Vitamin D bilden.

Ehgartner: Nehmen Sie selbst Vitamin D-Tropfen?

Glossmann: Ich habe fast die ganze Verwandtschaft testen lassen. Je nach den Werten wird Vitamin D gegeben: Von den Enkeln bis zur fast 90 jährigen Ur -Großmutter. Und wir bleiben schon den dritten oder vierten Winter weitestgehend von grippalen Infekten verschont. Daten aus der Literatur bestätigen diese Erfahrung. Das macht sich aber nur bei dauerhafter Einnahme bemerkbar – über Monate und Jahre. Das ist kein Soforteffekt.
Wir erhalten Vitamin D jedoch auch aus Quellen, von denen wir das gar nicht vermuten. Etwa über das Fleisch von Biorindern, die den ganzen Sommer auf Almen weiden. Hier findet sich die hervorragend resorbierbare Form des Vitamins als Prohormon in großen Mengen. Unsere Biobauern wissen leider noch nicht, dass sie in Wirklichkeit über ihr Rindfleisch ein Top-Prophylaktikum gegen Knochenbrüche produzieren.

Ehgartner: Wie kam es denn eigentlich zu dieser Hysterie in Bezug auf die Sonne?

Glossmann: Das Problem begann damit, als festgestellt wurde, dass vorwiegend hellhäutige oder rothaarige Auswanderer in Australien Probleme von der Sonne bekamen. Und eigenartigerweise wurden Schlussfolgerungen aus diesen Untersuchungen als weltweite Regel ausgegeben. Was kümmert uns Australien? Wenn Sie eine optimale UV-B Exposition haben wollen, dann müssen sie in unseren Breiten speziell in den Mittagsstunden in die Sonne gehen. Da ist das Verhältnis von UV-B zu UV-A optimal. Je tiefer jedoch die Sonne steht, desto schlechter ist das Verhältnis, weil UV-B Strahlen durch die längere Strecke in der Atmosphäre schon vorher absorbiert werden.
Aber natürlich gilt diese Empfehlung zum Sonnenbad immer ohne Sonnenbrände! Vitamin D wird nämlich recht schnell gebildet, lange bevor es zu einer Rötung der Haut kommt.

Ehgartner: Warum engagieren Sie sich nach Ihrer Emeritierung so intensiv für dieses Thema?

Glossmann: Weil Vitamin D definitiv eine enorme gesundheitliche Bedeutung für die Menschen hat. Außerdem stört es mich, dass die Arbeit österreichischer Vitamin D Forscher wie Pilz und Dobnig in Graz oder Peterlik in Wien zwar weltweit Anerkennung finden, aber bis heute keine Konsequenzen in der hiesigen Gesundheitspolitik zu erkennen sind.


Hartmut Glossmann, 70, ist Gründer des Institutes für Biochemische Pharmakologie der medizinischen Universität Innsbruck und langjähriger Institutsvorstand seit 1984. In seinem Institut wurde das Schlüsselenzym, welches die Menge des Vitamin D Vorläufers in der Haut regelt, erstmalig charakterisiert. Hier ist ein ausführlicher Fachartikel zum Thema Vitamin D.
Eine gekürzte Version dieses Interviews erschien diese Woche im österreichischen Nachrichtenmagazin Profil als Teil eines Artikels über "Strahlentherapie" zu Vitamin D.

Kommentare:

  1. Danke. Finde ich sehr interessant, plausibel!

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  2. auch ein gutes Interview mit Prof. Spitz über Vit D:
    http://www.youtube.com/watch?v=ZDcVEbGTZn8

    Manche Ärtzte wie Dr. von Helden aus Deutschland, verschreiben nach einem Beratungsgespräch hochdosiertes Vit. D Dekristol (Rezeptpflichtig).
    Der Herr von Helden hat auch eine Liste mit Ärtzten die über Vit. D Bescheid wissen.
    www.projekt.vitamindelta.de

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  3. Das Problem ist, es wird immer genug dumme Menschen geben, die alles glauben was sie hören, lesen und im Fernsehen sehen. Der Mensch ist wohl größtenteils einfach zu blöd, logisch zu schlußfolgern, realistisch zu interpretieren und man muß sich oft fragen, wieso es eigentlich heißt ...'gesunder MENSCHEN(?)verstand' . Es handelt sich wohl um eine Art "Volkskrankheit", die, in Kombination mit diversen negativen Eigenschaften gewisser "Entscheidungsträger" wie beispielsweise korrupten Geschäften, Geldgier u.ä. in ihren unendlich weitreichenden, negativen Folgen manchen Menschen die Nerven auf Dauer komplett ruinieren können !! Denn alles läuft nur noch nach diesem Schema ab !

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  4. Ich sage einfach mal DANKE für diesen tollen Beitrag!
    Das bestätigt einige lang gehegte Annahmen meinerseits.

    Noch einen weiteren Verdacht habe ich: ich vermute, dass die Sonnenschutzmittel häufig für Hautkrebs mitverantwortlich zu machen sind. A)aufgrund ihrer Schadstoffe und b) aufgrund dessen, dass sie die Haut am Schwitzen hindern und auch sonst eine natürliche Reaktion auf die Sonne blockieren.
    Viele Menschen haben eine Sonnenallergie, die durch eine Sonnencreme in Kombination mit der Sonne erst hervorgerufen wird!

    Ihr Blog ist wirklich Spitzenklasse!

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