Bert Ehgartner live

Montag, 28. März 2011

Schweinegrippe: Experten als Lobbyisten der Industrie

Die Schweinegrippe war im Jahr 2009 eines der bestimmenden medialen Themen (als Wort des Jahres landete die „Schweinegrippe“ auf den dritten Platz). Bis heute werden allerdings wiederholt Vorwürfe laut, die ausgedehnte Berichterstattung sei Ergebnis von Lobbying-Prozessen der Pharmaindustrie.
Eine Studie, die nun in der Fachzeitschrift Publizistik(VS-Verlag) unter dem Titel „Öffentliches und Geheimes“ erschien, resümiert, dass zwar keine Beweise, wohl aber Indizien für Lobbying-Aktivitäten ausgemacht wurden. Schießt die Pharmabranche bei ihrer Aufklärungsarbeit beizeiten tatsächlich über das Ziel hinaus?

Die Impfstoff-Branche hat nach der Vogelgrippe eine Menge Geld in neue Techniken zur Herstellung eines Pandemie-Impfstoffes investiert und wollte diese möglichst rasch kommerziell verwerten. Die Ausrufung der Pandemie entsprach diesem Wunsch und überraschend war eigentlich nur, wie rasch dieser erfüllt wurde.
Den Medien die Schuld an der Schweinegrippe-Hysterie zuzuschieben, halte ich für verfehlt. Es ist nunmal die Aufgabe der Journalisten, zu Pressekonferenzen zu fahren und den Experten dort Mikrophone unter die Nase zu halten. Das ist ihr Beruf.
Wirklich erstaunlich war hingegen das Verhalten der Influenza Masterminds. Als hätten sie einen gemeinsamen Text auswendig gelernt, handelte jedes öffentliche Statement von der nahenden Weltkatastrophe, die einzig mit Impfstoffen, sowie einem prall gefüllten Tamiflu-Lager zu überstehen sei.
Diese Warnung hatte wenig rationale Basis. Sowohl in Mexiko als auch später während der Influenza-Saison auf der Südhalbkugel löste das H1N1 Virus eine vergleichsweise milde Grippe aus. Das war frühzeitig bekannt.
Dennoch genügte das Codewort Pandemie, um weltweit eine ganze Armee von Universitätsprofessoren und Behördenvertretern in Lobbyisten zu verwandeln, die fortan versuchten die Politiker ihrer Länder zu möglichst umfassenden und möglichst teuren Präventions-Maßnahmen zu erpressen.
Die Analyse der großen Influenza-Pandemie von 2009/10 zeigt vor allem eines: Dass wir eine neue Generation von Experten brauchen. Experten, die ihre Berufung nicht als Handlangerdienst für die Industrie verstehen, sondern als verantwortungsvolle Beratung der Gesellschaft.

Dieser Beitrag erschien in der aktuellen Ausgabe des Ärztemagazin, wo ich auf Einladung des Chefredakteurs Raoul Mazhar seit kurzem mit dem Generalsekretär des Verbandes der Pharmazeutischen Industrie (PharmigJan Oliver Huber in der Rubrik "Stich auf Stich" argumentativ die Klingen kreuze. Die Themen gibt jeweils das Ärztemagazin vor.

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