Bert Ehgartner live

Freitag, 13. April 2012

Keuchhusten: Impfschutz schwindet rasch

Die Analyse eines Keuchhusten-Ausbruchs in den USA zeigt, dass der Schutz durch die Impfung schneller schwindet, als bisher gedacht. Anstatt Ursachenforschung zu betreiben, fordern Impfexperten nun häufigere Auffrischungen. 



Einige Krankheiten vor denen die Sechsfachimpfung schützt (z.B. Diphtherie, Polio), sind so selten, dass ein Flugzeug-Absturz in den eigenen Vorgarten vergleichsweise wahrscheinlicher ist. Andere Krankheiten (z.B. Hepatitis B) mit bestimmtem Risikoverhalten oder besonders elenden Lebensbedingungen verbunden. Die Infektion mit Keuchhusten-Bakterien ist im Vergleich dazu relativ häufig, spezielle Risikofaktoren sind nicht bekannt. Es kann jeden treffen und speziell für Babys im ersten Lebensjahr ist das mitunter lebensgefährlich.

Nun ist seit langem bekannt, dass die Impfung erst recht langsam den nötigen Immunschutz aufbaut. Erst mit der letzten Teilimpfung, die rund um den ersten Geburtstag gegeben wird, erreicht sie eine Schutzrate von mehr als 90 Prozent.
Wenn die Impfung erst im zweiten Lebensjahr eine gute Wirksamkeit erreicht, so eignet sie sich wenig, Spitalseinweisungen, Komplikationen und Todesfälle während der schwierigsten Zeit - in den ersten zwölf Monaten - zu vermeiden.

Nun zeigte die genaue Analyse eines großen Keuchhusten-Ausbruchs in den USA, dass die Wirkung der Impfung auch deutlich kürzer anhält, als bisher angenommen wurde. In der Altersgruppe von 2 bis 7 Jahren liegt die Schutzrate demnach bei 41%, im Alter von 8 bis 12 Jahren (wo die meisten Fälle auftraten) bei katastrophalen 24% und erst mit den Auffrischungsimpfungen in der Schule steigt die Schutzrate in der Gruppe der 13 bis 18 jährigen wieder auf 78%.

Diese Daten stammen "aus dem Leben" und nicht aus dem relativ künstlichen Umfeld einer von den Herstellern kontrollierten Zulassungs-Studie. Und wenn Impfexperten verlautbaren, dass die Keuchhusten-Impfung generell eine Schutzwirkung von "deutlich über 90 Prozent" habe, so wissen wir nun, dass diese Angabe bestenfalls für die Zeit kurz nach der Impfung gilt.


Konsequenz: "Mehr impfen!"

Die Autoren der US-Studie empfehlen als Konsequenz aus diesen Ergebnissen, den Impfplan zu überprüfen und häufiger gegen Keuchhusten zu impfen. Auch in der EU raten Impfexperten zu zusätzlichen Auffrischungs-Impfungen.
Nun werden in den USA bis zum 18. Lebensjahr aber bereits sechs Keuchhusten-Impfungen empfohlen. In Deutschland und Österreich stehen fünf auf den Impfplänen. Zudem gilt seit kurzem für Erwachsene die Empfehlung, die Impfung alle fünf Jahre aufzufrischen.
Eine Solo-Keuhhusten-Impfung wird derzeit jedoch gar nicht angeboten. Wer die Empfehlung befolgen möchte, muss die Dreierkombi (mit Diphtherie und Tetanus) oder die Viererkombi (inkl. Polio) kaufen. Und da scheuen sogar besonders impffreudige Menschen zurück, weil bei Diphtherie und Tetanus ein zu kurzer Abstand zwischen den Auffrischungen das Risiko unangenehmer Nebenwirkungen erhöht.

Ein interessanter Aspekt ergibt sich durch die Aussage des Leiters der erwähnten US-Studie David Witt in einem Artikel der Agentur Reuters. Dort heißt es:
In early 2010, a spike in cases appeared at Kaiser Permanente in San Rafael, and it was soon determined to be an outbreak of whooping cough -- the largest seen in California in more than 50 years. Witt had expected to see the illnesses center around unvaccinated kids, knowing they are more vulnerable to the disease. "We started dissecting the data. What was very surprising was the majority of cases were in fully vaccinated children. That's what started catching our attention," said Witt.

Besonders überrascht war Witt also, dass die Mehrzahl der Fälle in voll geimpften Kindern aufgetreten sind, und nicht, so wie von ihm erwartet, bei nur unvollständig oder gar nicht geimpften Kindern.
Demnach stellt sich die Frage, ob die vielmalige Impfung der Kinder möglicherweise den Aufbau eines nachhaltigen Immunschutzes vielleicht sogar behindert.


Als die Keuchhusten-Impfung verbannt war

Die meisten Menschen, die mit den Pertussis-Bakterien in Kontakt kommen, scheinen nicht - oder nur sehr leicht zu erkranken. Dies zeigte sich, als von den 70er bis in die 90er Jahre in einigen Ländern - wie etwa Deutschland, Japan, England, Schweden und Russland über einen längeren Zeitraum nicht gegen Keuchhusten geimpft wurde. Grund für die Maßnahme waren heftige öffentliche Diskussionen über gemeldete schwere Nebenwirkungen nach Pertussis-Impfung und der Verdacht, dass die damalige Ganzzell-Impfung vermehrt Gehirnentzündungen auslösen könnte.
Die Industrie reagierte und entwickelte besser verträgliche azelluläre Impfstoffe gegen Keuchhusten. In der Zwischenzeit war die öffentliche Stimmung umgeschlagen. Die Presse schrieb nun nicht mehr über Nebenwirkungen, sondern über Keuchhusten-Ausbrüche.
Und der Reihe nach nahmen fast alle Länder die neue azelluläre Impfung wieder in ihre nationalen Impfpläne auf.

Die impffreie Zeit unterschied sich in den Ländern beträchtlich, betrug beispielsweise in Japan cirka sieben, in (West-) Deutschland sogar 17 Jahre.
In dieser Zeit kam es zwar vermehrt zu Ausbrüchen von Keuchhusten. Dennoch stieg die Inzidenz - laut Robert Koch Institut - aber im schlimmsten Jahr gerade mal auf 0,16 Prozent an (160 Fälle auf 100.000 Einwohner).
In den russischen Statistiken ist während der impffreien Zeit zwar ein größeres Auf und Ab bei den Fällen - im Schnitt aber kaum ein Anstieg zu erkennen. In Japan war der Zenit bei Keuchhusten bei einer Inzidenz von rund 0,01 Prozent erreicht, um danach wieder deutlich abzufallen.
Und obwohl sicherlich zahlreiche Keuchhusten-Fällen von den Ärzten übersehen und nicht gemeldet wurden - die Dunkelziffer also wohl beträchtlich ist - war von einer massenhaften Ausbreitung der Krankheit wenig zu merken.  Wie die Krankheits-Zahlen zeigen, erkrankte nur ein Bruchteil der Menschen an Keuchhusten. Ganz im Gegensatz beispielsweise zu den Windpocken, die ungeimpft fast jedes Kind durchmacht.

Es muss also Schutzfaktoren vor Keuchhusten geben, wenn die Infektion vom Immunsystem der meisten Menschen problemlos abgewehrt wird oder so wenig Symptome verursacht, dass niemand an Keuchhusten denkt.

Mich würde brennend eine gute wissenschaftliche Aufarbeitung jener impffreien Jahre interessieren. Die meisten Publikationen, die mir dazu bekannt sind, widmeten sich lediglich der Zunahme an Keuchhusten-Fällen und forderten mit kaum verhohlener Empörung die Wieder-Einführung der Impfung.
Was aber ist mit den Verdachtsfällen bezüglich der Gehirnentzündungen? - Hat sich das bestätigt?
Wie hat sich die Impfpause sonst ausgewirkt?
Gab es auffällige Gemeinsamkeiten bei jener Minderheit der Kinder und Erwachsenen, die an Keuchhusten erkrankten?
Was könnten hier Schutz- was könnten Risikofaktoren sein?

Und wer ist nun im Lauf des Lebens besser vor Keuchhusten geschützt:
Ungeimpfte Kinder, welche die Infektion unauffällig - mit leichtem Husten - durch gemacht haben, oder geimpfte Kinder, bei denen der Impfschutz nachgelassen hat oder gänzlich verschwunden ist?

Das wären alles interessante Fragen für neugierige Gesundheitswissenschafter.

Status Quo ist allerdings, dass niemand irgend einen Handlungsbedarf sieht, "weil es eh eine Impfung gibt."
Nur ab und zu zeigt eine wissenschaftliche Arbeit, wie trügerisch dieser Schutz ist und wie wenig wir in Wahrheit über diese Krankheit wissen.

Wenn Ihnen dieser Artikel gefallen hat, würden 
wir uns über einen kleinen Beitrag zu unserer Arbeit sehr freuen. 

3 Kommentare:

  1. Hier findet man mehr Infos ueber den Verlauf der Krankeit in der Zeit zwischen 1991 - 1996 in Deutschland(uebrigens, diese Zeit war nie impffrei!). http://pediatrics.aappublications.org/content/100/6/e10.full

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  2. Schwedische Epidemiologen denken offen darüber nach, ob man nicht eine gewisse natürliche Durchseuchung mit Keuchhusten einfach akzeptieren sollte. Dadurch würde die Immunität der Geimpften immer wieder aufgefrischt (»geboostert«), es würden Kosten gespart und Impfnebenwirkungen vermieden (Hallander, H.O., Nilsson, L., Gustafsson, L..: Is adolescent pertussis vaccination preferable to natural booster infections? Expert Rev Clin Pharmacol 2011, 4(6): 705-11).
    Martin Hirte München

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  3. Hier gibt es eine Studie dazu, dass der am weitesten verbreitete Keuchhustenbakterienstamm offenbar inzwischen gegen die Impfung immun sind: http://cvi.asm.org/content/early/2013/11/15/CVI.00717-13.abstract

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